Geschrieben am 1. Oktober 2025 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2025, CrimeMag September 2025

Gerd Conradt: Unter und über den Wolken

Die Regenmacher

Leidenschaftlich gerne recherchiere ich. Komme dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen, um nach  längerer Recherchereise wieder am Anfang zu landen, diesmal beim Thema Wolken.

Als Kind lag ich gerne auf den frischen Wiesen des Thüringer Waldes, hörte das Summen und Brummen der Insekten, schaute in den Himmel und fragte mich, ob die Wolken auch mich sähen. Ihre vielfältigen Formen, ihr ewiges Ziehen, sich Aufblasen, Überlagern in Grautönen feinster Abstufungen verzauberten mich. Ob Wolken denken? Ob es Mann- und Frauwolken gibt? Ob die Schäfchenwolken deren Kinder sind?

Vor Gewitter, Donner und Blitz, Regengüssen fürchtete ich mich nicht. Ich sah einen Blitz und zählte. Jede Zahl stand für einen Kilometer, so vermeinte ich zu wissen, wie weit das Gewitter entfernt war. Und wenn ich nachts aus dem Fenster schaute, sah ich die Wolken im Gespräch mit dem Mond.

In meinen Träumen hoffte ich, eines Tages Aladin auf seinem Fliegenden Teppich oder den Kleinen Muck in seinen magischen Pantoffeln in den Wolken schweben zu sehen.

Druckfrisch heißt die popige Fernsehsendung, in der der Literaturkritiker Denis Scheck monatlich Bücher zerreißt oder erfolgreich macht. * Scheck, immer in feinstes Tuch gekleidet, Anzug,Weste, Krawatte, Einstecktuch, passende Schuhe und Hut. Ein rundlicher Mann mit Glatze, klug, verschmitzt, satirisch, verletzend.  – Als Show inszeniert ist jede Sendung eine Augendweide.

Ganz in Weiß präsentiert er im italienischen Ambiente ein Buch, von dem er am Ende sagen wird, es sei genial – ein Buch, das Ihren Blick in den Himmel auf Ewig verändern wird. Am nächsten Tag gehe ich in die Kommedia-Buchhandlung, einen kleinen gut sortierten Laden in meinem Kiez, in dessen Schaufenstern kunstvoll gestapelte Bücher neugierig machen, und kaufe mir das von Scheck so gepriesene Buch: Das Schweigen der Wolken – Handbuch zum Lesen des Himmels“ von Vincenzo Levizzani.**

Schon lange fasziniert mich der Gedanke,  es werde möglich sein, Wolken zu lenken – von da, wo es zu viel Wasser gibt, nach dort, wo es dringend gebraucht wird.  Darüber schreibt Levizzani wenig. Noch sei Geoengineerig, wie das Regenmachen genannt wird, ein technologisches Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Levizzanis Buch ist kein schnell zu lesendes Handbuch, eher ein populär geschriebenes Sachbuch mit vielen farbigen Abbildungen, das alle, die es wirklich wissen wollen, tief in die Welt der Wolken eindringen lässt. Ein echter Cloudatlas, nicht zu verwechseln mit dem  Bestseller von David Mitchel, in dem wolkig eine Zeitreise durch 1000 Jahre Menscheitsgeschichte chaotisch mäandernd, unberechenbar ineinanderfließend beschrieben wird.

Das Wolkenuniversum ist immer da, Wolken sind unsere ständigen Begleiter, prägen unseren Alltag, sind Träger lebenswichtiger Informationen über bevorstehende Wetterereignisse. Der Wolkenphysiker Levizzani sagt von sich: Ich stehe mit beiden Beinen auf der Erde, um mit größtmöglicher Präzision zu analysieren, was ich sehe. Die Gemeinnisse der Wolken zu entschlüsseln, erfordert Kennntnisse in Physik, Chemie und machnmal auch in Biologie, denn Wolken sind unglaublich komplizierte Gebilde aus vielen Bestandteilen.

Wolken sind aus Wasserdampf gebildete Ansammlungen von Tröpfchen, Kristallen, Graupeln, Hagelkörnern – die vom Sprühregen bis zum Wolkenbruch die Erde mit dem Lebenselexier Wasser in einem ewigen Kreislauf versorgen. Quelle, Fluss, Mündung, Wolke. Solche himmlischen Wasseransammlungen können in Verbindung mit dem Wind zu raubtierartigen Gebilden werde: zu Tornados und Zyklonen.

Bereits vor drei Jahren fand ich in dem Wochenmagazin DIE ZEIT einen Artikel, der meine Neugier weckte: Die Wolkenjäger von Abu Dhabi.***  Den habe ich in einem Karton zum Thema Wolken aufgehoben, jetzt kommt er zum Einsatz. Wo, wenn nicht in den von großer Trockenheit bedrohten Wüstenstaaten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), wird das Wasser dringender gebraucht und aufwendig nach Lösungen gesucht.

Wir wissen, dass vor den Paraden zum 1. Mai in Moskau und auch vor den Olympischen Spielen in Peking das Wetter manipuliert wurde. Motorflugzeuge flogen mit  Silberjodid-Aceton-Lösung gefüllten Kartuschen in die Wolken und brachten diese so zum Abregnen.  Sonnenschein war garantiert. Ein simples Verfahren, das z.B. auch  in Obstanbaugebieten zum Einsatz kommt, wo Hagelstürme verhindert werden sollen. Das in der geringen Konzentration eingesetzte Silberjodid habe keine negativen Auswirkungen auf die Umwelt, kommentiert Greenpeace diesen Eingriff in das Wettersystem.

Regenjagen sei eine Mission von großer Tragweite schreibt Lea Frese in dem Zeitartikel über die VAE : Aus einer Schaltzentrale wird das Wetter beobachtet und so bald eine geeignete Wolke auf dem Bildschirm erscheint, wird ein Flugzeug vom Typ Kingair C90, dem Mercedes unter den Turboprops, auf den Weg in die Wolke geschickt. Auf der mit Natriumchlorid gefüllten Kartusche, so groß wie eine Rolle Küchenpapier, steht Ghaith – Regen nach langer Trockenheit.

Cumulus Wolke, Lechtal, Österreich © wiki-commons

Zu meiner Freude schreibt Levizzani auch über die Bedeutung von Wolken in der Kunstgeschichte. Neben vielen anderen Künstlern erwähnt er den Surrealisten René Magritte, in dessen Bildern vielfach Wolken in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen zu sehen sind. Bei ihm stehen Wolken für Aussagen, ein luftiges Denken – was wenig mit dem zu tun hat, was Wolken sind: Transporteure von Wasser. Ein gutes Beispiele ist das Bild „Bemalte Gipsmaske“ von 1935. Hier hat Magritte Napoleons Totenmaske so übermalt, dass der Eindruck eines blauen Himmels mit Wolken entsteht. Mehrere Welten gleiten ineinander, überlagern sich, Tag und Nacht – wie oft in Magrittes Bildern.  Ein zeitloser  Napoleon. Teil einer Ewigkeit. Verschlossen, sprechend.

Magrittes Kunst bin ich erstmals hautnah auf dem Filmfestival EXPRMNTL 1967 im mondänen Kasino von Knokke-le-Zoute in Belgien begegnet. Nach den Filmvorführungen  strömte das Publikum in den Spielsaal des Kasinos, den Salle du Lus, dessen Wände 1953 mit Fresken von Renè Magritte verziert worden waren. Der Saal ist ein Rundbau – ich hatte das Gefühl in einem Panoramakino zu sein.

Dieser Auftrag für sein größtes Wandgemälde ermöglichte es Magritte, eine  Landschaft zu gestalten, in der viele  Motive aus früheren Werken in einem neuen Maßstab zu sehen sind. Er schuf die Vision eines Landes aus Himmel, Wüste und geometrischen Mustern, in der seine unermessliche Fantasie sichtbar wird. Diesen magischen Ort nannte er Das verzauberte Reich.

1967 war das Jahr, in dem in der Welt die Proteste gegen den Krieg der USA in Vietnam an Fahrt aufnahmen. Auch auf diesem einzigartigen Festival des Experimentalfilms kam es zu militanten Störungen, an denen speziell eine SDS-Gruppe aus Westberlin beteiligt war, unter ihnen auch der spätere RAF-Aktivist Holger Meins. In meinem ersten langen Videofilm, Über Holger Meins, 1982,**** montierte ich die Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Proteste mit Magrittes Kasinobildern und stellte bei der Arbeit erschrocken fest, wie weit das visuelle Denken Magrittes mit dem der maoistischen Heilsbringer auseinanderlag.  Magrittes „verzaubertes Reich“ und  dessen Wirkung möchte ich mit der der „Sixtinischen Kapelle“ in Rom vergleichen.

Ich bin in der Ebene südlich des Flusses Po geboren, schreibt  Vincenzo Levizzani, in Mitten von Nebel, wie bei Fellini im Film Amarcord.

Aus Wolken werde Flüsse, aus Flüssen Wolken. Filme über Flüsse füllen Kinos. Beim Fluss Po denke ich an Der bittere Reis. Liebe und Klassenkampf am Fluss.

Wer sich eingehend mit Wolken und ihrer Physik auseinandersetzen möchte und ausreichend Forscherdrang besitzt – der sollte Vincenzo Levizzanis Buch lesen, studieren, mit ihm auf eine lange Reise in das Universum der Wolken gehen.

Fellinis Film Amarcord endet, wenn ich mich richtig erinnere, mit: Viva Italia.

* Druckfrisch: https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/druckfrisch/sendung/das- geheimns-der- wolken-100.html

** Vincenzo Levizzani, Das Geheimnis der Wolken, HarperCollins, 2025

*** Die Wolkenjäger von Abu Dhabi, Lea Frehse, 17.03.25, Die Zeit Nr 12

**** „Über Holger Meins, ein Versuch, unsere Sicht Heute – 1982“ Gerd Conradt, Hartmut Jahn

© Gerd Conradt, 07.2025

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