Lyrik – Die Literatur für unsere Zeit
Ein Plädoyer von Gerhard Beckmann, samt Hinweis auf Ada Limón
Wie ich über neue Gedichte, die zu lesen ich eigentlich keine Zeit hätte haben dürfen, dann erlebt habe, was das für Literatur sein müsste, damit ich leben kann, obwohl sich die ganze Welt gegen einsame alte Individuen und mein armes bisschen natürliche Intelligenz verschworen zu haben scheint.
Literatur hat schon immer wieder neu entdeckt werden müssen.
Da gibt es freilich einen spektakulären Fall von literarischer Neuentdeckung in der Romantik mit immensen Folgen und Konsequenzen. Sie hat Mitte des 19. Jahrhunderts eine europäische Mentalitätswende bewirkt.
Ich muss die Geschichte hier ein wenig ausführlich erzählen, weil ich annehmen muss, dass sie bei uns in diesem Zusammenhang weitgehend unbekannt ist. Es ist aber wirklich auch eine außergewöhnlich spannende Geschichte. Es geht um das Hauptwerk des spätmittelalterlichen englischen Dichters Sir Thomas Malory. Es wurde 1485 vom legendären Londoner Drucker William Caxton veröffentlicht und geriet dann über 330 Jahre in Vergessenheit.
Von Caxtons 500 gedruckten Büchern hatte lediglich ein Exemplar überdauert, welches der bedeutende romantische Dichter Robert Southey, der auch als verlegerischer Herausgeber tätig war, 1817 in der Textform und originalen Rechtschreibung der Caxton-Ausgabe publizierte. Ein Jahr zuvor hatte der Drucker Chambers und – in Konkurrenz – Thomas Hazlewood den Caxton-Text in modernisiertem Englisch auf den Markt gebracht.
Malory war ein Dichter- Pionier. Er hat die weit verstreuten altfranzösischen und mittelenglischen Kelten-Sagen von einem König Artus, einer Königin Guiniver, einem Zauberer Merlin und von Rittern wie Lancelot gesammelt, verglichen, in eine zeitliche Reihenfolge gebracht und in thematischer Ordnung erzählt. So ist die Geschichte von König Artus und den zwölf Rittern seiner Tafelrunde am Hof von Camelot entstanden – mit einer zentralen Vorstellung von guter öffentlicher Ordnung, mit einem Wertekosmos für eine in wilde Unordnung geratene, heillose Welt wie der des Spätmittelalters, als ganz Europa endlich christianisiert war, die Christenheit unter dem Szepter des total verweltlichten Heiligen Stuhls aber jede Form einer verbindlichen Religion und öffentlichen Moral korrumpiert hatte.
Sir Thomas Malorys Wiederentdeckung 1816/17 kam unmittelbar nach Ende der Französischen Revolution und der Kriege Napoleons mit ihren hohen Idealen und universalen Programmen, die ganz Europa gesellschaftlich, ökonomisch, moralisch, politisch und weltanschaulich durcheinanderbrachten – eine Welt, die dann im Zuge von Industrialisierung, Imperialismus Merkantilisierung und Militarisierung mechanisiert, maschinisiert, ihrer Schönheit und Wunder beraubt, denaturiert, entheiligt, dehumanisiert und in global chronometrisch-kartographischer Vertaktung dem historisch Menschlichen entfremdet wurde. Das ist der Hintergrund dafür, dass das Mittelalter im 19. Jahrhundert zur Sehnsuchtszeit und Traumheimat wurde – um versuchsweise die pseudolmediävalen Architekturen und Fassaden von Bahnhöfen und Behörden bis hin zu Kirchenschiffen, Zahnradfabriken und Zechenvillen zu erklären, die mich in meinen jungen Jahren wundernahmen. Am Anfang aber stand ein Bewusstseinswandel, und im Anfang mitteninne der Mittelaltermythos von König Artus, in dessen Kielwasser heutzutags unvorstellbare Mengen von Epen, Gedichten und historischen Romanen große und weite Beachtung fanden. Ich denke, es war in der neueren Geschichte das erste Mal, dass eine konkrete Vergangenheit als Mythos solche Breitwandwirkung hatte – dass Vergangenheit für so viele Menschen als Gegenrealität benötigt und alltäglich wurde, weil die Gegenwart im Zahn der Zeit für kaum genießbar befunden wurde.
Es war ein außergewöhnlich starker Mythos. Wie stark, das zeigte sich dank der zweiten Neuentdeckung. Sie fand 1934 statt. Da wurde an einer der berühmten alten Internatsschulen des Landes, am Winchester College, eine Originalabschrift von Malorys handschriftlichem Werk entdeckt, die dann 1937 in der kritischen Edition von Eugéne Vinaver publiziert wurde. Sie hat „unser Bild vom Mittelalter verändert“, erklärte der Professor für die Englische Literatur des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Cambridge – C. S.Lewis, der führende Mann vom Fach –, in seiner Vorlesung, die ich im Wintersemester 1960 besuchte.
Denn Caxton hatte, wie sich herausstellte, heftige editorische Eingriffe in das Werk verübt. Er hatte es zerbröselt – aus den acht Büchern Malorys waren 507 separate Kapitel in 21 Büchern geworden, mit einer gewaltig anderen Wirkung, die unter der nachhaltig erschütternden Wirkung des Ersten Weltkriegs, der Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts, dann das kulturelle Bewusstsein und die Literatur nicht nur Englands veränderten. Die maßgeblichen Akteure waren J.R. R. Tolkien, Professor für Nordische Literatur, und C.S. Lewis, seit langen gemeinsamen Jahren in Oxford eng miteinander befreundet, wissenschaftliche Koryphäen beide, beide seit dem Ersten Weltkrieg radikal fortschrittskritisch, beide Lyriker, beide Christen, Tolkien Katholik, Lewis Anglikaner, geniale Außenseiter beide, beide dann extrem erfolgreiche epische Dichter, beide Ikonen, die ein neues populäres Genre einleiteten – die Fantasy-Literatur – und über die Verfilmungen ihrer weltweit millionenfach verkauften Bestseller („Der Herr der Ringe“) bzw die („Narnia“)-Romane endgültig große Namen, die heute jeder kennt. Ein wichtiger, wenn nicht der entscheidende Anstoß zu ihrer literarischen Karriere.
Es war die zweite Wiederentdeckung von Thomas Malorys (Geschichten von König Artus und seiner Tafelrunde), die den Anstoß gab. Und sie hat zu einer neuen, anhaltenden populären Überzeugung von einer Wahrheit der Dichtung geführt. Die wesentlichen Argumente hat J.R.R. Tolkien 1919 in einer Vorlesung an der Universität St. Andrews vorgetragen. Und da sehen wir ihn nun vor uns, des Pudels Kern. Es geht gar nicht um Dichtung an sich, oder Dichter, es geht um die Wahrheit der Mythen. Es geht Tolkien darum, das im öffentlichen Bewusstsein, in den Wissenschaften wie in der modernen liberalen Theologie dominante Verständnis von Mythos als Lüge aus der Welt zu schaffen. Für Tolkien enthalten alle historischen Mythen, die Mythen aller Völker und Kulturen Wahrheiten, die sie mit einer großen zentralen Wahrheit verbindet, in der sie alle schlussendlich münden und aufgehen, in dem einzigen Großen Mythos, der die Ganze Wahrheit darstellt und als einziger Mythos auf historischer Faktizität beruht – der christliche Mythos, auf den sich also auch der keltische Mythos von Artus und den Rittern seiner Tafelrunde in Camelot bezieht. Und die Wahrheit des Mythos ist eine andere als die rationale Wahrheit des menschlichen Verstandes, wie einmal, ergänzend, C.S. Lewis klargemacht hat: Dort stehen sie abstrakt da, als theoretische Prinzipien, der Mythos aber vermittelt die ERFAHRUNG der Wahrheit, er führt in eine höhere Realität als die der Welt ein, der christliche Mythos macht den Menschen ganz. Er und J.R.R. Tolkien waren also christliche Apologeten, ihre eigenen mythischen Werke um Mittelerde und Narnia sind als Wegweiser zu einer Erneuerung des Christentums gedacht, dessen Botschaft in der Verquickungen der Kirchen mit den politischen Mächten des alten Europa seine Kraft verloren hatte.
In den gegenwärtigen Diskussionen zur Überwindung der Krise, in der die Literatur mit sich ringt und nach einer neuen Rolle in der Gesellschaft sucht, ist die gesamte Mythen-Debatte nebst ihren Appellen an alle Menschen, als Geschöpfe des Schöpfergottes ihre schöpferische Kraft in eigenem Schöpfertum relevant zu machen, irgendwie in allen möglichen Nebeln vernebelt worden.
Ich möchte gerne anregen, dass wir uns von den Mythen abwenden und der Lyrik zuwenden. Darauf bin ich durch eine Behauptung Pasolinis gekommen, die mir lange unverständlich war, mir aber in dem Chaos des neuen industrial military high tech artificial intelligence complex immer wieder in den Sinn kommt, nämlich dass in der Gegenwart einzig Lyrik noch politisch sein könne. Das scheint sich auf dem amerikanischen Kontinent zu bestätigen, insbesondere in den USA. Seit rund anderthalb Jahrzehnten steigt das öffentliche Interesse an Gedichten auffallend und kontinuierlich. Man spricht von einem Millionenpublikum für Lyrik. Dichterinnen und Dichter finden eine bemerkenswert große Aufmerksamkeit .

Ich war also mehr als gespannt, als ich Ende September ein Vorausexemplar der zweisprachigen Ausgabe von Ada Limóns Band „Ein Abdruck in der Luft“ erhielt. Sie scheint die in den USA zur Zeit prominenteste Dichterin zu sein. Die Gedichte haben mich persönlich berührt. Ein Dutzend hat mich begeistert Die deutschen Übersetzungen haben mir gefallen – Ron Winkler ist ein namhafter deutscher Lyriker. Ich möchte diesen Band als Einstieg empfehlen, weil er eine Auswahl von Gedichten aus sieben Bänden bietet – Ada Limon, geboren 1972, hat einen interessanten langen Weg zurückgelegt, da hat er viel zu bieten. Ich finde momentan nicht die Zeit, die ich für eine gründliche Rezension bräuchte. Es ist vielleicht sogar besser, wenn Sie jetzt zwei Gedichte lesen können, die mich besonders beeindruckten, und die belegen können, warum ich glaube, dass amerikanische Lyrik uns zeigt, was an Literatur für uns maßgeblich werden könnte.
Ada Limon sieht eigentlich nichts, was in ihren Versen als „Wahrheit“ dingfest gemacht und abgezapft werden könnte. Zunächst hat sie einfach geschrieben, was sie in einem Gedicht überhaupt auszudrücken vermochte, wie sie immer bessere Gedichte zustande bringen könnte, um, eine traumatische Erfahrung zu heilen. Inzwischen verspürt sie einen inneren Drang, „etwas Reales“ zu schreiben, „eine Wahrheit zu finden, die sonst vielleicht nicht ausgesprochen würde“, wie sie Steph Opitz in einem Interview für The Lit Hib Daily erklärte. „Was zählt, ist immer nur das einzelne Gedicht, ein einzelnes Gedicht kann einem anderen Menschen etwas direkt mitteilen, in einer unmittelbaren Kommunikation. Ich bin tief in mich gegangen, um zu verstehen, wie ich zur Welt gehöre, wie ich zu existieren vermag. Mich zu hinterfragen und dabei vielleicht auf etwas Gemeingültiges zu stoßen. Dichtung ist zur Befassung mit etwas bedrängend Politischem geeignet, weil Dichtung eben „nie etwas zu liefern hat“ oder auf Fragen eine Antwort geben muss. Es ist der richtige Platz fürs Schlamassel, fürs S u c h e n nach Wahrheit und Leben, für Ehrlichkeit, für Komplikationen, und was könnte politischer sein als zuzugeben, dass es dafür einfach keine Lösung gibt und dass unsere aktuellen Schwierigkeiten schon immer unsere Schwierigkeiten gewesen sind… Es tut gut, es ist schön, es macht froh, etwas auszusprechen, was mich persönlich bewegt und deshalb vielleicht auch für andere von Belang ist, sich als Mensch zu fühlen, der in einem Panzer durch die Welt geht, um in der Welt bestehen zu können, wenn diese Verpanzerung durchbohrt und man verletzt wird.“
Ich bewundere Ada Limón und sehe mich in ihren Gedichten als einer, gegen den sich die ganze Welt zu verschwören scheint, um mich meiner Besonderheit zu berauben – und finde mich gestärkt in meine unbestreitbare Realität zurück.
Ada Limón: Ein Abdruck in der Luft / A Shape in the Air. Ausgewählte Gedichte. Übersetzt von Ron Winkler. Maro Verlag, Augsburg 2026. Klappenbroschur, 304 Seiten, 28 Euro. – Informationen des Verlags hier. Leseprobe.
Gerhard Beckmann – seine Texte bei uns hier.


















