Geschrieben am 1. Juli 2025 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2025

»Analog« – Als die Welt noch Zauber war und Rauschen

Schatztruhe voll einstiger Alltags-Gegenstände

Alf Mayer über »Analog. Zeitlose Technik« von Deyan Sudjic.

Analog, das war einmal ein Synonym für die Zukunft. 1960 benannte sich das amerikanische Science-Fiction-Magazin »Astounding« um, weil »Analog« wissenschaftlicher und eben mehr nach Zukunft klang. »Zeitlose Technik« hat der Prestel-Verlag jetzt 2025 als Unterzeile für ein Buch gewählt, das ist einigermaßen kühn, wissen wir doch: »Die analoge Welt ist tatsächlich Vergangenheit. Erst jetzt erkennen wir ihr außerordentlich reiches Erbe“, so die ersten beiden Sätze der Einleitung von Deyan Sudjic zu dem Buch »Analog«, bei Prestel erschienen und herzerwärmend schön ausgestattet.

»Das Verständnis der analogen Wurzeln verrät uns viel über die zeitgenössische Technologie und die Geschichte der Gegenwart«, findet Deyan Sudijc in seinem Vorwort. »Wir sehen, wie anders das Leben bis vor Kurzem war, und schätzen die Kreativität, die in so viele aus dem heutigen Alltag verschwundene Objekte eingeflossen ist. Die analoge Technik prägte die Welt bis in die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts.«

Partiell gibt es Revival. Neulich in Münster, anscheinend eine Stadt der Audiophilen, sah ich gleich in mehreren Geschäften Plattenspieler und analoge Verstärker zum Preis einer Luxuslimousine. Vinyl-Schallplatten sind wieder Kult – siehe auch das zweite hier besprochene Buch »Into the Groove. Die Geschichte der Schallplatte«. Deyan Sudijc, der Autor von »Analog«, ist Architekturkritiker und Direktor des Design Museums in London. Er hat Sinn für das Ikonographische, das verraten Bücher wie »The Language of Cities« (2017), »B is for Bauhaus« (##), »London in Fifty Design Icons« oder 2005 »The Edifice Complex: How the Rich And Powerful Shape the World«, deutsch »Der Architekturkomplex: Momente der Macht«. Der Schriftsteller J.G. Ballard liebte das 1992 erschienene »100 Mile City« über die sich formierenden Mega-Städte.

Nun richtet Deyan Sudijc sein Auge auf die kleinen Dinge, als Plastik noch Aura und Charme hatte. Als es knackte und rauschte, die technische Welt noch voller Seele war. Und Medienerfahrung etwas, was kein Streaming-Dienst je vermitteln kann. Das präzise, sachlich, kühl und klar aufgebaute Buch nimmt uns mit eine überreiche Schatzkammer, zeigt 250 Objekte und gliedert sich in die Kapitel: Klang, Bild, Kommunikation, Information. Jedes Kapitel kommt mit einer Einführung und einer Zeitlinie, bietet eine doppelseitige Produktübersicht mit Untergliederungen und Seitenzahlen. Die einzelnen Geräte dann haben einen ganz- oder halbseitigen Auftritt – die Produktfotografie nüchtern und anheimelnd nackt, die technischen Angaben präzise, die Informationen kompakt und poliert. Eine Warenkunde der besonderen Art.

Das analoge Mittelalter, das war 1839 Daguerres moderne Fotografie, waren Faksimiles und Telegrafen und 1884 die erste kommerziell erfolgreiche Schreibmaschine. Die analoge Neuzeit setzte zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Entwicklung der Elektronenröhre ein, als 1947 dann als Transistor. Das Finale des analogen Zeitalters legt Sudjic in die 1960er und 1970er Jahre und benennt als eines »der genialsten je produzierten Konsumgüter« die Polaroid-Sofortbildkamera SX-70: »Ein unmittelbar vorzeigbares Resultat ohne großen Aufwand – nie wieder kam analoge Technik den Vorzügen der digitalen Welt so nahe.« Sony produzierte damals den Walkman, Dieter Rams entwarf mehrere Rundfunkgeräte für Braun, darunter das RT 20.

1999 gab es weltweit 492 Millionen Mobilfunkteilnehmer, größtenteils mit analogen Mobiltelefonen der ersten Generation. Zehn Jahre später waren es bereits fünf Milliarden Nutzer, sie alle weithin digital. Das erste Smartphone von Apple kam 2007 auf den Markt und läutete ein Massensterben ein. Landkarten, Kameras, Musikabspielgeräte, Radios oder Wecker waren plötzlich Saurier … so wie:

Plattenspieler,
Filmkameras,
Tonbandgeräte,
Schreibmaschinen,
Kopiergeräte,
Rechenmaschinen,
Röhrenfernseher,
Camcorder,
Kompasse,
Thermometer,
Diaprojektoren,
Filmkameras.

Elf Seiten versammelt das Buch alleine für Schmalfilmkameras, 26 über Generationen von Fernsehgeräten, etliche auch für Videogeräte und Camcorder. Dazwischen immer wieder Porträts wegweisender Gestalter oder von Unternehmen, etwa Sony, Kodak, Olivetti, Braun. Im Anhang gibt es ein Designerverzeichnis. Dieses Buch ist eine Schatzkammer. Funktioniert im Leseerlebnis wie die Polaroid SX-70 von 1972: eine Sofortbildkamera mit Chromgehäuse, faltbar wie ein Fernglas, elegant wie ein Zigarettenetui. »Die SX-70 war wie Zauberei: Man drückte auf den Auslöser, hörte das Zischen der Filmkassette und sah, wie das Bild Gestalt annahm.« Gönnen Sie sich den analogen Spaß mit diesem haptischen Buch.

Alf Mayer

Deyan Sudjic: Analog. Zeitlose Technik (The World of Analog: A Visual Guide, London 2023). Deutsch von VerlagsService Dietmar Schmitz. Prestel Verlag/ Penguin Random House, München 2025. Format 21 x 27 cm, Hardcover. 300 Abbildungen, 304 Seiten, 38 Euro.

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