Geschrieben am 1. Mai 2026 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2026

Oliver Jörns: »Als Filme noch etwas bedeuteten« – Alf Mayer stimmt zu

Kino kann Wahrheit sein

Alf Mayer zur Essaysammlung »Als Filme noch etwas bedeuteten« von Oliver Jörns

»Ich bin kein Filmkritiker im journalistischen Sinn. Ich schreibe aus Nähe.
Aus Liebe. Aus Zweifel.«
– Oliver Jörns

Diese Stimme ist sofort da. Klar und deutlich. Bemerkenswert. Da schreibt und redet einer über Filme, dass einem das Herz aufgeht.  Die Augen mit. Sein Buch heißt »Als Filme noch etwas bedeuteten«.Oliver Jörns hat es im Selbstverlag herausgebracht, einfach auf eigene Faust. Inzwischen auch als Hardcover.

Jörns ist Autor, Radiomoderator und Kulturjournalist aus Köln. Seit 2017 betreibt er alan lomax blog, wo unter dem Pseudonym Alan Lomax über Filme, Musik und Serien schreibt. Bei 674FM moderiert er Sendungen wie musikabend und Recording Trips. Das Lomax-Pseudonym ist natürlich eine Verbeugung vor dem gleichnamigen Musikforscher und Sammler, einem lebenlangen Hüter populärkultureller Erinnerung.

Film war für Oliver Jörns nie nie Hobby – sondern Sozialisierung. Er sieht sich nicht als Filmkritiker im journalistischen Sinn, versteht sich eher – und wie er betont, »im Geiste, nicht im Anspruch« – als Enkel der Autoren der Cahiers du Cinéma. Nicht, weil er sich deren Größe anmaße, »sondern weil es Rivette, Truffaut oder Chabrol nie um Urteile ging, sondern um Liebe. Um leidenschaftliches Denken, um Zweifel, um das ständige Rückbeziehen auf frühere Filme, um diese seltsame Parallelwelt Kino überhaupt begreifen zu können. Getriebene waren sie. Und genau das bin ich hier auch«, schreibt er im Vorwort zu seinem Buch.

Jörns schreibt über Filme, die (nicht nur) ihn geprägt haben. Über Regisseure, die neu zum Denken brachten. Über Szenen, die im Gedächtnis bleiben, obwohl so viel an Streaming längst vergessen ist. Er schreibt über Relevanz. Über die Gewissheit, dass Kino Wahrheit sein kann.

Mich haben seine Texte auch an die Zeitschrift »Filme« und deren Haltung erinnert, ebenfalls von den frühen Cahiers-Autoren infiziert. »Filme – Neues und Altes vom Kino« wurde von Jochen Brunow, Antje Goldau, Norbert Grob und Norbert Jochum gegründet, brachte es zwischen 1980 bis 1982 auf 13 Ausgaben. (Und wie die unterirdischen Ströme es zu fügen, findet sich hier in dieser Ausgabe eine Besprechung des inzwischen dritten Kriminalromans von Jochen Brunow, der nach seiner »Filme«-Zeit Drehbuchautor wurde. Seine Romane haben die Körnigkeit alter Filme, glänzen mit filmreifen Szenen, jetzt im dritten Roman etwa dem Auftritt einer Frau, die an Ava Gardners barfüßige Gräfin erinnert…)

Oliver Jörns sieht seine Filmtexte nicht als Reviews. »Es sind Bekenntnisse. Zur Liebe zum Kino. Zur Sehnsucht nach epischer Erzählung (siehe hier nebenan seinen Text zur Serie YELLOWSTONE, d. Red.), glaubwürdigen Figuren und der Schönheit der Kinematografie.« Die Texte seines Buchs folgen keiner Dramaturgie außer der eigenen Biographie und dem eigenen Interesse. Sie sind kein Kanon (und natürlich doch einer). Sie sind ein Archiv, über Jahre entstanden. Eine Sammlung von Haltungen, Erinnerungen und Blicken auf Filme, die geblieben sind, während anderes verschwunden ist. Sie entstanden nicht als Projekt, »sondern als Reaktion. Auf Hitchcock. Auf Wilder. Auf Coppola. Auf Filme, die mir näher waren als viele Gespräche. Jetzt stehen sie nebeneinander. Chronologisch. Unaufgeräumt. Ehrlich… Manche sind ruhig. Manche wütend. Manche tastend. Andere entschieden. So wie Kino selbst… Dieses Buch will nichts erklären. Es will erinnern. Und vielleicht dazu einladen, wieder anders hinzusehen.«

Jörns lesen, das heißt nach wenigen Worten die schöne Gewissheit erfahren, mit ihm »zusammen im gleichen Film« zu sitzen. Bei ihm gibt es diese Momente, in dem man augenblicklich weiß, hier bin ich richtig. Hier will ich sein. Die alten Griechen hatten dafür den Begriff kairos: das rechte Maß, die gute Gelegenheit, der richtige Zeitpunkt einer Entscheidung. Alexander Kluge benannte seine Produktionsfirma danach, Beethoven seine neunte Sinfonie: Freude, schöner Götterfunken

Hier Schillers Text:

Freude, schöner Götterfunken,
     Tochter aus Elisium,
Wir betreten feuertrunken,
     Himmlische, dein Heiligthum.
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng getheilt,
Alle Menschen werden Brüder,
     Wo dein sanfter Flügel weilt.

Ohne Text – ohne Schiller und seine »Ode an die Freude« – ist dies übrigens die Hymne der Europäischen Union. Und gestritten wird bei Oliver Jörns/ Alan Lomax auch, episch sogar über David Finchers SE7EN, ob es nun ein Meisterwerk ist oder nicht. Überwiegend aber ist dieses schlanke, aber äußerst gehaltvolle Buch eine ganz und gar wunderbare Selbstvergewisserung, was einem selbst das Kino ist. Warum man es mag. Und braucht. Und liebt. Und immer lieben wird. Oliver Jörns vermag es, dem wieder und wieder Stimme zu geben und Argument.

Es ist nur folgerichtig und in eben dieser Liebe zum Kino begründet, warum es in seinem Buch Edgar Reitz und dessen Mammutprojekt HEIMAT sind, womit Jörns die Brücke zu heutigen Sehgewohnheiten und zur großen seriellen Erzählung schlägt. Denn Reitz hat hier tatsächlich etwas vorweggenommen, ihm gebührt diese Zuschreibung. Jörns ordnet das völlig richtig ein – und es ist ihm wichtig.

In einer Zeit, in der filmhistorische Einordnung im TV-, Laptop-, Streaming- oder Handyfenster zu zweieinhalb Zeilen Blabla verkommen ist, wird es zur Großtat, den Rahmen richtig zu setzen, den Raum eines Films zu vermessen, die Haltung eines Films zu benennen und die Schultern der Riesen, auf denen unsere Bildkultur steht. Über 40 Filme oder Serien besucht das chronologisch gegliederte Buch aus rund 20 Jahren Bloggerei. Dazu gibt es Porträts von Peter O’Toole, Rod Taylor, Jerry Lewis oder des Komponisten Lex Baxter. Außerdem besucht ein Zeitreisender aus dem Jahr 2009 den Club »Village Gate« in der New Yorker Bleeker Street. (Siehe auch die Textauszüge hier nebenan.)

THE BRUTALIST, 2024

Als Beispiel für die Haltung von Olivers Jörns ein Blick auf seine Besprechung von THE BRUTALIST, 2024, Regie Brady Corbet, ein Film mit monumentaler Architektur im Zentrum, für weniger als 10 Mio Dollar entstanden, im VistaVision-Format der 50er Jahre gedreht. Adrian Brody erhielt einen Oscar als bester Hauptdarsteller, er wirft sich mit Haut und Haar in seine Rolle. Oliver Jörns zu diesem Film:

»Man kann den Film nicht verstehen, ohne das Bauhaus zu begreifen. Es ist das eigentliche Herz dieser Geschichte. Bauhaus als Idee, als Bruchstelle, als Vision von Klarheit und Wahrheit in einer Welt voller Lügen und Verdrängung. ‹Weniger ist mehr› wird bei Corbet zu einer existenziellen Aussage. László baut, weil er sonst nicht überleben könnte. Architektur als Erinnerung, als Waffe gegen das Vergessen, als einziger Weg, das Chaos zu ordnen.

Brody ist der Film. Ohne ihn würde alles auseinanderfallen. Er spielt nicht einfach – er trägt, er schleppt, er leidet. Seine Körperlichkeit, diese Mischung aus Würde und Erschöpfung, erinnert mich an Daniel Day-Lewis in THERE WILL BE BLOOD. Auch an Pacino in GODFATHER II, wenn er in einer stillen Geste mehr über die Einsamkeit eines Menschen erzählt als ganze Dialogseiten.

Brody hält THE BRUTALIST zusammen – nicht nur als Figur, sondern als künstlerisches Fundament. Man spürt, dass er selbst glaubt, dass Kino mehr sein kann als »Content«. Dass es noch diese Größe geben darf.

Beim Sehen musste ich an Luchino Visconti denken, an IL GATTOPARDO. Auch da: Geschichte wird über Körper und Räume erzählt. Oder Bertolucci, 1900. Dieses Gefühl, dass ein Film nicht nur einen Menschen, sondern eine ganze Epoche darstellen will.

Und dann wieder die Gegenwart: Jonathan Glazers THE ZONE OF INTEREST – auch dort Architektur als Metapher, als Kälte, als Spiegel. Nur dass Corbet den Schritt weitergeht: seine Architektur ist nicht bloß Symbol, sie ist Handlung, Schicksal, Lebensform.

THE BRUTALIST ist ein sperriger Film. Ein Bauwerk. Nicht jeder wird hineinfinden wollen, nicht jeder wird ihn aushalten können. Aber ich habe das Gefühl, dass wir genau solche Filme heute brauchen: Werke, die uns überfordern, die sich dem Markt verweigern, die so tun, als ob das Kino noch immer eine Kathedrale wäre und kein Streaming-Container.

Ich schreibe also über ihn, weil er bleibt. Weil er zeitlos ist. Weil er ein Denkmal setzt – aus Beton, Erinnerung und Schmerz. Und weil Adrien Brody ihn zu einem Kunstwerk macht.«

Oliver Jörns: Als Filme noch etwas bedeuteten. Subjektive Film- und Serienkritiken, Essays & Erinnerungen von Klassikern bis Geheimtipps. Selbstverlag, 166 Seiten, Broschur, 13,64 Euro, Hardcover 22,54 Euro. – Zwei Textauszüge hier nebenan in dieser Ausgabe.

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