Geschrieben am 1. Dezember 2024 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2024

Eggenberger über einen Krimi aus der Schweizer Provinz

„Springflut am Gotthard“

„Deutschsprachige Kriminalromane können beruhigt in der Provinz spielen, ohne deshalb provinziell zu sein“, schrieb Thomas Wörtche vor einem Monat hier. Und nicht jeder Roman, „an dem alles nach ,Regio-Krimi’ zu schreien scheint“, sei als solcher einzuordnen. Diese kluge Einschätzung passt perfekt auf die Kriminalromane von Peter Weingartner, die aus der tiefen Schweizer Provinz kommen. Aus dem Surental, der Region um das Städtchen Sursee, das am Sempachersee liegt, Kanton Luzern. Die Autobahn A2 führt da vorbei, die Gotthardautobahn – Sursee liegt in der Mitte der Route von Hamburg nach Rom.

Sursee hat 10.850 Einwohner. Einer davon, wenn auch ein fiktiver, ist Anselm Anderhub. Er ist Ermittler bei der Kriminalpolizei des Kantons Luzern. Er ist zwar ein eigensinniger eher grüblerischer Typ, aber nicht auf die „herrlich kauzige“ Art, die ihn zu einem typischen Protagonisten gängiger Regionalkrimis machen würde. In „Wurmstichig“ gibt ihm sein Erfinder nun schon den sechsten Auftritt.

Die Geschichte beginnt gemächlich und stimmt einen ein auf den spezifischen Tonfall: „Über dem Venedig, einem Streifen Land in Sursees Norden, begrenzt von Autobahn, Wald und der Sure, dem Fluss, der dem Städtchen und dem Tal den Namen gibt, schwebt ein Roter Milan, erhaben, so scheint es Melchior Kaufmann, dem ehemaligen Bauarbeiter.“ Die ersten zwei Seiten kreisen um den Vogel. Ein Airbus 380 sei „ein lächerliches Nichts verglichen mit der Agilität des Raubvogels“, findet der Beobachter, und er denkt: „Wenn jeder Vogel eine Kondenswasserdampfspur hinter sich her zöge, hätten wir immerzu Nebel.“ Melchior Kaufmann ist ein Bruder im Geiste des Kriminalisten Anderhub, mit dem er lose befreundet ist. Dessen Gedanken schweifen ebenfalls immer wieder ab, assoziieren dies und das, gleiten ab in Wortspielereien.

Auf seinem Sonntagsspaziergang mit der Witwe Röösli stösst Witwer Kaufmann im Wald bei Sursee auf eine Leiche, oder vielmehr der Hund der Freundin findet den Toten. Anderhub hat an diesem Sonntag zwar keinen Dienst, da er aber in Sursee wohnt, wird ihm der Fall übertragen; er kann sich gleich mit dem Fahrrad an den Tatort beziehungsweise Fundort der Leiche begeben.

Beim Toten, dem Zeichen in die Wangen geritzt wurden, die wie eine 1 und eine 4 aussehen, handelt es sich um den Chef einer lokalen Immobilien- und Treuhandfirma. Ein Geschäft, in dem man sich schnell einmal Feinde machen kann, wie die Gattin des Toten erklärt, deren inzwischen verstorbener Vater der Gründer der Firma war. Anderhub ist das zu allgemein: „Das gilt auch für den Autohandel, den Antiquitätenmarkt, ja die ganze freie Marktwirtschaft.“ Und er kann sich gerade noch bremsen, „bevor ihm ein anderer Gemeinplatz über die Zunge wandert, der das menschliche Wirtschaften an sich treffend beschreibt: bescheißen und beschissen werden; verseckeln und verarscht werden“.

Als sich dann beim geschändeten Grab des Firmengründers und Schwiegervaters des Toten aus dem Wald die Ziffernfolge 2/4 findet, schwant Anderhub, dass es da um eine Familiengeschichte gehen könnte. Und dass die Nummerierung, wie auf multiplen Kunstwerken, 2 von 4 bedeutet. Dass also auch noch 3/4 und 4/4 folgen dürften. Anselm Anderhubs Ahnung sollte sich als richtig erweisen. Nur dass der Täter auch noch eine Zugabe draufpacken wird, 5/4.

Der Krimiplot ist durchaus originell. Doch wie viele gute Krimis lebt „Wurmstichig“ nicht primär vom eigentlichen Kriminalfall. Sondern von den Protagonisten. Und vom Sprachstil, der am Anfang etwas umständlich wirkt, da der Autor gerne viele Gedanken und Beobachtungen in langen, verschachtelten Sätzen unterbringt. Man gewöhnt sich rasch an diesen Stil, und man bekommt Freude daran, auch am zuweilen schwarzen Humor oder am einen oder anderen „bildungsbürgerlichen Intermezzo“. Und an den Gedankengängen des Anselm „Selmi“ Anderhub sowieso. Etwa wenn der Chef der Kripo vom Druck schwafelt, der „Mittel und Menschen bindet“: „M&M, denkt Anderhub und stellt sich eine farbige Süßigkeit vor, derweil strategische Überlegungen anstehen. Ein Fischen im Trüben, wo Kraut und wo Rüben? Was packen, was lassen, wie zocken, was fassen?“

Nicht nur der zu bearbeitende Fall lässt Anderhubs Gedanken immer mal wieder wilde Sprünge machen. „Anselms Gehirn“, heißt es einmal, „eine Waschmaschine beim Schleudern.“ Das Zuhören, das Beobachten menschlichen Verhaltens befeuert seine Synapsen. Oder auch nur das Fließen des Bachs. „Der Fluss fließt talwärts; ein Reflux des Rheins würde zu Überschwemmungen in Gebieten führen, die Hochwasser kaum kennen. Und wenn das Meer ob seiner Magenverstimmung – Plastik, Gifte übelster Sorte – kotzte: Springflut am Gotthard.“ Der fast schon subversive Humor, der Schalk und der Sprachwitz heben Weingartners Krimis deutlich ab vom gängigen Regionalkrimi, der oft auf wohlfeilen Flachwitz setzt.

Der pensionierte Lehrer, der auch Mundarthörspiele und Theaterstücke schreibt und als Journalist tätig war und, inzwischen 70-jährig, immer noch ist, verfügt über einen ausgeprägten Stilwillen. Seine Sprache ist selbstverständlich durchsetzt von Helvetismen, wie sie vom „Duden“ abgesegnet sind, in seltenen Fällen ist ein Dialektwort nötig, um präzise zu sein. Nicht nur aus Stilgründen ist „Wurmstichig“ ein zutiefst schweizerischer Krimi. Weingartner ist ein Beobachter, einer, der den Leuten aufs Maul schaut, der reflektiert, was er sieht und hört und die Erkenntnisse daraus unterhaltsam auf den Punkt zu bringen versteht. Er macht die Provinz, in der seine Geschichten spielt, zu einem kleinen Universum. Und das funktioniert universell.

Peter Weingartner: Wurmstichig. edition 8, Zürich 2024. 288 Seiten, 28 Euro.

– Auf seiner Website krimikritik.com bespricht Hanspeter Eggenberger regelmäßig Kriminalromane.

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