Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer
Schwalben sind Meister der Baukunst und der Flugkünste. Unter Dächern bauen sie als Paare für ihren Nachwuchs architektonische Kunstwerke. Schwalben verbringen den europäischen Winter in Afrika, bei uns gelten sie als Frühlingsboten. Wenn Schwalben hoch am Himmel fliegen, bedeute es nach einer alten Bauernregel, es stehe schönes, stabiles, sonniges Wetter bevor. So hat es mir mein Vater, als ich ein Kind war, in der Thüringer Heimat erklärt. Er war Landwirt, Kartoffelspezialist.
Auf einem himmelblauen Motorroller, Typ Simson Schwalbe, Baujahr 1975, fährt strahlend und winkend der 35 Jahre alte Ulrich Siegmund, von Beruf Duftverkäufer, durch seine Heimat Sachsen-Anhalt, „das Land der Frühaufsteher“. Seine Anhänger ergehen sich in Rufen: „Sieg“ und „Mund“. Siegmund, „Sieger des Schutzes“, hat als Spitzenkandidat der Partei „Alternative für Deutschland“, AfD, am 6. September die Landtagswahlen mit 43.8 % gewonnen. Als Wahlgewinner hat die Partei das Recht, den neuen Ministerpräsidenten zu stellen – sofern es der AfD gelingt, im jetzt tief gespaltenen Land eine Mehrheit für ihren Kandidaten, für ihre Politik zu finden.
Neue Mauern durchziehen das einst über 40 Jahre geteilte deutsche Land. Die mit kurzen Unterbrechungen regierende „Christlich Demokratische Union“, CDU, hat Brandmauern errichtet, nach rechts und links. Die AfD wird vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft – keine Partei will mit ihr koalieren.
Auch bei den Landtagswahlen am 20. September hat die AfD kräftig zugelegt. Im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern wurde sie stärkste Fraktion.In Berlin hat sie ihren Stimmenanteil verdoppelt. Während die „Linkspartei“ hier mit großem Abstand gewonnen hat, verloren alle anderen demokratischen Parteien. In Mecklenburg-Vorpommern ist die CDU nicht mehr im Landtag vertreten. Ein historisches Ereignis, ein Desaster nennt es Bundeskanzler Merz.
Im Zusammenhang mit einer Filmveranstaltung in Thüringen hatte ich mich im Vorfeld mit dem dort gewählten Bundestagsabgeordneten getroffen und aufgrund unserer Heimatverbundenheit schnell eine „Schnittmenge“ gefunden, die zu einem vertrauten Gespräch führte. Er stammt aus derselben Kleinstadt wie ich, ist in derselben Straße mit dem Namen des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas-Mann aufgewachsen, zwei Generationen später als ich. Er ist Mitglied der AfD. Da es ein kleiner Ort ist, gab es in unserer Familiengeschichte sogar Berührungspunkte aus früheren Zeiten.
Kann es sein, dass durch Begegnungen Biografien sichtbar werden, die es möglich machen, über Trennendes zu sprechen?
Seit Jahren steht er auf Platz 1 der Skala der beliebtesten Politiker in Deutschland, Boris Pistorius, 68 Jahre, seit 2023 Verteidigungsminister, SPD, Hobbykoch und begeisterter Fußballer. Vor einigen Tagen kehrte er aus den USA zurück, im Reisegepäck die neuste Wunderwaffe, das einsitzige Mehrzweckkampfflugzeug F-35A, ein Tarnkappenbomber, „der schwer entdeckt werden kann“ und „für die nukleare Teilnahme“ ausgelegt ist. Kosten 200 Millionen Euro. 35 hat die Bundeswehr bestellt. Ein Auftrag in Höhe von 10 Milliarden Euro ging an die größte Rüstungsschmiede der Welt, Lockheed Martin. Pistorius gehört zu der Fraktion, die Deutschland „kriegstüchtig“ machen will. Willy Brandt sagte: „Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.“ Damals hatte die SPD in Westberlin 61% Zustimmung in der Bevölkerung.

Der Vogel Schwalbe fliegt und der Motorroller Schwalbe fährt bis zu 60 km/h proStunde. Der neue Kampfjet F-35A erreicht 2000 km/h. Tier und Mensch brauchen zur Durchquerung des Landes Sachsen-Anhalt von West nach Ost drei Stunden, die F-35A 5,4 Minuten.
Obwohl es arm erscheint, ist Sachsen Anhalt ein reiches Land. Materiell und kulturhistorisch. Der Vater des berühmtesten Rebellen dieses Land, des 1483 in Eisleben geborenen Martin Luther, war ein vermögender Mann, Hüttenmeister, Grubenbesitzer und Ratsherr. Das Mansfeld, zu dem Eisleben zählt, war über Jahrzehnte eines der größten Silber- und Kupferabbaugebiete in Europa. Dementsprechend haben sich im Land zum Teil bis heute hochwertige Stadtstrukturen erhalten.
In den Schulferien durfte ich meinen Vater mehrfach auf Inspektionsfahren nach Sachsen- Anhalt begleiten. Im betriebseigenen Opel P4 fuhren wir ins Eichsfeld. Dort strahlten seine blauen Augen besonders, denn die Schwarzerde in der Magdeburger Börde gehört zu den besten Böden Deutschlands, Bodenwertzahl 100. Das waren abenteuerliche Fahrten. Unser Auto, Baujahr 1937, erregte auf den volkseigenen Gütern, die mein Vater besuchte, große Aufmerksamkeit. Die eben verstaatlichten Bauern standen Besuchen vom Staat kritisch gegenüber, zumal ein Opel P4 noch im Deutschen Reich gebaut worden war. Doch mein Vater verstand sich mit den Bauern und ließ erkennen, dass er die totale Verstaatlichung der Landwirtschaft in der DDR kritisch sah. Darum floh er kurz vor dem Bau der Mauer mit der Familie nach Westberlin, um einer Verhaftung zu entgehen. Im Westen wurde aus dem Kartoffelspezialisten ein Weinexperte.

Die Stadt Tangermünde gehört zu den schönsten Städten in Sachsen-Anhalt. Sie war zweiter Wohnsitz von Kaiser Karl IV (1373), der sich an den Ufern der Elbe die heute noch gut erhaltene Burg Tangermünde bauen ließ. Alte Fachwerkhäuser und Gebäude im Stil der Backsteingotik prägen die Stadt.
Im Mai 1945 reichten sich Vertreter der Alliierten und der Roten Armee an der Elbe die Hände. Dem war auf der Höhe von Tangermünde ein Ereignis vorangegangen, das in der deutschen Geschichte zu wenig Beachtung gefunden hat. General Walter Wencks 12. Armee bestand aus schlecht ausgebildeten, halb verhungerten Jugendlichen, mit denen er laut Befehl Berlin befreien sollte. Diese Kinderarmee war „Hitlers letzte Hoffnung“. Stattdessen öffnete der 44 Jahre alte Walter Wenck einen Korridor in Richtung Osten und schleuste hunderttausende Soldaten und Zivilisten bei Tangermünde über die Elbe, um ihnen eine Gefangenschaft durch die Rote Armee zu ersparen.
Aus seiner Heimatstadt Tangermünde sendet Ulrich Siegmund via TikTok auf seinem Kanal „mutzurwahrheit90“ Botschaften. 750.000 Follower lauschen seinen „Wahrheiten“. Seit 2016 ist „der Siggi“ Abgeordneter der AfD im Landtag von Sachsen- Anhalt, Monatsgehalt (mit allen Zulagen) 12.000€. Der Spiegel brachte den AfD-Mann Siegmund als Coverbild mit dem Slogan: „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. Solche Meldungen, Fragen und Antworten aus den Parlamenten, Straßeninterviews, Statements von jugendlichen AfD-Anhängern, Berichte aus der Partei und von Stammtischen, Analysen von Talkshows – alles trashig flott montiert – bringen Aufmerksamkeit und Reichweite.
Die Simson Schwalbe ist Siegmunds Markenzeichen. Er organisierte Manifestationen mit bis zu 5000 Schwalbefans, darunter viele Frauen, denn die Schwalbe ist wegen ihres tiefen Durchstiegs und ihres Doppelsattels ein bei Frauen beliebtes Fahrzeug. Der Motorroller Simson Schwalbe gehörte in der DDR zu den Symbolen, die für Beweglichkeit und Freiheit standen. Über eine Million Roller gingen vom Band.
Das Simson-Werk wurde von der jüdischen Familie Simson 1856 gegründet. Bis zu ihrer Enteignung durch die Nationalsozialisten stellten sie Jagd- und Militärwaffen sowie Rüstungsgüter aller Art in hoher Stückzahl her. Sie waren unter den Ersten, die Automobile der Luxusklasse fabrizierten, auch Fahrräder und Kinderwagen. Unter den Nationalsozialisten wurde aus dem Werk eine der größten Rüstungsschmieden für den 2. Weltkrieg. Die jüdischen Eigentümer konnten in die Schweiz und in die USA fliehen. Die Nachfahren der Gründerfamilie Simson kritisieren den AfD-Politiker Ulrich Siegmund wegen der werblichen Vereinnahmung des Kultmopeds für seine politischen Kampagnen. Geschichte hört nicht auf zu sein.
„Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“, meint nach Aristoteles, aus einem guten Frühling soll man keine falschen Schlüsse ziehen.
In Berlin punktete „Die Linke“ mit dem Thema Mieten, dem fehlenden und extrem teuren Wohngut. (70% Anstieg in den letzten Zehn Jahren).
Eines der berühmtesten Bücher von Friedrich Engels heißt: „Zur Wohnungsfrage“. Laut Engels lässt sich „die Wohnungsfrage“ innerhalb des Kapitalismus nicht lösen, „da der Wohnraum als Ware und Profitquelle diene. Eine dauerhafte Verbesserung sei erst durch die Umgestaltung der gesamten Gesellschaft und die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln möglich“, schreibt er.
Auch wenn „Die Linke“ Großkonzerne enteignen will, bleibt Wohnen ein Teil des Lebens in einer von der Gier des Geldes bestimmten Gesellschaft. Und die befindet sich an mehreren Fronten im Krieg.
Diplomatische Lösungen sind nicht in Sicht. Weder mit Russland noch im Krieg zwischen den USA und dem Iran oder dem in Palästina. Ebensowenig in den vielen kleineren und größeren militärischen Auseinandersetzungen in der Welt.
In mehreren Landtagen und im Bundestag sitzen nunmehr seit zehn Jahren Vertreter der AfD und „des demokratischen Blocks“ unter einem Dach. Sie begegnen sich täglich, offiziell reden sie nicht miteinander. Das halte ich für einen unklugen Zustand, und auf menschlicher Ebene für eine Verhärtung der Herzen, die zum Infarkt führen kann.
Die AfD ist demokratisch gewählt, tritt inzwischen selbstverständlich als Partei in vielen Talkshows und Nachrichtensendungen auf – da scheint die Brandmauer gefallen zu sein.
Polis – regelte in der Antike das Zusammenleben der Bürger. Polis war dort kein Regieren von oben, sondern aktive Bürgerangelegenheit. Politik bedeutete aktive Mitgestaltung des öffentlichen Lebens. Nach Aristoteles ist der Mensch von Natur aus ein Gemeinschaftswesen, das seine Bestimmung und ein gutes Leben nur in und durch die staatliche Gemeinschaft der Polis verwirklichen kann.

Die AfD hat ein Foto veröffentlicht von ihrer Fraktion im zukünftigen Landtag von Sachsen-Anhalt. Darauf sind 39 Menschen zu sehen, 36 Männer und 3 Frauen. Ich prophezeie, dass sich dieser Männerhaufen in kurzer Zeit zerlegen wird.
Der Reformator Martin Luther hätte ohne seine Frau Katharina von Bora nicht überlebt. Als Nonne lernte sie Lesen und Schreiben, auch die Grundkenntnisse in Latein. Luthers Schriften zur Reformation motivierten sie, aus dem Kloster zu fliehen. 1525 heiratete die Nonne den Mönch, die Familie des Kunstmalers Lucas Cranach war Trauzeuge.

Katharina von Bora verwaltete und bewirtschaftete die umfangreichen Ländereien, betrieb Viehzucht, eine Bierbrauerei, bewirtete Luthers Studenten und in Zeiten der Pest führte sie mit anderen Frauen ein Hospiz. Die Luthers hatten sechs Kinder. Katharina betreute die Drucklegung der Schriften ihres Mannes und zeichnete sich durch „schlagfertige Beiträge bei Tischgesprächen und in Briefen aus“.
Elif Eralp sagte unmittelbar nach ihrem Wahlsieg in Berlin: „In unserer Stadt haben die Liebe und die Gerechtigkeit über den Hass gewonnen.“
Noch in der Wahlnacht überzieht das Establishment Berlins die Gewinnerin und ihre Partei mit Hass und Häme – in einem Ausmaß, wie ich es persönlich als Student 1968 erlebt habe. Damals wie heute steht der Springerkonzern – den wir damals enteignen wollten – an der Spitze diese Kampagne. Passend dazu verleiht der Konzernchef Matthias Döpfner in diesen Tagen Peter Thiel den „Axel Springer Award 2026“. Thiel zeichnet er aus als den „wahrscheinlich mit Abstand einflussreichsten Deutschen unserer Zeit“ und lobt dessen „mutigen Widerspruchsgeist“.
Das, was Thiel macht, ist keine Schwalbe im Sinn des Fußballsports. Er ist der Tech-Oligarch, der Trump zum Wahlsieg verholfen hat, als Mitgründer von PayPal sowie als früher Investor bei Facebook hat er deren Marktwert fundamental gesteigert. Mit seiner Firma Palantir will er groß ins Deutschlandgeschäft einsteigen. Beide stärken die AfD. Markant ? Döpfners Sohn Moritz hat als „Chief of Staff“ bei Peter Thiel gearbeitet. Ob sie Deutsch miteinander gesprochen haben?
In den nächsten Tagen kommt ein Dokumentarfilm der Regisseurin und Autorin Sandra Prechtel in die Kinos: „Einar Schleef – Ich habe kein Deutschland gefunden.“
Nach Ansicht der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat es in Deutschland nach dem Krieg nur zwei Genies gegeben, im Westen Fassbinder und im Osten Schleef. Einar Schleef, 1944 im Herzen von Sachsen-Anhalt, in Sangerhausen geboren, der Stadt mit dem größten Rosengarten Europas, war Maler, Autor, Regisseur. Aus biographischen Schlaglichtern fügt Sandra Prechtel das Porträt eines so widerständigen wie verletzlichen Einzelgängers mit enfant-terrible-Ruf und Selbstzerstörungspotenzial. Erzählt wird vom Theater und den Verdrängungsmechanismen der Nachkriegsgesellschaft sowie – anders als man es kennt – von deutsch-deutscher Wirklichkeit.
„Frauen tragen die Hälfte des Himmels“, ein altes chinesisches Sprichwort, deutet an: Erst wenn es volle Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Welt gibt, besteht die Hoffnung, dass es keine Kriege mehr geben wird, die Wohnungsfrage gelöst ist und es Simson Schwalben nur noch als e-mobile Variante gibt.
Gerd Conradt_10_2026
Siehe auch von ihm:
85/ 60 – und ein Nachruf auf Alexander Kluge
Seine Texte bei uns hier.
















