Geschrieben am 1. November 2024 von für Crimemag, CrimeMag November 2024

Alf Mayer & Georg Seeßlen: Donald Duck, Donald Trump – und wir

Zur großen Donald Duck Monographie bei Taschen

Eine Besprechung von Alf Mayer – mit beträchtlicher Unterstützung von Georg Seeßlen

Daniel Kothenschulte (Hg.): Donald Duck. Die ultimative Chronik. Verlag Taschen, Köln 2024. Deutsche Ausgabe. Hardcover, Format 29 x 39.5 cm, Gewicht 5.09 kg. 564 Seiten, 175 Euro. Erscheint am 13. November 2024. – Auch als Collectors Edition erhältlich und als französische und englische Ausgabe.
Verlagsinformationen: hier und bei taschen.com


Am Freitag, den 7. März signiert Herausgeber Daniel Kothenschulte und personalisiert Disney Comic-Illustrator Ulrich Schröder die Bücher mit einer Donald-Duck-Zeichnung im Berliner TASCHEN Store (Schlüterstr. 39, 10620 Berlin) Alle sind herzlich eingeladen!

Was hat Donald Duck mit Donald Trump zu tun? Mehr als wir denken – das ist mir in den letzten Tagen fast erschreckend klar geworden. (Hat aber auch etwas Versöhnliches.) Dass ARD-Moderator Ingo Zamperoni in der Nacht-Sendung zur amerikanischen Präsidentenwahl gerade den orangen Mann aus Palm Beach mit seinem berühmten Namensvetter aus Entenhausen verwechselte ist mehr als ein Versehen oder Versprecher. Es wirft ein Licht auf den tiefenpsychologischen, subkutanen Zusammenhang von Realität und Populärkultur.

Wer Trump verstehen will – und mehr noch, jene 71,56 Millionen US-Amerikaner, die ihn jetzt wiedergewählt haben, obwohl alle um seine üblen Seiten wissen –, findet bei Donald Duck reiches Anschauungsmaterial. Und dabei sogar gute Unterhaltung. Ein Stück Lebensfreude und Resilienz inklusive, die wir jetzt in diesen Zeiten notwendiger denn je gebrauchen können.

Zu Donald Ducks 90. Geburtstag geplant und realisiert, ist deshalb die jetzt am 13. November 2024 erscheinende monumentale Monografie aus dem Verlag von Benedikt Taschen aktueller, interessanter, informativer und wichtiger denn je. So viel Donald – und das aus erster Hand und derart buchstäblich an-schau-lich – gab es noch nie. Nur wenige Nicht-Enten wurden je mit solch einem umfangreichen Buch bedacht, keines aber hat so viele Bilder. Über 1500 sind es insgesamt. 300 Abbildungen in dem Buch sind unveröffentlicht, eine verlegerische Großtat. Herausgeber Daniel Kothenschulte hat 7 Millionen Bilder gesichtet, jeder Text im Buch ist für sich eine Monografie. (Zum Buch siehe ganz unten mehr.)

Donald Duck, darüber bestand immer schon Einigkeit – von Adorno und Horkheimer bis Enzensberger, Peter Handke, Dino Buzzati, Gottfried Helnwein, Elfriede Jelinek oder Frank Schätzing – war und ist mehr als nur eine reine Unterhaltungsfigur. Zuverlässig und phantasievoll spiegelte er immer schon die gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit wider. Schon gleich in den Anfängen, in den 1930er und 1940er Jahren, gab er dem kleinen Mann, der mit den Widrigkeiten des Alltags zu kämpfen hatte, Gestalt, Stolz, Witz und Würde. In den 1950er und 1960er Jahren wurde er (nicht nur in den USA) zum Symbol der (Vorstadts-)Mittelschicht, mit all ihren Sorgen und Nöten. In den 1970er und 1980er Jahren nahm er dann die Herausforderungen der modernen Welt auf die Schippe. Seine Popularität wurde ein globales Phänomen. Er ist eine Ikone, in über 150 Sprachen übersetzt.

Abbildungen: Copyright © 2024 Disney Enterprises, Inc.
Abbildungen: Copyright © 2024 Disney Enterprises, Inc.
Abbildungen: Copyright © 2024 Disney Enterprises, Inc.

Was wir gerade erleben und worüber viele von uns sich noch die Augen reiben, weil es so unwirklich scheint, so over the top, klingt ja selbst fast wie eine Donald-Duck-Geschichte: Ein reicher, geiziger, despotischer, unmoralischer Typ aus einem goldenen Geld-Silo verspricht das Blaue vom Himmel, bringt seine Wähler zum Lachen und Tanzen und übernimmt die Herrschaft. Unterstützt und finanziert wird er vom reichsten Mann der Welt, der Raketen starten und landen lässt und sich zur privaten Marsmission rüstet. Die ewigen Pionierfantasien und Weltraumsimulatoren, die seit jeher zu jedem Disney-Vergnügungspark gehören, finden bei Elon Musk ihre Realität.

Disney und seine Figuren, das war immer schon Erlösung. Disney ist sozialer Pragmatismus. Disney ist Zukunft. Diese Botschaft hat Walt Disney selbst so formuliert: »Morgen kann ein schönes Zeitalter sein.« – Freilich noch keines, in dem eine farbige Frau ins Weiße Haus einziehen darf. Selbstverständlich aber ein vorbestrafter Ganove und Macho. Die Feindbilder übrigens in Carl Barks/ Walt Disneys Entenhausen gleichen zu einem ordentlichen Teil denen im Trump-Amerika: Juristen, »Experten«, Polizisten, Snobs, vor allem aber auch Militärs und resolute Frauen. In der Führerin der Pfadfindergruppe »Kohlmeisen«, einer »ehemaligen Wehrmachthelferin«, trifft sich gleich beides.

Reichtum und Armut liegen bei Donald Duck nur einen Glücksfall oder eine Katastrophe voneinander entfernt. So fern ist Donald Trump seinen Wählern gar nicht. Dass er sich als Milliardär zu ihnen „nieder“ lässt, ist wie eine Anerkennung und ein Versprechen. Bei den anderen gibt es nur so etwas wie »Demokratie« oder »Freiheit« …

Heimat bei und mit Donald Duck

Und was hat Donald mit uns Deutschen/ Österreichern/ Schweizern zu tun? Georg Seeßlen dazu 1994, zum 60. Geburtstag:

»1954 erreichten die Barksschen Donald-Geschichten in der »Micky Maus« auch die deutsche Nachkriegsgesellschaft und wurden für mindestens zwei Generationen zu so etwas wie einer Schule der Wahrnehmung, eine lustvolle und realistische Gegenwelt, die Farbe im Grau und das Gelächter im Wiederaufbau-Ernst der Familien; nirgendwo auf der Welt hat Donald Duck eine so treue Gemeinde, ist er der Erlöser mit dem ausdrucksstarken Bürzel geworden wie in Deutschland. Das hat, gewiss, mit der kongenialen Übertragung, nein: Neuschöpfung der Texte durch Dr. Erika Fuchs zu tun, es hat aber auch mit der deutschen Kulturgeschichte, mit der Geschichte der Kindheit hierzulande zu tun. Entenhausen war, was uns in den Trümmerlandschaften, in Fleiß und Industrie des Wiederaufbaus, in den Verdrängungs- und Verdeckungsritualen, in den Schrecken des Kalten Krieges, in den allfälligen Restaurationen und in den Verlusten der Modernisierungen, in die Kindheit nicht scheinen konnte: Heimat.«

Georg Seeßlen hat immer schon dem massenkultur-kritischen Diktum von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno widersprochen, das sie 1944 in ihrer  »Dialektik der Aufklärung« so formulierten: »Donald Duck in den Cartoons wie die Unglücklichen in der Realität erhalten ihre Prügel, damit der Zuschauer sich an die eigenen gewöhnen kann.« Das klingt ziemlich so, wie aufrechte Politiker über Trump- oder AfD-Wähler reden, die sie nicht verstehen und (auf diese Art auch) niemals erreichen werden.

Copyright © 2024 Disney Enterprises, Inc.

Georg Seeßlen – man darf hier noch einmal erwähnen, dass dieser Kenner, Kritiker und Philosoph der Populärkultur dieses Jahr mit dem Lessing-Preis ausgezeichnet wurde (die bei uns veröffentlichte Laudatio hier) – stellte 1994 fest: »Es gibt nichts, was die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert bestimmt hat, das nicht in der einen oder anderen Donald Duck-Geschichte treffend dargestellt worden wäre.« Für den österreichischen Dichter H.C. Artmann war Donald die Ente „der einzige mensch, der es heutzutage noch versteht, ordentlich die welt zu besehen“.

Donald Duck ist unser Abbild, er ist unser Pech. Aber er gibt nie auf. In ihm erkennen wir unsere Ängste, unsere Unsicherheiten und Schwächen, unsere Eitelkeiten und unseren Neid. Aber auch unsere Hartnäckigkeit. Donald Duck lehrt uns, wieder aufstehen und neu beginnen. »Keinen Filmstar haben die Ende-Titel häufiger inmitten von Trümmerhaufen zurückgelassen, kein Comic-Held wurde in seinem Ehrgeiz so oft enttäuscht«, schreibt Herausgeber Daniel Kothenschulte in der Einleitung der Monographie. Von Walt Disney selbst wurde festgelegt, dass Donald an einem Freitag, den 13. Geburtstag hat, um den Status als Pechvogel auszuschmücken. Sein unerschütterlicher Optimismus, Wutanfälle inklusive, seine Abenteuer und sein Humor, machen ihn zu einer unvergesslichen Figur, die noch viele Generationen begeistern wird. »Donald Duck hat mir das Leben gerettet«, sagte der österreichische Maler Gottfried Helnwein einmal. Er hat sich seit den 70er Jahren unermüdlich für die Anerkennung Donald Ducks als eines der bedeutendsten Kunstwerke des Abendlandes eingesetzt, das machte ihm in der Kunstszene nicht nur Freunde. Sein Buch »Wer ist Carl Barks?« stammt von 1993. Zusammen mit dem Berliner Comicexperten Carsten Laqua kuratierte er die erste große Donald-Ausstellung 2007 im Karikaturmuseum Krems in Österreich. Ihr Titel: »Donald Duck … und die Ente ist Mensch geworden«. Ausführlich dokumentiert und gewürdigt wurde in der Ausstellung auch die Tätigkeit der Donald-Deutschflüsterin Erika Fuchs (1906 – 2005).

Carl Barks schrieb kurz vor seinem Tod eine Ode an seine Entenfiguren (siehe auch ganz unten), darin heißt es:

Die Ducks, sie parodieren gern
das eitle Menschenstreben.
Es gibt sie nicht, und trotzdem können
sie uns viel Freude geben.

Thomas Groh sieht es so: »Ein bisschen Donald Duck steckt in allen von uns, er ist der Anti-Held des Alltags, der ewige Underdog. Nicht zuletzt ist Donalds Temperament ein Garant für wahnwitzigen Slapstick, wie ihn nur Zeichentrick liefern kann… Donald Duck ist die Rolle des anarchischen Cholerikers vorbehalten, der sich fortlaufend überschätzt, nach den Sternen greift – und damit immer wieder auf dem Schnabel landet. Dahinter steckt ein hemmungslos ausgelebtes Lustprinzip: Donald Duck will Spaß, Anerkennung und einfach ein gutes Leben, und das in einer Welt, in der das eigentlich nicht vorgesehen ist, und vielleicht auch nicht immer auf dem geraden Weg. Das Identifikationspotenzial ist hier natürlich erheblich.«

Copyright © 2024 Disney Enterprises, Inc.
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Auf lakonische Weise aufrichtig

Noch einmal Georg Seeßlen, 1994, mit freundlicher Erlaubnis:

»Dino Buzatti hat einmal geschrieben, die menschlichen Enten des Carl Barks böten für die Weltkunst ein so bedeutendes Figuren-Repertoire wie die von Moliere, Goldoni, Balzac oder Dickens. Und für Gottfried Helnwein, der soeben eine Ausstellung für Donald und seine Welt zusammengestellt hat, ist Barks der einzige bedeutende Künstler unseres Jahrhunderts neben Picasso. Aber der ästhetische und soziale Reichtum, den Donald Duck-Leserinnen und -Leser in aller Welt schätzen und lieben, jenes hohe Vergnügen an den absurden Details im Hintergrund, die die Notwendigkeit des Erzählens und des Darstellens im Medium weit überschreiten, das ebenso perfekte wie ambivalente Beziehungsgeflecht der Bewohner dieser Stadt, die Verflechtung von Familiendrama und Welt-Erfahrung, von provinzieller Enge und universaler Weite, jener traumhaft sichere Strich, der durch eine winzige Verbreiterung der Linie ungeheure Expressivität erzielt, und der seinen Figuren eine Bandbreite »menschlicher« Empfindungen überträgt, die es in keinem anderen Comic Strip gibt, die satirische Darstellung von Machtritualen, von Mechaniken der Freien Marktwirtschaft und neokolonialer Politik, weder ideologisch noch kritisch, vielmehr auf lakonische Weise aufrichtig, die Befreiung des Knubbelig-Kindlichen schließlich vom Kindischen, die Befreiung des Funny Animal Strip aus der Zwickmühle von Niedlichkeit und Brutalität, all das macht Donald zum Zentrum einer universalen, dynamischen Kunst-Welt. Aber in Deutschland ist er mehr; in der Bundesrepublik und in Österreich gibt es nur wenige Biographien, in denen er nicht eine fundamentale Bedeutung hat, eine Überlebensbedeutung, eine Fluchtbedeutung, eine Wahrheitsbedeutung. Da drüben, im Osten, gab es ein Land, in dem es keinen Rock’n’Roll und keine Audie Murphy-Western gab; schlimmer: es war eine Welt ohne Donald Duck.

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Wenn  Entenhausen ein »geschlossenes« System ist, ein in sich funktionierender Kosmos, so ist es doch auch eine Projektionsfläche, ein Modell, an dem sowohl politische und soziale als auch ganz individuelle Schicksale und Strukturen abgearbeitet werden können. Die Barksschen Donald Duck-Geschichten leben gerade in ihrer Offenheit; alle ihre Systeme sind ambivalent, mehrfach deutbar; legt eine Geschichte eine »rechte« Interpretation nahe, so die nächste eine »linke«, und dies ohne die grundlegenden Konstanten des Duck-Kosmos zu verändern. Aber Barks hat seine Hauptfigur schon selbst in solcher Ambivalenz angelegt: »Bei ihm«, sagt er, »kann man nicht sagen, ob er ein Held oder ein Schurke ist. Er hat die Möglichkeiten zu beidem in sich.«

Dass Donald ein »Verlierer« ist, ist ein Allgemeinplatz; alle amerikanischen Helden sind Verlierer, sogar Superman, jedenfalls in seiner menschlichen Identität als Clark Kent. Was Donald von all den anderen Losern unterscheidet, ist, dass sein Verlierertum normal ist, weil es auf einer funktionierenden sozialen Struktur als sinnvoll und notwendig, als Teil dessen erscheint, was die Welt, was das System antreibt. Deshalb ist er ein Verlierer, der das Verlieren in gewisser Weise angenommen hat.

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Wer also ist Donald Duck? Er ist zunächst der universale Kleinbürger, eher am unteren Ende seiner Klasse, aber immerhin besitzt er, was ein Kleinbürger besitzen kann, ein Häuschen mit Garten, ein Auto, einen Fernsehapparat, und dieser Besitzstand scheint auch in den heftigsten Krisen nicht wirklich in Gefahr. Sein Wesen ist eine Trägheit, die von der Einsicht stammt, da· sich seine Anstrengung niemals wirklich für ihn selbst auszahlen werden; seine eigentliche Aufgabe, der er mit Hingabe fröhnt, ist das „Privatleben“, eine mikrokosmische Ordnung in der Familie, in der Nachbarschaft, in der Beziehung zur ewig platonisch geliebten Daisy. Das »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht« würde er gern wörtlich nehmen. Aber man lässt ihn nicht.

Denn die Dynamik des Familienlebens, zum Beispiel die Unzufriedenheit seiner drei Neffen Tick, Trick und Track (Huey, Dewey and Louie), der soziale Ehrgeiz von Daisy, die Grenzen, die die Demütigungen auch für einen wie ihn haben, treibt ihn immer wieder hinaus. So neigt er auch immer wieder zu Ausbrüchen von Talent und Phantasie, macht traumhafte Karrieren; zum Beispiel als Glaser, als Musiker, als Friseur, als Meister des Häuser-Abbruchs offenbart er etwas davon, dass auch ein unterdrücktes Genie in ihm steckt. Ein dummer Zufall, gepaart mit der Eitelkeit, die die öffentliche Anerkennung stets in gefährliche Höhen treibt, führt dann freilich immer wieder in die Katastrophe, die weit über das persönliche Scheitern hinausgeht: da wird die Stadt von Rührei überschwemmt, ein Stier zertrümmert die Porzellanläden, Frau Kommerzienrat wird das Haus unter der Badewanne zertrümmert.

Donald ist ein arger Haustyrann oder ein Erzieher, der gewaltige Intrigenspiele aufbauen kann, wenn es darum geht, seinen Neffen eine Lektion zu erteilen, die dann sowieso immer wieder auf ihn selbst zurückfällt. Aber den Zehnseiten-Geschichten um das Privatleben der Ducks stehen im Barks-Kosmos die längeren Abenteuergeschichten gegenüber, in denen die Ducks in die Welt hinausmüssen. Dort zeigen sie sich von familialer Solidarität bestärkt, und demonstrieren, dass die in den internen Auseinandersetzungen erworbenen Fähigkeiten utopisch gegen die Gefahren der Außenwelt gerichtet werden können.

Was immer er tut, Donald übertreibt. Er übertreibt das Nichtstun, er übertreibt die Aktion; er übertreibt die soziale Mimikry, und er übertreibt die Individualität; er übertreibt den alltäglichen Kampf (vor allem den mit dem Nachbarn Zorngibel), und er übertreibt die Friedfertigkeit. Er, der Ungebildete, übertreibt immer einmal wieder gar die Bildung, übertreibt den Forscherdrang, übertreibt die Verweigerung. Er übertreibt Erziehung, wie er zugleich Nichterziehung übertreibt. Er ist ein Chaot, der hoffnungslos in die Ordnung verliebt ist, ein Autoritärer, der hoffnungslos der Anarchie verfallen ist. Er ist der gestörte Normale, die normale Störung des Kleinbürgerlebens. Seine Anstrengungen verbergen nicht, dass sie etwas Sinnloses in sich haben; so will er einmal mit einer Pampelmuse auf einer Spaghetti-Nudel auf dem Schnabel balancierend Über den Ärmelkanal schwimmen, um berühmt zu werden. Als Lohnabhängiger hält er nie lange durch – es scheint allerdings, dass er eine Art Stamm-Job hat, zu dem er immer wieder zurückkehrt, nämlich den als »Laufbursche in der Entenhausener Margarine-Fabrik« (wir haben ihn allerdings, soviel ich weiss, dort nie bei der Arbeit gesehen). Als Selbständiger erleidet er stets Schiffbruch. Und doch gibt es immer wieder einen erneuten Aufbruch, nichts hält Donald davon ab, immer wieder von vorn zu beginnen. Man hat das fälschlicherweise als »Optimismus« bezeichnet; es ist indes nichts als das Fehlen einer Alternative.

Donald ist das bürgerliche Individuum, das beständig zwischen narzisstischer Selbstüberschätzung und brütender Melancholie, zwischen Aufbruch und Rückzug wechselt. So bekommen die anderen Figuren in Entenhausen ihre Identität erst durch ihn, der die ganze Bandbreite bürgerlicher Möglichkeiten durchspielt, und der immer wieder die Begrenzung des Bürgerlichen erlebt; es sind Gegenentwürfe zum Verlierer, weniger leidend, aber auch enger: Der Trillionär Dagobert Duck ($crooge McDuck), Erzkapitalist und Selfmademan; das »Schoßkind des Glücks« Gustav Gans (Gladstone Gander), dem alles zufliegt, ohne dass er auch nur einen Augenblick in seinem Leben gearbeitet hätte (halt! der gebildete Donaldist weiß, dass es einmal doch geschehen ist!); Franz Gans (Gus Goose), Träumer, Fresser und Arbeitsverweigerer, der Knecht von Oma Duck (Grandma Duck), der Verkörperung der alten Pioniertugenden; der geniale Erfinder Daniel Düsentrieb (Gyro Gearloose) mit seinem »Helferlein« (Little Helper), einem Winz-Roboter mit einer Glühbirne als Kopf. Es sind auch die Prinzipien der Freien Marktwirtschaft, die sich hier verkörpern, der Hedonismus von Gustav, der puritanisch-manische Geiz Dagoberts (ein sinnloser, toter Reichtum neben einer ebenso sinnlosen Verschwendung), die technische Kreativität Daniels (die immer auch wieder ihre Grenzen findet) gegenüber einem Donald, der von allen Möglichkeiten der Gesellschaft, in der er lebt, gleichermaßen abgestoßen und fasziniert ist und deshalb zum Taumelnden wird im Irrgarten der kapitalistischen Verlockungen und Schrecken.

Diese Konstellation vermittelt das beglückende und verstörende Gefühl, es gebe nichts, einschließlich nachkolonialer Kriegstreiberei, einschließlich der Macht des militärisch-wirtschaftlich-politischen Komplexes, einschließlich spätpuritanischer Kleinstadtordnungen, einschließlich der Umweltzerstörungen und des Verkehrsinfarktes, einschließlich aller zyklischen ökonomischen Zusammenbrüche und der Arbeitslosigkeit, kurz, alles, was die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft in diesem Jahrhundert bestimmte, das nicht in der einen oder anderen Donald Duck-Geschichte treffend dargestellt worden wäre.« – So weit Georg Seeßlen, 1994. (Auch enthalten in: Derrick und die Dorfmusikanten – Miniaturen zur deutschen Unterhaltungskultur, Konkret Verlag 1997.)

Und nun zum Buch selbst

Diese Monumental-Werkbiografie birgt auch für Donaldisten viele Überraschungen. In der Geschichte der Comics ist Donald Duck die meistgedruckte Figur abseits des Superhelden-Genres, auf der Leinwand sah man ihn öfter als jede andere Disney-Figur. Neue Medien kommen stetig dazu, ganz zu schweigen vom unüberschaubaren Angebot an Donald-Merchandise. Gerade weil diese Kontexte meist unabhängig voneinander wahrgenommen werden – Liebhaber der Comics wissen oft wenig von den Filmen und umgekehrt – ist der Blick über die Grenzen umso aufregender.

Herausgeber Daniel Kothenschulte und die Autoren und Disney-Kenner David Gerstein und J. B. Kaufman hatten uneingeschränkten Zugang zu den Disney-Archiven und dazu die Unterstützung namhafter Sammler. Und in Benedikt Taschen einen Verleger, dessen Hauptquartier in Köln jeden Besucher und jede Besucherin als erstes mit Donald Duck in Kontakt bringt. Der erste Händedruck dort gilt unweigerlich Donald Duck, dessen Konterfei, ausgeführt in Messing, der Eingangstür des Verlags Taschen als Türknauf dient. Im Lauf der Jahre wurde sein Schnabel auf diese Weise allmählich auf Goldglanz poliert. »Wer wie Benedikt Taschen den wohl berühmtesten Pechvogel der Cartoon-Welt zu seinem Talisman wählt, ist in guter Gesellschaft«, schreibt Daniel Kothenschulte in seinem Dank am Ende des Bandes.

Der zeigt eine ungeheure Fülle mit musealer Sorgfalt ausgesuchter und reproduzierter Abbildungen – 300 von ihnen noch niemals veröffentlicht –, gliedert sich in ein gutes Dutzend üppigst illustrierter Kapitel, trägt eine wahnwitzige Fülle an Informationen zusammen und dokumentiert über 170 Donald-Duck-Zeichentrickfilme, seine Abenteuer in den Comics und im Fernsehen sowie seine Auftritte in Themenparks und Merchandise. Dank des beispiellosen Zugangs zu den umfangreichen historischen Archiven und Sammlungen von Disney sowie zu öffentlichen und privaten Sammlungen konnten seltene Konzeptzeichnungen, Story-Skizzen, Model Sheets, Reinzeichnungen, Hintergrundbilder, Animations- und Comic-Zeichnungen sowie historische Fotos zutage gefördert werden. Vom als »Duck Man« verehrten, legendären Comicerzähler Carl Barks sind noch nie gezeigte frühe Storyboard-Zeichnungen zu sehen. Zwei Kapitel — »Der Donald, den es nie gab« (alleine 43 Seiten) und »Nie produzierte Filmideen« – bieten zudem als besonderes Schmankerl exklusive Tauchgänge in Disneys Schatzkammern und zeigen Skizzen und Entwürfe nie realisierter Projekte. Eine Goldgrube (nicht nur) für Forscher wie Georg Seeßlen, weil hier der «unbereinigte» Donald Duck zum Vorschein kommt.

Die atemberaubende visuelle Dynamik des fünf Kilo schweren Bandes ist der Arbeit von Anna-Tina Kessler zu verdanken, die bereits »Walt Disneys Mickey Mouse: Die ultimative Chronik« gestaltet hat. Kathrin Murr besorgte die Redaktion, Erica Pak das Projektmanagement, Thea Miklowski und Aaron L. Bogart Copyediting und Proofreading. Prepress Producer Stefan Klatte sorgte für die Reproduktionen in Museumsqualität. Dies ist eins jener Bücher, für die der Taschen Verlag erfunden wurde. Chapeau!

Alf Mayer

P.S. Siehe auch, zu den Anfängen des Donaldismus: Jon Gisle: Donaldismen: En muntert-vitenskapelig studie over Donald Duck og hans verden (Oslo: Gyldendal, 1973).
Sowie:
Daniel Kothenschulte (Hg.): Das Walt-Disney-Filmarchiv: Die Animationsfilme 1921–1968 (Köln: TASCHEN, 2016)
Daniel Kothenschulte (Hg.): Walt Disneys Mickey Mouse: Die ultimative Chronik (Köln: TASCHEN, 2018).

PPS.: Einige Monate vor seinem Tod im Jahr 2000 schrieb Barks eine »Ode to the Disney Ducks«, in der er die Bedeutung seiner Helden für die Welt in Worte zu fassen versuchte. (Deutsche Übersetzung von Joachim Stahl.)

Sie reisen in vergangne Zeiten,
durchqueren die hohe See.
Sie sehen Gestalten aus den Sagen
und Yetispuren im Schnee. […]

Der Ducks Geschichten zeigen uns:
Man muss dem Feind vergeben.
Das Motto Aug’ um Auge hält
den Hass nur lang am Leben.

Es gibt so viele Gräber derer,
die in den Kriegen starben.
Wie gut, dass Schlachten unsrer Ducks
stets enden ohne Narben!

Die Ducks, sie parodieren gern
das eitle Menschenstreben.
Es gibt sie nicht, und trotzdem können
sie uns viel Freude geben.

Auch der deutsche Nobelpreisträger Günter Grass übrigens schrieb 1967 ein Gedicht über Donald, Onkel Dagobert und Tick, Trick und Track …

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