Geschrieben am 1. Februar 2025 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2025

Alf Mayer: William T. Vollmann als Fotograf

William T. Vollmann: Ideologien des Brennstoffzeitalters/ Die Fotos. Verlag Friends & Freunde, Berlin 2024. Querformat 300 x 240 Millimeter, Broschur, offene Fadenheftung. 468 Seiten, 70 Euro. – Verlagsinformationen hier.

Ein Brief an die Generationen aus der Zukunft

Zum ersten Band der deutschsprachigen Ausgabe der »Ideologien des Brennstoffzeitalters« – von Alf Mayer.

How many times can a man turn his head
And pretend that he just doesn’t see?

The answer, my friend, is blowin′ in the wind
The answer is blowin′ in the wind
… (Bob Dylan, 1962)

Und:
You don’t need a weatherman
To know which way the wind blows

(Dylan, Subterranean Homesick Blues, 1965)

Der US-Autor William T. Vollmann geht mit offenen Augen durch die Welt. Das hat er in großartigen O-Ton-Büchern schon oft und preisgekrönt bewiesen. In »Europe Central« zum Beispiel (hier bei uns von mir besprochen: Wahrhaft dicke Bretter bohren) oder »Poor People« (Wie real darf es denn sein?). Die eigene Integrität – die innere Freiheit – ist ihm wichtig. Dafür nimmt er auch in Kauf, es sich mit seinem Verlag zu verderben.

Sein letztes großes Textprojekt ist solch ein Fall. Ursprünglich einbändig geplant, entwickelte sich seine Recherche zu unserem fossilen Energiehunger zu einem Monumentalprojekt mit dem Titel »Carbon Ideologies«, das bei Viking/ Penguin Randomhouse dann 2018 in zwei Bänden und ohne Fußnoten veröffentlicht wurde. Die umfassen alleine 129.000 Worte, der Verlag sah sich außerstande, dafür Papier zu spendieren. Zum ersten Mal in einem Vollmann-Buch gibt es den Anhang nur als digitale Veröffentlichung (im Web hier und hier). Die zahlreichen Fotos, die Vollmann auf seinen Recherchereisen vor Ort geschossen hatte, wurden nur zu einem kleinen Teil veröffentlicht, weithin dem Text untergeordnet und mit mauer Druckqualität fast wie eine Verlegenheitslösung in die beiden Bände integriert.

Als bekennender William-Tanner-Vollmann-Verehrer elektrisiert es mich deshalb um so mehr, dass der kleine Independent-Verlag Freunde & Friends aus Berlin dem Vollmann-Doppelband mit den Einzelbänden »No Immediate Danger« &  »No Good Alternative« (668 und 602 Seiten im amerikanischen Original, und wie gesagt, ohne den Anmerkungsapparat) einen insgesamt vierbändigen Auftritt geben will. Tusch! Ta-ra! Wahnsinn!

Band 1 dieser »Ideologien des Brennstoffzeitalters/ Die Fotos« ist nun Ende 2024 erschienen, er hat mich weggebügelt: 468 Seiten, Querformat 300 x 240 Millimeter,  Schweizer Broschur mit offener Fadenheftung, ein satter offener Buchblock, Papier innen: Symbol Tatami White 135 g/qm, Fedrigoni, Mailand; außen: Freelife Cento Black 350 g/qm, ebenfalls von Fedrigoni. Der Buchumschlag hat die Anmutung eines Silbergelatine-Prints. Es ist ein wahnsinnig schöner, minimalistisch edler und qualitativ hochwertiger Fotoband geworden: William T. Vollmann als Fotograf. Eine Premiere – zumindest auf dem deutschen Markt, und in solch einer edlen Ausstattung überhaupt.

Nur weil ich ein Vollmann-Follower bin, weiß und kenne ich zwei andere Reportage-Fotobände von ihm, in Kleinauflagen in den USA erschienen. Der eine die Recherchefotos zur monumentalen zehnjährigen Studie »Imperial« – Gesellschaft und Geschichte des kalifornischen Imperial Valley (man denke an Steinbecks »Früchte des Zorns«) – damals bis dato mit 1344 Seiten sein voluminösestes Werk und weitgehend ohne Fotos erschienen. Der Band »Shadows of Love, Shadows of Lonliness: Volume One: Photographs: 1980-2020« versammelt Fotoarbeiten aus 40 Jahren (Rare Bird Books, 2023, 320 Seiten; Band 2 enthält Zeichnungen, Drucke und Gemälde, 224 Seiten). Und dann gibt es noch »Dolores«.

Nun also Auftritt: William T. Vollmann, der Fotograf. Ich überlasse das Wort seinem deutschen Verlag, den Leuten, die ihn jetzt neu entdeckt haben: Freunde & Friends, 2022 in Berlin gegründet. Florian Havemann hatte seinen Agenten Alexander Simon, der sich jahrelang darum bemüht hatte, für Havemanns 844-Seiten-Buch »Speedy« einen Verlag zu finden, gefragt, ob er noch einen anderen Autor vertrete, bei dem es ihm vergleichbar schwer falle, ihn unterzubringen. Simon nannte ihm den Namen Vollmann. Der habe zwar gerade einen dicken Roman beim Suhrkamp-Verlag veröffentlicht, Europe Central (meine Besprechung hier), aber das habe lange gedauert, seine Bücher würden Verlage überfordern, es sei absehbar, dass er bald als unveröffentlichbar gelte.

Havemann und sein mäzenatischer Compagnon ließen sich die »Carbon Ideologies« schicken. Allein die Einführung ist über 200 Seiten lang. Das ganze Unternehmen so etwas wie ein Brief in die Zukunft, an noch ungeborene Generationen, die dann vielleicht verstehen könnten, warum das alles so gekommen sei: »This book may help you in the hot dark future to understand why«, beendet er sein Vorwort, das auch die Recherchezeit benennt: 2011-2017.

Hier wieder Florian Havemann: »Und was ist das für ein Buch? Ein langer Essay, Reportagen, ein Bisschen auch so etwas wie ein Sachbuch. Vollmann sucht Orte auf, die mit der Förderung von Kohle und Erdöl verbunden sind, er berichtet von den Menschen, die dort leben, versucht ihre Denkweise zu verstehen. Ein wichtiges Thema. Auch der Bericht über mehrere Besuche von Vollmann in der Sperrzone von Fukushima… Eine Herausforderung auch die Fotos, von Vollmann während seiner Reisen aufgenommen. In der Originalausgabe so platziert, dass man sie kaum ansieht. Die meisten Fotos übersieht man einfach, weil man mit dem Lesen beschäftigt ist…. Vollmann fotografiert, aber er ist kein professioneller Fotograf. Er ist ein Amateur, ein Knipser, der während seiner Reportagen Fotos macht, vielleicht nur als Erinnerungsstützen.

Und dann bekamen wir, via Simon, einen Stick aus Sacramento, California, USA, von Vollmann. Mit den Fotodateien. Robert Haselbach, unser Designer und einiges mehr, ohne den Freunde & Friends nicht so gute Bücher machen könnte, steckte den Stick in unseren Computer, er fand mehrere Datei-Ordner. Er schaute sich die ersten Fotos daraufhin an, ob sie überhaupt als Druckvorlagen etwas taugen. Gut. Sie schienen technisch gut genug. Große Erleichterung. Dann aber: Es waren das sehr viel mehr Fotos auf diesem Stick als es sie in den beiden Bänden der Carbon Ideologies gab. Insgesamt mehr als 3000 Stück. Alle die Fotos, die Vollmann bei seinen Recherche-Reisen für das Projekt gemacht hatte. Wir gingen alle Ordner durch, versuchten uns einen Überblick zu verschaffen. Und dann?

Wir staunen nicht schlecht. Wir staunen immer mehr. Wirklich erstaunlich gute Fotos. Dieser Mann, Vollmann, hat ein Auge. Sagt man so. Man weiß dann schon, was damit gemeint ist. Auch das: dass dem, der so ein Auge hat, gar nicht bewusst sein muss, ein Auge zu haben. Diesen Blick. Diesen Sinn für die Bildkomposition. Ein Gefühl für das Optische, das zum Interesse für das Motiv hinzukommt. Besonders erstaunlich bei jemanden, der auf Reisen ist, der eine Recherche betreibt, mit vielen Menschen redet, sich Notizen macht und dann mal eben auch noch ein Foto. Spontan, wahrscheinlich ohne die Zeit dazu zu haben, da ein gutes Foto hinkriegen zu wollen. Wahrscheinlich nebenbei aufgenommen, auf die Schnelle, und genau dabei zeigt es sich dann, diese Begabung, der Blick, das Auge.

Aber es ist das mehr als nur eine ganze Menge Fotos, guter Fotos, starker Fotos. Es ist dann eine ganze Welt, die sich für den Betrachter der Fotos auftut. Die Welt von Vollmann. Die von uns selber, auch wenn wir sie selbst nicht gesehen, sie nicht aufgesucht haben, vielleicht vor ihr eher die Augen verschließen wollten. Aber was ist das für eine Welt? Eine Welt, bei deren Betrachtung sich die Frage aufdrängt: Was für eine Welt haben wir uns da geschaffen und zugelassen? In was für einer Welt leben wir, müssen wir leben, überleben? Und dann diese Gesichter, diese Menschen, Täter und Opfer, Schuldige und Mitschuldige, wie sie uns ansehen. Alles Menschen. Fast so etwas wie die Family of Men, die von dem Fotografen Edward Streichen in den 50er Jahren im New Yorker Museum of Modern Art zusammengebracht wurde. Und Vollmann hat sie alle getroffen. Gesehen. Und dann fotografiert.

Wir ahnen bald: Wir müssen mehr aus diesen Fotos machen. Sie sind zu gut. Sie brauchen ihren eigenen Band. Man muss sie ungestört von einem Text betrachten können. Es lohnt sich.«

** **

William T. Vollmann, der Fotograf. Nun für uns alle zum Entdecken. Der Fotoband hat zwölf Kapitel:

Kohle-Landschaften. West Virginia und Kentucky
Kohle-Orte. West Virginia
Propaganda. West Virgini, Kentucky, Oklahoma
Coal Festival. Madison, West Virginia
Ölförderung. Oklahoma
Ölreichtum. Dubai, Abu Djabi, Vereinigte Arabische Emirate
Die Stadt in der Wüste. Ruwais, VAR
Bangladesch
Menschen. Täter und Opfer, Schuldige und Mitschuldige
Japan
Strahlung
In der Sperrzone. Fukushima, Japan

Bilder ganz und gar ohne Geste, ohne Pose. Reporterblick. Zeitgenosse. »God bless America« steht an einem Haus in West Virginia. Das Kapitel Kohle-Orte zeigt Rathäuser, Handelskammergebäude, Kirchen, Hausverkaufs-Schilder, abgeblätterte Fassaden, rauchende Schlote, Kühltürme, Zelte von Obdachlosen, Siedlungen, Niedergang. Kohle-Landschaften, das sind Halden und Förderanlagen, Ruinen, Feldwege, Verfall, Natur, die sich Gelände zurückholt. »America runs on coal« steht im Propaganda-Kapitel in einem Fenster, »Yes Coal« hat das Madison Fire Department auf seiner Anzeigetafel. »Coal Matters« sagen Banner beim Madison Coal Festival. Fördertürme, Pumpen, Tankbehälter und Anlagen im Kapitel Ölförderung. Im Kapitel Menschen schauen Pastoren vor ihren Kirchenschildern in die Kamera, ebenso Verkäufer, Arbeiter, Wachleute, Technikpersonal. Japan zeigt Tempel im Dschungel, Teehäuser, Verkehrsmittel, Einkaufszentren, Bahnhöfe, Kinos, viele kleine Demonstrationen, das Kapitel Strahlung dann das immer gleiche Messgerät mit Digitalanzeige vor Pflanzen, Orten, Straßen, im Supermarkt, die Werte spielen verrückt. »In der Sperrzone«ist das wohl bedrückendste Kapitel: Sicherheitspersonal, Ingenieure mit Masken oder gar Atemgerät, Erdbeben-Ruinen, Räumarbeiten, Natur (siehe oben), große Abfallberge, ein verendeter Fisch. Auf dem vorletzten Bild des Bandes wandern zwei Personen mit Gepäck eine ruinengesäumte Straße entlang. Das letzte Bild: Natur, Haus, Messgerät. Eine Warnung.

Bis auf die Kapitelunterzeilen gibt es keine Bildlegenden. Manchmal wünscht man sich sie sich. Es war sicher eine editorische und ästhetische Entscheidung, den Bildband ohne Bildunterschiften und Seitenzahlen zu machen. Nur eben die Fotos, ganz puristisch. Ich habe zum Teil in den US-Bänden nachgeschaut, ob ich die Bilder wiederfinde. Aber der weitaus größere Teil der Fotos, die hier so rein und schön präsentiert werden und die in Zusammenhang mit Vollmanns Buch entstanden sind, werden hier zum ersten Mal veröffentlicht.

Darauf noch einmal einen Tusch.

»Vielleicht«, so schreibt Florian Havemann, »sind die Fotos von Vollmann ja so gut, weil er ein Amateur ist, kein professioneller Fotograf. Weil er nur fotografiert und kein Fotograf sein will. Denn dieses: etwas sein wollen, es tut den Künstlern nicht gut, und den Fotografen schon gar nicht, es verbraucht soviel Kraft: statt einfach machen, etwas sein wollen. Womöglich auch das noch: Karriere machen. Als Fotograf. Und auch das noch: als Fotograf, wo es doch so viele Fotografen gibt, die sich abstrampeln, um als Fotografen anerkannt zu werden, eine so große Konkurrenz. Der ganze Krampf, sich irgendwie aus der Masse der vielen Fotografen hervortun zu wollen, wo doch das Fotografieren so leicht geworden ist. Einfach auf den Auslöser drücken, den Rest erledigt die Elektronik. Vollmann scheint sich um all dies nicht zu kümmern, ihn plagen keine Nebengründe, er drückt einfach ab, das Motiv ist ihm Grund genug. Ihn bekümmert dann auch nicht, wie diese Fotos vergrößern, sie aufziehen, sie in einem Rahmen präsentieren, sie vielleicht sogar verkaufen, wie eine Fotogalerie finden, die ihn vertritt, ihn als Fotografen berühmt macht. Die Dateien abzuspeichern, ist ihm genug. Und vielleicht, aber nur vielleicht, denn es gibt ja doch sehr viele gute Fotografen, ist das ja so, dass dann eben doch der Fotograf, der kein Fotograf sein will, sondern einfach nur Fotos macht, die richtig guten Fotos machen kann. So wie Vollmann.«

Besser kann man es nicht sagen.

William T. Vollmanns Arbeit, die»Ideologien des Brennstoffzeitalters« hat eben gerade, jetzt im Jahr 2025 neue und grauslige Aktualität erfahren. Das Thema Fossile Brennstoffe ist keineswegs durch. »Drill, Baby, drill« – wie primitiv darf ein US-Präsident sein? – war eine Kernbotschaft in Trumps Antrittsrede am 20. Januar. Am gleichen Tag schon, als erste Amthandlung, kündigten die USA das Pariser Klimaschutzabkommen, wurde die Demontage der Energieaufsichtsbehörde eingeläutet, wurden Richtlinien und Auflagen entkernt oder abgeschafft.– Jetzt darf gebohrt, gesaut, verwüstet, geplündert und bereichert werden, was das Zeug hält. Her mit der Kohle. Buchstäblich.

Bei uns will die AfD-Weidel die »Windräder der Schande« niederreissen, niederreissen, weg damit. In Neuseeland beklagt der konservative Premierminister Christopher Luxon in seiner Neujahrsansprache gerade, dass »die Kultur ‚nein’ zu sagen« das ökonomische Wachstum behindere und man die Bodenschätze viel mehr plündern (können) müsse. In Australien subventioniert die sozialdemokratische Regierung neue Kohlebergwerke und Gasfeldbohrungen mit einer Milliarde Dollar, streicht auf Verlangen der Bergbau-Industrie ein »nature positive«-Gesetz. (Hier ein Aufschrei von Richard Flanagan.) Die Petromaskulinität ist mit voller Power zurück am Ruder.

Diesen begriff hat die Politikwissenschaftlerin Cara New Daggett mit ihrem feministischen Pamphlet über »Fossile Energieträger und autoritäres Begehren« (Matthes & Seitz, Fröhliche Wissenschaft, 2023) in die Debatte geworfen. 2019 veröffentlichte sie eine Geschichte unseres Fossil-Energiezeitalters, »The Birth of Energy: Fossil Fuels, Thermodynamics, and the Politics of Work«, die bis in die tiefen Wurzeln unserer auch kulturpolitisch geprägten Hörigkeit gegenüber Fossil-Brennstoffen bohrt. Seit dem neuen Imperialismus des 19. Jahrhunderts sind fossile Brennstoffe zur metaphorischen, materiellen und soziotechnischen Grundlage westlicher Petrokulturen geworden, die sich über den gesamten Planeten erstrecken.

Daggetts Streitschrift »Petromaskulinität« ist eine augenöffnende psychopolitische Interpretation des neuen Autoritarismus. Während sich unser Planet erwärmt, umarmen rechtspopulistische Parteien und Bewegungen im globalen Norden eine Mischung aus Klimaleugnung, Rassismus und Frauenhass. Dagget macht plausibel, inwiefern die Ängste, die der menschengemachte Klimawandel auslöst, sich in dem Wunsch nach Autoritarismus Bahn brechen. »Fossile Energieträger sind mehr als eine Industrie, die gigantische Profite generiert und massiven Einfluss ausübt. Ihre Nutzung trägt in der engen Verflochtenheit mit unserer Art zu wirtschaften und zu leben auch zur Ausbildung einer männlichen Identität bei, die angesichts ihrer gegenwärtigen Krise zur kompensatorischen Gewalt gegen Geschlechteremanzipation und Klimagerechtigkeit führen kann«, argumentiert sie. Sie weiß: »Es ist daher kein Zufall, dass weiße, konservative Männer – ungeachtet ihrer Klasse – zu den lautstärksten Klimaleugnern sowie zu den führenden Befürwortern fossiler Brennstoffe im Westen gezählt werden müssen.«

Die Ideologien des Brennstoffzeitalters sind noch lange nicht außer Kraft. Und wir alle sind dran mit beteiligt. Mitschuldig. Mitprofitierend. William T. Vollmanns Reportage-Gegenstand sind wir.

Alf Mayer

Quelle: U.S. Energy Information Administration

Andere Bücher von William T. Vollmann, siehe auch mein Porträt »Wahrhaft dicke Bretter bohren« vom August 2013:

Tags : , , ,