
Portrait des Angstgestörten als junger Mann
Muss man Sörensen noch vorstellen? Der Kommissar, der wegen einer Angststörung den Dienst in Hamburg quittiert hat und stattdessen ins beschauliche friesische Katenbüll gewechselt ist, hat nicht zuletzt durch die Hörspiele und diebereits zwei Verfilmungen mit Bjarne Mädel mit jedem neuen Roman den Platz auf den Bestsellerlisten schon vor Erscheinen sicher.
„Sörensen geht aufs Haus“ ist der mittlerweile sechste Roman der Reihe. Man kann ihn sicherlich auch ohne Kenntnis der vorherigen Bände lesen und genießen, doch so manche Figurenkonstellation erschließt sich besser, wenn man mit dem Personal ein wenig vertraut ist. Denn nach einem tragischen Prolog, der deutlich macht, dass auch dieser Fall bei allem Humor kein Wohlfühlkrimi werden wird, beginnt der Tag auf der Polizeiwache damit, dass Jenny Holstenbeck ihrem Chef Sörensen einen Kündigungsbrief auf den Schreibtisch legt.
Um nachvollziehen zu können, was dieser Schritt für Sörensen bedeutet, ist es von Vorteil, die vorsichtige und von Missverständnissen geprägte Annäherung der beiden Charaktere miterlebt zu haben. Für alle anderen muss der Hinweis reichen, dass der ohnehin emotional labile Kommissar vom Anblick dieses Briefes arg aus der Bahn geworfen wird. Kein guter Moment für einen Leichenfund – beziehungsweise den Fund einiger Leichenteile, die in einem skurrilen Nachbarschaftsstreit sozusagen ans Tageslicht gespült wurden. Dass es sich bei dem Mann, auf dessen Grundstück die Knochen gefunden wurden, ausgerechnet um Sörensens besten Freund aus Schulzeiten handelt, macht die Sache nicht besser.
Sven Stricker gewährt uns mit diesem Roman Einblicke in die Kindheit seines tragischen Helden. In einigen Kapiteln führt er zurück in die 1980er Jahre, als der unsichere Sörensen, der schon damals seinen Vornamen lieber verschweigt, ohne elterliche Begleitung zur Einschulung ins Gymnasium gehen muss. Tobias Schiefelbein ist das einzige andere Kind, an dessen Hemdkragen kein Elternteil herumzupft und so finden die beiden Einzelgänger zusammen. Stricker erzählt von der Entwicklung und dem plötzlichen Ende dieser Freundschaft – und von der Fremdheit, mit der sich die beiden nun wieder begegnen.
Kann es sein, dass Schiefel mit dem Verschwinden einer jungen Frau in Kiel vor ein paar Jahren zu tun hat? Dass Sörensen seinen von der Chemotherapie geschwächten Vater bei sich aufgenommen hat, vergrößert seine emotionale Last zudem. Überhaupt wird nicht nur das schwierige Vater-Sohn-Verhältnis mit Rückblicken in Sörensens Kindheit beleuchtet, sondern auch sein Aufwachsen mit seiner an Depressionen leidenden Mutter. Als Gegenpart zu all diesen negativen Stimmungen dürfen wir allerdings auch Zeugen des Augenblicks werden, als Sörensen Nele kennenlernt. Dass diese Beziehung scheitern wird, ist hinlänglich bekannt, aber man genießt die glücklichen Momente gemeinsam mit dem unbeholfenen jungen Mann.
Der neue Sörensen geht nicht nur aufs Haus, sondern auch an die Nieren. Noch mehr als in den vorherigen Romanen blickt er hinter eine bürgerliche Fassade, die sich durch Wegschauen in Notsituationen auszeichnet. Gleichgültigkeit, gepaart mit Schaulust, thematisiert Stricker regelmäßig – hier potenziert sich dieses Motiv noch einmal. Strickers wunderbarer Humor in Personen- und Situationsbeschreibungen, aber vor allem in den Dialogen, bildet einen passenden Gegenpart zu der tragischen Dimension der Geschichte. Sörensens Blind Date im Deichkrug ist ein hochkomischer Höhepunkt der Reihe. Und dass Ex-Praktikant Malte wieder auftaucht, dürfte für Freunde der Romanreihe ebenfalls eine Freude sein.
Frank Schorneck
Sven Stricker: Sörensen geht aufs Haus. Rowohlt Verlag, Hamburg 2026. Klappenbroschur, 526 Seiten, 15 Euro.
Anm. d. Red.: Siehe auch Dietrich Leders Kolumne Crime im TV (18) vom November 2023: Die Figur Sörensen als komplettes Medienpaket

















