Geschrieben am 1. Juni 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2024

Joachim Feldmann zu den Romanen von Adam LeBor

Polizeiroman, Polit-Thriller und Melodram zugleich

Budapest im September 2015. Hunderte von Flüchtlingen auf dem Weg nach Westen stecken in der ungarischen Hauptstadt fest. Wer noch über genügend Geld verfügt, kann sich professionelle Schleuser leisten. Und einige wenige Privilegierte gelangen sogar an echte Pässe, die ihnen die Ausreise mit dem Flugzeug ermöglichen. Dumm nur, wenn das Betrugsmanöver nach der Landung in London Heathrow auffliegt. Dann haben nämlich auch die verantwortlichen Regierungsstellen ein Problem. In diesem Fall sogar der Ministerpräsident.

In seinem Politthriller „District VIII“ zeichnete Adam LeBor, lange als Korrespondent in Budapest tätig, das Bild einer durch und durch korrupten Herrschaftskaste, die vor allem das eigene Wohlergehen im Sinn hat und die sich nur im Auftreten von Aktivisten des organisierten Verbrechens unterscheidet. Nun liegt mit „Zwischen den Korridoren“ der zweite Band (von insgesamt dreien) seiner „Danube-Reihe“ um den aufrechten Gesetzeshüter Balthazar Kovács vor, dessen Handlung unmittelbar an den Vorgängerroman anschließt.

Noch immer tobt der Kampf um die politische Macht, und er wird mit harten Bandagen geführt. Die Kontrahenten, Réka Bárdossy und Pál Pálkovics, waren einst Verbündete, sogar ein Liebespaar. Beide gehören zur Sozialistischen Partei, wie sich die einst alleinherrschenden Kommunisten seit dem „Systemwechsel“ im Herbst 1989 nennen. Aber das Etikett ist gleichgültig, es geht um Macht, Einfluss und Geld. Bis vor kurzem war Pálkovics Ministerpräsident, doch der oben geschilderte Skandal hat ihn sein Amt gekostet. Nun sitzt Réka Bárdossy auf seinem Platz. Aber der geschasste Politiker plant schon sein Comeback. Dabei setzt er auf die paramilitärisch organisierte Gendarmerie, eine hemmungslose Schlägertruppe. Die Lage eskaliert und Balthazar Kovács steckt mittendrin. Denn der rätselhafte Tod eines arabischen Geschäftsmanns in einem Nobelbordell will aufgeklärt werden. Dass der Ermittler aus einer Roma-Familie stammt, deren Verhältnis zur Staatsgewalt traditionell problematisch ist, macht die Situation nicht einfacher. So ist der Besitzer des Etablissements, in dem der Herr aus Katar seinen letzten Atemzug tat, ausgerechnet Kovács‘ Bruder Gáspár, dessen geschäftliche Aktivitäten sich nicht auf das Rotlichtmilieu beschränken.

Natürlich wissen wir, dass 2015 nicht die Sozialisten in Budapest regierten, sondern die Fidesz-Partei unter Viktor Orbán. Dass Adam LeBor, ein ausgezeichneter Kenner ungarischer Verhältnisse, hier kräftig fiktionalisiert, während er ansonsten ein akkurates Porträt der politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse gestaltet, ist dem spannungsliterarischen Genre geschuldet. Denn „Zwischen den Korridoren“ ist Polizeiroman, Polit-Thriller und Melodram zugleich. Mit einem auktorialen Erzähler, der das Geschehen nicht nur wiedergibt, sondern auch einordnet und erläutert. Adam LeBor meistert diese narrative Herausforderung mit großem Geschickt, auch wenn gelegentliche Redundanzen offenbar unvermeidbar sind. Und verglichen mit einem ästhetisch radikalen ‚Staats-Noir‘ wie Lavie Tidhors Roman „Maror“, der die Geschichte Israels als Gangsterepos erzählt, wirkt der aufklärerische Gestus, mit dem hier aus dem Innern des Wals berichtet wird, beinahe versöhnlich.

Joachim Feldmann

Adam LeBor: District VIII (District VIII, 2018). Aus dem Englischen von Jürgen Bürger. Polar Verlag, Stuttgart 2023. 396 Seiten, 26 Euro.

Adam LeBor: Zwischen den Korridoren (Kossuth Square, 2019). Aus dem Englischen von Jürgen Bürger. Polar Verlag, Stuttgart 2023. 464 Seiten, 26 Euro.

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