Ein umfassenderer Begriff von Kriminalliteratur
Manuel Bauer: Kriminalliteratur. Geburt und Geschichte eines Genres. Schwabe Verlag, Basel 2025. Klappenbroschur. Band 1: Von Ödipus bis Sherlock Holmes, 270 Seiten, 24 Euro. Band 2: Vom Golden Age bis True Crime, 344 Seiten, 28 Euro. – Verlagsinformationen hier und hier.
** **
„Genres sind da in der Tat subversiv, sie verweigern sich konsistenter Theoriebildung.“ Dass Thomas Wörtche dieses fröhliche Verdikt in einer seiner Kolumnen für die „Polar Gazette“[1] formulierte, ist mehr als ein Jahrzehnt her. Und, schaut man sich in der Krimi-Szene um, noch immer gültig. Was natürlich nicht bedeutet, dass es nicht immer wieder versucht würde. Schließlich eignen sich sperrige Objekte ganz besonders zur literaturwissenschaftlichen Herausforderung. Manuel Bauer, Germanist an der Uni Marburg, weiß das und nimmt sich gleich zu Beginn seiner zweibändigen Studie „Kriminalliteratur. Geburt und Geschichte eines Genres“ der Definitionsprobleme an, die eine solche Arbeit mit sich bringt.
Ist der Detektivroman ein Subgenre der Kriminalliteratur, die man grundlegend von der höherwertigen „Verbrechensdichtung“ unterscheiden sollte, wie 1966 der Schweizer Anglist Richard Gerber behauptete, oder hatte der Literaturwissenschaftler Richard Alewyn recht, der die beiden Genres inhaltlich und erzähltechnisch voneinander abgrenzte?[2] Bauer referiert diese und noch weitere Positionen, um anschließend seiner Theoriebildung einen „umfassenderen Begriff von Kriminalliteratur“ zugrundezulegen, unterhalb dessen „gleichwohl unterschiedliche Modelle und Subgenres unterschieden werden“ müssten.
Dass seine Definition dennoch nicht unstrittig sein dürfte, zeigt sich spätestens, wenn er in einem Exkurs zu „Begriff und Theorie des Thrillers“ vor allem auf terminologische Probleme aufmerksam macht und der Einfachheit halber gleich alle Spannungsromane, für deren Handlung Kriminalität keine konstitutive Rolle spielt, als Untersuchungsgegenstand ausschließt. Stattdessen geht es, vor allem im ersten Band, auch um literarische Texte, die in der Regel nicht als Kriminalliteratur rezipiert werden, dafür aber zum tradierten Kanon gehören, vom Alten Testament (Kain und Abel) über griechische Tragödien bis zu Shakespeares Königsdramen. Dass er damit „Grundmodelle der Kriminalliteratur“ analysiere, deren Geschichte selbst „passionierte[n] Krimi-Fans“ unbekannt sei, klingt ein bisschen großspurig.
Das bedeutet allerdings nicht, dass man seinen Ausführungen zu diesen oft interpretierten literarischen Texten nicht mit Gewinn folgen würde. Bauers kriminologisch inspirierte Klassiker-Lektüren sind anregend und einleuchtend. Und sie geben die Methode für die Auseinandersetzung mit populärer Kriminalliteratur vor. Schließlich geht es dem Autor um „übergreifende Muster und Theorieimplikationen“, nicht um literarische Wertung. Dass sein Textkorpus mit Autorinnen und Autoren wie Dorothy Sayers, Dashiell Hammett, Georges Simenon, John LeCarré und Patricia Highsmith die üblichen Verdächtigen umfasst, also auch hier einen Kanon abbildet, lässt sich wahrscheinlich nicht verhindern. Und ist auch nicht unbedingt als Manko zu sehen, dürfte die Auswahl doch die Lektüreerfahrung vieler potenzieller Leserinnen und Leser widerspiegeln.
Problematisch an Bauers strukturorientiertem Ansatz scheint eher, dass er sich vor allem auf Plot, Motive und Figurenkonstellation konzentriert, während sprachliche und erzähltechnische Details der Textgestaltung vernachlässigt werden. Auch dass ganze Sub-Genres wie der eminent wichtige Politthriller unter den Tisch fallen, ist bedauerlich. Dafür gibt es immerhin ein ganzes Kapitel zu „True Crime“.
Doch das sind zu vernachlässigende Einwände. Schon Anfang der 1950er Jahre stellte der Anglist Fritz Wölcken gleich im ersten Satz seiner Habilitationsschrift „Der literarische Mord“[3] fest: „Die Literatur, die den Gegenstand dieser Untersuchung bildet, ist so umfangreich, dass sie vollständig kaum mehr dargestellt werden kann.“ Und das gilt heute umso mehr. Deshalb sei Manuel Bauers respektables Unternehmen, eine Geschichte des Genres zu verfassen, die ihre Grenzen produktiv nutzt, allen ernsthaft an Kriminalliteratur Interessierten zur anregenden Lektüre empfohlen.
Joachim Feldmann
[1] Thomas Wörtche: Penser Polar. Die Krimikolumnen der Polar Gazette. Hamburg 2015. S. 24.
[2] Die entsprechenden Aufsätze finden sich in Jochen Vogt (Hrsg.): Der Kriminalroman. Poetik – Theorie – Geschichte. München 1998. Ausführlich zur Forschungslage außerdem Thomas Wörtche: Crime Fiction und das literarische Feld in Deutschland. Teil 1 und Teil 2.
[3]Fritz Wölcken: Der literarische Mord. Eine Untersuchung über englische und amerikanische Detektivliteratur. Nürnberg 1953. (Digitale Neuauflage 2015 bei CulturBooks) – Siehe dazu auch: Thomas Wörtche: Wie viel weiter man im Nachdenken schon gewesen ist, CrimeMag März 2017.
















