Und wenn sie nicht gestorben sind…
»Grimschrat«, das Märchen-Projekt von Henrik Schrat und dem Textem Verlag, jetzt abgeschlossen – und für uns von Alf Mayer besprochen
Was für ein Projekt. Fünf Jahre, fünf Bände. Grimms Märchen, ins 21. Jahrhundert geholt. Eher: In die Gegenwart katapultiert. Dies mit komplett neuer Bildwelt. »Rodung Kreuzung Lichtung« steht programmatisch als Dachzeile & gemeinsamer Nenner über den Bänden der nun glücklich abgeschlossenen Ausgabe (auch als Kassette erhältlich). Eine Herkulesarbeit, erkennbar von Buchliebhabern und Ästheten gestaltet und gestemmt. In den Hauptrollen: der Grafik-Künstler Henrik Schrat & Gäste, der Gestalter Christoph Steinegger und der Hamburger Independent-Verlag Textem. »Kaum zu glauben«, wunderte sich Schrat 2019, »die durchgehende Bebilderung aller Märchen ist eine Premiere nach 200 Jahren Illustrationsgeschichte.«
Auch die Texte sind neu sortiert.
Band 1: Schneefall – Himmel & Hölle (Nachwort von Nora Gomringer)
Band 2: Dornenrose – Liebe & Reise (Nachwort von Susanne Altmann)
Band 3: Lumpengesindel – Tiere & Menschen (Nachwort von Michael Glasmeier)
Band 4: Blaubart – Blut & Dinge (Nachwort von Mona Körte)
Band 5: Gretel – Zauber & Zukunft (Vor- und Nachwort von Felicitas Hoppe)
Und als Sonderband: Das kluge Gretel
Verlagsinformationen zum Inhalt der Bände je bei den Links.
Bei Interesse an einem Schuber mit allen 5 Bänden für 170 Euro bitte eine Mail an: versand(AT)textem.de
Seit 2019 stellte Schrat sich der in der Tat riesenhaften Aufgabe, in fünf Bänden und in fünf aufeinanderfolgenden Jahren alle 240 Grimmschen Märchen neu zu sortieren und –wichtiger noch – neu und durchgehend zu bebildern. »Eine solche Zusammenstellung hat es in der Editionsgeschichte der Grimmschen Märchen noch nicht gegeben“, attestierte beglückt der Nestor und Doyen der deutschen Volkskunde und Märchenforschung, Prof. Dr. Heinz Rölleke, der den Beginn der Edition noch erlebte und für Band 3 eine Vorbemerkung beisteuerte. Von ihm stammt das Diktum: »Die Märchen sind weder deutsch noch Volk.« Henrik Schrats Motiv war: die deutschen Märchen auf keinen Fall dem rechten Rand zu überlassen. »Mir liegt etwas daran, dass man diesen Erzählraum nicht nur den Heimatvereinen oder der Kommerzialisierung durch Disney überantwortet«, sagt er.
Wussten Sie, dass die Grimmschen Märchen einst unter Generalverdacht standen? Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Stimmen, die einen Zusammenhang zwischen den grausamen Szenen in einzelnen Grimm-Märchen und den Gräueltaten der Nazis sahen. Ein Autor namens Karl Privat zum Beispiel nannte sie im Berliner Tagesspiegel vom 7. Februar 1947 »Die Vorschule der Grausamkeit«. Carl Zuckmayer konterte mit »Die Brüder Grimm. Ein deutscher Beitrag zur Humanität« (Suhrkamp, Frankfurt am Main 1948).
Im September 1946 ging den Berliner Schulämtern eine Denkschrift der Britischen Militärregierung zu (»Das deutsche Märchen als eine Ursache der Entartung der deutschen Jugend«), in der man auf eine deutliche Reduzierung von deutschen Märchen, Sagen und Legenden als Unterrichtsstoff insistierte. In einem Leserbrief in der Leipziger Volkszeitung vom 5. Februar 1947 wurde unter der Überschrift »Die grausamen Märchen« ausgeführt: »Bei der Durchsicht der Grimmschen Märchen ergibt sich, dass sie neben allem Schönen, Zauberhaften und Wundersamen ungeheuerliche Grausamkeiten enthalten … Auf den 868 Seiten des ersten Bandes – die Durchsicht der weiteren Bände sei stärkeren Naturen überlassen – gibt es etwa fünfzig gewaltsam Umgebrachte … Bei der Sichtung unserer Literatur, bei der Fahndung nach allem, was Schuld trägt an der Katastrophe, ihren Ursachen und Folgen, sollte man auch einmal die Märchen mit durch das große Sieb rütteln, damit alle die Grausamkeiten herausfallen …«
Der britische Major T. J. Leonard vom Intelligence Corps prüfte 1947 die Schulbücher des Deutschen Reichs und kam in seiner Schrift »First steps in cruelty« zum Schluss, die Grimmschen Märchen hätten bei den deutschen Kindern eine unbewusste Neigung zur Grausamkeit erzeugt. Leonard sah durch die Märchen einen »morbiden Zug im Unbewussten entstehen … im Unbewussten sei die Jugend an alle Spielarten der Grausamkeiten und Perversitäten gewöhnt worden«. Nur so hätte »diese hoch gebildete christliche Nation buchstäblich Hunderttausende von Männern und sogar Frauen hervorbringen können, die jederzeit bereit sind, sich wie Frankenstein-Monster aufzuführen und die Rolle des Henkers ohne die geringsten Gewissensbisse zu übernehmen«.
In der amerikanischen Besatzungszone wurden – die Quellenlage dafür ist nicht ganz klar – die »Kinder- und Hausmärchen« aus Schulen und Bibliotheken aussortiert. In der britischen Besatzungszone wurde eine Zeitlang keine Lizenz für den Nachdruck erteilt. Bis in die 1970er beherrschte in Bundesrepublik eine märchenkritische Stimmung den Diskurs. In der DDR wurden sie in die sozialistische Pflicht genommen, es gab insgesamt 31, teils sehr aufwendige DEFA-Märchenverfilmungen.
Den 68ern aber waren (und sind?) die Märchen nie geheuer. Noch 1978 argumentierte der US-Historiker Louis Snyder, der in Deutschland studiert und als einer der Ersten Hitlers Aufstieg vorhergesehen hatte, in einem seiner Alterswerke mit dem Titel »Roots of German Nationalism« (Indiana University Press), dass die Gebrüder Grimm dazu beigetragen hatten, bestimmte schädliche Charaktereigenschaften wie Disziplin, Gehorsam, Autoritarismus, Verherrlichung von Gewalt und Nationalismus zu formen, die dann Teil des deutschen Charakters wurden. (Eine ausführliche Darstellung des Märchenstreits in den Nachkriegsjahren bei Kristin Wardetzky: Märchen, In: Steinlein, Strobel, Kramer: Handbuch der Kinder- und Jugendliteratur. SBZ/DDR. Von 1945 bis 1990. Stuttgart / Weimar 2006.)
Nicht umsonst jedenfalls kam es 1976 zu Bruno Bettelheims Plädoyer »Kinder brauchen Märchen« (1976), in dem er aus psychoanalytischer Sicht die für Kinder tröstliche und bestärkende Wirkung der Grimmschen Märchen herausarbeitete. Ich verlängerte das Argument einmal in einem meiner frühen Texte zur Kriminalliteratur, damals zu einigem Befremden: »Kinder brauchen Märchen – und Erwachsene einen Mord« (ca. 1988).
»Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm« lautet der Titel zu allen zwischen 1812 und 1858 erschienenen 17 Auflagen eines damals schlicht aufgemachten Buches, dem, so Grimm-Forscher Röllecke, »nicht an der Wiege gesungen war, dass es zum berühmtesten, bekanntesten, meistgedruckten und meistübersetzten deutschsprachigen Best- und Longseller aller Zeiten werden sollte«. Heute ist das Werk in über 160 Sprachen übersetzt. Wegen der weltweiten Wirkung und weil damit aus den traditionellen Märchenüberlieferungen mehrerer Kulturen eine neue Tradition entstand, wurden Grimms Märchen im Jahr 2005 in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen.In der Forschungsliteratur wird die Sammlung gerne als KHM abgekürzt. Nennen wir die Neuausgabe also RKL, für »Rodung Kreuzung Lichtung«.
Hier zu roden und Bilder zu finden, die heutig und uns vertraut sind, trotzdem aber die Romantik und Wucht der alten Texte respektieren, das war die Herausforderung für Henrik Schrat. »Grimms Märchen« gehören zu den meistbebilderten Texten der deutschen Literatur, große Künstler wie Ludwig Richter, Otto Ubbelohde, Max Slevogt, Walt Disney oder Werner Klemke und viele mehr haben hier den Stift geführt. Messlatte für Henrik Schrat in mehrfacher Hinsicht war vor allem Werner Klemke, dem der erste RKL-Band in Verehrung gewidmet ist.
Klemke hat eine 1963 in der DDR erschiene grimmsche Märchen-Ausgabe illustriert und typografisch gestaltet, die immer noch im Druck ist und heute in der 35. Auflage vorliegt. Für Schrat war sie Kindheitslektüre, sein persönlicher Schlüssel zu den Gebrüdern Grimm. Ohne Klemke keine Neuausgabe. Schrat dazu: »Die Sorgfalt, mit der er das Verhältnis von Bild zu Text aufbaut und einen dritten Bedeutungsraum zwischen diesen Aussagequalitäten erarbeitet, beeindruckt mich tief. Das ist große Kunst. Von kleinen visuellen Einheiten – Bildworte – über etwas größere, als Wortgruppen lesbare Illustrationen bis hin zu komplexen Bilderzählungen webt er ein dichtes Netz aus Bild und Text, das stilistisch in der Zeit der 60er geboren ist, aber darüber hinausweist.«
Eine gewaltige Rezeptionsgeschichte als Hintergrund
Die Geschichte der Märchenillustrationen transportiert stets die Kulturgeschichte der letzten 200 Jahre mit, es orgelt hier eine gewaltige Rezeptionsgeschichte: Biedermeier, Traulichkeit, Vermittlung christlicher Moral, Klassizismus, Expressionismus, ein wenig Jugendstil, nationalistische Tendenzen, in der Moderne dann Anti-Romantik, Popkultur, psychoanalytische Interpretation, Adaptionen in die Fantasy. All das spiegelt an den immer gleichen Texten die je aktuelle Position. Band 4, »Blaubart, Blut & Dinge«, ist Alfred Kubin gewidmet, ein Echo von Hanns Heinz Ewers scheint in manchen Bildwelten durch. Band 3, »Lumpengesindel – Tiere & Menschen« ist der Künstlerin Unica Zürn gewidmet. So rodet die neue Grimm-Ausgabe gar manche Lichtung und führt zu manch sinnstiftender Kreuzung … um den Dachtitel der Ausgabe zu referieren.
Die Bildwelten von Graphic Novel, Popkultur und Comic sind für Henrik Schrat keine heimlichen Lieben, sondern offen zelebrierte Leidenschaft. In Bildern zwischen Realität, Magie und Fantasy illustriert er die Märchen neu. Es entfaltet sich eine aktuelle, heutige Motivwelt – Prinzessinnen tragen Turnschuhe, Helden fahren Bike, der Fischer und seine Frau ankern vor der Hamburger Elbphilharmonie, der Teufel sitzt in Berlin auf dem Bahnhof Friedrichstraße und ein Engel steht auf einem Hochhaus.
All dies gelingt auch dank des kongenialen Buchgestalters Christoph Steinegger, seit 2006 Mitherausgeber des im Textem Verlag erscheinenden Kulturmagazins »Kultur & Gespenster« sowie Gestalter unglaublich vieler Ausstellungskataloge und Künstlerbücher. Sein Graphic Design Studio heißt Interkool. Mit ihm zusammen gelingt eine immer wieder überraschende, abwechslungsreiche Verzahnung von Text und Bild. Gäste treten auf, steuern Illustrationen bei.
Man darf bei den fünf Bänden von einer Inszenierung sprechen, die fast alle Möglichkeiten der alten Bilderbögen und Comics aufnimmt: großformatige Einzelbilder, Vignetten, Bildfelder, Bildsequenzen, bebilderte Textränder, Text-Bild-integrationen, Bildunterbrechungen im Textfluss, das ganze Potenzial des Illustrativen. Manche von Schrats Zeichnungen erinnern an Filmstills oder populäre Bilderzählungen, andere an Stundenbücher und illustrierte Handschriften des Mittelalters.
Am Anfang seiner Reise, in einem der ersten Blog-Einträge, mit denen Henrik Schart das Projekt begleitete und für Diskussion und Beteiligung öffnete, bekannte er, dass er sich »mit etwas weichen Knien, aber auf einen Pinsel gestützt« nun dem Projekt stelle. »Es ist ein chinesischer Pinsel – ein Detail, das ich mag. Seit ich in China in die Arbeit mit diesen weichen und präzise modulierbaren Pinseln eingeführt wurde, sind sie mein Lieblingswerkzeug. Sämtliche Zeichnungen in diesem Band sind in Tusche und mit chinesischem Pinsel gearbeitet, Format A3. Bei den großen Initialen der Märchen kommt eine Zeichenfeder dazu. Digitale Bearbeitung gab es nur in wenigen Fällen.«

Der 1968 in Greiz in Vogtland geborene Schrat studierte Malerei und Bühnenbild in Dresden. Begründung: »Weil ich mehrteilige Erzählungen bevorzuge.« Sein Begrüßungsgeld nach dem Mauerfall setzte er im Berliner Comic-Laden »Grober Unfug« um, promovierte 2011 an der University of Essex über Comics und visuelle Kommunikation. Seit 1995 realisiert er international Ausstellungen und Projekte, arbeitet dabei mit einem großen Register visuellen Erzählens. Gerne greift er auf populäre Geschichten als Metaphern zurück, von Märchen bis zum Raumschiff Enterprise. So entstehen komplexe und mehrbödige Bilderzählungen. Öfter schon war ihm die Romantik Schaltmoment oder Bezugsrahmen.
Neben Illustrationen und Graphic Novels sind großformatige Wandbilder und ortsbezogene Arbeiten Schwerpunkte seines Werkes. Wandbilder sind bei ihm oft als Silhouetten ausgeführt und zitieren damit eine historisierende Form, die zeitgenössisch aufgeladen wird. Gleiches gilt für die Aktualisierung historischer Handwerkstechniken, zum Beispiel Holzintarsien oder traditionelle asiatische Tuschmalerei. Beispiele seiner Arbeit waren im Forum Ludwig, in Eat the Food (MOCCA, Toronto), im Golden Eagle Art Center von Nanjing, China, oder im Künstlerhaus Bethanien in Berlin zu sehen. Für das Wandbild »Milch und Honig« im Casino des Deutschen Bundestages setzte er das Märchen vom Schlaraffenland in Szene.
Das Grimmschrat-Projekt war von Anfang an als partizipative Kunst geplant, Beteiligung und offene Rezeption ausdrücklich erwünscht. Crowdfunding mit Einmisch- und Mitmacheffekt sozusagen. Es gab spezielle Abonnements, durch die eine nähere Teilhabe an der Entstehung der Bücher möglich war und es gab – als Finanzierungsmittel gedacht – gar die Möglichkeit, Cameo-Auftritte zu buchen.

Privatpersonen oder auch Unternehmen war es möglich, sich gegen ein Entgelt bildnerische Inszenierungen in der Schrat’schen Märchenausgabe zu verschaffen. Fast noch wichtiger aber war die Teilhabe am Kommunikations- und Gestaltungsprozess – per Blog mit Kommentarfunktion, Newsletter und sozialen Medien, vor allem via Instagram. Schrat postete dafür immer wieder Skizzen, diskutierte Gestaltungsfragen, postete Videos und Fotos. Irgendwann wird diese Beteiligungsform vielleicht einmal dargestellt.
Und eines muss noch anerkennend betont werden: In die Texte wurde nicht eingegriffen, auch wenn manche Stellen nach heutigen Vorstellungen nicht akzeptabel sind (etwa rassistische, sexistische und antisemitische Passagen). Der Neuveröffentlichung zugrunde liegt eine behutsam auf heutige Lesbarkeit aktualisierte Version, die im Wesentlichen auf die Ausgabe von 1857 zurückgeht, oder auf die letzte jeweilige Ausgabe, in der das Märchen enthalten war.

So ergibt sich im Verbund mit Gestaltung und Illustration ein neuer, jedem einzelnen Märchen seine eigene Aufmerksamkeit und Wahrnehmung stiftender Rahmen. Die emotionalen, ästhetische Räume eröffnenden Illustrationen und die angenehm klare und »sachliche« Brotschrift der Grimmschrat-Ausgabe lassen die Grimmschen Märchen tatsächlich wie mit neuen Augen sehen. Und ganz modern.
Im Alchimisten-Bräu der Buchgestaltung ist das auch mit der Typografie zu verdanken. Es ist eine Gill. Eine serifenlose Schrift der klassischen Moderne, in den späten 1920er Jahren entwickelt, 1978 auch für die Verkehrsschilder der DDR eingeführt. Sie ist elegant, eigenwillig und hat mit ihren geometrischen Formen einen Touch von Bauhaus. – Grimms Märchen haben ein neues Zuhause.
Alf Mayer
Henrik Schrat, launige Projekteinführung:










































