Geschrieben am 1. November 2024 von für Crimemag, CrimeMag November 2024

»Question 7« – Besuch bei Richard Flanagan in Tasmanien

Sebastian Knauer (rechts) und Richard Flanagan im „Room with a Pony“ in Hobart/ Tasmanien © Bild: privat

„Das Buch war ich meinem Vater schuldig“

Der tasmanische Autor Richard Flanagan hat ein Buch mit höchster Aktualität vorgelegt: Die Rolle deutsch-jüdisch-ungarischer Atomphysiker auf beiden Seiten des Atlantiks für die Entwicklung der ersten Atombombe durch die US-Militärs, die 1945 dann das japanische Hiroshima auslöschte. Dort in der Nähe saß Flanagans Vater in einem Kriegsgefangenen-Camp. Eingebettet in die Familiengeschichte des Tasmaniers und frühen Umweltschützers ist die Frage: Gibt es bei den gegenwärtigen politischen Forderungen nach einer neuen Atombewaffung Deutschlands und Europas kein Erinnern an das Leid der japanischen Nuklear-Opfer? – Von Sebastian Knauer

Es ist eines dieser sorgfältig recherchierten Roman-Sachbücher, an dem der tasmanische Autor Richard Flanagan gut zehn Jahre gearbeitet hat. Jetzt ist es für den britischen „Bailey Gifford Prize 2024“ als nicht-fiktionales Werk nominiert. „Question 7“ könnte nicht aktueller sein angesichts des weltweiten Kriegsgerassels. Es geht um die Frage, ob die Menschheit angesichts des politischen Comebacks der Atomwaffen-Aufrüstung eine Chance zum Überleben hat – und welche Verantwortung und Schuld vor allem deutsche Kernphysiker nach dem Einsatz ersten ersten A-Bombe 1945 im japanischen Hiroshima in ihrem Göttinger Manifest diskutiert haben.

Selbst Mitglieder der derzeitigen Grünen in deutscher Regierungsverantwortung, deren Partei in den Gründungsstatuten von 1979 den Pazifismus als eine der Säulen festschrieb, fordern heute angesichts des Kriegs in der Ukraine und den Drohungen Russlands, seine A-Waffen einzusetzen, eine nationale nukleare Bewaffnung der Bundesrepublik innerhalb der Nato. Franz Joseph Strauß, CSU-Verteidigungsminister des Kanzlers Konrad Adenauer in den 60er Jahren, lässt grüßen. Für Adenauer übrigens waren taktische Atomwaffen, in völliger Verkennung des radioaktiven Fall-out, eine „Art Artillerie“.

Nur Jahrzehnte nach der Menschheitskatastrophe des Zweiten Weltkriegs scheinen die mindestens 60.0000 bis 140.000 überwiegend zivilen und weiteren hunderttausenden Opfer der Stadt Nagasaki nach dem zweiten US-Bombenabwurf aus dem humanen Gedächtnis der Menschheit verschwunden zu sein: Die Leiden tödlich verstrahlter Frauen, Männer und Kinder aus Hiroshima und Nagasaki, die in einem Radius des Ground Zero von wenigen Kilometern buchstäblich pulverisiert wurden. All die Opfer, deren Haut schwarz verfärbt in Lappen vom rohen Fleisch abfiel, scheinen bei den einst Friedensbewegten heute vergessen zu sein. Es gibt eine sehenswerte Dokumentation eines französischen TV-Kanals zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs aus der Opfer-Perspektive: „Hiroshima – die unbekannten Bilder„.

Das heutige Atomwaffenarsenal aller Nuklear-Staaten hat die Kapazität, die Erde in Stundenfrist unbewohnbar zu machen. Schon die erste Atombombe aus dem US-amerikanischen Manhattan-Projekt, verniedlichend „Little Boy“ getauft, hatte die mehrfache Sprengkraft aller im zweiten Weltkrieg verschossenen Artillerie-Granaten, Flakfeuer, MG-Patronen oder Flugzeug-Bomben. Sie entstand unter der Beteiligung des in die USA eingewanderten und später nachdenklich gewordenen ungarisch-stämmigen „Vaters der Atombombe“, Leo Szilard, der das Ende der Welt in H.G. Wells Roman „The World Set Free“ vorausgeahnt sah.

Die deutschen Atomphysiker, darunter Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker, Paul Harteck, Erich Bagge oder Niels Bohr forschten an einer unerschöpfliche Energiequelle. Sie wollten Elektrizitzät aus der Kernspaltung zum Segen der Menschheit erschließen. Die Militärs hatten anderes vor.

Im damaligen Rennen um die erste Atombombe prüften auch die Nazis für das Dritte Reich die Nuklearoption. Richard Flanagan zitiert aus der zeithistorischen Literatur dazu literarisch die Quellen: dass es den nationalsozialistischen Kriegsherren mit rund zwei Jahren zu lange dauerte, eine Bombe zu entwickeln – und das dann auch noch unter Beteiligung der verhassten jüdischen Wissenschaftler. Adolf Hitlers Vertrauter Albert Speer, zuständig für die Beschaffung von kriegswichtigen Gütern und Infrastruktur, berichtete zudem später, dass der Führer meinte, eine solche neuartige Kettenreaktion des nuklearen Feuers könne die ganze Welt und damit auch das Tausendjährige Reich zerstören.

Dieses zeitgeschichtliche Szenario blättert Flanagan in einer beindruckenden Erzählung seiner eigenen Familiengeschichte auf. Denn sein eigener Vater Arch H. Flanagan war an jenem sonnigen 6. August 1945 als tasmanisch-australischer Kriegsgefangener im #9-B Ohama Camp nur ca. 130 Kilometer vom Ground Zero Hiroshimas entfernt interniert, als der 13 Kilometer hohe Atompilz der Bombe aus dem auf den Kosenamen „Enola Gay“ getauften US-Bomber um 8:15 Uhr das militärische Atombomben-Zeitalter einleitete. Mehr als zwei Milliarden hatte die Entwicklung dieser Bombe gekostet, mehr als hunderttausend Menschen hatten dafür gearbeitet. Christopher Nolans Film „Oppenheimer“ gibt davon einen Eindruck. (Siehe bei uns dazu auch Markus Pohlmeyer: Die Geister, die er rief...)

Gefangene des Hiroshima POW Camps #9-B Ohama

Flanagan ist ein sorgfältiger Rechercheur. Er reiste selbst nach Japan, um die ehemalige Kohlenmine im Distrikt Hiroshima zu besuchen und Zeitzeugen zu befragen. Einer davon berichtete ihm, wie die ausgemergelten Gestalten der australischen Kriegsgefangen in Ohama von Bord eines Schiffes „als halb-nackte Gerippe“ anlandeten um in der Barackenstadt kaserniert zu werden. Unterernährt und medizinisch unversorgt schufteten sie in den Kohlebergbau-Stollen unter dem angrenzenden Seto-Inlandsee.

Ein ehemaliger japanischer Gefangenenwärter namens Sato bestritt, jemals Gewalt gegen die Kriegsgefangenen angewendet zu haben. Nach dem Krieg wurde er von einem Gericht wegen Kriegsverbrechen im Camp von Flanagans Vater allerdings zum Tode verurteilt und später begnadigt.

Der Sohn Flanagan sollte vor laufender Kamera der Lokalpresse diesem ehemaligen Peiniger die Hand symbolisch zur Versöhnung reichen. Es fiel ihm schwer. Er wusste, dass sein Vater selbst seine Erinnerungen in einem Buch veröffentlicht hatte und nicht schwieg. „Ich wusste, in dem Moment als mein Vater mir sagte, er liebt mich, dass er sterben würde. Es war das erstmal, dass er mir so etwas sagte.“ Als der Sohn dann seinem Vater an einem Morgen sagte, dass das (uns jetzt vorliegende) Buch fertig sei, starb er am gleichen Abend. „Es war einfach Koinzidenz“, sagt Richard Flanagan heute. Sein Vater war 89 Jahre alt.

Flanagans Vater überlebte im Zweiten Weltkrieg gleich mehrmals. Denn zuvor war er bereits in einer anderen Hölle als Kriegsgefangener eingesetzt, nämlich am Bau der berühmten Eisenbahnstrecke Thai-Burma des von japanischen Truppen eroberten Burmas. Im Film „Die Brücke am Kwai“ wurde diesen Zwangsarbeitern in der grünen fernöstlichen Hölle ein Denkmal gesetzt. Die gepfiffene Filmmusik hat die Nachkriegs-Generation noch im Ohr.

Für Richard Flanagan ist die literarisch-zeitgeschichtlich Aufarbeitung dieser Familiengeschichte die vielleicht wichtigste Arbeit seiner bislang 13 Romane und Sachbücher. „Ich war es meinem Vater einfach schuldig, dieses Buch zu machen“, sagt er. Und er schreibt: „Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an meine Eltern.“

Dabei geht es bei Flanagen immer um die Grundfragen der menschlichen Existenz: um Liebe, Hass, Egoismus, Empathie, Gemeinschaft, Gewissen, Schuld, Sühne, Verantwortung, Vergebung. Er setzt im Kopf des Lesers ein Gedankenkarusell in Gang – durch seine  profunden Kenntnisse, geschult durch Auslandsaufenthalte, Literatur-und Geschichtsstudien etwa in Oxford und großer Literaten wie H.G. Wells, Rebecca West oder Anton Tschechow. Bereits auf Seite 24 führt das zu einer nachdenkenswerten „Question/Frage 7“:

„A train had to leave station A at 3 a.m. to reach station B at 11 p.m… An order came that the train had to reach station B by 7 p.m.  Who loves longer, a man or a woman?“

Zu dieser Rätsel-Frage „Question7“, die dem ganzen Werk den Titel mit dem offenbar hoch-philosophischen Dreh gibt, mailte mir Flanagan: „If there is no why, there can be no how.“

Ok. Why not.

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Ich treffe Richard Flanagan im Cafe „Room for a Pony“ an der Elizabeth Street der tasmanischen Hauptstadt Hobart zu einem Gespräch über die sehr frühe australische Umweltpolitik gegen Abholzung und Rohstoffausbeutung. Bereits 1970 besuchte die deutsche Grünen-Ikone Petra Kelly mit ihrem Lebensgefährten, dem Bundeswehrgeneral Gerd Bastian, die tasmanische Insel und wurde von dem Arzt und australischen Grünen-Gründer Bobby Brown herumgeführt. Dessen neuer Dokumentar-Kinofilm „The Giants“ (siehe den Trailer) schildert die Entstehung der (dann globalen) Umwelt-Bewegung in der tasmanischen Wildnis.

In der großen Halle des Rathaus von Hobart, ausgestattet mit einer veritablen Orgel an der Frontwand, wurde die vermutlich älteste Grüne Partei einer parlamentarischen Demokratie gegründet. Tasmanien wurde bereits vor mindestens 35.000 Jahren von Norden aus über die damalige Festlandverbindung zu Australien besiedelt. Die Überflutung der Bass-Straße vor etwa 12.000 Jahren isolierte die Tasmanier von den Aborigines des Kontinents. Politisch gehört Tasmanien zu Australien, im eigenen Sebstverständnis sind die Tasmanier, so Flanagan, der wohl eine Aborigina als Ur-Großmutter hatte, stolze Inselbewohner, die den Genozid der Briten überlebt haben.

Flanagans erstes Buch „Death of a River Guide“ von 1994 hatten bei uns zunächst der Berlin Verlag und dann Piper unter dem Krimi-Titel „Tod auf dem Fluß“ als deutsche Ausgabe herausgebracht. Verlegt sind Flanagan-Werke heute inzwischen in 40 Ländern – nur der Piper Verlag zeigte vor vier Jahren dann kein Interesse mehr. Der Autor dazu: „Piper dropped me.“

Flanagan ist von einer charmanten, ausgesuchten Höflichkeit. Als die Bedienung uns den Tee und zwei Gläser Weißwein in den verglasten Wintergarten an der Elizabeth Street bringt, sagt der Autor: „Thank you so much for this“, als hätte sie ihm gerade einen neuen Buchvertrag serviert.

Seine Kritik an deutschen Verlegern jedoch ist deutlich. Sie seien hinsichtlich englischer Literatur nur noch an den mit „Big Money“ in New York gehypten Bestsellern interessiert: „Die deutschen Verleger verhalten sich wie eine Schafherde.“ 

Kommendes Jahr wird „Question 7“ jedoch in Japan erscheinen – nachdem sein historischer Roman „The Narrow Road to the Deep North“, ausgezeichnet mit dem „Booker Prize“ in Großbritannien, von den Kritikern 2014 in Japan sehr freundlich aufgenommen worden war. Obwohl auch er ein dunkles Kapitel der alliierten Kriegsgefangenen in Nippon zum Thema hat.

Aber auch Tasmanien hat sein eigenes dunkles Kapitel, das Flanagan ebenfalls in sein Werk integriert: die nahezu vollständige Ausrottung der Ureinwohner Tasmaniens durch die britischen Kolonialisten, die die abgelegene Lage Tasmanien für ihre größte Strafkolonie am Ende ihrer Welt nutzten. Flanagan nennt es den „British Empire Gulag“.

Tasmanien (unten rechts) und der australische Kontinent © wiki-commons

Unter dem Namen Van Diemen’s Land wurde das Eiland zu einem Platz der Verurteilten und Verdammten. Fluchtversuche wurden in den dichten Wäldern mit mechanischen Lebendfallen für Menschen unterbunden – und die Aborigines wurden nicht einmal versklavt, sondern „simply killed“, so Flanagan.

Heute sucht eine neue Generation der „Convicts“-Nachfahren mit Stolz ihre eigenen Wurzeln. Für Flanagan ist die Debatte, entschieden, ob es ein „Vernichtungskrieg“ war – wie es der britische Generalstaatsanwalt Van Diemonian im Jahre 1830 beschrieb – oder ein Völkermord: „Es war ein Genozid.“ Im Namen der Krone. Von geschätzen 4000 tasmanischen Aborigines bei Ankunft der ersten eropäischen Siedler in Tasmanien im Jahr 1642 wurden 90 Prozent von den englischen Siedlern getötet; bis zum Jahr 1835 blieben nach allen Quellen gerade 400 übrig. Heute wird die Zahl der von Aborigenes Abstammenden in Tasmanien offiziell mit 6000 bis ca 23 000 Menschen angegeben.

Flanagan beschreibt in „Question7“ bezogen auf die Gruppe der Kriegsgefangenen sein Wertesystem so: „Dass der Maßstab für der Stärksten die Garantie für eine anhaltende Stärke war, den Schwächsten helfen zu können.“ Und das, analysiert der Autor liegt „jenseits von europäischen oder amerikanischen Idealen. Es ist die Idee der tief verwurzelten alten Idee der Humanität.“

Sein neues Werk hat Flanagan seinem alten Riverguide-Kumpel Phil Cullen aus den Tagen des Kampfes gegen die Umweltzerstörung in Tasmanien gewidmet und ein Zitat von Duke Ellington vorangestellt:

„No, this ist not piano. This is dreaming.“

Richard Flannagen gefragt, ob er selbst Jazz spielt, sagt: „I am writing jazz.“

Sebastian Knauer

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