Geschrieben am 1. Mai 2025 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2025

Bodo V. Hechelhammer über »Mauern und Lügen«

Geheimnisverrat mit Fiffi

Auch wenn Ralf Langroths Thriller Mauern und Lügen bereits im vergangenen Sommer erschienen ist, lohnt es sich auch heute noch, einen Blick in den Roman zu werfen, insbesondere wenn man sich für Geheimdienstgeschichte interessiert. Es ist Langroths letzter Band in der inzwischen vierteiligen historischen Reihe um BKA-Hauptkommissar Philipp Gerber. Nach Die Akte Adenauer (2021), Ein Präsident verschwindet (2022) und Das Mädchen und der General (2023) geht es nun zurück ins Jahr 1961. Ein Schlüsseljahr der deutschen Nachkriegsgeschichte und der internationalen Spannungen bildet den Rahmen für die spannende Handlung, als der Kalte Krieg langsam eskalierte, die Berliner Mauer gebaut wurde und der westdeutsche Geheimdienst, der Bundesnachrichtendienst (BND), seinen größten Spionageskandal erlebte: Heinz Felfe.

Ralf Langroth ist ein Pseudonym, das speziell für Spionageromane verwendet wird. Dahinter verbirgt sich Jörg Kastner, der seit Jahrzehnten erfolgreich Sachbücher, Romane und Thriller schreibt. Schon während des Studiums begeisterte er sich für das Schreiben, tauchte als Autor in die Welt von Jerry Cotton ein und kam vom Buch nicht mehr los. Langroth, der am liebsten Geschichte studiert hätte, lebt sein großes Interesse an vergangenen Zeiten in intensiven Recherchen für seine Bücher aus. Sein Markenzeichen: das treffsichere Zeitkolorit, in dem er sich stets mit den Denk- und Sichtweisen der jeweiligen Epoche auseinandersetzt. Ein Ansatz, der besonders in seinen Spionageromanen um den BKA-Mann Gerber zum Tragen kommt, in denen er akribisch recherchierte historische Fakten gekonnt mit fiktiven Charakteren verbindet.

Hauptfigur von Langroths Spionage-Reihe ist der BKA-Kriminalkommissar Philipp Gerber, der wegen des Nationalsozialismus in den Dreißigerjahren mit seiner Familie Deutschland verließ und in die USA emigrierte. Dort arbeitete Gerber für den Militärgeheimdienst, das Counter Intelligence Corps (CIC), war also für die Spionageabwehr tätig. Als Soldat in Diensten der USA kehrte er 1945 nach Deutschland zurück.

Der zeitliche Rahmen des Thrillers spannt sich, neben dem Vorspiel vom 14. August 1945, vom 1. August 1961, dem ersten Kapitel, über 39 Abschnitte bis zum Epilog am 11. November 1961. Daraus ergibt sich eine Dichte an historischen Ereignissen innerhalb von knapp vier Monaten. Die eigentliche Geschichte beginnt am Frankfurter Flughafen, wo Philipp Gerber in letzter Sekunde ein Attentat auf seinen ehemaligen Chef beim militärischen Nachrichtendienst vereitelt. Offenbar steckt der sowjetische Geheimdienst KGB dahinter, denn der amerikanische General ist nach Deutschland zurückgekehrt, um vor einem gefährlichen Doppelagenten und Landesverräter zu warnen, der unerkannt für die Sowjetunion spioniert.

Die Operation Campus zu starten, war eine unserer
besten Ideen, fuhr Anderson fort. Wir sind dadurch
einigen Dingen auf die Spur gekommen, die Gehlen nicht
gerade in dem Licht des Meisterspions zeigen, als der er
sich so gern sieht. Nicht nur wir haben nämlich den BND
unterwandert, sondern auch der Russe. Wir haben ein
paar von Gehlens wichtigsten Leuten im Verdacht, für die
Kommis zu spionieren. Einer davon ist Heinz Felfe. Oder
Hans Friesen, wie sein Deckname ist. Deshalb, Phil, wollte
ich Dich warnen, ganz im Vertrauen.

Gerber selbst wird in seinem Hotelzimmer überfallen und entgeht nur knapp einem tödlichen Anschlag. Während er fieberhaft versucht, die Hintermänner der Attentate zu identifizieren, gerät seine Freundin Eva Herden in eine gefährliche Situation. Die mit Gerber befreundete Journalistin reist derweil nach Berlin, wo sie über die anhaltenden Flüchtlingsströme aus dem Osten berichten will. Als sie vom Bauministerium der DDR gebeten wird, eine positive Reportage über eine Baubrigade zu machen, zögert sie zunächst. Doch was sie in Ostberlin erfährt, hat eine viel größere Dimension. Sie stößt auf Hinweise, dass die DDR-Regierung weitreichende Maßnahmen zur Abriegelung der Grenze plant – ein Vorhaben, das sich bald als Bau der Berliner Mauer entpuppt. Schließlich stößt Philipp Gerber auf die Information, dass der geheimnisumwitterte westdeutsche Geheimdienst an höchster Stelle von einem sowjetischen Maulwurf unterwandert wurde. Die Enthüllung dieser Wahrheit könnte nicht nur seine eigene Sicherheit gefährden, sondern auch die politische Stabilität der Bundesrepublik ins Wanken bringen. Schließlich nimmt Gerber auch Kontakt zur sowjetischen Seite auf, was ihn ausgerechnet im August 1961 mehrfach in den Ostsektor Berlins führt, wo er schließlich am Tag des Mauerbaus festsitzt. Schnell gerät der BND-Mitarbeiter Heinz Felfe, der für die Gegenspionage gegen die Sowjetunion zuständig ist, in den Fokus der Verdächtigungen.

Wenn das Dossier über Heinz Felfe, das Gerber sich
von Semjonow erhoffte, ähnlich zuverlässig war, hatte sich der
Aufwand wenigstens für Gerber gelohnt. Er hielt Felfe immer noch
dafür verantwortlich, dass Dietmar Krohn im Nord-Express
versucht hatte, ihn umzubringen. Deshalb nahm er die Aufgabe
persönlich, den BND-Mann zur Strecke zu bringen.

Wie gut Ralf Langroth mit historischen Fakten spielt, zeigt sich immer wieder, wenn es um die Person Heinz Felfe geht. Felfe, ein ehemals überzeugter Nationalsozialist und früherer Kriminalkommissar, der es im Gegensatz zu Gerber nicht wieder in den Polizeidienst der Bundesrepublik geschafft hatte, spionierte zehn Jahre lang für den sowjetischen Geheimdienst den westdeutschen Nachrichtendienst aus. Felfe war ein Karrierist, der zeitlebens Wert auf Titel und korrekte Anrede legte. So forderte er nach seinem Agentenaustausch in die DDR 1969 nichts weniger als einen Doktortitel als Ausgleich für den verlorenen Titel Regierungsrat. Den erhielt er, mit Unterstützung der Stasi im Osten tatsächlich, inklusive einer Professur für Kriminalistik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Solche Details blitzen in Langroths Mauern und Lügen immer wieder auf, wenn er Gerber auf Felfe treffen lässt. Kenner lieben den Subtext.

Gerber hängte seinen Trenchcoat an die Garderobe und
ging zu dem etwas abseits gelegenen Tisch, den Felfe
sich wohl mit Bedacht ausgesucht hatte.
Er begrüßte Gerber mit einem breiten Lächeln und
einem Händedruck, der ein wenig kraftlos ausfiel. Schön,
dass Sie es einrichten konnten, Herr Gerber. Oder werden
Sie lieber mit Ihrem Dienstrang angesprochen?
Gerber schüttelte den Kopf und setzte sich. Wenn Sie
jedes Mal Herr Kriminalkommissar zu mir sagen
und ich mit Herr Regierungsrat antworte, ist der
Vormittag vorbei.

Die romanhafte Komposition mit historischen Fakten bringt es mit sich, dass die wichtigsten politischen Akteure der Zeit immer wieder in Langroths Serie auftauchen. Konrad Adenauer, dessen letzter Wahlkampf ganz im Zeichen des Mauerbaus stand; Kanzleramtschef Hans Globke, der als Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze zunehmend in die öffentliche Kritik geriet; Reinhard Gehlen, der westdeutsche Geheimdienstchef, dessen Gesicht kaum jemand zu dieser Zeit kannte; der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, mit seinem jungen Pressesprecher Egon Bahr als Hoffnungsträger einer neuen Politik. Schön ist auch, dass das Buch eine Hommage an Billy Wilders wunderbare Filmkomödie One, Two, Three (USA 1961) enthält und Wilder in einer kleinen Nebenrolle auftritt. Tatsächlich fanden die Dreharbeiten von Juni bis September 1961 auch in Berlin statt, wo das Team vom Bau der Berliner Mauer überrascht wurde.

Der Mann ging zurück hinter seinen Tresen, und Wilder
musterte Gerber feixend. Immer noch in geheimer Mission
unterwegs, Lieutenant …  keine Sorge, ich lasse Sie nicht auffliegen.
Aber Sie sind noch immer bei Ihrem Verein?
Bei einem anderen Verein, aber ich jage noch immer die
bösen Buben, sagte Gerber mit gedämpfter Stimme. Nur sind
es diesmal die Roten nicht die Braunen. Dabei könnte ich
Ihre Hilfe gebrauchen. Wie ich gelesen habe, drehen Sie derzeit
am Brandenburger Tor.

Die Figuren des Romans bleiben nicht statisch und entwickeln sich stets weiter, vor allem die Beziehung zwischen Phillip Gerber und Eva Herden verändert sich, auch weil sie erkennen muss, dass ihre politischen Ideale mit dem real existierenden Sozialismus nicht viel gemein haben. Gerber zeichnet sich als erfahrener Kriminalkommissar des BKA mit bewegter Vergangenheit aus, der durch seine frühere Tätigkeit über weitreichende Geheimdienstkenntnisse verfügt. Er ist analytisch, zielstrebig und stets bereit, große Risiken einzugehen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Auch wenn seine Loyalität zur jungen Bundesrepublik außer Frage steht, lassen ihn die zahlreichen Intrigen von Politik und Geheimdiensten immer wieder an den Grenzen zwischen Gut und Böse zweifeln. Ein Freund des BND wird er wohl nicht. Wer die vorherigen Bücher der Reihe gelesen hat, wird sich freuen, denn immer wieder tauchen alte Bekannte auf und dennoch gibt es zahlreiche überraschende Wendungen und neue Erkenntnisse aus dem inzwischen weitverzweigten Netzwerk Gerbers. Ein Netz, das sicher mit weiteren Büchern weitergesponnen wird, auch wenn der Autor im Nachwort konkret von einer geplanten vierbändigen Philipp-Gerber-Reihe spricht. Mit der Beförderung Gerbers zum Kriminalrat und Leiter der Ermittlungsgruppe dürfte seine Geschichte noch nicht zu Ende erzählt sein. Und die der Bundesrepublik hat noch so viel mehr Skandale und Verratsfälle zu bieten.

So ist Ralf Langroths Buch nicht nur ein gut recherchierter und atmosphärisch dichter zeitgeschichtlicher Spionagethriller, der Fiktion und Zeitgeschichte gekonnt miteinander verbindet. Es ist der bislang ultimative Heinz-Felfe-Roman. Immer wieder lesenswert und absolut unterhaltsam. Felfe, der den Spitznamen Fiffi trug und selbst ein großer Krimifan war, hätte seine Freude an Mauern und Lügen gehabt. Sowieso.

Ralf Langroth. Mauern und Lügen. Rowohlt, Hamburg 2024. 316 Seiten, 18 Euro.

Bodo V. Hechelhammer kam als Chefhistoriker des Bundesnachrichtendienstes (BND) – mit einem kundigen Faible für die populärkulturellen Spiegelungen der Agenten- und Geheimdienstwelt – mit uns in Kontakt und ist seitdem ein geschätzter Autor. „Geheimdienst ist besonders spannend unter kulturhistorischer Sicht“, ein Interview von Alf Mayer mit dem Autor über sein Buch Doppelagent Heinz Felfe entdeckt Amerika. Der BND, die CIA und eine geheime Reise im Jahr 1956 hier. 
Alf Mayers Besprechung von Spion ohne Grenzen. Heinz Felfe – Agent in sieben Geheimdiensten hier. – 2022 erschienen: Rolf Kauka. Fürst der Füchse, hier bei uns besprochen, ein Textauszug hier.

Seine Texte bei uns hier. 

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