Geschrieben am 1. Dezember 2025 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2025

Fotoband »Terra Deposita. Belastetes Land im Zwielicht«

Belichtungszeit 51 Minuten  

Alf Mayer zum Fotoband »Terra Deposita. Belastetes Land im Zwielicht« von Peter Maurer

Spektakulär geht anders – oder eben genau so. Peter Maurers Fotografien zeigen Un-Orte. Zeigen unseren blinden Fleck. Seine Bilder schauen dort hin, wohin niemand schaut. Sie sehen genau hin. Und das buchstäblich. Die spektakulär-unspektakulären Bilder des Schweizer Fotografen entziehen die Uo-Orte dem gewohnten Fluss der Zeit, konstatiert der Fotokurator Peter Pfrunder in seinem Vorwort. Diese Fotografien sehen länger hin – und genauer – als wir das normalerweise mit diesen Orten tun. Über sie hinwegzusehen, sie nicht zu beachten, sie für nicht wahr zu nehmen, das ist unsere Konvention. Peter Maurer durchbricht sie mit seinen Fotos.

Jede der 72 Aufnahmen seiner 2020–2022 entstandenen Serie »Terra Deposita« entstand in der Dämmerung oder gar in nächtlicher Dunkelheit, jedes Mal verwendete der Fotograf eine Belichtungszeit von 51 Minuten.

Die 51 sind eine Referenz an die berüchtigte »Area 51«, das mythenumwobene militärische Sperrgebiet in der Wüste Nevadas. Die 51 Minuten Belichtungszeit entpuppen sich aber auch ein überraschend probates, erstaunlich prägnantes ästhetisches Mittel. Sie tauchen die von Peter Maurer fotografierten Landschaftsflecken in ein unnatürlich-natürliches Zwielicht, das sich für unsere Sensorik kaum verorten lässt. «Die Nacht wird zum Tag» sagt Peter Maurer dazu «und macht Dinge sichtbar welche zuvor im Dunkeln lagen».

Das Ergebnis: Unser aller blinder Fleck wird sichtbar. Sie kennen das alle, vornehmlich wenn Sie auf Schienen unterwegs sind; ich jedes Mal, wenn ich mit S-Bahn von meinem Taunus-Ort zum Hauptbahnhof Frankfurt fahre: Landschafts- und Siedlungsecken, die nicht nur hässlich, aufgegeben und verwildert sind, sondern »Terra Deposita«. Missbrauchte, geschundene, in den Abfall geworfene Natur.

Davon gibt es – und darauf macht dieser Fotoband aufmerksam – alleine in der Schweiz gemäß Bundesamt für Umwelt etwa 38.000 belastete Standorte. Bei rund 4000 davon handelt es sich um Altlasten, die vermutlich Mensch oder Umwelt gefährden und sanierungsbedürftig sind. Die Hälfte dieser belasteten Flächen sind ehemalige Betriebsstandorte, etwa zehn Prozent Schießanlagen (mit hohem Bleigehalt) und vierzig Prozent sind Ablagerstätten, vulgo Deponien. Wohlgemerkt: das sind die erfassten und dokumentierten Un-Orte, alleine in der Schweiz.

Die Landschaft als Abfallkübel. Da helfen auch die Flurnamen nicht, die der Fotograf notiert hat. Bärengraben, Brauiweiher, Chüelochtobel, Maiwinkel, Altbergried, Uhwiesen. Nicht nur tragen die Fotos von Peter Maurer als Bildunterschrift auch die genauen GMS-Koordinaten (Grad und Dezimalminuten), eine Übersicht der Standorte am Ende des Bandes informiert knackig und kurz über die lokale Eigenheit. Als Quellen dienen Katastereinträge, Behörden- und Betreiberinformation, Zeitungsartikel.

Zum Tête Plumée, Neuchâtel, heißt es zum Beispiel: »In diesem ehemaligen Steinbruch oberhalb von Neuenburg wurde zwischen 1972 und 2006 Abfall mit einem Volumen von ca. 20.000 Kubikmetern eingelagert. Friedrich Dürrenmatt hat 1980 über diese Mülldeponie in der Nähe seines Wohnorts geschrieben: »Es war, als ob ein Dinosaurrier an Durchfall litte: Die Scheisse prasselte in enen schwarzen, öligen See. Besät mit Plastikflaschen.« Seit dem Jahr 2017 wurde dieser Ablagerungsstandort überwacht.«

Landesweit Schlagzeilen gemacht hat Bonfol an der Grenze zu Frankreich im Elsgau. In der alten Tongrube wurden ab 1961 vor allem von der Basler chemischen Industrie, darunter Roche und Ciba-Geigy, Abfälle entsorgt. Die Stoffe stammen aus der Produktion von Pharmazeutika, Waschmitteln, Farbstoffen und Agrochemikalien. Dazu kamen Laborchemikalien, alte Militärbatterien sowie Abfälle der Uhrenindustrie aus dem Kanton Bern. Was genau, weiß bis heute niemand. «Es gab nie ein Inventar der eingelagerten Stoffe», sagt José Ribeaud, Autor eines Buches über die Deponie von. Greenpeace sprach von einem «schrecklich schädlichen Cocktail» mit Schwermetallen, Pestiziden und organischen Lösungsmitteln. Als sich das Grundwasser gelb färbte und unerklärliche Gesundheitsschäden auftraten, wurden die Anwohner aktiv. «Ein Direktor der chemischen Industrie Basel lachte mir ins Gesicht. Er sagte mir, dass sie diese Sanierung nie machen werden», hielt Pierre Kohler, ehemaliger Umweltminister des Kantons Jura, fest. Schließlich wurden 200.000 Tonnen Giftabfälle und belasteter Boden entsorgt, von einem ferngesteuerten Kran ausgehoben, per Waggons – aneinander gereiht: 100 Kilometer – in belgischen und deutschen Öfen bei 1200 Grad Celsius verbrannt, die Schlacke in Endlagern vergraben. Kosten der Aktion: 380 Millionen Franken.

Und weil vom Verlag Scheidegger & Spiess besorgt, ist dies ein bei aller Schlicht- und Unaufgeregtheit soldide und fein gestaltetes Buch. Bravo!

Alf Mayer

Peter Maurer: Terra Deposita. Belastetes Land im Zwielicht. Mit einem Beitrag von Peter Pfrunder. Scheidegger & Spiess, Zürich 2025. Format 24,5 x 26,9 cm. Gebunden, 116 Seiten, 72 farbige Abbildungen, 58 Euro. – Internetseite des Autors.

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