Geschrieben am 1. September 2026 von für Crimemag, CrimeMag September 2026

Gerd Conradt: Kniestück, variiert


Tanz auf dem Drahtseil mit rotem Ballon

In der Ruhe liegt die Kraft – von Gerd Conradt

Sie hatte es wieder geschafft, für einige Momente die Augen der Welt auf sich zu vereinen. Im zweiten Stock im Zimmer 257 des Bode-Museums in Berlin wurde am 30. Juni 2026 vor der Weltpresse und Prominenz aus Kultur und Politik das als Kniestück gemalte Kanzlerinnen-Porträt der einst mächtigsten Frau der Welt, Angela Merkel, enthüllt. Gemalt hat es der in der Kunstszene kaum bekannte 1997 geborene Jérémie Queyras. Er lebt in Freiburg und Paris.

Das um 1900 im Stil des Neobarock erbaute Bode-Museum gehört zum Bauensemble der Museumsinsel und damit zum Weltkulturerbe der UNESCO. Umspült vom der Spree, sieht der dreieckige Bau mit seiner abgerundeten Front und der hohen Kuppel wie ein Dampfer aus, der flussab gelassen und bedeutungsvoll in die Welt treibt.

Um der Enthüllung durch ihre Anwesenheit Glanz zu verleihen, musste die Kanzlerin a.D. von ihrer Mietwohnung Am Kupfergraben nur quer über die Straße gehen. Im Kanzleramt hat sie nie gewohnt.

Vorbei am 5.60 Meter hohen Reiterstandbild von Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688), genannt der „Große Kurfürst“, von Andreas Schlüter nach dem Vorbild der Skulptur von Marc Aurel auf dem Kapitol in Rom gestaltet, weiter auf einem roten Teppich und über Marmorstufen mit poliertem Holzgeländer geht es hoch zum Objekt meiner Begierde.

Es ist 110 x 140 groß, der vorherrschende Eindruck Blau. Die Kanzlerin stehend bis zu den Knien abgebildet (Kniestück) im strahlend blauen Blazer vor schmucklosem gold-braunen Hintergrund, die Hände nicht zur Raute gefaltet, doch die Bernsteinkette ist dabei. Der markante Look des Blazers hat seinen Ursprung in der Schiffsuniform der Besatzung des Kriegsschiffs HMS Blazer. Er gehörte in vielen Farben zum Markenzeichen von „Angi“, „Kohls Mädchen“, „der Eiskönigin“.

Auf dem in zwanzig Sitzungen entstandenen Gemälde schaut Angela Merkel, aus dezenter Unterperspektive gemalt, mich an. Mein erster Eindruck, sie befindet sich in einer Atempause, verweilt zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Ich sehe Lebenserfahrung, auch Ruhe und Entschlossenheit. Die Spuren von 16 Jahren Kanzlerinnenschaft seien zu sehen, sie wirke deutlich ernster, als man sie bei öffentlichen Auftritten oft erlebt habe, schreibt die Presse.

Autor, Merkel, junge Frau von 1731

Das Bild prägt als Kunstwerk keinen Stil. Es ist erstaunlich bieder. Der blaue Blazer wirkt auf mich wie ein Panzer, der sie schützt, der aber auch das, was innen ist, verbirgt. So wie bei Schildkröten, Krebsen, Schnecken, die ihr verletzliches Inneres mit einer harten Schale schützen. Angela Merkel lugt aus ihrem Innen nach Außen.

Links unten im Bild ist ein kleiner silberner Würfel zu sehen: Angela Merkels Handschmeichler und Berater. Auf die sechs Seiten verteilt steht: In der Ruhe liegt die Kraft. Wenn er nicht Handschmeichler oder Briefbeschwerer war, kam er in Aktion, wenn sie beim Orakel einen Rat suchte.

Raum 257 ist dem Frankreich des 18. Jahrhunderts gewidmet. Zwischen taubenblau gestrichenen Wänden ist das Kniestück der Kanzlerin a.D. umgeben von Skulpturen und Gemälden, erhabenen Frauen, Vestalinnen und feierndem Volk in wilden Landschaften, dem Gott Bacchus huldigend, dem Genius des Überflusses.
Unmittelbar vor dem Bild steht auf einem großen Sockel die Marmorfigur einer locker bekleideten, knienden jungen Frau von 1731. Leichte Locken umspielen ihren Kopf, ein Tuch umhüllt ihren Unterleib, in einer Hand hält sie eine Sandale: Junges Mädchen Sandalen anlegend. Ein frischer Kontrast zur skeptisch nachdenklichen Kanzlerin a.D.

Unter dem Motto „Wir schaffen das“ informierte die Bundeskanzlerin am 2. September 2015 auf einer Pressekonferenz die Öffentlichkeit darüber, dass sie beschlossen hatte, für fast eine Millionen Flüchtlinge die Grenzen zu öffnen, sie unkontrolliert in ein Land zu lassen, das auf so einen Flüchtlingsstrom organisatorisch und ideologisch nicht vorbereitet war.

(Hier erhebt die Redaktion Einspruch: Es war im Herbst 2015 unter dem Eindruck der durch den Krieg in Syrien ausgelösten humanitären Krise keineswegs klar, wie viele Menschen ins Land kommen würden. Und schon gar nicht gab es den Vorsatz, das unkontrolliert geschehen lassen. Es ergab sich so. Der Satz „Wir schaffen das“ war kein autoritärer Befehl, sondern eine Ermunterung zu humanitären Engagement und Bürgersinn. AM)

Wer war „Wir“ und was bedeutete „schaffen das“? Die Antwort kam prompt. Bald riefen tausende Menschen jeweils montags in Dresden: „Merkel muss weg.“ Das wurde in Berlin gehört, kritisiert, belächelt – das politische Establishment distanzierte sich, schaute weg, saß aus. Gehandelt wurde nicht. Die in der Pegida-Bewegung organisierten nationalistisch Denkenden legten den Grundstein für die heute zur Bedrohung der Demokratie gewordene Partei AfD, Alternative für Deutschland.

Bereits 2011 hatte die Bundeskanzlerin unter dem Eindruck der verheerenden Reaktor-Katastrophe in Fukushima den endgültigen Ausstieg aus der Atomenergie angekündigt. Aussteigen ja, aber wohin? Setzte sie auf die unbegrenzte Lieferung von Gas und Öl aus der ehemaligen Sowjetunion? Denn wie sollte der hohe Energiebedarf der deutschen Wirtschaft ohne klare Perspektive gedeckt werden? (Auch hier Einspruch, d. Red. – Es gab sehr wohl eine abgestimmte Energiepolitik, explizit mit der Hinwendung auf Erneuerbare Energien. Großunternehmen wie Siemens gründeten „grüne“ Töchter, der Ausbau der Windenergie wurde angeschoben. Daraus eine absichtsvolle Verschwörung zugunsten Putins zu drechseln, macht zwar eine schöne Polemik, klittert aber Geschichte.)

Wladimir Putin spricht gut Deutsch und Angela Merkel fließend Russisch. Vertrauliche Vieraugengespräche waren immer möglich. Pragmatische Distanz verbunden mit gegenseitigem Mißtrauen prägten ihr Verhältnis. Im Zerfall der Sowjetunion sah Angela Merkel den größten Gewinn für ihr Leben, für Wladimir Putin bedeutete das die größte Katastrophe. Sie sprach von Freiheit, er von Macht. Trotzdem setze Angela Merkel weiterhin auf das Großprojekt der Gaspipeline Nord Stream 2 nach dem Motto „Dialog trotz Konfrontation“.

An all das muss ich denken, wenn ich versuche, das Kanzlerinnen-Kniestück zu lesen, es auf mich als Betrachter wirken zu lassen.

Sehe ich in dem Bild Verantwortung?

Die Physikerin und im marxistischen Denken geschulte Angela Merkel war durch ihr Elternhaus tief verwurzelt im christlichen Protestantismus. Ihr Lebensverlauf bildet deutsche Nachkriegsgeschichte exemplarisch ab. Christlich rational regierte sie, taktisch national und europäisch denkend. Ich sehe sie als Tänzerin auf einem Drahtseil in einer Hand einen roten Luftballon. Eine Gauklerin, die sich aus der Verantwortung stiehlt?

Fände das Kniestück auf einer Aktion Käufer, zeigte es nicht als Zeitdokument die berühmte erste weibliche deutsche Nachkriegskanzlerin?

Ich beauftrage die KI, mir Bilder als Kniestücke von der Kanzlerin a.D. in verschiedenen Stilen zu rechnen. Am besten gefällt mir das von Kasimir Malewitsch, dem Schöpfer der Suprematismus, berühmt für sein „Schwarzes Quadrat“, den ich sehr verehre. Aber auch Andy Warhol, Jackson Pollok, Paul Klee gefallen mir als Inspiration für den Blick auf Vielfalt – alles Kunstmaler-Männer. Angela Merkel hat sich auch für einen Kunstmaler-Mann entschieden, einen sehr jungen, unerfahrenen – dem sie sich anvertraute, ihr Kanzlerinnen-Vermächtnis in Öl auf Leinwand festzuhalten.

Wie sähe Deutschland aus, hätte Angela Merkel 2008 das Zeichen der Zeit von Elon Musk aus den USA erkannt und Deutschland zur führenden Nation im Bau von Elektroautos gemacht?

Das Kanzlerinnen-Kniestück zeigt keine Visionärin.

Das Licht der Macht auf den blauen Mantel der Unschuld.

Und die Merkelraute, wo ist die? Ihr Signature-Geste – nicht vorhanden. Merkel will als Mensch abgebildet sein, nicht als bloße Amtsträgerin. Ein weiteres Ablenkungsmanöver: der knallblaue Blazer. Merkel wählte ihn selbst, weil die Farbe etwas Starkes, Herrschaftliches habe. Er dominiert das Bild. Keine Frage, die Wirkung ist da, auch ohne kunstgeschichtliches Hintergrundwissen: Ultramarin war im Mittelalter und in der Renaissance teurer als Gold. Es wurde nur für die heiligsten Partien verwendet: den Mantel der Jungfrau Maria. Man verkneift sich einen Analogieschluss, nein, das wäre lächerlich! Dennoch ist da diese bestechende Aura aus schräger Ikonografie und poppigem Yves-Klein-Blau. Oberflächlich betrachtet: ein Aus-der-Reihe-Tanzen. So hat sich Merkel ins kollektive Gedächtnis eingebrannt: als Farbtupfer und vielleicht auch als Hoffnungsträgerin in einem Haufen mächtiger Anzugträger.

Gerd Conradt

Siehe auch von ihm:
85/ 60 – und ein Nachruf auf Alexander Kluge

Seine Texte bei uns hier.

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