
»Kunst ist Diebstahl«, sagte schon Pablo Picasso
Alf Mayer über den «Atlas der Kunstverbrechen« von Laura Evans
Natürlich ist das ein Buch für uns beim CrimeMag, der »Atlas der Kunstverbrechen« von Laura Evans. Sie ist Kunstprofessorin an der University of North Texas, hat rund um die Welt in Kunstmuseen gearbeitet, auch in Australien, gibt Vorlesungen über Kunstkriminalität. 75 spektakuläre Fälle sind in ihrem Buch zusammengetragen und süffig aufbereitet. Sachbuch können sie, die Wissenschaftler der anglophonen Welt. Im Kunstbuchverlag Prestel ist Laura Evans zudem an der absolut richtigen Adresse, das alles auch schön und bestens illustriert präsentieren zu können. Das Buch ist ein kleines Kunstwerk in sich geworden, alles andere als dröge.
Den Mann auf dem Cover treffen wir übrigens schon auf Seite 17, im zweiten Fall von Kapitel 1, das mit »Diebstahl« überschrieben ist. Das historische Schwarz-weiß-Foto zeigt den »Moment, in dem Paul Hogan mit dem gestohlenen Gemälde, die Treppe der Tate Gallery hinunterläuft«. Sein Komplize Billy Fogerty steht oben auf der Treppe. Bei dem gestohlenen Gemälde handelt es sich um »Sommertag« von Berthe Morisot, eine der wenigen impressionistischen Malerinnen. Der Diebstahl selbst war eine politische Tat, ein Statement, mit dem die beiden Diebe im Namen Irlands auf eine vom Empire zu Unrecht einbehaltene »Lane Collection« aus Dublin aufmerksam machen wollten – Restitution als Zeitungsspektakel. Die Aktion war sogar erfolgreich: Die Tate-Gallerie erklärte sich bereit, künftig die Hugh-Lane-Sammlung mit Dublin zu teilen und die Werke abwechselnd in Dublin und London auszustellen. Auf der Website der National Gallery heißt es: »Die vor über 60 Jahren, 1959, getroffene Vereinbarung über die gemeinsame Nutzung ermöglicht es dem Publikum beider Städte, in denen Lane den Großteil seines Lebens verbrachte, die bemerkenswerte Kunstsammlung zu bewundern, die er vor über 100 Jahren zusammentrug.« Dem tatsächlichen Geschehen wird dieser Satz nicht gerecht, bemerkt Laura Evans trocken.
Carl Spitzwegs Gemälde »Der arme Poet« wurde zweimal gestohlen, erfahren wir bei ihr: im Dezember 1976 als Kunstaktion und im September 1989 als ernsthafter Raub. Spitzweg selbst, erfahren wir nebenbei, hatte keine finanziellen Sorgen, er war schon zu Lebzeiten erfolgreich und ist bis heute einer der beliebtesten deutschen Maler. In einer Umfrage wurde er auf Platz 2 gewählt, nach Leonardo da Vincis »Mona Lisa« und vor Albrecht Dürers »Hase«. Folgerichtig wurde er zum Ziel für den deutschen Performancekünstler Frank Uwe Laysiepen, genannt Ulay, damals mit Marina Abramovic zusammen (berühmt: die Sache mit dem zugenähten Mund, 1976).

Am 12. September 1976 betrat Ulay die neue Nationalgalerie in Berlin, riss Spitzwegs Gemälde von der Wand und stürmte durch den Notausgang in Schnee. Abramovic filmte die Tat, während draußen der Werner-Herzog-Kameramann Jörg Schmidt-Reitwein mit einer Videokamera bereitstand. In einem Lieferwagen brausten sie nach Kreuzberg, riefen von unterwegs aus einer Telefonzelle die Polizei an, um beim Museumsdirektor fragen zu lassen, ob er den »Armen Poeten« denn nicht in einem neuen Zuhause aufhängen wolle. Das war die Wohnzimmerwand bei einer türkischen Einwandererfamilie, die wiederum glaubte, dass man bei ihnen (nur) einen Dokumentarfilm drehe. Ulay filmte das Gemälde in seiner neuen Umgebung, wartete dann eine Stunde kettenrauchend auf dem Sofa der Familie auf die Ankunft des Museumsdirektors – während die Polizei den Wohnblock abriegelte. Der Direktor erhielt das Gemälde unversehrt zurück. Ulay wurde verhaftet, zu einer Geldstrafe und zwei Wochen Haft verurteilt. Lohn war ordentlich Medienöffentlichkeit. Seine Performance nannte Ulay später »Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst.«
Knapp drei Jahre später wurde das Bild erneut gestohlen, diesmal aber in echt. Es ist seitdem verschwunden.
Nicht alle Geschichte in Evans’ Buch haben ein Happyend, auch wenn Marshall McLuhan einst schrieb: »Kunst ist alles, mit dem man davonkommt.« Kunstkriminalität und illegaler Antiquitätenhandel werden oft als drittgrößter Schwarzmarkt nach Drogen und Waffen genannt, skizziert Evans in ihrem Vorwort. Genaue Zahlen sind schwierig, weil die Dunkelziffern in diesem Bereich extrem hoch sind. Das bestätigt auch die Investigativ-Journalistin Riah Pryor in ihrer 2016 erschienenen Studie »Crime and the Art Market« (Lund Humphries, London). Das 1992 gegründete Art Theft Team des FBI ging in den frühen 2000ern davon aus, dass jährlich weltweit Kunstwerke im Wert von vier bis sechs Milliarden Dollar gestohlen werden.
Natürlich beflügelt das auch die Populärkultur, sei es Film, Musik oder Fiktion. »Good Reads« listet unter dem Stichwort »art crime« 295 Bücher. Kunst-Krimis sind Legion, etwa die Kunstfälscherinnen-Reihe von Tiina Nevala, Henrik Karlsson: Band 1: »Dämmerung. Falsch.«; Band 2: »Zwielicht. Verrat.« (DuMont) Schon auf drei Bände angewachsen ist die Lennard-Lomberg-Reihe von Andreas Storm bei Kiepenheuer & Witsch. Dort auch Bernhard Jaumann mit der Kunstdetektei von Schleewitz-Reihe: »Der Turm der blauen Pferde“, »Caravaggios Schatten« und »Bansky und der blinde Fleck«. Und allen voran natürlich Charles Willeford mit »Ketzerei in Orange« (The Burnt Orange Heresy, 1971). Kurz der Inhalt:
Einbruch, Diebstahl, Brandstiftung: Dem selbstgefälligen Kunstkritiker James Figueras ist schier jedes Mittel recht, um seinen Namen als Koryphäe des Kunstbetriebes verewigen zu können. Als ihm der wohlhabende amerikanische Kunstsammler Cassidy ein Interview mit dem verschollenen, weltberühmten französischen Künstler Jacques Debierue in Aussicht stellt, der plötzlich im sumpfigen Süden Floridas wieder aufgetaucht sein soll, kann er der Versuchung nicht widerstehen, mit einem Handstreich zu unsterblichem Ruhm zu gelangen…
Doch zurück zu Laura Evans. Sie unterteilt ihr vergnüglich-informatives Buch in drei Kapitel: Diebstahl, Vandalismus und Fälschung, schweift jeweils nach Europa, Amerika, Asien, Pazifik und Afrika. Hollands meistgestohlener Künstler übringens ist – Vincent van Gogh. Zwischen 1991 und 2020 wurden alleine in den Niederlanden 29 seiner Gemälde gestohlen. Es stimmt schon: »Thomas Crown ist nicht zu fassen«…
Alf Mayer
Laura Evans: Atlas der Kunstverbrechen. Diebstahl, Vandalismus, Fälschung (The Atlas of Art Crime. Thefts, Vandalism, and Forgeries, London 2024). Prestel Verlag, München 2025. Format 19,0 x 24,6cm. Hardcover, 224 Seiten, 34 Euro. – Englischsprachige Website der Autorin.






















