Geschrieben am 1. Februar 2025 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2025

Fritjof Meyer: »Die Mücke im Fell des Bären«

„Er hasst das System – aber er versteht die Russen“

Reminiszenz eines früheren Spiegel-Kollegen an den Osteuropa-Experten Fritjof Meyer und sein immer noch hochaktuelles Buch – von Sebastian Knauer.

Fritjof Meyer: Die Mücke im Fell des Bären. Mit einem Vorwort von Michail Gorbatschow. edition Olzog, Lau Verlag, Reinbek 2020. 572 Seiten, 24 Euro.

Fritjof Meyer, 92, der langjährige Osteuropaexperte und Auslandsressortleiter des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, hat 2020 die Bilanz seiner journalistischen Begegnungen in der alten Sowjetunion und der russischen Föderation als  opulentes Buch vorgelegt. Bis heute ist es äußerst lesenswert: von den wechselnden Staatsoberhäuptern im Kreml bis zu den Landarbeitern auf der Kolchose oder zu den Damen mit den Stöckelschuhen. Es bietet eine faszinierende Innenansicht vom größten Land der Erde wie auch vom Innenleben der Redaktion des Spiegel. Und es ist ein Verständis-Buch für die Zeit nach dem sich abzeichnenden Ende des Ukraine-Kriegs mit einem Russland ob mit oder ohne Wladimir Putin. Denn jenseits des Säbelrasseln und der militärischen Logik der derzeitigen Politik gibt es ein Russland der Freundschaft, der Zuverlässsigkeit, der musikalischen Emotionen und leidvoller geschichtlicher Erfahrungen in einem gemeinsamen Europa der Kulturen. – Von Sebastian Knauer.

Für die Strecke St. Petersburg zum schleswig hosteinischen Großhansdorf berechnet die Google Maps 2005 Kilometer entlang der deutschen, baltischen und russischen Ostseeküste.

In anonymen Etagen getarnter Bürogebäude in St.Petersburg arbeiten arbeiten seit Jahren Heerscharen des neuen Cyberkriegs als elektronischen IT-Kobolde des russischen Reiches im Krieg der Netze. Ziel ist es,  Bundestagswahlen oder US-Wahlergebnisse zu beeinflussen, hoch geheime Steuerungselektronik von Nato-Raketenbasen in Deutschland zu erkunden, die Funktion von Unterseekabeln oder von nuklearen Kraftwerken zu beeinflussen.

Ort des ominösen Vogelhäuschens, rot eingekreist

Da überrascht es, dass auch ein biederes Einfamilienhaus in Gelb-Klinker der Familie Meyer – mit Trimm-Bad, Sauna und 1400 Büchern – in dem knapp 10.000 Einwohner-Ort Großhansdorf am östlichen Rand der Hansastadt Hamburg auf schleswig-holsteinischem Staatsgebiet offenbar ebenfalls ins Visier der staatlichen Hacker geraten ist. Zweimal innerhalb weniger Jahre wurde dem Hausbesitzer Fritjof Meyer der Computer gehackt. Er lebt jetzt analog ohne Internet oder Mobilfunk. „Das waren die Russen“, sagt der Kenner, gestützt auf Expertenmeinungen. Der ehemalige Spiegel-Journalist gilt den Geheimdiensten auch 20 Jahre nach dem Eintritt in den Ruhestand wohl immer noch als Sicherheitsrisiko für das flächenmäßig grösste Land der Erde (doppelt so groß wie Kanada oder China) unter dem derzeitigen diktatorischen Regime von Staatspräsident Wladimir Putin.

Der hatte Redakteur Meyer bereits1994 anlässlich des traditionsreichen Matthiae-Mahls des Hamburger Senats am Vormittag im Spiegel-Gebäude, Zimmer 822, besucht als damaliger stellvertretender Bürgermeister von Hamburgs Partnerstadt St. Petersburg. Meyer: „Putin mag mich nicht, aber er liest mich.“

Hinzu kommt ein schlichtes Vogelhäuschen mit vermutlichem KGB-Hintergrund in der beschaulichen Wohnstrasse, das über Nacht in einem angrenzendem Baum am Straßenrand am untersten Ast positioniert worden war. Das Einflugloch war direkt auf den Eingang von Meyers Wohnhaus ausgerichtet. „Hast Du das aufhängen lassen“, wollte der aufmerksame Beobachter von seiner Studentenliebe und späteren Frau Gitty, die er jetzt pflegt, wissen? Spätestens als an den nächsten Tagen seltsame Besucher in Privatautos mit HH-Kennzeichen in der ruhigen Wohnstrasse kurvten und das Vogelhäuschen verschwunden war, dämmerte es dem Seniorenpaar: Da hat irgendjemand im großen Sowjetreich vergessen, die Karteikarte Meyer zu aktualisieren. „Außer Diensten“.

Da hätten die Spione sich aber auch schwer getäuscht. Denn Meyer-Ost hat einen fast 600 Seitenwälzer vorgelegt, der der Größe des geliebten und gehassten Landes würdig ist. Das Vorwort hat kein Geringerer als der Wegbereiter der Deutschen Einheit und Vater der Perestroika („Umbau“) und Möglichmacher des Truppenabzugs der Roten Armee aus Ostdeutschland verfasst: der ehemalige UdSSR-Staatspräsident Michael Gorbatschow, der Meyer herzlich verbunden war. An der Beerdigung Gorbatschows 2022 in Moskau nahm kein hochrangiger Vertreter des wiedervereinten Deutschland teil. Geschickt wurde ein untergeordneter Stellvertreter des an Corona erkrankten deutschen Botschafters in Moskau. Dankbarkeit sieht anders aus.

Den heutigen Krieg der Worte und den Ruf nach immer mehr Waffen im Ukrainekrieg aus den warmen Sesseln deutscher und europäischer Abgeordnetenbüros mit den beliebten Etiketten-Aufklebern »Putin-Gegner« und »Putin-Freunde« sieht Meyer-Ost etwas klarsichtiger.

„Anders als die Völker an fernen Küsten können die Deutschen nicht gleichsam von der Galerie aus den Untergang eines großen Reiches betrachten, dessen Soldaten an der Elbe stehen. Die Deutschen sind Betroffene, die Russen gehören jener Familie an, zu der Europa zusammenwächst und deren Mitglieder Streitigkeiten nicht mehr alleine wie allein noch im Ostblock mit Gewalt ausgetragen werden können, ohne dass die ganze Familie ausgelöscht wird.“

Fritjof Meyer mit seinem Buch (c) Sebastian Knauer

So steht es in Meyers Buch „Weltmacht im Abstieg – der Niedergang der Sowjet-Union“ von 1984, in dem er den unbekannten Provinzler Gorbatschow als kommenden Sowjetchef ankündigte – was bald darauf eintraf und ihm ein halbes Dutzend Anhänger unter höheren Sowjet-Funktionären eintrug, die alle von Gorbatschow in seinen Beraterstab berufen wurden und ihnen im Zug seines Amtseintritt Meyers Programm für einen Wandel wörtlich empfahlen, am 2. April 1985.

Über seinen Vertrauten Mavriks Vulfsons, Fernsehdirektor im lettischen Riga, lancierte Meyer ein Faksimilé des – in der UdSSR streng verschwiegenen – Zusatzprotokolls zum Hitler-Stalin-Pakt von 1939 in das lettische Parteiorgan. Kurz darauf, am 29.8.1993, dem 30. Jahrestag des Pakts, demonstrierten – vom Rigarer Rundfunk gerufen – zwei Millionen Balten in einer Menschenkette durch die drei baltischen Staaten, die Monate später ihren Austritt aus der UdSSR erklärten. Zu Weihnachten 1989 löste sich die Sowjetunion auf. Meyer empfing den Mavriks-Vulfsons-Preis für seinen „wichtigen Beitrag zur Wiedererlangung der lettischen Selbständigkeit“.

Als auf der Spiegel- Konferenz die Nachricht vom Ende der UdSSR thematisiert wurde , beugte sich Augstein über den breiten Konferenztisch, reichte dem ihm gegenüber sitzenden Meyer die Hand und befand: „Du hast sie gekippt.“

Meyer in seinem neuen Buch: „In Wahrheit hatte der Koloß Sowjetunion Suizid begangen.“ Heute meint er, „es sei ein assistierter Suizid gewesen: Er habe dabei die Lampe gehalten.“

Der Schrecken selbst eines aktuell geworden Atomkriegs zwischen Russland und den westlichen Verteidigungsbündnis schwingt hier hellseherisch mit, obwohl Meyer das Buch vor dem Einmarsch Russlands in der Ukraine abgeschlossen hatte. Möglicherweise hatte selbst er sich hinsichtlich der Gewaltbereitschaft Putins getäuscht. 

Und auch Putin ist nach der überraschenden Analyse Meyers selbst ein Getriebener. Nur so kann der Russland-Kenner zu dem Schluss kommen, dass die Annexion der Krim im Jahre 2014 völkerrechtlich legal und in der Konsequenz sogar „friedensfördernd“ gewesen sei. Denn den Plan eines Befehlshaber des Militär-Geheimdienstes namens Igor Girkin, die die pro-russische Bewegung in den mehrheitlich russisch besiedelten Donbass anführte, zu annektieren, unterband Putin aus Mißtrauen gegenüber dem eigenen Militär-Geheimdienst. Dafür gab es bislang weitgehend unbekannte Gründe. Meyer heute: Putin habe sich den Militärs beugen müssen, nachdem Girkin die Passagiermaschine der Malysian Air MH 17 habe abschiessen lassen, in der Annahme, es handle sich um Putins Präsidentenmaschine. Im vergangenen Jahr wurde Girkin zu vier Jahren Lagerhaft in Russland verurteilt.

Tatsächlich tragen die Boeings der Malysian Airline mit weiß-blauer-roter Bemalung die gleichen Farben wie Putins Iljuschin II-96 – die russischen Nationalfarben. Meyer will auch wissen, dass sich die Flugrouten der beiden Maschinen gekreuzt hätten. Das wäre in der Tradition des Flugzeugabstürze unliebsamer Politiker, Militärs, Kritiker in Russland schon 2014 Putins Ende gewesen.

Die „militärische Sonderaktion“, heute ein dreijähriger Krieg, sei auch eine Reaktion auf das aus russischer Sicht gebrochenen Minsker Abkommen gewesen, nach dem dem Donbass föderale Rechte einzuräumen seien. Stattdessen, so Meyer, habe eine SS-nahe Brigade die Einwohner des ostukrainischen Grenzgebiets zu Russland „terrorisiert“, ein Verteidigungskrieg – kein Angriffskrieg. Zumal, so Meyer, die USA, die den Maydan-Putsch in Kiew 2014 finanziert habe, beabsichtigte, unter Bruch des Zwei-plus-Vier-Vertrages die Nato auf die Ukraine auszudehnen.

Gorbatschow jedenfalls attestierte dem Journalisten Meyer, dem er als einziger ein Interview gewährte, als er 1999 an der Seite seiner an Krebs erkrankten Frau Raissa zwei Monate in Münster lebte, die dort in einer Spezialklinik behandelt wurde: „Er (Meyer) will mich verstehen, er versteht mich, er versteht Russland. Das ist, wie man bei uns sagt, den höchsten Preis wert.“

Und es ist ein pralles Leben, durch das der Leser von der Hauptfigur namens „Karl“ alias Fritjof Meyer geführt wird. Hier weicht der Spiegel-Mann von dem bekannten Augstein-Diktum „Sagen, was ist“ ab und führt sich selbst in der dritten Person als Karl ein, der für ein „JOURNAL“ arbeitet. Warum? „Es wäre mir peinlich gewesen, auf jeder Seite ständig Ich zu schreiben“, sagt Meyer.

Damit unterscheidet sich Meyer schon mal deutlich von Reporterkollegen, die weitgehend recherche-frei nur noch über ihr eigenes Ich schreiben (können), mit dem sie Millionen Leser quälen.

Decknamen bekommen auch die engsten Redaktion-Mitglieder Meyers wie sein Wegbegleiter unzähliger Reisen, Rudolf Augstein („Bernstein“), sein Auslands-Ressortchef und Förderer Dr. Dieter Wild („Der Doktor“) oder sein steiermärkischer Osteuropa-Haudegen-Kollege Siegfried Kogelfranz („Siggi“), der im Untergeschoss des damaligen Spiegel-Gebäude an der Brandstwiete 19 schon mal die gern besuchte Sauna mit einem zu kräftigen Aufguss mitgebrachter osteuropäischer Hochprozenter wie Rakja oder Wodka abfackelte.

Wodka, die kristallklare Flüssigkeit aus Weizen destilliert, begleitet den Leser sowieso dauerhaft durch das ganze Werk von Meyer. Man stellt besser eine Flasche davon zur genußvollen Lektüre bereit. So langsam begreift man, dass es nicht nur die russische Trinkfestigkeit angesichts der dem Kontinent und Vielvölkerstaat teilweise üblichen Minustemperaturen, sondern ein Lebenselixier des Großexperiments Sowjet-Sozialismus war. Wodka trank man aus Freude über die Geselligkeit, trank man um das Elend der Lebensverhältnisse zu betäuben, trank man einfach, um zu überleben. Kurzum: Wodka war und ist das Schmiermittel für ein großes Imperium der Weltgeschichte.

Die öffentlich Zurückweisung eines Wodka zwischen Vorspeise und Hauptgang im Jahre 2023 durch die damalige Berliner grüne Außenministerin beim Besuch ihres Amtskollegen Sergei Woiktorowitsch Lawrow in Moskau wird vom Landeskenner Meyer trocken kommentiert: „Die ist dumm, diese Frau.“ Fühlte sie sich doch „im Krieg“ mit Russland.

Meyer, geboren in Magdeburg, ein Jahr vor Hitlers Machtergreifung 1933, ist eigentlich ein Mann der Wissenschaft. Nach dem Abitur verdingte er sich fünf Jahre lang als Fabrikarbeiter in einer Berliner Maschinen-Fabrik, später als Studienleiter oder als Sachbearbeiter in einer Wiedergutmachung/Entschädigungsstelle. Er studierte an Forschungsinstituten und Berliner Universitäten mit Schwerpunkt Osteuropa, erwarb drei akademische Diplome, veröffentlichte in Fachzeitschriften und stellte als End-Zwanziger selbstzweifelnd festfest: „Aus mir ist ja nichts geworden.“

Engagiert bei den Falken, der Jugendabteilung der Sozialdemokraten, organisierte er für diese auch diverse Reisen in den damaligen Ostblock – hier wurde möglicherweise der Keim für sein späteres Lebensthema gelegt.

Und dann gab es Mitte der Sechziger Jahre eines Tages einen Anruf aus Hamburg, dass er sich doch bewerben solle für die frei gewordenen Stelle eines „Osteuropa-Experten“. Alles wurde eingefädelt, der Vertrag unterschrieben und Redakteur Meyer bezog im Hamburger Pressehaus, in dem heute noch die Wochenzeitschrift „Die Zeit“ ressortiert, sein Kabuff. Er bestellte eine Unmenge Zeitungen, auch auf Russisch und Englisch, das er damals nicht so gut beherrschte, und las den ganzen Tag. Unterbrochen von der Einlösung der redaktionellen Gutscheine für die nahe gelegene Fischbraterei oder den Genuss des vom Sekretariat kostenlos zur Verfügung gestellten Filterkaffes. Zum Rauchen musste damals noch niemand nach draußen in den gesundheits-gefährdenden kalten Wind des Elbstrom-Urtals. 

Auf Videos aus dieser Zeit sind die handelnden Personen rund um Rudolf Augstein in Redaktionskonferenzen, alles Herren mit Schlips und Jackett, auf Grund der Rauchwaren im Nebel kaum zu erkennen. Die Aschenbecher waren groß wie Kälbertränken. (Hier geht es zu einer BR-Dokumentation über den Spiegel anno 1962 mit den verqualmten Redaktionssitzungen.)

Nach einigen Wochen wollte der „Doktor“, sein Ressortchef wissen, wann denn Karl alias Meyer gedenke, seine erste Geschichte für den „Spiegel“ zu verfassen. Meyer war überrascht. Er glaubte, als wissenschaftlicher Berater in Sachen Osteuropa eingestellt worden zu sein. Gut informiert erstellte er in Rekordzeit eine sogenannte „Geschichte“ über interne Konflikte und Personalquerelen in der Kommunistischen Partei der Sowjetunion die es sofort zum Aufmacher des Auslandsteils des eher markt-kapitalistischen Nachrichtenmagazins schaffte.

Dem sollten in fast vier Jahrzehnten „Spiegel“ über 100 Titelgeschichten, über 1000 Nachrichtenstücke und weitere aktuelle Meldungen mit Wumms folgten, mit denen Meyer und Korrespondenten sowie freie Mitarbeiter den Ruf des Nachrichtenmagazins in der Osteuropa-Berichterstattung begründeten. Zugetragen wurde Meyer auch das Lob des damaligen US-Außenministers Henry Kissinger, mit dem Augstein Dicke war. Zur Russland-Berichterstattung von Meyer & Kollegen urteilte er: „Ich meine, sie sind das Beste, was zu diesem Thema gegenwärtig in irgendeiner Zeitschrift erscheint.“ 

Kissinger wusste, wovon er sprach, da er selbst beispielsweise in Chile zur Durchsetzung imperialistischer US-Interessen über Leichen ging. Später bekam er in Sachen Friedensverhandlung des Vietnamkriegs der Amerikaner auch den Friedensnobelpreis, zusammen mit seinem vietnamesischen Verhandlungspartner. Als China in den Focus der Auslandsberichterstattung des Spiegel geriet, beauftragte der Doktor seinen Redakteur Meyer das Land mit abzudecken. „Von dem Land habe ich keine Ahnung“, meinte Meyer. Die Antwort: „Egal, Sie sind hier für den Kommunismus zuständig.“ Und wenig später saß Meyer im Flieger nach Peking.

Redakteur Meyer hatte die Gabe, Machtkämpfe zwischen den ebenfalls blutrünstigen Fraktionen von Stalinisten, Trotzkisten, Revisionisten etc. nach der Oktober-Revolution 1917 für den Leser einzuordnen und anschaulich zu machen. Im Geflecht der unterschiedlichen Geheimdienste und Geheimabsprachen der Kreml-Herren sorgte Meyer für eine gewissen Transparenz in Sachen Auftragsmorde, Korruption oder Günstlingswirtschaft – alles das, was den investigativen – und keine Partei schonenden „Spiegel“ – groß gemacht hatte.

Der langjährige Geheimdienst-Kenner und Archivexperte Axel Frohn mit Sitz in Washington, nahe an den Central Intelligence Agency (CIA)-Akten im National Archive, brachte es in der ressort-internen Festschrift zur Pensionierung Meyers auf den Punkt: „Was der CIA mit all ihren Satelliten und Abhöranlagen, Spionen, Überläufern und Analysten nicht gelang, das schaffte er (Meyer) im Alleingang.“

In seiner politischen Positionierung war Meyer mit seinem anti-faschistischen Engagement in der SPD-Jugendorgaisation Die Falken eher skeptisch gegenüber dem sowjetischen Großversuch, die bessere Gesellschaft mit dem neuen Menschen zu schaffen. Er hielt das sogenannten sozialistische System der Sowjetunion, eines Vielvölkerstaates, am Ende für „nicht reformierbar“ und letztendlich dem Niedergang geweiht. Seine Gesprächspartner in der Sowjetunion wussten natürlich über diese Haltung des Vertreters der kapitalistischen West-Presse Bescheid. Das brachte den russischen Botschafter und Deutschland-Freund in Bonn, Walentin Falin, auch zu der Aussage: „Meyer hasst unser System – aber er versteht die Russen.“

Dafür gibt es Gründe. Auf einer seiner späteren Reisen als normaler Kunde der staatlichen Tourismusfirma „Intourist“, auf Kosten seines Blattes und mit Genehmigung des „Doktors“, erzählte ihm ein Taxifahrer, dass er im August 1941 bei einer Schlacht im weissrussischen Gomel in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten sei. Vier Tage habe es nichts zu Essen gegeben, er sei auf 41 Kilogramm abgemagert.

In genau dieser Schlacht der Operation Barbarossa war auch Meyers ältester Bruder Harald gefallen. „Der Chauffeur hielt an der nächsten Kneipe“, scheibt Karl/Meyer, „beide betranken sich, bis der Wirt, wie üblich, um 21:30, zweimal das Licht löschte zum Zeichen der Schließung, und dann beide in ihre jeweilige Unterkunft fuhr.“ Ein weiterer Bruder, Christian, war ebenfalls im Russlandfeldzug gefallen, der insgesamt doppelt soviel russischen Soldaten, geschätzte neun Millionen, den Tod brachte wie der angreifenden Wehrmacht Adolf Hitlers.

Auf seiner Reise entdeckt Meyer in St. Petersburg die Ankündigung der Aufführung der Oper „Boris Godunow“ mit der Geschichte des historischen Zaren zu Musik des russischen Komponisten Modest Mussorgski. An der Abendkasse des Kirow-Theaters (früher Marien-Theater) wurde Klassik-Kenner Meyer enttäuscht. „Zu spät, alles ausverkauft“. Das hinderte Meyer nicht daran, unter Einsatz seines ganzen Charmes und seiner Sprachkenntnissen die Kartenverkäuferin zu bezirzen, dass er nur noch heute in St Petersburg weile. Sie griff unter den Tresen und zauberte eine Karte für eine Loge hervor, die Meyer gerne erwarb. Wie sich herausstellte, war es die frühere Zarenloge, die eigentlich dem heutigen Stadtparteisekretär vorbehalten war.“ Karl saß ganz alleine in der Loge und nutzte die Gelegenheit, sich zwischendurch zu erheben und „Boris Godunow“ zu dirigieren. Heute kann Pensionär Meyer, wie seine Frau Gitty bezeugt, Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 tongetreu mitsingen.

Zu guterletzt eine Anekdote zur Macht der kleinen Geschenke in einer Großmacht. In Moskau besuchte Tourist Meyer ein Gartenrestaurant namens „Druschba“ – Freundschaft. Eine „baumlange“ Schönheit namens Walja mit „glühenden Augen“ servierte Meyer eine Tasse Kaffee.

Der Geschäftsführer wies den entspannt sich etwas fläzenden deutschen Besucher „barsch“ darauf hin, doch ordentlich auf seinem Stuhl zu sitzen. Der tat so, als ob er kein Russisch verstünde und ignorierte den „Hüter des guten Benehmens“.

Als Meyer das Gartenlokal verliess folgte ihm die Serviererin und sagte unmissverständlich: „Ich liebe Dich.“

Zurück in Hamburg kauft der großzüge  Russlandkenner ein paar knallrote Lackpumps mit den höchsten Absätzen in  der größten Größe. Einen nach Moskau entsandten Kollegen bat er, den Schuhkarton persönlich an eine Walja in dem Gartenrestauant zu übergeben. „Walja zog in dem Café ihre Schuhe aus, die neuen an, und liebte den Kollegen“, schreibt Meyer.

Noch ist Russland ist nicht verloren für eine neue Liebesgeschichte.

Rätselhaft bleibt nur eine spleenige Eigenschaft von Meyer-Ost. Egal wo weltweit eine Tür zu öffnen war – für die studentische Hilfskraft des „Spiegel“-internen Kaffee- und Franzbrötchen-Service oder mit Ressortkollegen auf Dienstreise –, Meyer hechtet nach vorne, um die Türen aufzuhalten, bis der letzte durch war. Bei der gläsernen Drehtür des „Spiegel“-Gebäudes an der Brandstwiete führte das zu so manchem Beinahe-Unfall mit den durchgedrehten Besuchern. Meyer-Ost, aus der wohlerzogenden Familie eines Kirchen-Juristen mit sechs Kindern kommend, erklärt seinen Tür-Tick oder seine Eigenart, immer alle Koffer hinterher zu tragen und in den Mantel zu helfen, mit einem Bibelwort: „Liebet Euren Nächsten.“

Auf einer dienstlichen Reise in den Osten mit dem damaligen Chefredakteur eskalierte die Meyersche Höflichkeit zu einem wahren Eklat. „Fritjof Meyer war der einzige Spiegel-Redakteur, den ich geschlagen habe“, enthüllte der langjährige Spiegel-Chefredakteur Werner Kilz in einer Laudatio. Es war jedoch nur ein Klaps auf den Arm, da Meyer selbst am Gepäckband am Flughafen wie ein Bediensteter den Koffer von Kilz herunter wuchtete.

Und als Meyer mit einer Delegation in einem bekannt robusten sowjetischen Hubschrauber, in der auch seine vertraute Sekretariats-Mitarbeiterin Christina Gaidzik mit dabei war, wegen Spritmangel auf dem flachen Land der Ukraine notlanden musste, stellt sie sich und ihrem ehemaligen Chef die Frage: Was geschah wirklich in dem Fluggerät? Nach der Einweihung eines neuen Korrespondentenbüros in Kiew wollte Augstein/Bernstein noch eine verflossene Wehrmachtsbraut auf dem Lande ausfindig machen. Die Delegation verschwand, während die Ressortsekretärin in dem Hubschrauber treu verharrte. Der startete, aber nur mit ihr, um in geringer Höhe das Funksignal aus Kiew empfangen zu können. Christina Gaidzik: „Meyers Versionen der Geschichten waren weitaus spannender und interessanter als das wirklich Erlebte.“

Im FAZ-Frageboden antwortet WKII-Kanonier Augstein auf die Frage, welche militärischen Leistungen er am meisten bewundere: „Meinen Rückzug aus der Ukraine“.

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Knauer (links) und Fritjof Meyer

Sebastian Knauer, Jahrgang 1949, hatte als Redakteur im Deutschland-Ressort des Spiegel sein knapp sechs Quadratmeter großes Zimmer 921 mit famosem Ausblick auf die Hamburger Speicherstadt unmittelbar über Fritjof Meyers bibliotheksartiger Denk- und Schreibklause 821 plus 820 in einem Eckbüro. Ab und zu traf man sich in der Spiegel-Kantine zum Austausch über den neuesten Hausklatsch und interner Hintergrundinformationen aus Chefredaktion, Verlagsleitung oder Mitarbeiter KG. Meyer-Ost konnte immer helfen, wenn es darum ging beispielsweise ein Visum für die Sowjetunion in kurzer Frist zu bekommen. Und im Kreis der Ressortleiter plädierte nur Meyer 1994 für die umstrittene Einsetzung von TV-Mann Stefan Aust als neuem Chefredakteur des Blattes – der dann später sich weigerte, eine heikle, aber hoch interessante Recherche Meyers zur tatsächlichen Zahl der ermordeten Juden in Auschwitz im Spiegel zu drucken. 

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Unter anderem in 2024: Besuch bei Booker-Preisträger Richard Flanagan in Tasmanien: „Das Buch war ich meinem Vater schuldig“

PS: In der Russland-Geschichte steckt eine brisante Information von Meyer, die er auf Nachfrage bestätigt hat. Danach habe der sogenannte Verteidigungsminister der prorussischen Rebellen-Truppen im ukrainischen Donbass, Igor Girkin, Mitglied des russischen Militär Geheimdienst im Donbass, Verantwortung für den Abschuss der malaysischen Passagiermaschine MH-17. Er habe mit der von Russland gebauten weitreichenden BUK-Rakete eigentlich die am 17.Juli 2014 von einem Staatsbesuch in Brasilien auf dem Weg nach Moskau heimkehrende Präsidenten-Maschine mit Putin an Bord abschießen wollen. Die farbliche Kennung der zivilen Boeing-Maschine des Flugs MH-17 hat in der Tat die gleichen Farben Weiß-Blau-Rot (die Nationalflagge Russland) wie die Präsidenten-Maschine, eine Iljuschin. Meyer glaubt aus seinen Quellen zu wissen, dass diese Maschine vom Putin-Widersacher Girkin getroffen werden sollte und eine Verwechselung der Flugzeuge vorlag. Es gibt dazu im Netz keine weiteren Quelle, außer dass Putin tatsächlich an diesem Tag von einem Staatsbesuch in Brasilien kommend im europäischen Luftraum Richtung Moskau unterwegs war.

Wegen „Extremismus“ wurde Girkin vergangenes Jahr zu vier Jahren Lagerhaft verurteilt. (Foto aus dem Gericht in Moskau.)

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