Geschrieben am 1. Juli 2025 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2025

Gerd Conradt: Plansequenz, z.B. in der Serie »Adolescence«

Plansequenz –  unfreiwillig zölibatär.

Meine Vorstellungskraft reicht nicht aus um mir vorzustellen, was ich mit Vorstellungskraft meine. a rose is a rose is a rose.*  Darum suche ich mir ein Thema als Gegenüber, auf das ich mein assoziatives Denke projiziere, um im Echo etwas zu finden, das meiner Vorstellung von Leben spricht.

Von in einer Einstellung gedrehten Filmen bin ich fasziniert. Plansequenz genannt – haben auch diese Filme einen Anfang und ein Ende, alles dazwischen ist eine in sich abgeschlossene Handlung. Das Leben eine Plansequenz?

Angeregt, über das Thema von in einer Einstellunge gedrehten Filme nachzudenken, wurde ich von der britischen Netflix-Miniserie „Adolescence“, vier Folgen, jede eine Plansequenz, ein One-Shot. Dem in der Serie gespielten Leben sehen wir in Echtzeit zu.

Ich interessiere mich für die Wirklichkeit, ich dokumentiere das Leben – so, wie es ist. Lebensmomente einfangen, protokollieren – für eine über das menschliche Leben hinaus reichende Zeit sichern. Augenblick, verweile doch, Du bist so schön.**

„Adolescence“ ist nicht dokumentarisch. Die Wirklichkeit dieser Serie wurde inszeniert, minutiös, bravourös – Form und Inhalt bilden eine Synthese von überraschender Spannung. Der Zuschauer wird in das inszenierte Leben eingesaugt.

Ein dreizehnjähriger Schüler ersticht seine Mitschülerin. Diese Tat hat ein langes Vorspiel, das in den Tiefen des „Netzes“ herangereift ist. Es geht um toxische Männlichkeit und die gefährliche Verbreitung von Incel-Ideologien im Netz.   Incel, ein Begriff,den ich erstmals durch diese Serie vermittelt bekommen habe, steht für „involuntary celibate“ – also „unfreiwillig zölibatär“ – und bezieht sich auf Männer, die sich von Frauen sexuell abgelehnt fühlen. Was sie eint, ist ein tief verwurzelter Frauenhass, den sie in Online-Foren verbreiten.

Das, was in der Serie als Leben Jugendlicher gezeigt wird,  ist in meiner Lebenswirklichkeit nicht sichbar. Ich beobachte meinen siebzehnjährigen Enkel, jedes Vibrieren seines Smartphones löst ein Erdbeben aus. Nach Außen wird Gelassenheit gespielt. Das zeigt auch „Adolecensce“ mit brutaler Genauigkeit. Als geliebter Opa weiß ich jedoch nichts von dieser Lebenswelt meines Enkels, der selbst beim Essen immer die rechte Hand griffbereit hat – wie der Cowboy am Revolver – um keine Meldung aus dem Universum seines von der digitalen Welt bestimmten Lebens zu verpassen.

Am Anfang der Filmgeschichte steht der 1895 von den Brüdern Lumiere gedrehte Film „Arbeiter verlassen die Fabrik“. In fünfzig Sekunden sehen wir: Ein Fabriktor öffnet sich. Heraus strömen zur Mittagspause vor allem Arbeiterinnen. Sie tragen lange Kleider, oft mit Schürzen, Hüte. Sie gehen rechts und links an der Kamera vorbei. Ein Mann fährt auf einem Fahrrad, ein Hund läuft durch das Bild. Das Fabriktor wird geschlossen, der Rahmen des Films gesetzt. Für die Brüder Lumiere war es ein Werbefilm, der das Potential des neuen Mediums zeigte und gleichzeitig die Aufmerksamkeit auf die Größe ihrer Fabrik lenkte.

Als Plansequenz gedreht, protokolliert der Film, macht uns zu mündigen Betrachtern. Kann das, was zu sehen ist ,mit Wirklichkeit bezeichnet werden? Ist das, was wir sehen, Wahrheit? Oder eine frühe Form der Überwachung?

Die Zeitung Le Radical berichtete: „In ihrem Detailreichtum verbereiten die Filmbilder eine perfekte Illusion des wahren Lebens. Es wird konserviert und kann zu jeder Zeit reproduziert werden. Der Tod habe dadurch aufgehört, endgültig zu sein.“ ***

Nach seinen Erfolgen als Maler richtete der Pionier der Pop-Art Andy Warhol sein Augenmerk auf das Bewegtbildmedium Film. Er begann „bewegungslose“ Filme zu produzieren. Lange Einstellungen waren das Gegenteil von dem, was Hollywood ausmacht.

„Kiss“ ,1963, zeigt fünfzig Minuten lang küssende Paare, jeweils als Plansequenz gedreht. Deren sexuelle Orientierung spielt keine Rolle. Erstmals sah ich in Großaufnahme sich küssende Männer. Eine Parodie auf den Hollywoodfilm, der oft mit einem innigen Kuss endet? Happyend. In „Sleep“ von 1964 sehen wir fünf Stunden auf einen Mann, der schläft. In „Empire“, 1965, blicken wir auf eine achtstündige Aufname vom Empire State Building, mit einer stationären Kamera gedreht.

Diese Filme sah ich 1966 im Programm des New American Cinema, präsentiert von Peter-Adam Sydney in einem kleinen Kino in Rom, Trastevere.

Von diesen Filme angeregt, drehte ich 1966 in Rom meinen ersten 16-mm-Film in Farbe, 12 Minuten, stumm, aus der Vogelperspektive: „Frederic Rzewski isst Spagettih bei Carlone Via della Luce 55.“  Ein Mann setzt sich in einer kleinen Trattoria an einen Tisch, steckt sich eine Zigarette der Marke Gitanes an, bestellt Pasta, Salat, Wein, isst, bezahlt und geht.  Ein Film als Plansequenz.

Meinen zweiten Plansequenz-Film realisierte ich als Student der dffb, 1968, „Farbtest Rote Fahne“, 12′, stumm. Zu einer Stafette geordnet, laufen Männer auf einer verkehrsreichen Straße, in den Händen eine rote Fahne. Der letzte hisst die Fahne am Balkon vom Rathaus Schöneberg, dem Sitz der Westberliner Regierung. Eine Studie über Männer, Bewegungen und ein Symbol.

Nach dem Original inzenierte der deutsch-schwedische Künstler Felix Gmelin mit seinen Studenten das erste Remake. Aus beiden Filmen gestaltete er eine Installation, die 2003 auf  der 50. Biennale in Venedig  Premiere hatte. Der Film wurde weltbekannt, weitere Remakes folgten, u.a. Hongkong, Rom, Venedig, Sulmona, Brno…

Jedes Remake ist ein Original. Eine zu einer Stafette geordnete Gruppe trägt eine rote Fahne ins örtliche Rathaus. Start und Ende – wie bei Lumiere, Tor auf, Tor zu.

Film ist in der Regel Montage. Viele mühsam erarbeitete Sequenzen werden hintereinander geschnitten. Montage treibt die Geschichte voran, lässt uns ohne Mühe „in 80 Tagen um die Welt“ reisen. Ich gehe in Berlin in die U-Bahn, Schnitt – in New York komme ich wieder heraus.

Ist eine Plansequenz das unmittelbare Leben? Ob real oder inszeniert? In den Läufen mit der roten Fahne erleben wir Unvorhergesehens. Der Zuschauer entdeckt Dinge, die sich ereignen.

Meine Plansequenzen, auch die Remakes wurden 1:1 gedreht, waren nach dem Dreh „fertig“. Für jede Folge von „Adolescence“ standen drei Wochen zur Verfügung. Jede Folge wurde meist zehnmal gedreht. Eine enorme Leistung von allen Beteiligten, allen voran das berührende Spiel von Owen Cooper, 15 Jahre,  als der Mörder Jamie Miller.

Die Serie lässt uns live teilhaben an Abläufen, die zwar mehrfach geprobt sind,  aber sich so, wie wir sie sehen, tatsächlich in dem zeitlichen Rahmen ereignet haben. Zeit wird sichtbar wie in  dokumentarischen Plansequenzen.

Ist Wahrheit gleich Zeit? Haben die Gebrüder Lumiere mit ihrer Erfindung der Fixierung von Leben eine Rezeptur geliefert, einen Schritt in die Richtung getan, den Tod tatsächlich zu überwinden? An der Verfeinerung wird jetzt mit  Hilfe von KI gearbeitet. „Adolecence“ zukünftig nicht gespielt, sondern von einer KI erfunden und gestaltet? Die perfekte Plansequenz.

Die noch von echten Menschen gespielte Serie „Adolecence“ ist die bisher erfolgreichste Netflix-Serie mit 115 Millionen Zugriffen in 92 Ländern. In England wurde sie im Parlament diskutiert und ist Unterrichtsgegenstand an Schulen.

Sie  ist mehr als ein Krimi – ist ein eindringlicher Weckruf. Der Blick auf das als Konserve vorgeführte Leben hat mich reicher gemacht. Nahrung für meine Vorstellungskraft.

Gerd Conradt, Mai  2025

* Gertrude Stein
** Johann Wolfgang von Goethe

*** Zitiert in Maurice Bessy, Giuseppe M. Lo Duca: Louis Lumière. Inventeur. Editions Prisma, Paris 1948, S. 47–48.

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