Geschrieben am 1. Juli 2025 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2025

»Glamour« & »Schönheit«, zwei Bücher, 20.000 Spiegel

Ute Cohen mit »Glamour« und das Konkursbuch 60 mit »Schönheit« – zwei Mal mehr als nur ästhetische Debatte

Ute Cohen: Glamour. Über das Wagnis, sich kunstvoll zu inszenieren. zu Klampen Verlag, Springe 2025. Hardcover 182 Seiten, 22 Euro.

Sigrun Casper & Sophie Voigtmann: Konkursbuch 60, Schönheit. Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, Tübingen 2025. Format A 5, Klappenbroschur, 350 Seiten, viele Bilder, 18 Euro. – Verlagsinformationen und Direktbestellung hier.

Manchmal wird mein Schreibtisch zum Magnetfeld, zieht Bücher an, die anscheinend zusammengehören, sich abstoßen oder neu zuordnen. »Glamour« von Ute Cohen reagiert bei mir ganz deutlich auf »Schönheit«, das Konkursbuch Nr. 60. Beide Bücher und beide Begriffe sind je ganz eigen, haben aber miteinander zu tun. Oder auch nicht. Dem lohnt sich nachzugehen.

Natürlich beginnt Ute Cohens Einstieg in ihr Thema mit einem Filmstar. »Glamour«, so der Untertitel ihres Essaybands, bedeutet schließlich nichts anderes als »Das Wagnis, sich kunstvoll zu inszenieren«. Wir folgen also Ava Gardner. »She can’t act. She can’t talk. She’s terrific. Sign her«, schrieb der Studiochef Louis B. Mayer an seinen Kollegen, der ihm Probeaufnahmen einer jungen Schauspielerin mit smaragdgrünen Augen, dunkel gewelltem Haar und einem verführerischen Grübchen am Kinn geschickt hatte. Die Belohnung für ihre schauspielerische und sprecherische Unfähigkeit war ein Sieben-Jahres-Vertrag bei Metro-Goldwyn-Mayer. So schlägt Ute Cohen den Vorhang zum Glamour auf, hat uns schon gleich in den Fängen. »I put a spell on you«, heißt ihr erstes Kapitel. Untertitel: »Die Angst vor dem Zauber«.

Angst aber ist für Ute Cohen (immer) »ein schlechter Ratgeber intensiven Fühlens«. Gängeln lässt diese Autorin sich nicht, das hat sie, den eigenen Missbrauch exorzierend im Roman »Satans Spielfeld« gezeigt, in Noirs wie »Poor Dogs«, in einem Gesprächsband mit der großen Ingrid Caven, bei vielen Interviews (etwa zu Menghan Wang und PINKIE SWEAR MOVIE) in Essays bei uns hier, sowie von ihr kuratiert, mit den CulturMag-Specials SexMag und TabuMag. Diese Autorin lässt sich nicht unterjochen. Freiheit ist ihr ein existentielles Thema. Ihren Feminismus definiert sie selbst und auf den Metaebenen der Diskurse spielt sie vierhändig, innerlich stets frei.

Wer Ute Cohen liest, wohnt meisterlichen Florettkämpfen bei, ihre Klinge nimmt es mit jedem antizipierten Gegenargument auf, die Eleganz und Eloquenz ihrer Beweisführung sprüht Funken. Sie ist eine Autorin mit buchstäblich Esprit. Und mit Ava Gardner sind wir schnell bei deren Film »Die barfüßige Gräfin« (was für ein schönes Bild) und bei der Rebellion. Glamour, extemporiert uns Ute Cohen, »fasziniert und bannt, er zieht unsere Aufmerksamkeit an in Zeiten der Flüchtigkeit und schafft damit Ungeheures. Darin, und in der Unfähigkeit, rational erfasst zu werden, liegt seine Magie. Glamour ist elegant und wild, entfaltet sich erst im Widerstreit. Er lässt sich nicht unter Begriffen subsummieren, ruft stets nach seinem Gegenteil – und stellt genau dadurch unsere Gewissheiten in Frage. Verunsicherung unserer Glaubenssätze und das Wagnis, sich dem Unbekannten auszusetzen, machen es dem Glamour heute schwer. Sich bescheiden mit dem Unscheinbaren scheint der gangbarere Weg.«

Wir sind auf Seite 10, immer noch in der Einleitung. »In Vergessenheit gerät das Widerständige, die Fähigkeit, lustvoll mit Esprit zu experimentieren. Hier setze ich an, dorthin begebe ich mich mit diesem Essay: in das Reich des glänzenden Wandels und des rebellischen Glamours«, schreibt Cohen.

Elf Kapitel und 180 funkelnde Seiten warten auf uns. War Ute Cohens »Der Geschmack der Freiheit. Eine Geschichte der Kulinarik« schon ein Höhenflug geistesgeschichtlicher und sinnlicher Genüsse (meine Besprechung hier), so übertrifft sie sich mit dem elegant geschliffenen Essay »Glamour« selbst. Diese schmale, kompakte, brillante Buch hat volle 24 Karat.

Und, was im heutigen Verlagswesen ja nicht immer der Fall ist, es steht am völlig richtigen Platz. Nämlich in der von Anne Hamilton herausgegebene Essay-Reihe im zu Klampen Verlag. Der, 1983 gegründet, beruft sich explizit auf den Geist der Aufklärung. Seine Essay-Reihe, eine der besten auf dem Geistesmarkt, bietet Musterbeispiele fröhlicher Wissenschaft. Perle neben Perle, ein ganz und gar erstaunlicher Standard. Und alle im handschmeichlerischen Format, leicht biedermeierliche Anmutung, streng, klar und verschmitzt, edel gesetzt. Jens Jessen dort etwa über »Benzin. Die Droge des 20. Jahrhunderts«, Peter Hoeres über »Rechts und links«, Martin Scherer zu »Takt«, Leander Steinkopf »Der Reiz des Verbotenen«, Bern Ahrbeck zum »Basteln am Ich«, Stefan aus dem Siepen »Wie man schlecht schreibt«, Hans Ulrich Gumbrecht über »Provinz« oder Ulrich Greiner über »Dienstboten«.

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Und nun zum Komplementär, zum Konkursbuch 60 »Schönheit«. Mit dem »kulturellen Jahrbuch« Konkursbuch hat sich der Verlag von Claudia Gehrke vor 47 Jahren, 1978, gegründet. (Hier finden Sie die Geschichte des Anfangs).  Es geht um das Leben, wie es ist, um »große« existenzielle Themen wie Familienbande, Liebe, Lügen, Geld, Tod, Fremde, Arbeit, Freiheit . Am 25. Mai 2025 erschien jetzt die runde Nummer 60, Schönheit.

Der Titel »Konkursbuch« verweist auf –  dies ein Wortsinn von »Konkurs« –»Zusammenlaufen«, Aufeinandertreffen von sehr unterschiedlichen sonst oft getrennten Bereichen, unterschiedlichen sozialen Gruppen, Altersstufen, Arbeitswelten. »Vielstimmige Foren der Gegenwartskultur. In ihrer Gesamtheit bildet die 1978 begründete Reihe mittlerweile ein bedeutendes kulturgeschichtliches Archiv«, so die zutreffende Eigendarstellung. Die Kunst der Anthologie, Bildwelten inklusive, und immer auch Gedichte, hat die Reihe »Konkursbuch« zur eigenen großen Kunst entwickelt. Dies zu einem schlanken, demokratischen Verkaufspreis. All das Herzblut, das in diese Projekte fließt, könnte man eh nicht bezahlen.

Ich empfehle all die letzten Ausgaben:
Konkursbuch 55: über Bücher
Konkursbuch 56: Tod
Konkursbuch 57: der, die, das Fremde
Konkursbuch 55: Arbeit
Konkursbuch 55: Freiheit.

Nun also »Schönheit«, herausgegeben von Sigrun Casper und Sophie Voigtmann. 80 Beiträge, 71 Autorinnen und Autoren. 350 Seiten, Klappenbroschur, Brotschrift Adobe Garamond Pro, Titelei etc. Futura Book, Umschlag auf Tintoretto. Die Gestaltung luftig und klar, wunderbare Fotos, bei diesem Thema gar nicht so einfach. Sophie Voigtmann löst das souverän. Ebenso Anja Müller. Das Cover finde ich genial, wie sonst könnte man »Schönheit« so fokussiert inszenieren? Eine gezeichnetes Schneckengehäuse, eine Landmolluskel »pithogaster var.« aus den Philippinen von Gertrud Winter, geborene Gertrud Adelheid von Moellendorff (1882–1945) und mit einem berühmten Senckenberg-Drucker verheiratet. (Ganz unten dazu mehr.)

I. Sinnlichkeit und Sprache
II. Natürliches und Urbanes
III. Kunst und Künstlichkeit
IV. Verbundenheit
V. Ästhetik und das Wesen der Schönheit
VI. Ware Mensch
VII. Geheimnis, Wunden und Wunder

80 Beiträge. Dieses Buch lädt zum Flanieren. Das wird nicht langweilig. »Body-Modification« mit Sabine Haupt. »Charme ist der unsichtbare Teil der Schönheit, ohne den niemand schön sein kann«, folgt als Zitat von Sophia Loren auf ausgerissenem rosa Schreibpapier. Solche Einsprengsel gibt es öfter. Willi Dittrichs Wahl für »Mein schönstes deutsches Wort« fällt auf – Lebenslust. Auch Maria N. Yelenevskaja ist »Auf der Suche nach der Schönheit in der Sprache«, Achim Stegmüller führt uns ins Jotenkaku Museum im Shokukuji-Tempel, Regina Nössler zum »Béton brut« de Uni-Stadt Bochum, Claudia Gehrke zum »Luxus im Februar« auf ihrer Lieblingsinsel La Palma. Mit Francis Kaufmann sind wir in Hiroshima, mit Anke Wiegand-Kanzaki bei japanischer Ästhetik. Bei Raimund Patschner geht es um »Richtige Berührung«, bei Wolfgang Schwerdt um den Schrecken der Schönheit, bei Birgit Olsen um das Ischtar-Tor im Pergamon-Museum, bei Bernd Kebelmann um »Aphrodite«. Elisabeth Göbel bringt uns »Il Piè di Marmo – Über Marmor- und andere Füße in Rom«, Achim Stegmüller »Zu Lindenholz« bei den Skulpturen von Tilman Riemenschneider. Von Anja Müller haben sich Verlegerin Gehrke und Co-Herausgeberin Voigtmann »schöne Bilder« gewünscht. Sie serviert uns 15 davon. Da sind wir auf der Hälfte des Buches.

Stellen Sie sich den Rest ebenso schön, nein: noch schöner vor. Das letzte Wort, diese Offenlegung darf und sollte jetzt sein, stammt von mir und schließt die autobiografische Erzählung »So schön, dass die Kinder weinten«. Das letzte Wort darin, und damit das letzte Wort im Buch über Schönheit ist »hässlich«, damit hört die Reise auf.

Das Wort »Glamour« übrigens – ich habe mich vergewissert – kommt im ganzen Buch nicht vor. Sie können also beide Bände lesen. Es wird nicht langweilig.

Alf Mayer

P.S. David Hume (1757, Of the Standard of Taste): »Schönheit ist keine Eigenschaft der Dinge selbst. Sie existiert in dem Geist, der sie betrachtet, und jeder Geist nimmt eine andere Schönheit wahr.«

Zum Cover fragte ich bei Claudia Gehrke nach. Sie schrieb mir: »Meine Schwester hatte 2018 (in dem Jahr, in dem sie gestorben ist) eine Art Familientreffen im Senckenbergmuseum organisiert, wo uns jemand das Archiv öffnete und wir die von unserem Urgroßvater (Otto Franz v. Moellendorff) weltweit gesammelten Mollusken ansehen konnten. Sehr viele, aus europäischen und exotischen Gegenden … Ein Mitarbeiter des Senckenbergmuseums hat uns durch die Räume voller Schnecken und anderer Weichtiere geführt. Eine Schublade nach der anderen haben wir geöffnet, natürlich bei weitem nicht alle geschafft (das waren etwa 34 Regalreihen, die einzelnen Metallschränke in diesen Reihen sind üblicherweise verschlossen,  mit jeweils vielen Schränken und darin jeweils viele Schubladen voller Mollusken). Wir konnten auch die dicken alten dazugehörenden Bücher bzw. teils die Originalzeichnungen ansehen. Ich habe ein paar Seiten aus einem dieser Bücher fotografiert, schnell und eher unscharf, was ich natürlich bedauere, aber wenn ich nochmal etwas davon verwenden möchte, könnte ich im Senckenbergmuseum sicher wieder Zugang dazu bekommen. Gertrud Winter ist eine der Töchter des Urgroßvaters, also eine Großtante von uns, sie hat für das Senckenberg gezeichnet, auch diese Sammlung  …  Zu der Bildtafel , auf der die auf dem Cover (Vorderseite und Rückseite) abgebildeten Muscheln waren, gab es eine Seite mit kurzen Bildtiteln, glücklicherweise hatte ich die auch fotografiert, und das auch scharf genug, um es noch zu entziffern: Beide heißen „pithogaster var.“  Es gab auch Schubladen voller Schnecken, kleinere und sehr große, die habe ich wohl nicht fotografiert…«

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