* 14. Februar 1932, Halberstadt – † 25. März 2026, München
Nachrufe schwirren um meinen Kopf. Wie Echos klingen sie aus einem unbekannten Ort an mein inneres Ohr, verheißen Gutes, Warmes, Sanftes – unbekannte Stille, Weite, Licht. Meine Generation stirbt aus. Wir, die wir noch den 2. Weltkrieg erlebt haben, Bomben, Feuerstürme, Flucht – Mangel an allem. In grauschwarzen Ruinen haben wir gespielt, heiße Sommer und kalte Winter erlebt. Wie unser Land geteilt, in Himmelsrichtungen gedacht wurde. Ost, West – Kalter Krieg. Sozialismus, Kapitalismus – freie Marktwirtschaft.
Bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr bestimmte der sozialistische, dann der kapitalistische Weg mein Leben. Jetzt bin ich fünfundachtzig Jahre geworden und lese, höre, sehe täglich Meldungen vom Sterben von Menschen, die zu meiner Familie oder Wahlverwandtschaft gehörten, die für mich Vorbildcharakter hatten, die nicht den „Mittelweg“ gegangen sind, sondern Forscher und Erfinder waren, die sich als Leiter von Expeditionen ins Universum des menschlichen Daseins gewagt haben.
Eine für mein Leben wichtige Bezugsperson ist der Jurist, Schriftsteller und Filmregisseur Dr. Alexander Kluge, der im März ganz plötzlich und unerwartet gestorben ist. Selbstverständlich gab es in allen Medien Nachrufe, Würdigungen, Erinnerungen, Leistungsnachweise – bis hin zu einem offiziellen Statement des Bundespräsidenten. Die meisten Nachrufe lagen bereits vorgefertigt in den Schubladen und enthielten selten mehr als das, was ich bei Google nachlesen kann.
An dieser Nachrufkultur fehlt mir so etwas wie kreative Überraschung, was diesem einmaligen, unumstößlichen Ereignis des endgültigen körperlichen Vergehens gerecht wird. Ist das die Stunde Null im Leben jedes Menschen? Der Sprung auf die andere Seite?Das berühmte über den Fluss Setzen? Zum letzten Mal ausatmen.
Zum Thema gibt es von mir Wünsche, Erinnerungen, Ergänzungen, Fragen – Schweigen.
Ich bin neugierig. Ein Voyeur? Wer war Alexander Kluge als Ehemann, Vater, Liebhaber, Koch, Genießer, Wanderer, Geschäftsmann? Starb er vermögend? Wer sind seine Erben? Gibt es ein Testament?
Als junger Mann lernte ich den nur neun Jahre älteren Alexander Kluge 1964 in Ulm kennen. Ich war Fotograf, wollte zum Film. Alexander Kluge hatte 1963 zusammen mit dem Regisseur Edgar Reitz an der Hochschule für Gestaltung Ulm eine Abteilung für Filmgestaltung gegründet. Dort wollte ich studieren. Per Anhalter war ich von West-Berlin durch die DDR nach Ulm getrampt. Alexander Kluge machte mir Mut, ich könne mich auch mit Fotografien und Gedichten bewerben. Aufmerksam machte er mich auf dialektisches Denken.
Fortan hatte mein Denken eine Richtung, Zwei in Eins. Nur wenige Jahre später erfasste mich der Strom der 68er-Bewegung, das tägliche Studium des Marxismus-Leninismus gehörte zum Alltag, wurde zur täglichen Nahrung. Meine Sehnsucht, Teil des Proletariats zu sein, meine bürgerliche Prägung abzustreifen, führte mich in die Fabrik. Mit Stempelkarte, im Blaumann, mit Sicherheitsbrille, -handschuhen, -stiefeln ausgerüstet, stand ich für einige Monate im Dreischichtbetrieb am Hochofen des Osram-Konzerns. Ein Unfall beendete meine Karriere als Revolutionär an der Basis.
Das Leben der Menschen ist vom Atem eingerahmt, der erste und der letzte Atemzug. Atem bedeutet Leben. Die Atempause – Innehalten, Sammeln, Neustart. Ausatmen Sterben, Einatmen Leben. Die Atempause, Ort der Leere.
Besonders prägend war Alexander Kluges Stimme. Deutlich hörbar saugte er mit einem kräftigen Zug seinen Lebensatem ein, formulierte Sätze schnell und präzise, so als wäre sein Sprechen jeweils eine Geburt – um das Gesagte oft mit einem kaum vernehmlichen kurzen JA zu bekräftigen.
Sein Sprechen macht Denken hörbar, Nachdenken im Moment.
Nur als Stimme war er meist in den von ihm mit seiner Firma dctp (Development Company for Television Program) produzierten Medienformaten zu hören. Seine Stimme war es, die seine Fernsehprogramme zu einem Markenzeichen machte.
Jetzt ist er verstummt, zu hören ist er jedoch auf vielen Kanälen – auch als beliebter Gast in Talkshows. Vielleicht stärker als zu Lebzeiten wird sein nun konserviertes öffentliches Auftreten als ständiger Redefluss wahrgenommen. Medial ist er omnipräsent.
„Schlachtbeschreibung“ (1964) hieß das erste Buch, das ich von Alexander Kluge gelesen habe. Das war kurz nach meinem Besuch in Ulm. Darin rekonstruiert er die Schlacht von Stalingrad aus der Perspektive fragmentarischer Zeugnisse und individueller Wahrnehmungen. Er montiert riesige Datenmassen mit Zeitzeugenberichten – nicht als lineare Erzählung, sondern wie einen Erfahrungsbericht, in dem die Zersplitterung menschlicher Erfahrungen unter Kriegsbedingungen aufgezeigt wird. Der Roman ist wie ein Panoramabild von einem Ereignis, das als Schlacht von Stalingrad ins Bewusstsein der Menschheitsgeschichte eingegangen ist.
Jedes Wort ein Farbtupfer, jeder Satz gleicht einem Pinselstrich. Von der fehlenden Schraube an einem Panzer bis zu Fehlentscheidungen von Generälen, unterschätzten Wetterberichten, nicht weitergeleiteten Feldpostbriefen zeigt er auf ,wie eine riesige militärische, bürokratische Maschinerie Millionen Menschen in einen qualvollen Untergang führte.
Das Buch habe ich wie in einem Rausch gelesen. Es ist wie die Verteidigungsschrift eines Juristen, eines Anwalts, der die Sinne des „Weltgerichtes“ schärfen und lenken will. Ein Roman, der in der Fülle seiner Fakten wie eine Vorwegnahme von dem wirkt, was heute KI-Programme vorgeben, leisten zu können – ohne den menschlichen Faktors der Schöpferkraft eines Dichters. Ein Roman, der heute aktueller ist denn je, der nicht gelesen, sondern studiert werden sollte.
Die Stadt mit dem Namen Stalingrad heißt heute Wolgograd, nach dem gleichnamigen Fluss Wolga. „Die Nasse“, der längste Fluss Europas, auch „Mutter Wolga“ genannt.
Auf einer Veranstaltung in der Akademie der Künste anlässlich seines 90. Geburtstags 2022 erlebte ich Alexander Kluge in einem Gespräch zum Thema: Das Gedächtnis arbeitet an uns. Er sprach, „ohne Punkt und Komma“, als redete er um sein Leben wie die Erzählerin aus 1001 Nacht. Auf mich wirkte er seltsam verloren. Was war aus meinem Lehrer des dialektischen Denkens geworden? Woher kam seine fast zwanghafte Rastlosigkeit? Ich hatte den Eindruck, als spräche er aus einem Irrgarten, ohne an einen Ausgang zu glauben, der aus dem Irrsinn dieser Welt führen könnte – ein Mann ohne Pause.
Es wird geklagt, unsere demokratische Welt zerfalle in unvereinbare Lager. Die Zeichen stehen auf Rechts. Ohne Links kein Rechts, ohne Oben kein Unten. Welchen Anteil hat Alexander Kluges Werk daran, dass so viele Deutsche nicht mehr an seine Welt des freien Denkens glaubt? An ein demokratisches Zusammenleben auf der Grundlage von Recht und Ordnung? Schöne Worte und freizügige Gedanken füllen keine Mägen. Was aber hilft? Woher könnte Rettung kommen?
Eine der letzten Äußerungen, die mir von Alexander Kluge kurz vor seinem Tod zu Ohren gekommen ist, besagt, er wundere sich, dass das unbeschreibliche Leid aus der Welt der Kriege täglich nüchtern, distanziert und ungerührt vorgetragen werde, ohne dass die Sprecher weinten oder ihre Emotionen zeigten.
Alexander Kluge glaubte an die „Einbildungskraft“ des Menschen. Die wollte er mit einem künstlerisch gestalteten Blick, z.B. aus dem kleinen Fernsehstudio seines Senders dtcp, fördern, um das Unfassbare der emotionslosen Wiederholung von Schreckensmeldungen greifbar zu machen. Er wünschte sich, Nachrichten sollten so vorgetragen werden, wie es Homer in der Antike tat. Über den Trojanischen Krieg berichtete er mit Rhythmus, Musik und tiefen Emotionen.
Es wird gesagt, in den letzten Sekunden vor ihrem Tod erleben Sterbende ihr Leben wie in einem Zeitraffer-Film. Wie mag der bei Alexander Kluge ausgesehen haben? Ritt der rastlos Großkünstler als kleiner Muck auf einem fliegenden Teppich über die Städte und Landschaften dieser Erde durch die Zeitzonen der Menschheitsgeschichte?
Mit der U-Bahn bin ich zum Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte gefahren, dort wurde Alexander Kluge beerdigt. Ich war erstaunt – keine Kränze, kein Stein, ein kleiner Haufen Erde, in der Mitte wie eine Anstecknadel ein rundes Metallschild, daneben eine Rose. Es so zu belassen, würde mir gefallen. Ein kleiner Acker, von dem in kurzer Zeit die Natur Besitz ergreifen würde, um daraus etwas Unvorhersehbares zu machen. Natur? Das, was nicht vom Menschen geschaffen wurde.
Wer bin ich, der zum Grab von Alexander Kluge gegangen ist, wer, der diesen Text geschrieben hat? Auf das Ackergrab dieses erhabenen Menschen lege ich als Gruß eine 50-Cent-Münze.
Zurück in Kreuzberg bitte ich „die Ki“, über mich einen Nachruf zu schreiben. In einer Minute habe ich einen Text, den ich in dieser ausführlichen Genauigkeit nur schwer hätte schreiben können. Es fehlt allerdings jede kreative Überraschung.
Wolfgang von Goethe würdigte in einem Nachruft seinen rastlos schaffenden Dichterfreund Friedrich Schiller: Er glänzt uns vor, wie ein Komet entschwindend, unendlich Licht mit seinem Licht verbindend.
© Gerd Conradt
06.2026
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VIDEO VITA – Gerd 85 / 60
Das 1919 gegründete „Kino am Bundesplatz“ ist ein Berliner Programmkino, wie es sie nur noch wenige gibt. Was mich schon immer fasziniert hat, ist, dass die Zuschauer (meistens Leute aus der Nachbarschaft) nicht „den“ Film sehen, sondern „ins“ Kino gehen: eigentlich eines der höchsten Konzepte der Filmkultur. Vor und nach dem Film verweilen die Leute im Foyer bei einem Stück Kuchen und einem Kaffee oder einem Prosecco (von Popcorn ist hier überhaupt keine Rede).
In diesem schönen Rahmen fand am 31. Mai (anlässlich seines 85. Geburtstags) eine Retrospektive über die 60-jährige Karriere von Gerd Conradt statt, ein außergewöhnlicher Lebensweg, der 1968 mit einer Rolle Farbfilm begann und bis heute mit dem Einsatz neuester Technologien fortgesetzt wird.
Der Saal war voll besetzt (was heutzutage ungewöhnlich ist, auch wenn es nicht viele Sitzplätze gab) Das Durchschnittsalter des Publikums war selbstverständlich ziemlich hoch, eine Schar von Achtundsechzigern, die für eine elektrisierende Atmosphäre sorgte und eine Aura ausstrahlte, die aus jahrzehntelangen individuellen kulturellen Werdegängen entsprang.
Wir konnten eine Anthologie von Gerds Videos erleben, beginnend mit dem allerersten Frederic Rzewski ißt Spaghetti bei Carlone Via della Luce 55 (1966) über Der Video-Pionier (1984) und Starbuck Holger Meins (2001). Und natürlich darf auch Farbtest Rote Fahne (1968) nicht fehlen, ein Projekt, das in Berlin begann und sich im Laufe der Jahre (bis 2008) zwischen Peking, Sulmona, Stockholm usw. weiterentwickelte.
Ich kenne Gerd seit fast 15 Jahren und habe als Grafiker viele seiner DVD-Cover gestaltet, mich dabei in deren Kontext vertieft und ein Endprodukt zu einem einzigen spezifischen Thema geschaffen. Nachdem ich sie nun im Bundesplatz Kino alle hintereinander gesehen habe, habe ich (besser spät als nie) verstanden, was der rote Faden ist, der sie verbindet: Es ist die Genauigkeit, mit der Gerd Conradt uns menschliche Wesen beobachtet, und vor allem die unstillbare Neugier auf Themen, die untereinander unendlich unterschiedlich sind.
Eine Leidenschaft, die ihn (bislang) durch 60 Jahre Karriere begleitet hat.
Ich warte gespannt auf die Präsentation seines nächsten Werks (wie ich ihn kenne, ist es nur eine Frage von wenigen Monaten).
Fabio Biasio für YTALI

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