
„Der Klimawandel ist keine Erfindung“
Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Burkhard Spinnen.
Ein Mann spricht mit den Vögeln, während um ihn herum die Natur mit Hotels und Freizeitresorts zugepflastert wird. Rund um den Comer See in der Lombardei sind die Auswirkungen des Über-Tourismus besonders zu spüren. In den Alpen häufen sich Erdrutsche. Und die Vögel scheinen die Naturkatastrophen zu ahnen.
„Erdrutsch“ ist ein hochspannender Roman von Burkhard Spinnen und Charles Wolkenstein, der eine mögliche Zukunft im Schatten des Klimawandels ausmalt. Change Fiction nennen das die beiden Autoren. Joachim Feldmann hat sich mit Burkhard Spinnen über literarische Optionen angesichts von menschengemachten Katastrophen unterhalten.
Joachim Feldmann: „Es ist der Tibeter, der den Vogelmann findet.“ So lautet der erste rätselhafte Satz des Romans „Erdrutsch“, den Sie zusammen mit Charles Wolkenstein verfasst haben. Und man glaubt sich in einem Öko-Thriller. Das war Absicht, oder?
Burkhard Spinnen: Ja, das kann man so sagen. „Erdrutsch“ ist kein Sachbuch über den Klimawandel oder den Über-Tourismus. Wir wollten eine Geschichte schreiben, in der das Individuelle im Vordergrund steht. Das heißt, wir kommen nicht von den großen Themen zu den Figuren, die dann nur Funktionäre dieser Themen wären. Stattdessen erzählen wir eine selbständige Geschichte, die ihren eigenen Sog entwickelt. Und die großen Themen werden quasi von der Geschichte „angesaugt“.
Bei dem Vogelmann handelt es sich um einen 50-jährigen Tierarzt namens Giorgio Colombo, der sich offenbar mit Vögeln verständigen kann. Handelt es sich bei Ihrem Roman um eine phantastische Erzählung?
Phantastisch ist nicht das passende Wort. Die Vorstellung, mit Tieren sprechen zu können, mag aus der Phantasie der Menschen stammen, aber es ist ja keine freie Phantasie, sondern die Reaktion auf die Erfahrung, dass uns große Teile der Natur immer verschlossen bleiben. Die anderen Wesen, die so selbstverständlich in der Natur leben, denen alles ganz „natürlich“ zu sein scheint, die können wir töten und essen, aber nicht verstehen. Daraus speist sich zum Beispiel im Christentum der Mythos des Heiligen Franz von Assisi, der mit den Tieren spricht und damit ein Christentum betont, das in der Schöpfung das Göttliche sieht. Und deswegen eigentlich immer auf die Bremse treten müsste, wenn die Menschen die Losung, sich die Erde untertan zu machen, ein bisschen übertreiben. Wie das ja in den letzten 200 Jahren der Fall gewesen ist.
Die Verständigung mit sehr intelligenten Krähenvögeln spielt in „Erdrutsch“ eine große Rolle. Und dabei handelt es sich nicht um reine Fiktion. Wie groß ist hier der „realistische“ Anteil?

Der ist nicht zu unterschätzen. Jeder und jede kann sich darüber informieren. Die Intelligenz von Krähen ist in den letzten Jahren sehr intensiv erforscht worden. In Nürnberg beispielsweise gibt es einen international bekannten Krähenforscher. Man weiß mittlerweile sehr viel mehr über diese Tiere. Neulich hörte ich, dass, wenn die Fauna auf diesem Planeten einer Katastrophe zum Opfer fallen würde, am ehesten die Krähen übrigblieben. Denn ihre Intelligenz reicht aus, um sich auch einer extrem beschädigten Umwelt anzupassen und zu überleben. Wer das nicht glauben will, sollte einfach bei YouTube das Suchwort „Krähenexperimente“ eingeben. Da gibt es wunderbare kleine Filme, die zeigen, wie Krähen z. B. Stöckchen als Werkzeuge benutzen, um Schlösser zu öffnen.
Im Roman verfügen die Krähen auch noch über eine prophetische Begabung. Sie sind in der Lage, Naturkatastrophen vorherzusagen. Und um solche Katastrophen geht es ja in Ihrem Roman. Diese ereignen sich am Comer See in der Lombardei, einer touristisch ziemlich überforderten Gegend. Ist „Erdrutsch“ ökologisch-engagierte Literatur?
Es ist einfach Gegenwartsliteratur. Vor fünfzig Jahren hätten wir gesagt, Gegenwartsliteratur muss sich mit den großen politischen Entwürfen befassen, also Links-Rechts, Kapitalismus, Sozialismus etc. Doch heute gibt ein noch größeres Thema, nämlich die Bedrohung unseres Planeten. Um das zu erkennen, muss man gar nicht ökologisch besonders engagiert sein, sondern einfach die Augen aufmachen. Oder abends die Tagesschau einschalten. Vor vier Jahren ereignete sich im Ahrtal, also sich praktisch vor unserer Haustür, eine Naturkatastrophe, mit der niemand gerechnet hatte. Das ist die Gegenwart, und diese Gegenwart bestimmt die Ökonomie und die Politik, auch wenn man davon nichts wissen will.
Was leistet denn der Roman im Gegensatz zu einer kritischen Reportage über die touristische Ausbeutung der Natur?
Zunächst einmal möchten wir Menschen dazu verführen, sich mit einem Thema zu beschäftigen, das sie sonst vielleicht umgehen würden. Wir zockeln allabendlich um acht zur Tagesschau, um uns unsere tägliche Dosis globale Depravation abzuholen. Und ich kann jeden verstehen, der um 20.15 Uhr sagt: Danke, das war‘s, mir reicht‘s. Er geht zwar nicht auf die Straße und sagt, der Klimawandel sei das Erzeugnis einer „Lügenpresse“ und in Wirklichkeit gebe es ihn gar nicht. Aber seine Versuchung, sich einfach nicht mit dem Problem zu beschäftigen, ist trotzdem groß. Genau dies ist eine Herausforderung für die Literatur und besonders für die Form, die wir gewählt haben: den satirischen Gesellschaftsroman, ein Genre, das sich mit den Herausforderungen der Gegenwart auseinandersetzt. Uns geht es nicht in erster Linie um die Vermittlung von ökologischen Fakten, sondern darum, den Status der Gesellschaft darzustellen. Ob der Vogelmann tatsächlich im Stande ist, mit den Vögeln darüber zu sprechen, wo die nächsten Hänge abrutschen, erscheint auch im Roman eher zweifelhaft. Aber wie sich die Gesellschaft diesem Phänomen zuwendet, wie man aus dem Vogelmann einen Heiligen machen möchte, und das in unserer durch und durch säkularisierten Welt, das sagt unserer Ansicht nach mehr über unsere Gegenwart als eine Sammlung ökologischer und ökonomischer Fachliteratur.
Als satirische Übertreibung lese ich auch den Plan, in der Bergregion am Comer See ein tibetisch inspiriertes Holiday-Resort zu bauen.
Da kann ich nur den großen Karl Kraus zitieren: „Die erfindende Satire hat hienieden nichts mehr verloren. Es gibt nichts zu erfinden. Was noch nicht da ist, kommt morgen.“ Wir waren zu einer Pressevorstellung des Buches vor zwei Wochen am Comer See, und da habe ich zu meiner großen Überraschung gesehen, dass ein Hotel in Bellagio momentan wieder aus dem Dornröschenschlaf geweckt wird und zwar von der Ritz-Carlton-Gruppe aus den USA. Aus einem „Lost Place“ hinter riesigen Büschen und Baumreihen, 1850 erbaut und 1990 komplett stillgelegt, wird ein gewaltiges Luxushotel mit teuren und teuersten Zimmern und Suiten. Da werden Millionen investiert. Und das an einem Ort wie dem Comer See, dem der Tourismus bereits bis Oberkante Unterlippe steht. Mit anderen Worten: Der maximale Ausbeutungsgrad dieser Region ist noch lange nicht erreicht. Und wenn jemand sagt, hier unten am See ist es doch allmählich zu voll, nun, dann geht man einfach ein paar Hundert Meter hoch in die Berge, wo die Aussicht noch grandioser ist und man gleich eine neue Form von Tourismus anbieten kann: Meditation in der Abgeschiedenheit der Höhe. Ich halte das keineswegs für ausgeschlossen.

„Erdrutsch“ ist die erste Zusammenarbeit mit Ihrem Schulfreund Rainer Zimmermann, der das Pseudonym Charles Wolkenstein benutzt. Wie kamen Sie auf die Idee einer schriftstellerischen Zusammenarbeit?
Das war Rainers Idee. Vor zwei Jahren ist er mit einem Text in Vorlage gegangen, den ich mir ansehen durfte. Ich war begeistert. Ich durfte Ratschläge geben und schließlich mittun. So ist in Dutzenden von Gesprächen und Lektoratssitzungen „Erdrutsch“ entstanden. Gleichzeitig haben wir ein zweites gemeinsames Projekt begonnen, „Himmelssturz“. Das ist ein Roman über revolutionäre Veränderungen in der katholischen Kirche, der im kommenden Jahr erscheinen wird.
Wie funktioniert die gemeinsame Arbeit am Text praktisch?
Schwer zu sagen. Im 19. Jahrhundert gab es ziemlich erfolgreiche Komödienautoren, die im Duo arbeiteten. Das kann man sich noch ziemlich gut vorstellen: Der eine denkt sich die Story aus, der andere liefert die Dialoge. Noch einfacher funktioniert es bei Musicals und Operetten: Der eine komponiert, der andere verfasst das Libretto. Bei uns verhält sich die Sache sehr viel komplizierter. Einer schreibt ein Kapitel, der andere sieht es sich an, sagt prima oder hat Anmerkungen. Der Text verändert sich. In gewissen Abständen treffen wir uns, bei denen wir zum Beispiel Leitlinien festlegen und Figuren genauer definieren. Aber das klingt schon wieder zu bürokratisch. in der Praxis löst sich das in viele, nicht voneinander zu trennende Arbeitsgänge auf. Ich bin heute nicht mehr im Stande zu sagen, welcher Satz, welche Passage in „Erdrutsch“ von Rainer Zimmermann und welche von mir stammt.
Das kann ich als Leser bestätigen. Sie haben bereits Ihr zweites Projekt „Himmelssturz“ erwähnt, einen Roman, der sich mit der katholischen Kirche beschäftigt. Wenn das Buch im kommenden Frühjahr erscheint, wird der neue Papst Leo XIV bereits ein Jahr im Amt sein. Was erwarten Sie von ihm?
Der Papst wird in „Himmelssturz“ keine dominante Rolle spielen, aber als maßgebliche Instanz von Bedeutung sein. Allerdings wird sich demnächst die Stimmung in der katholischen Kirche wohl generell verändert haben, und das hat auch Auswirkungen auf unseren Text. Wir konstruieren die Figur eines revolutionären Bischofs in Münster, und da wird es schon von Rom und vom Papst abhängen, wie man allgemein auf ihn reagiert.
Sie nennen diese Art von Romanen, die sich mit relevanten gesellschaftlichen Prozessen beschäftigen, „Change Fiction“. Sind noch weitere Bücher dieser Art geplant?
Nun, wir beide werden im nächsten Jahr 70. Das bedingt eine gewisse Limitierung der Zukunftspläne. Ich kann also nicht zehn weitere Bände versprechen. Im Moment macht uns die gemeinsame Arbeit eine Riesenfreude. Wir haben einen Verlag und einen Lektor gefunden, die unserer Texte ausgezeichnet betreuen. Tatsächlich sprechen wir momentan auch über mögliche Themen für zukünftige Bücher. Davon gibt es ja genug, zum Beispiel die künstliche Intelligenz. Den Begriff „Change Fiction“ haben wir irgendwann einmal spontan formuliert. Wir alle kennen die Gattung Science Fiction, die auf der Lizenz der Autoren beruht, wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Möglichkeiten dramatisch zu erweitern und sogar Naturgesetze außer Kraft zu setzen. Das eröffnet große Möglichkeiten, sorgt aber auch dafür, dass Science Fiction immer in ein unverbindliches Irgendwann abzurutschen droht. Das mag gute Unterhaltung sein, kann aber die Bindung an die Gegenwart verlieren. Change Fiction dagegen erlaubt sich keine gesellschaftlichen oder wissenschaftlichen Gesetzesänderungen. Der Klimawandel in „Erdrutsch“ ist keine Erfindung. Unsere Fiktionen bestehen darin, aktuelle Veränderungsprozesse in eine nahe Zukunft fortzuschreiben.
Burkhard Spinnen/ Charles Wolkenstein: Erdrutsch. Roman. Kanon Verlag, Berlin 2025. 352 Seiten, 25 Euro.











