
Die harte Polizistin, die Gefühle fürchtet
Hanspeter Eggenberger über den zweiten Berlin-Thriller von Kim Koplin aka Edgar Rai
Kim wer? Vor drei Jahren machte Kim Koplin mit dem Roman „Die Guten und die Toten“ Furore. Die deutschsprachige Krimiszene erging sich in Spekulationen, wer sich wohl hinter dem Pseudonym verberge. Sicher war nur, dass es jemand ist, der schreiben kann. Der temporeiche Berlin-Krimi um die Kripo-Kommissar-Anwärterin Nihal Khigarian mit aserbeidschanischen Wurzeln und den syrischen Flüchtling Saad mit seiner fünfjährigen Tochter Leila, der nicht die Schergen der syrischen Herrscher fürchtet, sondern die Killer eines Marseiller Drogenbosses, für den er gearbeitet hat, begeisterte. Und gewann den deutschen Krimipreis.
Jetzt geht die Geschichte der beiden außergewöhnlichen Protagonisten mit „Die Toten von morgen“ weiter. Zum Erscheinen des zweiten Koplin-Krimis hat sich Edgar Rai als der Mann hinter dem Pseudonym geoutet. Ein versierter Schreiber, der unter seinem richtigen Namen sowie unter verschiedenen Pseudonymen und als Ko-Autor mit Hans Rath bisher insgesamt rund drei Dutzend Romane und ein paar Sachbücher veröffentlicht hat.
Fast noch mehr als im Vorgänger bildet die eigentliche Krimigeschichte, die mit einem originellen Plot, viel Action, ein paar Leichen, Kokain von 1A-Qualität in riesigen LED-Fernsehgeräten, allerlei Böswichten, korrupten und sauberen Polizisten, trockenem Humor und zuweilen etwas Situationskomik überzeugt, den unterhaltsamen Hintergrund für die Beziehungsgeschichte von Nihal und Saad. Die Polizistin und der Kriminelle – geht doch nicht! Widerspricht auch Nihals Prinzipien. Und Nihal kann eigentlich mit niemandem wirklich – Gefühle machen der sonst total furchtlosen Polizistin Angst, und sie fürchtet nichts so sehr wie Kontrollverlust. Aber irgendwie können sie nicht ohneeinander. Leila kann und will gar nicht ohne Nihal, die sie zur Ersatzmutter erkoren hat (die leibliche Mutter ist Marseille Opfer des Drogenbosses geworden).

Leila ist es denn auch, die Saad dazu bewegt, aus Hamburg nach Berlin zurückzukehren. Dahin zogen sie, nachdem die Marseille-Connection herausgefunden hatte, dass er in Berlin lebt. Und einen Killer schickte, der aber nie mehr am Mittelmeer auftauchte. Der Marseiller Boss will sich seither erst recht rächen für Saads fehlende Loyalität. Der Berliner Boden ist immer noch heiß für den Vater und seine Tochter.
Rai/Koplin nutzt seine Schauplätze auf den Schattenseiten der deutschen Hauptstadt gerne auch für muntere Seitenblicke und -hiebe. Saad fühlt sich gleich zu Hause, als er am U-Bahnhof Osloer ankommt: „Es riecht nach Hundescheiße, Menschenpisse, schlecht verbranntem Diesel und dem Grillfleisch vom Hakiki-Imbiss. Willkommen zu Hause.“ An der Adenauerallee macht er sich Gedanken über die Deutschen: „Die Deutschen lieben Kontinuität. Adenauer, Kohl, Merkel. 3 nach 9, Wetten dass …?, Tatort. Es nimmt ihnen die Angst. Gibt ihnen das Gefühl, dass alles stabil bleibt, wie es ist.“ Dann erreicht er die Straße, in der er noch seine kleine Wohnung hat: „Die Sonne nagelt senkrecht auf die Drontheimer. Der Asphalt blendet wie eine Verheißung. Musst du erst mal hinbekomme in dieser Gegend. Die einzige Verheißung, die die Drontheimer sonst bereithält, ist ein Leben an der Armutsgrenze.“
Die Beispiele zeigen: Die Sprache ist hart und direkt, zielt fadengerade dorthin, wo es weh tut, hält sich nicht mit gepflegten Erklärungen auf. Das Bild, das Rai/Koplin von Berlin zeichnet, wird derzeit nur von Johannes Groschupf getoppt. Der zweite Koplin ist so gut wie der erste. Er steht denn auch auf Platz eins der Juli-Krimibestenliste. Dass die Begeisterung darüber vielleicht nicht mehr überall ganz so groß ist wie beim ersten, liegt einzig daran, dass die Überraschung weg ist: Man weiß jetzt, dass einen ein ebenso rasantes wie intelligentes Lesevergnügen abseits des Krimi-Mainstreams erwartet, wenn Kim Koplin auf dem Buchumschlag steht. Wer es allerdings noch nicht weiß, sollte sich überraschen lassen.
Kim Koplin: Die Toten von morgen. Suhrkamp, Berlin 2026. 270 Seiten, 18 Euro. – Anm. d. Red.: Die Guten und die Toten hier bei uns besprochen.
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Hanspeter Eggenberger veröffentlicht als einziger Kritiker im deutschsprachigen Raum so gut wie je Woche die Besprechung eines aktuellen Kriminalromans. Seine Internetseite krimikritik.com sei hiermit ausdrücklich empfohlen., d. Red.
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