Geschrieben am 1. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024

Gerd Conradt: Berlin, Kamerun

Berliner Kameruner © Foto: Guido Draheim/ Wiki-Commons

Auf meinem Schulweg in Erfurt, DDR, 1953, kam ich täglich an einer Bäckerei vorbei. Der Geruch frischer Backwaren hatte für mich etwas Magisches. Jedesmal blieb ich stehen, schaute mir die Auslagen an. Im Schaufenster hingen Transparente: Ewige Freundschaft mit der ruhmreichen Sowjetunion, Unser Arbeitsplatz – unser Kampfplatz für den Frieden. Daneben hing das Foto einer Verkäuferin aus dem Laden. Sie war als Aktivistin ausgezeichnet worden für vorbildliche sozialistische Arbeit im HO-Kollektiv. Unter dem Foto stand: Arbeite mit, plane mit, regiere mit!

Ich ging hinein und kaufte mir für 5 Pfennig einen Kameruner – ein süßes Spritzgebäck. Ein Pfannkuchen gefüllt mit Pflaumenmus hätte 10 Pfennig gekostet. Ich setzte mich auf die Stufen des Erfurter Doms und genoss den Zauber dieser Köstlichkeit.

Erfurter Dom von oben © wiki-commons

Mit blauem Halstuch sammelte ich zweimal in der Woche im Pionierkollektiv Altstoffe: Papier, Glas, Metall. Unsere Schätze wurden in der Schule gewogen und das Gewicht jeden Monat auf einer Wandzeitung veröffentlicht. Die Fleißigsten wurden belohnt, meist mit Eintrittskarten für sozialistische Sport- oder Kulturveranstaltungen. Die Jahresbesten wurden zum Besuch eines Pionierlagers eingeladen. Einmal gehörte ich dazu. Im Pionierlager Thomas Müntzer auf dem Rathsfeld am Kyffhäuser lernte ich Kinder aus Afrika kennen.

Diese lebten im internationalen Teil der Zeltstadt. Unser Tagesablauf hatte eine feste Struktur, vom Morgenappel mit dem Hissen der Pionierfahne – dann Sport, Arbeitsgruppen, Ausflüge, Tagesauswertungen – bis zum Einholen der Fahne. In der raren Freizeit schlich ich mich zum internationalen Lager, bestaunte die Fahnen dort, die andere Kleidung und hörte mir fremde Sprachen.

Der Name Thomas Müntzer hatte sich bei mir fest eingeprägt. Er wurde mein Held! Er war es, der im Mai 1525 die aufständischen Bauern im Kampf gegen die adligen Großgrundbesitzer angeführt hatte. Er und seine Mitstreiter verloren. Thomas Müntzer wurde gefangen und später enthauptet. Der Kampf hatte genau auf dem Boden stattgefunden, auf dem unser Zeltlager stand. Bei unseren Geländespielen im Wald fühlten wir uns den aufständischen Bauern nah. Denn wir Jungen Pioniere kämpften gegen die „Kriegstreiber aus Amerika“. Das waren die Bösen.

Thomas Müntzer auf der 5-DDR-Mark-Banknote in der Ausgabe von 1971 bis 1990

Es gab verschiedene Buden, in denen wir mit Bällen oder Lufgewehren auf den US-Präsidenten, aber auch auf Adenauer, den Kanzler der Bundesrepublik, werfen oder schießen konnten. Wenn wir abends am Lagerfeuer saßen, sozialistische Kampflieder sangen, sahen wir Flugzeuge am Himmel. Uns wurde gesagt, von diesen amerikanischer Flugzeugen würden Kartoffelkäfer abgeworfen , mit denen unsere Kartoffelernte zerstört werden sollte. Natürlich sammelten wir am nächsten Tag umso eifriger diese gelb-schwarz-gestreiften und mit rotem Kopf versehenen Schädlinge, Feinde des Sozialismus.

Zwischen unserem und dem internationalen Teil des Lagers gab es organisierte Begegnungen, z.B. zum Zweck, Brieffreundschaften zu schließen. Gerne hätte ich mich mit einem Jungen aus Afrika angefreundet, doch dafür war ich zu schüchtern. Ich wusste auch nicht, ob das meine Eltern erlaubt hätten. Afrika, das war nicht nur weit weg, sondern auch so unbekannt, dass das – heute würde ich sagen – für mich eine Nummer zu groß gewesen wäre. Afrika, das war das unbekannte Fremde.

Mein Eltern verehrten Albert Schweitzer, den „Urwaldarzt“, der im zentralafrikanischen Gabun ein Krankenhaus eröffnet hatte. An einem großen Fluss im Busch, wo die Menschen besonders unter der Tropenkrankheit Malaria litten. Er war auch Missionar. Er forschte über Jesus Christus und war ein hervorragender Orgelspieler. Seine Losung lautete: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Diese Worte gaben mir meine Eltern mit auf den Weg, als ich zwei Jahre später, 1955, von Erfurt nach Westberlin zog, was damals ohne Probleme möglich war. Mein neues Zuhause wurde ein evangelisches Schülerheim in Berlin-Schlachtensee, im Süden von Berlin. Wohngegend eins, wie es die Berliner nannten.

Eines Tages, 1967, sah ich auf einer Litfaßsäule ein Plakat, eine Zeichnung von einem Gebäude, das wie ein UFO aussah. Wie vom Blitz getroffen blieb ich vor dem Bild stehen und wusste, so sieht Zukunft aus. Als ich erfahren hatte, dass mein Ufo ein Geschenk der Amerikaner an die West-Berliner war, musste ich meine Gefühle zu dem Volk überdenken, über das ich in der DDR nur Böses gelernt hatte. Wer solche Geschenke machte, mit dem wollte ich befreundet sein.

Wenn ich damals mit der S-Bahn in die Stadt fuhr, sah ich nur zerstörte Häuser, vom Feuerruß geschwärzte Ruinen – gespenstisch wie ein unbewohnbarer Planet.

Ich wurde Fotograf, studierte Film. Mein erstes Zimmer als Untermieter hatte ich in der Nähe der U-Bahnstation Onkel-Toms-Hütte. Das Buch, nach dem diese Station benannt war, hatte wir bereits in der Christenlehre in der DDR gelesen. Seid ehrlich, treu und christlich, wie er es war, und gedenkt eurer Freiheit jedesmal, wenn ihr Onkel Toms Hütte seht! Diese Worte hatten sich mir eingeprägt.

Letzte Woche fuhr ich in die Kameruner Straße in Berlin-Wedding, ins Afrikanische Viertel. Tatsächlich konnte ich im Kiez-Back-Cafe einen Kameruner für 1.30 € kaufen.

Damit könnte die Geschichte beendet sein, ist sie aber nicht, sondern fängt wieder von vorne an, so wie Zeit nie endet.

Seit ihrer Entstehung war die „Schwangere Auster“, wie die Berliner:innen diese Kultstätte der Moderne spöttisch nannten, für mich Schutzhütte und Ort vielfältigster Inspirationen und ist es bis heute geblieben.

Wenn ich die große Freitreppe am Wasserbecken empor unter das geschwungene Dach steige, fühle ich mich wie ein „Large Butterfly“, so ist der Name der kraftvollen Bronze des englischen Bildhauers Henry Moore, die vor dem HKW steht.

Dieses Haus der Kulturen der Welt hat seit dem 1. Januar 2023 einen neuen Intendanten, Prof. Dr. Bonaventure Soh Bejeng Ndikung.

Der in Kamerun geborene und seit langer Zeit in Berlin lebende Biotechnologe, Kunstvermittler, Visionär, Versöhner sagt: Berlin ist Heimat für Bürgerinnen und Bürger aus 190 Nationen und die müssen nun Mitgestaltende eines Hauses der Kulturen der Welt sein.

Das klingt großartig. Wir Berliner:innen sind zur Mitarbeit eingeladen!

Mein Vorschlag:

Als Flaneur in der Kameruner Straße kam ich mit einigen Menschen ins Gespräch, niemand konnte mir Genaueres über das Land sagen, dessen Namen ihre Straße trägt. Kamerun ist für Menschen in der Kameruner Straße ein weißer Fleck auf der Landkarte.

Die Kameruner Straße liegt in Deutschlands größtem Kolonialviertel. In der 700 Meter langen Straße stehen 60 Mietshäuser. Die Hälfte um 1900 im bürgerlichen Stil erbaut, die andere Hälfte sind Neubauten. Am Ende der Straße befindet sich die Kleingartenkolonie Kamerun.

Die Straßen im Afrikanischen Viertel wurden nach den Ländern benannt, in denen Deutschland Kolonien gewaltsam erobert hatte.

Über Umbenennungen wird seit langem gestritten. Die einen wollen die Straßen nach Afrikaner:innen benennen, die gegen die Kolonialisierung gekämpft haben, die anderen die Namen beibehalten, um an deren Beispiel die deutsche Kolonialgeschichte in Erinnerung zu rufen.

2.500 Afrikaner:innen leben in dem Viertel, ihre Kinder als deutsche Staatsbürger:innen werden nicht mehr gesondert gezählt.

Die Kameruner Straße ist EIN KOSMOS. Diesen unbekannten Kontinent gemeinsam mit den Bewohner:innen zu erforschen, aufzuschlüsseln, neue Verbindungen mit und unter den Menschen, die dort leben, sichtbar zu machen, kann ein Projekt von großer Strahlkraft werden, kann Modellcharakter haben.

Ist der Kosmos Kameruner Straße ein Entwicklungsland? Leben die Menschen dort in postkolonialen Verhältnissen?

Die Kameruner Straße mit ihren Menschen, Tätigkeiten, Beziehungsstrukturen, Geschäften – als Erzählung, Ausstellung unmittelbar aus und für das Leben. Geistige und praktische Nachbarschaft. Gezeigt im Haus der Kulturen der Welt – in stetiger Anwesenheit von Menschen aus der Kameruner Straße. Solch ein Projekt wäre ein Novum in der Kunstgeschichte.

Offen bleiben die Fragen: Woher kommt der Name des Gebäcks Kameruner und warum haben die Amerikaner den Deutschen diese Kongresshalle geschenkt?

Zuerst veröffentlicht beim italienischen Kulturmagazin italy.

Tags : ,