Geschrieben am 1. Dezember 2025 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2025

Eggenberger über »Adama« von Lavie Tidhar

Hier gibt es keine Unschuldigen

Eine fulminante Mischung aus Gangsterepos, Kriminalroman und Politthriller war das 2024 auf Deutsch erschienene Werk „Maror“ von Lavie Tidhar. In „Adama“ setzt der aus Israel stammende Autor, der vor allem mit seinen Science-Fiction- und Fantasy-Büchern ein Star geworden ist (nicht im deutschen Sprachraum, wo vor „Maror“ nichts von ihm erschienen ist), seine Geschichte der Entstehung Israels in Form einer Mischung aus Familiendrama, Politthriller und Kriminalroman fort.

Hier geht er noch weiter zurück als im Vorgänger: bis zum entbehrungsreichen Aufbau der ersten Kibbuzim in den 1940er Jahren, zum Kriegsende in Deutschland, zur Flucht von Juden aus ganz Europa in das Land, aus dem dann Israel wird. Der Titel „Adama“, hebräisch für Erde, Erdboden, steht da metaphorisch für das Land auf dem Gebiet des damaligen Palästinas. „Es gibt kein A-d-a-m-a ohne d-a-m“, hatte ein Lehrer einer der Protagonistinnen stolz erklärt. „,Dam’ war Hebräisch und bedeutete Blut. Kein Land ohne Blut.“

Blut fließt reichlich in „Adama“. Bei der Vertreibung von Palästinensern, in den Kriegen, bei denen Israel sein Territorium vergrößert. Aber auch sonst wird gemordet und gemartert in dieser komplexen Geschichte, die vor allem in einem Kibbuz spielt, aber auch Menschen hinaus aus der und hinein in die Gemeinschaft begleitet, die auf den Prinzipien des gemeinsamen Eigentums, der Gleichheit und der Selbstverwaltung basiert. Wobei die Menschen im Kibbuz offenbar doch nicht alle gleich sind. Für die in Israel geborenen selbst erklärten Tzabarim, „waren Holocaust-Überlebende gleichermaßen Opfer wie Verdächtige. Warum habt ihr euch nicht gewehrt? Und warum hast nur du überlebt, während so viele andere starben? Manchmal hassten sie die Tzabarim wegen ihrer beiläufigen Brutalität. (…). Die Tzabarim waren nicht schwach wie alten europäischen Juden. Sie waren neu und hart und die Herrscher in diesem Land, diesem ,Adama’.“

Die zentrale Figur ist Ruth, eine Zionistin aus Ungarn, die ab 1946 führend beim Aufbau des Kibbuz Trashim ist. Sie gilt als die Seele der Gemeinschaft, als die Übermutter. Getrieben wird sie jedoch auch von Hass, wie sie sich Jahrzehnte später selbst eingestehen muss: „Erstaunt stellte sie fest, wie stark sie es vermisst hatte: Hass, so stark wie der schwärzeste Kaffee.“

Wie in „Maror“, wo der Fokus auf einem korrupten Polizisten lag, verbindet Tidhar in „Adama“ zahlreiche Geschichten und Episoden um eine Gruppe von Menschen in nicht chronologischer Folge zu einem erschütternden Gesamtbild. Dabei zeigt er, wie der sozialistisch geprägte Kollektivismus einerseits Individuen so einschränkt, dass sie den Ausbruch aus der Gemeinschaft wagen, anderseits Menschen dazu bringt, alles für den Kibbuz zu tun. „Was sein muss, muss sein“, sagt einer der Protagonisten lakonisch. „Hier gibt es keine Unschuldigen.“ Der Zweck heiligt die Mittel: Auch von kriminellen Handlungen, von Drogenhandel bis Mord, wird nicht zurückgeschreckt, um den Kibbuz am Leben zu erhalten.

In den wie Steine in einem großen Mosaik wirkenden Geschichten wird die Entwicklung von Ruths Kibbuz über Jahrzehnte dargestellt. Kinder werden erwachsen, und die, die dann bleiben, übernehmen zusammen mit Zuzügern die wichtigen Aufgaben.

Bei der Schilderung des Alltags im Kibbuz konnte der Autor auf seine eigenen Kindheitserfahrungen zurückgreifen: Der in London lebende 49-jährige Lavie Tidhar ist selbst in einem Kibbuz aufgewachsen, den er aber schon als Teenager verließ. Im Roman genießt einer, der den Kibbuz verlässt, die Ruhe in der Wüste am Sinai: „Eine unglaubliche Ruhe. Ganz anders als die Ruhe im Kibbuz. In der Stille des Kibbuz gab es immer jemanden, der lauschte.“

Lavie Tidhar: Adama (Adama, 2023). Aus dem Englischen von Conny Lösch. Suhrkamp, Berlin 2025. 425 Seiten, 22 Euro.

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Hanspeter Eggenberger veröffentlicht als einziger Kritiker im deutschsprachigen Raum so gut wie je Woche die Besprechung eines aktuellen Kriminalromans. Seine Internetseite krimikritik.com sei hiermit ausdrücklich empfohlen., d. Red.
Seine Texte bei uns hier.

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