Geschrieben am 1. März 2026 von für Crimemag, CrimeMag März 2026

W. Brylla surft mit Faßbender durchs »Heaven’s Gate«

Genial leicht

An Leichtigkeit ist Daniel Faßbenders Krimidebüt „Heaven’s Gate“ (Diogenes) kaum zu überbieten. Alles macht Freude bei diesem Roman, dessen Haupthandlung überwiegend auf den Philippinen im Surfermilieu spielt: die Story, die Erzählweise, der Held und die Sprache. Dem Züricher Verlagshaus ist mit Faßbender ein guter Fang gelungen.

Schon in „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“ (2018), dem Erstling Faßbenders, in dem ein junger Roofer auf die Dächer Stockholms steigt, konnte man diese spezifische Erzählwerkstatt beobachten, die sich durch eine unglaubliche Frische und Unbekümmertheit beim Spinnen der Geschichten charakterisiert. „Heaven’s Gate“ ist ein ähnlicher Fall. Diogenes wirbt für den Kriminalroman die Werbetrommel mit dem Worttriple „Surfen, Sonne und Verbrechen“, das sommerliche Coolness und Spannung miteinander verbindet und das eigentliche Kernkonzept des ersten Falles von Caruso, so zumindest vom Verlag deklariert, ausmacht.

Caruso, die Neuvariante des Privatdetektivs von Surfers Gnaden, ist in Wirklichkeit ein Ex-Profisportler aus Deutschland, der sich auf der Insel Surogao niedergesetzt hatte und mehr schlecht als recht über die Runden mit verschiedenen Kleinaufträgen kommt. Caruso ist im Grunde ein ermittelnder Autodidakt, der sich klar über seine eigenen Einschränkungen ist, und der sich nicht auf Biegen und Brechen in abenteuerliche Kriminalfälle stürzt.

Allerdings hat Caruso ein klitzekleines Geldproblem, deswegen macht er sich auf die Suche nach einem verschollenen spanischen Surferkommilitonen aus einer very rich Familie. Dabei gelangen ungemütliche Wahrheiten und Geheimnisse ans Tageslicht wie die des biologischen Vaters von Juan „John John“, eines Drogengangsters, der im deutschen Gefängnis (JVA Fuhlsbüttel) sitzt. Juan, was man bei der Lektüre erfährt, wollte in die Fußstapfen seines wiederentdeckten Papas treten und auf den Philippinen ein ganz großes Drogengeschäft aufziehen. Und überall dort, wo man illegal mit Rauschgift ein bisschen Knete verdienen möchte, tauchen schnell russische Clans auf und mischen die ganze Szene auf. Weil auch die insulare Polizei es faustdick hinter den Ohren hat (Stichwort: Korruption), muss Caruso sich alleine zurechtfinden. Caruso lässt sich auf Prügeleien, Verfolgungsjagden, gefährliche Ermittlungen ein – ganz im Stile der großen hardboiled-Detektive. Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass Hammetts  „Red Harvest“ heranzitiert wird, darüber hinaus führt man auch Fausers „Das Schlangenmaul“ an – Sie erinnern sich bestimmt an den Journalisten Harder, der ständig in den Miesen steht –, die Caruso selbst liest: „Ich hätte nicht mehr sagen können“, berichtet er an einer Stelle, „worum es in beiden Büchern ging, aber seit ihrer Lektüre traute ich der Menschheit noch weniger über den Weg als ohnehin schon“.

Faßbender lässt sich von hardboiled inspirieren, wozu er sich auch im angehängten Verlagsinterview bekennt, gleichzeitig verpasst er ihm ein noch frecheres Gesicht, dem ein lockerer Umgang mit Sprache zugrunde liegt. Die verbale Intensität und Ausdruckskraft des Schwarzen Krimis sind in „Heaven’s Gate“ ebenfalls zu finden, ebenso wie der Versuch der Entkrustung und Entstereotypisierung der Sprache. Einerseits benutzt Caruso dieselben detektivischen Floskeln und stellt dieselben Fragen nach dem Wo?, Wieso? und Warum?, andererseits ist es eine unfassbar lebendige Sprache. Nicht nur von Caruso – der Name soll beim Karaoke entstanden sein – selbst, der von seinem Werdegang aus einer zeitlichen Distanz berichtet, sondern von allen auf die Erzählbühne tretenden Protagonisten.

Bei den Dialogen verzichtet man oft auf die „sagte“/“dachte“/“antwortete“-Formeln, wovon die Erzähldynamik und die von Twists geprägte Spannungskurve profitieren. Die Ich-Form Carusos wird mit den Er-Erzählpassagen verknüpft, in denen die Leser:innen sich mit der Lebensgeschichte von Diego auseinandersetzen können. Gegen Schluss des Romans, wenn Diego auf der Insel landet, geht die Diego-Ebene in den ich-orientierten Erzählfluss Carusos ­über. Dieses Zusammenschweißen ist nur folgerichtig, denn, obwohl man für Diego, durchaus Sympathie empfindet, ist es Carusos Perspektive und seine im wunderschönen idyllischen Setting, das nur auf den ersten Blick einem Urlaubsparadies gleicht.

Und ehrlich gesagt, hätte „Heavens‘ Gate“, so wie er von Faßbender plastisch und genial unkompliziert geschrieben wurde, auch in anderen Handlungsräumen verortet werden können. Dies ist ein Beleg für Faßbenders erzählerische Stärke; ein Roman, der von Sprache und ihrer narrativen Umsetzung lebt. Ein (Surf)Brett von einem Roman.

Daniel Faßbender: Heaven’s Gate. Diogenes Verlag, Zürich. Paperback, 304 Seiten, 19 Euro.

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Wolfgang Brylla brüstet sich damit, mit acht Jahren „Winnetou“ gelesen zu haben. Was für ein Teufelskerl. Zwinkersmiley. Von Thomas Mann hält er wenig, von Krimis aber viel. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer polnischen Universität verpfändet er derzeit Forschungsgelder für den Einkauf von Kriminalromanen. Sternzeichen: Skorpion. – Seine Texte bei uns hier. 
2022 erschien von ihm, zusammen mit Maike Schmidt herausgegeben, „Der Regionalkrimi. Ausdifferenzierungen und Entwicklungstendenzen“ (Vandenhoek & Ruprecht). 2025 erschien von ihm und Oliver Ruf herausgegeben, im gleichen Verlag: „TV populär. Zur Wissensgeschichte einer Fernsehform“. Sowie „Der polnische und deutschsprachige Retro-Krimi. ‹Detektivische› Fallstudien (Brill/ V & R unipress) _ Textauszug bei uns hier. Im Februar 2026 erschienen: Ästhetiken des Grauens. Kriminalität in Literatur, Film und Wirklichkeit.

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