Geschrieben am 1. Oktober 2026 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2026

Frank Schorneck: Ursula Poznanski »Canvas«

Verspielt

Die österreichische Bestsellerautorin Ursula Poznanski greift in ihren (Jugend-)Thrillern meist hochaktuelle Themen auf und ist dabei äußerst erfolgreich. In ihrer preisgekrönten „Erebos“-Trilogie verwischt sie die Grenzen zwischen KI und Realität. Dort hat ein Computerspiel verhängnisvollen Einfluss auf die Spieler. In einer neuen Trilogie, deren erster Band „Cryptos“ 2020 erschienen ist, hat sie das Rad der Zeit ein (vielleicht nur kleines) Stück weiter gedreht: Die Geschichte spielt in einer Zukunft, in der alle Horrorszenarien der Klimaforschung Wirklichkeit geworden sind. Der größte Teil der Erde ist unbewohnbar, die Menschen flüchten sich in virtuelle Welten, ihre schwächer werdenden Körper vertrauen sie Kapseln in sogenannten Depots des Konzerns „Mastermind“ an. In einem virtuellen Forschungslabor namens „Minus3“ wird vorgeblich daran gearbeitet, die Erde um 3 Grad abzukühlen.

Jana Pasco, 17-jährige Protagonistin des Romans, die für Mastermind als Welten-Designerin arbeitet, findet heraus, dass sich der Name „Minus3“ keineswegs auf das Weltklima bezieht, sondern dass Mastermind drei Milliarden der zehn Milliarden der weltweit lebenden Menschen töten will. Diesen Plan können Jana und ihre Mitstreiter schließlich vereiteln. Doch die Mächte hinter diesem Plan sind längst nicht gebannt, weshalb nun Band 2 erschienen ist.

Es ist von Vorteil, zumindest den Grundaufbau der Welt dieser Trilogie aus dem ersten Band zu kennen, um sich in „Canvas“ zurechtzufinden, doch auch wenn man „Cryptos“ nicht gelesen hat, wird man von Poznanskis Ich-Erzählerin nach und nach mit den erforderlichen Story-Häppchen versorgt, die eine Orientierung ermöglichen. „Canvas“ ist der Name einer neuen virtuellen Welt, die Jana entworfen hat. Sie funktioniert wie eine Art Stellenmarkt für „Leben“ in anderen virtuellen Welten. Wer hier für unangenehmere Tätigkeiten in diesen Welten zuweilen im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf hinhält (Schmerzen werden hier durchaus real empfunden, doch mit dem „Tod“ erwacht man wieder in seiner Kapsel), erhält Creditpoints, mit denen man Pässe für die besonders begehrten Welten erhalten kann. Der Arbeitsalltag wird empfindlich gestört, als Lauritz, einer der Vordenker von „Minus3“, aus seiner Gefängniswelt entkommt. Außerdem verschwinden immer mehr Menschen aus den virtuellen Welten, ohne dass man nachverfolgen kann, wohin. Jana und ihre Kollegen machen sich auf die Suche nach Lauritz.

Poznanskis Roman wirkt wie ein Computerspiel zwischen Buchdeckeln. Sie lässt ihre junge Heldin auf der Suche etliche Welten durchwandern. Da ist das zauberhafte, an irischen Sagenwelten angelehnte Kerrybrook, die Urzeitwelt Cretaceous – außerdem Piraten-, Zombie-, Trauminsel- oder Weihnachtswelten. Bei den Entwürfen all dieser virtuellen Welten geht Poznanski mit viel Liebe zum Detail vor, Janas bisweilen atemloser Wechsel zwischen diesen Welten ist voll von Farben, Gerüchen und Rätseln. Leider mangelt es jedoch bei Janas Suche nach Lauritz an Spannung. Auf den ersten Blick ausweglosen Situationen entkommt sie innerhalb weniger Sätze, bei einem Computerspiel entspräche der Schwierigkeitsgrad einem extrem niedrigen Level. Dass ihr Leben in den einzelnen Welten nicht wirklich bedroht ist, trägt zu diesem Mangel an Spannung bei (ein großer Unterschied zu „Cryptos“, wo durch eine tückische Programmierung auch im den Spielwelten der echte Tod lauerte).

Wirklich schade ist aber, dass Poznanski die Liebe zum Detail in der Charakterzeichnung ihrer Figuren missen lässt. Selbst Jana bleibt erschreckend konturlos, ihre Beziehung zu Tivon ist mehr behauptet als gefühlt, die übrigen Kolleg*innen sind kaum mehr als NPCs, um im Jargon zu bleiben. Man baut zu keinem der blassen Charaktere eine Beziehung auf, es ist, als ob PacMan durch PS5-Spiele kriechen würde. Gut, der Roman ist für die Altersgruppe ab 14 Jahren gedacht – aber auch die hätten ein wenig mehr emotionales Innenleben der Protagonisten verdient. Nicht zuletzt Ursula Poznanski selbst hat bereits hinreichend bewiesen, dass man die junge Zielgruppe nicht unterfordern muss, um sie gut zu unterhalten.

Ursula Poznanski: Canvas. Loewe Verlag, Bindlach 2026. Hardcover, Lesebändchen, Farbschnitt, 475 Seiten, 24 Euro

Frank Schorneck – seine Texte bei uns hier.

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