
Wie jedes Jahr berichtet die großartige Katrin Doerksen für uns von der Berlinale. Zu den schauderhaften Bedingungen der Pressevorführungen hat Thomas Groh auf der gerne empfohlenen Website critic.de das leider Notwendige gesagt: »Ein Festival, dem die Kino-Infrastruktur abhanden kommt.« Und siehe auch noch:
Berlinale 2026: Logbuch #1 – von Katrin Doerksen
Berlinale 2026: Logbuch #2 – von Katrin Doerksen
Thomas Groh: Trockengelegte Oasen – Berlinale Grohlumne (2)
Von der Wendezeit zur Zeitenwende – Berlinale Grohlumne (3)
So weit, so Dogville – Berlinale Grohlumne (1)
sowie generell die Internetseite critic.de
artechock.de
cargo-film.de
sowie viele Einzelbesprechungen von Berlinale-Filmen bei
kino-zeit.de
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Berlinale 2026: Logbuch #3
Kurz vor Schluss erreicht die Berlinale 2026 ihren Höhepunkt. Nicht im Wettbewerb, das ist schade fürs Festival aber trotzdem ein riesiger Gewinn für ihr Publikum: Als Special Gala wird The Testament of Ann Lee gezeigt, der Film der norwegischen Regisseurin Mona Fastvold (The World To Come) über die Gründerin der Shaker-Bewegung. Der Film ist ein Anti-Handmaid’s-Tale, ein historisches Musical mit Amanda Seyfried als einer Art frommer Disneyprinzessin, ein Film, der den puritanischen Gründungsmythos der USA als Rebellion gegen Tyrannei und Patriarchat erzählt und dabei nicht zuletzt zeigt, was Frauen alles reißen können, wenn sie sich aus dem ewigen Reproduktionszirkus ausklinken. Ein instant classic.
Ann Lee wird 1736 in Manchester als Tochter eines Schmieds geboren, erzählt eine weibliche Stimme (Thomasin McKenzie), die uns fortan chronologisch aus dem Off durch Anns Leben und Wirken führen wird. Nachdem sie vier Kinder zur Welt bringt, die alle nicht ihren ersten Geburtstag erleben, schwört die junge Frau der Fleischeslust ab, predigt das Zölibat und die Gleichheit aller Geschlechter und Hautfarben und wird dafür von ihren wenigen Anhängern für die weibliche Wiederkunft Christi gehalten. Eine Anmaßung, die sie ins Gefängnis und anschließend auf die Idee bringt, ihre Botschaft in die Neue Welt zu tragen. Geboren ist die United Society of Believers in Christ’s Second Appearing, ob ihrer rituellen Schütteltänze auch Shakers genannt. Doch auch in Amerika wird eine Utopie, die die Sklaverei verurteilt und mit den Ureinwohnern friedlich koexistieren will, die radikale Enthaltsamkeit nebst Pazifismus und den Verzicht auf Privateigentum predigt — und dann noch mit einer Frau als Oberhaupt — als Bedrohung gesehen. Es ist ein hübsches zeitgeistiges Detail, dass die Shaker Ann Lee tatsächlich Mother nannten, ihr also den gleichen Titel verliehen, wie er heute im Online-Sprech verwendet wird, um queere Ikonen von Lady Gaga bis Cher zu glorifizieren.
The Testament of Ann Lee ist ein kluger, tiefgründig recherchierter Film, der von heutigen Kenntnissen in den Geschichtswissenschaften, in Psychologie und Kulturwissenschaften profitiert, ohne diesen intellektuellen Unterbau deutlich auszubuchstabieren. Mona Fastvold stellt auf eine Weise, die sich am ehesten als (werner)herzogianisch beschreiben lässt, in den Raum, dass Ann Lees radikale Überzeugungen die Reaktion auf ein Trauma gewesen sein könnten; ohne sich dabei auch nur für eine Minute in den Fahrwassern eines psychologischen Dramas zu bewegen. Dass ein gewisser Teil des phasenweisen Missionierungserfolgs der Shaker auf die Sonnenfinsternis von 1778 zurückzuführen sein mag, die von anderen Freikirchlern als göttliche Warnung interpretiert wurde. Dass die gemeinschaftlichen Schütteltänze im Grunde eine ähnliche Wirkung entfalteten wie eine Tanztherapie oder meinetwegen auch ein Moshpit. Also ein Religionsfilm ohne Spiritualitätsgehuber, dem Himmel (beziehungsweise der Regisseurin) sei Dank.
Den ekstatischen Kern des Films bilden die Lieder und Tänze. Der oscarprämierte Komponist Daniel Blumberg (The Brutalist) hat auf Basis authentischer Musik der Shaker einen Score geschrieben, der alles Hymnische aus dem menschlichen Resonanzkörper bezieht und den Amanda Seyfried mit engelsgleicher Stimme interpretiert. Dazu kommt das perkussive Klopfen, Stampfen, Atmen der Choreografie, die auf analogem Filmmaterial im 70mm-Breitbildformat gedreht eine helle Freude ist. Es sollte den Mitgliedern der Academy hochnotpeinlich sein, dass es für The Testament of Ann Lee keine einzige Oscarnominierung gab. Der Film hätte es in so ziemlich jeder Kategorie verdient.

Ein weiterer Höhepunkt dieser Berlinale ereignet sich im Forum, wo Marie Wilke ihren neuen Film Szenario präsentiert. Der Titel ist doppeldeutig. Er verweist auf hypothetische weltpolitische Ereignisse und ist zugleich auch ganz praktisch zu verstehen, denn an dem Ort, den Wilke beobachtet, wird performt, genauer: Krieg gespielt. Schnöggersburg ist ein militärisches Übungsgelände mitten in den Wäldern von Sachsen-Anhalt, in Europa das größte seiner Art. Checkpoints, Dörfer, eine ganze Stadt ist dort in Sichtbeton nachgebaut, komplett mit U-Bahn-Schacht und Sakralbau, in der die Bundeswehr den Häuserkampf trainiert. Das klingt erstmal absurd aber Wilke filmt gleich zu Beginn eine Informationsveranstaltung mit, in der ein Abgeordneter die aktuelle Situation einordnet: Seit der Zeitenwende, also der russischen Invasion in der Ukraine, sind solche Ausgaben viel einfacher zu rechtfertigen.
Überhaupt verfügt die Regisseurin über ein untrügliches Gespür für prägnante Momente. Gut und gern lassen sich ihre Kollegen im Fach des distanziert beobachtenden, unkommentierten Dokumentarfilms oberhalb von drei Stunden Zeit. Szenario hingegen ist knackige 91 Minuten lang (für den Schnitt kollaboriert Wilke einmal mehr mit dem Filmemacher Jan Soldat) und kein bisschen redundant. Er beginnt mit der Übung in der Stadtkulisse, folgt anschließend Besucherrundgängen übers Gelände, beobachtet Führungskräfteseminare, Trainingseinheiten mit neuen Rekruten, eine Vereidigungszeremonie oder ein Volksfest mit Infoständen der Bundeswehr.
Die Wirkung, die diese Szenen haben, ist ambivalent. Manchmal beruhigend, wenn das Ausbilderpersonal zwar arg kartoffelig aber doch ziemlich weit weg von toxischen Männerbundklischees den Nachwuchs darüber aufklärt, dass ein Soldat seine Befehle im Sinne der Menschenwürde und des Grundgesetztes hinterfragen muss. Aber an vielen Stellen auch ernüchternd. In der disziplinierten, tarnfarbenen Gleichschrittwelt von Schnöggersburg, in der selbst das Zusammenfalten einer Flagge klaren Protokollen folgt, sind die Zivilisten die Fremdkörper. Eine schrillbunt gekleidete Parade an Haltungsschäden, Gehfehlern, Übergewicht und geringer Aufmerksamkeitsspanne; die Verletzlichkeit des durchschnittlichen Homo Sapiens gegenüber all dem hochtechnisierten Kriegsgerät könnte einem nicht deutlicher ins Gesicht springen.

Der Wettbewerb der Berlinale macht unterdessen im letzten Drittel des Festivals noch ein Kapitel über Figuren in menschenfeindlichen Umgebungen auf. In Wolfram vom australischen Regisseur Warwick Thornton ist diese Umgebung das Outbacks, wo in den 1930er Jahren aboriginal people, chinesische Einwanderer und Weiße in den Minen arbeiten. Dann tauchen zwei Outlaws in einer kleinen Bergbaustadt auf und hinterlassen eine Schneise der Gewalt. Wolfram ist formal ein Western und doch auch wieder nicht, denn mehr als westlichen, figurenpsychologisch motivierten Genrekonventionen folgt er subtil der Logik der damaligen Lebensrealität der aboriginal people, wo das Orientieren in der Wüste und Fährtenlesen normale Bestandteile des Alltags sind und die Verbindung zur Erde genauso stark wie die zur eigenen Familie.

Es bleibt den Australiern jedweden ethnischen Hintergrunds auch eigentlich nichts anderes übrig als zusammenzuhalten, denn vor den Gefahren des Outbacks sind alle gleich. Daran erinnert schon allein der Fliegenschwarm, der ausnahmslos jedes Lebewesen in Wolfram unentwegt umschwirrt als warte er nur auf den drohenden tödlichen Stillstand. Mit einer lästigen Fliege beginnt auch der mexikanische Wettbewerbsbeitrag Moscas von Fernando Eimbcke, der es auf diese Weise schafft, seine Hauptfigur mithilfe nur einer einzigen, banal erscheinenden Eingangssequenz umfassend zu charakterisieren. Olga (Teresita Sánchez) ist eine allein lebende Rentnerin und die sture Beharrlichkeit, mit der sie gegen das Fliegengesumme vorgeht, zeigt all ihre Pedanterie und Hartherzigkeit. Doch dann untervermietet Olga ein Zimmer an einen Mann, der seinen Sohn (Bastian Escobar) mit in die Wohnung schmuggelt und wie zu erwarten schmilzt der Neunjährige die Eisschicht um Olgas Herz. In lichten Schwarzweißbildern und voller visueller Einfälle erzählt Moscas von dieser im Entstehen begriffenen Freundschaft inmitten einer Stadt, in der, wer auf welche Art auch immer nicht einwandfrei funktioniert, allzu schnell hinten runter fällt. Eine liebenswerte Miniatur.

In Lance Hammers Queen at Sea hingegen ist die menschenfeindliche Umgebung ein Maisonette-Altbau in London. Die Fallhöhe mag nicht ganz so hoch sein wie im australischen Outback, aber doch recht entscheidend, wenn man im Herbst seines Lebens auf wackeligen Knien jeden Tag steile Holztreppen erklimmen muss, um sein Schlafzimmer zu erreichen. Eben dort erwischt Amanda (Juliette Binoche) ihren Stiefvater Martin (Tom Courtenay) zum wiederholten Male beim Sex mit seiner Frau Leslie (Anna Calder-Marshall), die wegen fortgeschrittener Demenz nicht mehr glaubhaft ihr Einvernehmen erklären kann. Queen at Sea eröffnet mit diesem ethischen Dilemma und wird anschließend zu einem recht handfesten, kitchen-sink-artigen Film über den Spagat zwischen Autonomie und Fürsorge im Alter — nebenbei aber auch zu einem Film über Architektur und die Vorzüge des sozialen Wohnungsbaus. Immer wieder zeigt Hammer die steilen Treppen, Türschwellen, Winkel im gutbürgerlichen Haus der Eltern, während Amandas Teenagertochter die fantastische Aussicht aus der gemeinsamen Wohnung im obersten Stockwerk des brutalistischen East Londoner Balfron Towers genießt.

Es ist schon eine liebgewonnene Tradition geworden, die Berlinale mit dem neusten Werk von Festivalstammgast Hong Sang-soo zu beschließen. Mit The Day She Returns ist der Koreaner in diesem Jahr im Panorama untergekommen und erzählt in gewohnt minimalistischer Manier von der Schauspielerin Jeong-su (Song Sun-mi), die anlässlich ihres Comebacks in einem Independentfilm drei jungen Journalistinnen Interviews gibt. Dazu trifft sie sich mit ihnen in einem deutschen Restaurant mit ausgezeichnetem Fassbier und bemüht sich alle Fragen zu beantworten so gut es geht. Hong filmt die drei Gespräche als schwarzweiße Tableaus in starren Einstellungen und folgt Jeong-su anschließend zu ihrem Schauspielkurs, wo ihre Lehrerin sie darum bittet die Gespräche des Tages noch einmal nachzustellen.
Die Wiederholung ist ein beliebtes Motiv in Hong Sang-soos Schaffen, in Right Now, Wrong Then etwa zeigte er uns die Zufallsbekanntschaft eines Regisseurs und einer Künstlerin zwei mal hintereinander mit nur kleinen Abweichungen, die den Lauf des Schicksals aber entscheidend beeinflussen. In The Day She Returns durchlaufen wir ein nahezu identisches Gespräch gleich vier Mal und der Reiz darin liegt wiederum in diesen kleinen Abweichungen, in Hongs höchstwahrscheinlich autobiografisch inspiriertem Humor, wenn Jeong-su ihre Biergelüste den Vorlieben ihres jeweiligen Gegenübers anpasst (ist dies sein erster Film ohne Soju oder Makgeolli?) oder für die immer gleiche Interview-Abschlussfrage die immer gleiche Antwort parat hat.
Und noch etwas ist immer gleich: Ihre Bitte, doch einmal das ewige Interpretieren zu lassen, die Bilder und Aussagen schlicht für sich stehen zu lassen; erst dann könne man wahres Glück erreichen. Der Anteil meiner Persönlichkeit, der sich jedes Jahr für die Berlinale akkreditiert, um dort unter zunehmender Müdigkeit am Fließband über Filme zu schreiben, will im ersten Moment widersprechen. Schließlich liebe ich gerade die Filme von Hong Sang-soo auch dafür, dass ihre Reduziertheit alle möglichen Interpretationen zulässt. Aber er hat schon einen Punkt. Auf einem Festival, auf dem jedes Jahr die selben drei Social-Media-Aktivisten versuchen mit aller Kraft künstliche Skandale herbeizuschreiben und von Künstlern Bekenntnisse einzufordern, ist es womöglich das Klügste, für einen Moment zurückzutreten und die Bilder für sich selbst sprechen zu lassen.
Katrin Doerksen












