Geschrieben am 1. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024

Hazel Rosenstrauch: Nele Pollatschek »Kleine Probleme«

Witz, Rhythmus und Verstand

Der traurige Held dieses klugen Buchs wandelt nicht auf Becketts Spuren, der vorschlug “Fail again. Fail better”, er scheitert tragisch und kunstvoll, optimistisch und selbstkritisch und schafft es vielleicht doch noch, seine guten Vorsätze zu verwirklichen. Die Protokollantin seiner Bemühungen lässt das traurige Bübchen von knapp fünfzig Jahren voller Sprachwitz über die knapp 200 Seiten fliegen. Es mag Zufall sein, dass ich schon in mehreren Neuerscheinungen über verzagende Männer und lebenstüchtige Frauen gestolpert bin, eines habe ich kürzlich in die Ecke gepfeffert. Aber diese Autorin langweilt nicht mit Wut und Klagen. Zwar ergießt sich der Spott auch hier über einen weißen heterosexuellen Mann, Nele Pollatschek aber macht sich primär über den Zeitgeist lustig, spießt Denk- und Identitätsmoden anhand schwer wiegender Probleme wie Aufräumen, Geschenke packen oder Steuererklärung machen auf. 

Es gibt eine Story, aber die scheint mir weniger wichtig als die Lust an den Sprachspielen und Wortsalti (oder -saltos). Jan will oder soll die Wohnung aufräumen, ein IKEA – hier Korea-Bett aufbauen, die Regenrinne säubern, um zu beweisen, dass er sich geändert hat. Vor allem will er endlich – wie schon seit vielen vielen Jahren, sein “Lebenswerk” schreiben und, wie ebenfalls seit vielen Jahren beschlossen, mit dem Rauchen aufhören. Und so seine Frau zurückgewinnen. Anspielungen und Sprachkritik sprudeln, sind oft tiefsinnig und auch melodisch. Zum Bettaufbau braucht es Nietzen, Wüs, Knülpe und Schlitzlinge, zum inneren Dialog gehört böser Spott: “Nazis hassen ist ja auch nur kulturelle Aneignung bei den Juden” und zum Aufräumen die Einsicht: “Es reicht nicht, den Hausrat zu interpretieren, man muss ihn auch verändern. Man muss den Wischer vom Stiel auf den Mopp stellen.“ Er taucht den Lappen in den Eimer, stolpert, verletzt sich und macht mehr Dreck als Ordnung, aber “ein Problem hat man doch nur, wenn man hinschaut”

Die Kapitel bewegen sich zwischen Satire und Stilübungen, schrammen knapp oder gar nicht an politisch korrekten Vorgaben vorbei. Ich bezweifle, dass je eine Szene vom Verlassenwerden so hübsch erzählt worden ist wie hier. Johanna hat ihn “im Stich gelassen, sie hat mich tatsächlich mit mir im Stich gelassen. Sowas macht man doch nicht mit jemandem, den man liebt, den lässt man nicht mit jemandem wie mir allein.” Das verlassene Möchtegerngenie sinniert über sein um die Partnerin erweitertes und nun amputiertes Gehirn, und beschreibt die weggedrückte Trauer als Teil der neuronalen Biomasse. In seine Selbstgespräche mischen sich die Kinder Lina und Yannis und vor allem Johanna, die nach Lissabon ausgerückt ist.

Pollatscheks Wortwitz ist meist doppelbödig, gemischt mit klugen, auch weisen Beobachtungen. “Johanna sagte, du solltest echt mal lernen, Ordnung zu halten, und ich sagte, dass ich nicht mal im Ansatz wüsste,was das bedeuten solle, Ordnung halten, einen schweren Stapel Bücher könne man halten, einen Hund oder meinetwegen ein Fahrzeug, besser den Mund, aber Ordnung, die rinnt einem doch sofort durch die Finger.”  

Der Kulturbetrieb, das Verhältnis zum Vater, die Liebe und die hohe Meinung von sich sind Anlass für Nebenbemerkungen über so schwierige Themen wie Melancholie oder den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, und immer auch fundierte Kulturkritik. Brillant ist die Verfertigung eines Nudelsalats aus Sojamilch und Karotten, er fühlt sich zwar als “Einstein der Sternegastronomie”, hat aber vergessen, die Utensilien zu besorgen. Zu Silvester soll er fertig sein und will – mit Nudelsalat, Häkchen auf der To-do-Liste und Wunderkerzen statt des leider im Keller verrotteten Feuerwerks – vor seiner Johanna auf die Knie sinken. 

“Ich werde nicht aufgeben, ich werde mich vor mir nicht geschlagen geben.” Mit all der Freude an Slapsticks, geistreichen Ausreden und Einfällen, Selbstlob, Phantastereien und Kulturkritik bleibt die Geschichte spannend – die Leserin muss bis Seite 197 warten, ob die entschwundene Liebste ihn verzeihend in die Arme schließen wird. 

Das Buch ist 2023 erschienen, in meinem Exemplar steht “7. Auflage”!

Nele Pollatschek: Kleine Probleme. Galiani Berlin, Berlin 2023. 208 Seiten, 23 Euro.

  • Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs.  Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de

Ihre Texte bei CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Aus jüngerer Zeit: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier.

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