Geschrieben am 1. Mai 2024 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2024

Visual History mit Gerhard Paul: Die Bundesrepublik

Bilder als eigenständige Zeugen der Zeitgeschichte

Eine Besprechung von Alf Mayer

Das erste Foto in Gerhard Pauls 1,5 Kilo schwerer visueller Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist ein Auftragsfoto von Erna Wagner-Hehmke, betitelt: »Bonn, 23.5.1949.« Die Unterzeichnung des Grundgesetzes. Jetzt im Mai 75 Jahre her. »Das Bild besitzt alles«, beginnt Gerhard Paul sein Magnum Opus, »was die frühe Bundesrepublik charakterisiert. Es zeigt – mit einer Ausnahme – ausschließlich feierlich gekleidete Herren in dunklen Anzügen sowie sechs männliche Fotografen bzw. Kameramänner, die ein Geschehen im Bild festhalten. Zwei von ihnen werden von einer Fahne verdeckt. Sie alle wohnen einem Ereignis bei, dessen Bedeutsamkeit sowohl durch die Anwesenheit der Medienvertreter als auch durch die Ausleuchtung der Szenerie mit Scheinwerfern unterstrichen wird und das Geschehen als Medienereignis ausweisen… Die Fotografie dokumentiert zugleich die Anwesenheit der später zur ‚vierten Gewalt’ aufsteigenden Journalisten, hier in Gestalt der Bildreporter.«

Es folgt eine dezidiert genaue Bildbeschreibung, bis hin zu den exakten Maßen der ins Scheinwerferlicht gerückten Grundgesetz-Urschrift: »1.400 Gramm schwer, 35 Zentimeter hoch und 24 breit sowie 2,7 Zentimeter dick… schweres, raues Büttenpapier, von der Bonner Druckerei Rudolf Stodieck hergestellt.« Fotografin des Bildes, auch das gehört zur Bildarbeit des Autors, »ist – außergewöhnlich genug – eine der wenigen Frauen im Saal: die 44-jährige, ursprünglich aus Breslau stammende Fotografin Erne Wagner-Hemke. Durch ihre exakte Arbeitstechnik und objektive Bildsprache lässt sie sich der Neuen Sachlichkeit zuordnen. Als Inhaberin der bekannten Düsseldorfer ‚Lichtbildwerkstatt Hemke-Winterer’ und profilierte Industriefotografin ist Wagner-Hemke im Rheinland seit zwei Jahrzehnten bekannt. Den Auftrag hat sie nicht zuletzt erhalten, weil ihr betont sachlich und distanzierter Blick Gewähr dafür bietet, den Festakt bildnerisch von den pompösen Selbstinszenierungen des totalitären NS-Regimes abzusetzen.« Die letzten beiden Absätze ziehen Verbindungslinien zur Weimarer Republik. Deren Reichsverfassung wurde am 11. August 1919 ohne jede Anwesenheit von Medienvertretern im thüringischen Schwarzburg, dem Urlaubsort von Reichspräsident Friedrich Ebert, unterzeichnet. »Von dem Akt existiert nicht einmal eine Fotografie.«

Dem Begründer der deutschsprachigen Visual History und einem der besten Kenner der Bildgeschichtsschreibung geht es darum, »Bilder über ihre zeichenhafte Abbildhaftigkeit hinaus als Medien und Aktiva mit einer eigenständigen Ästhetik zu begreifen, die Sehweisen konditionieren, Wahrnehmungsmuster prägen, Deutungsweisen transportieren, die Beziehungen historischer Subjekte zu ihrer sozialen und politischen Wirklichkeit organisieren und in der Lage sind, eigene Realitäten zu generieren.« Die Bilder, die Gerhard Paul für sein Buch ausgewählt und versammelt hat, betrachtet er deshalb nicht nur einfach als Abbildungen, sondern auch als aktive Medien, die Einstellungen verstärken, mitprägen oder sogar eigene Handlungswelten erzeugen. Bilder sind für den Professor für Geschichte und ihre Didaktik an der Universität Flensburg aussagekräftige Zitate und eigenständige Objekte der Analyse.

Visual History thematisiert für Paul »das ganze Feld der visuellen Praxis sowie der Visualität von Erfahrung und Geschichte: Aspekte der Mediengeschichte, der Ästhetik, der Ikonografie sowie Bildpraxen«. Kein normales Geschichtsbuch also, keine kunstgeschichtliche Abhandlung. Es nimmt Bilder als Ausdruck UND als gestaltende Kraft der Geschichte ernst. Es berücksichtigt Bilder in ihrem ganzen Spektrum: von Logo bis zum Spielfilm, vom Plakat bis zum Zeitschriftencover, von Comic- und Werbefiguren bis zu Kunstaktionen – und betrachtet sie in ihrem jeweiligen Kontext.

Eingeläutet wird das Buch mit einer doppelseitigen Sammlung von Pins, Buttons, Ansteckern, von »Petting statt Pershing«, »Nazis? – NEIN DANKE«, »Atomkraft? Nein Danke« bis »enteignet Springer!« oder »#wirschaffendas«. Unterteilt ist das Buch in die Bonner Republik der Jahre 1949 bis 1989, die der Berliner Republik der Jahre zwischen 1990 und 2021 sowie der Ampelrepublik seit 2021. Die Geschichte der Bundesrepublik wird dabei auf drei Ebenen betrachtet: ihre jeweilige ästhetische Selbstdarstellung in ihren architektonischen Schöpfungen, der offiziellen Bild- und Imagepolitik, den Pathosformeln und sonstigen medialen Darstellungen. Die zweite Buchebene folgt der Geschichte der bildenden Kunst, der Kunstfotografie und der Bildmedien. Ebene Drei gilt der zunehmenden Überwachung des öffentlichen und privaten Raums, dem Einsatz des Körpers als Medium und der Nutzung moderner Bildmedien im Terrorismus. (Die Geschichte und die Bilder der DDR spielen, so der Autor, »nur am Rande eine Rolle, insbesondere dort, wo die Bundesrepublik auf sie reagierte«.)

Das Buch operiert dabei nicht streng linear-chronologisch. Es ist verschachtelt und teils mosaikartig, berücksichtigt auch das Ungleichzeitig im Gleichzeitigen. Chronologischen Passagen folgen immer wieder Rückblenden, vertiefende Analysen einzelner Bilder oder Bildergeschichten sowie Verweise auf verwandte Passagen. Zu Themen wie dem Kalten Krieg oder Wirtschaftswunder gibt es ganze Bildessays.

Quellen des Buches sind vor allem Pauls eigene, in 30 Jahren aufgebaute Sammlung, dabei auch eine umfangreiche Kollektion von Ausstellungskatalogen, Tageszeitungen und Magazine, die Bildarchive der großen Agenturen sowie eine Schar eigener Aufsätze und eigener Bücher. Besonders dabei herauszuheben: »Bilder des Krieges/ Krieg der Bilder« (2004), der Monumentalband »Das visuelle Zeitalter/ Punkt & Pixel« (2016) und »Bilder einer Diktatur« (2020) – hier bei uns besprochen.

Das Buchmanuskript wurde im Juni 2023 abgeschlossen. Die Veröffentlichung war für November 2023 angekündigt. Am 10. Oktober 2023 stellte die Geschäftsführung der Wissenschaftlichen Buchgemeinschaft  (wgb) Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. In den offiziellen Mitteilungen hieß es, der Verlag sei infolge einer nicht erfolgreichen IT-Umstellung, aber auch angesichts der aktuell schwierigen Lage im Buchhandel in eine Liquiditätskrise geraten. Anfang 2024 dann gab es die positive Nachricht, dass der Herder-Verlag große Teile der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (wbg) und rund 200 Titel aus dem laufenden wbg-Programm übernimmt. Damit ist nun pünktlich zum Demokratie-Jubiläum jetzt im Mai auch „Die Bundesrepublik Deutschland. Eine visuelle Geschichte« wieder lieferbar. 600 Seiten, 75 Jahre, über 500 Bilder. Medien- und Staatsbürgerkunde im besten Sinne.

Alf Mayer

Gerhard Paul: Die Bundesrepublik Deutschland. Eine visuelle Geschichte. Theiss in der Verlag Herder GmbH, Freiburg 1. Auflage 2023. Gebunden, 600 Seiten, über 500 Abbildungen, 60 Euro.

Siehe auch von Gerhard Paul: Das visuelle Zeitalter. Punkt und Pixel. Visual History. Bilder und Bildpraxen in der Geschichte; Bd. 1. Wallstein Verlag, Göttingen 2016.Wallstein Verlag Göttingen 2016. 949 überwiegend farbige Abb., Format 19,2 x 25,8 cm. 760 Seiten, 39 Euro. – Verlagsinformationen hier. Von mir bei uns hier besprochen.

PS. Der Stern-Titel Nr. 44/ 1987 mit einem Schnappschuss von Sebastian Knauer aus einem Hotelzimmer im Genfern Nobelhotel »Beau Rivage« in Genf ist bei Gerhard Paul Thema der dreiseitigen Bildanalyse »Der Tote in der Badewanne«. Unser Autor Sebastian Knauer erinnerte sich im Oktober 2023 bei uns anlässlich eines Kriminalromans an die Angelegenheit, die sich mit einem Foto von ikonischer Kraft in das zeitgeschichtliche Gedächtnis unserer Republik geprägt hat.

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