
Die Buchhandlung der „mutigen Männer“ oder Omnia vincit amor – Liebe besiegt alles
Vergangene Kriege sind nie weg, hören nie auf.
Das erfährt der junge, namenlose spanische Journalist, der 1981 nach seinem Besuch des Schifffahrtsmuseums von Venedig einschlägige Literatur in der Buchhandlung Olterra sucht. Neben einem Foto, das die alte Buchhändlerin als junge Frau mit einem Mann zeigt, erkennt er auf einem anderen Bild denselben Mann auf einem maiale, das er gerade im Museum gesehen hat. Einen kurzen, von Kampfschwimmern gesteuerten Torpedo, der im Zweiten Weltkrieg wegen seiner Schwerfälligkeit Schwein genannt wurde.
Er wird neugierig, was die Lebens- und Liebesgeschichte der Buchhändlerin mit einer italienischen Kampfschwimmer-Einheit zu tun hat. Mit ihren maiali versenkten sie vor Gibraltar und in der Bucht von Algeciras in den Jahren 1942 und 1943 insgesamt vierzehn Schiffe der Alliierten.
Bei Nacht starteten sie ihre Angriffe von dem auf Grund gelaufenen italienischen Schiff Olterra. Den Namen, den auch die venezianische Buchhandlung trägt. Die Buchhändlerin übersetzt ihn dem Journalisten frei mit „mutige Männer“.
Tiefer und tiefer lässt Autor Arturo Pérez-Reverte sein Alter Ego in die Vergangenheit eintauchen. Es sind nicht nur die historischen Recherchen, die dem Roman einen beinahe detektivischen Charakter geben und zu Beteiligten auf allen Seiten des Krieges führen. Parallel dazu entwickelt sich eine spannungsgeladene fiktionale Liebes-, Kriegs- und Spionagegeschichte, in der Pérez-Reverte die moralische Ambivalenz ausleuchtet, der seine Figuren ausgesetzt sind.
Zurück an einen frühen Morgen Anfang der vierziger Jahre.
Die junge Witwe Elena Arbués ist mit ihrem Hund am Strand von Algeciras unterwegs, bevor sie ihre Buchhandlung Librería Montiel öffnet – ihre Existenzgrundlage. Ermöglicht auf tragische Weise. Die Briten entschädigten sie, weil sie durch einen Irrtum das spanische Schiff versenkten, auf dem ihr Mann Offizier war.
Sie ahnt nicht, dass sich ihr Leben in wenigen Augenblicken erneut grundlegend verändern wird.
Ihr Hund stößt am Wasser auf einen bewusstlosen Mann in einer Tauchermontur. Zunächst will Elena die Polizei rufen. Als der Mann jedoch Lebenszeichen von sich gibt, bringt sie ihn in ihr Haus. Unter der Tauchausrüstung entdeckt sie eine italienische Uniform. Statt die Behörden zu verständigen, ruft sie die Telefonnummer an, die der Fremde ihr nennt. Kurz darauf holen ihn zwei Zivilisten mit italienischem Akzent ab.
Als Elena ihn später wiedertrifft – im Soldbuch des Ohnmächtigen hatte sie den Namen Teseo Lombardo gelesen –, versucht sie mehr über ihn herauszufinden. Immer wieder kreuzen sich ihre Wege, bis aus dem Zufall mehr wird. Gefährlich für Elena, denn die italienische Einheit fürchtet, sie könnte ihr Geheimnis verraten, und überlegt, wie sie mit ihr verfahren soll. Auch Teseo gerät dadurch in einen Gewissenskonflikt, aus dem ihm ausgerechnet Elena hilft. Ohne äußeren Anstoß beginnt sie, die Italiener – nach ihren Zigaretteneinkäufen in Gibraltar – mit aktuellen Fotos des Hafens zu versorgen.
Die zarte Liebesgeschichte, in der Elena die treibende Kraft ist und der attraktive venezianische Kampfschwimmer und Gondelbauer erstaunlich wenig dem Klischee des Italo-Lovers entspricht, entwickelt sich allmählich zu einer Spionagegeschichte – und zu einem ständigen Bangen, ob Teseo von seinen gefährlichen Einsätzen lebend zurückkehrt. Und ob Elena nicht im Visier der Engländer ist.
Wie der Beginn des Romans bereits andeutet, überstehen beide den Krieg und finden wieder zueinander – freilich nicht ohne dramatische Höhepunkte und packende Spannung, in denen das Leben beider auf der Kippe steht – und Teseo sich gegen das Mussolini-Regime entscheidet.
Pérez-Reverte verwebt die Rechercheebene meisterhaft mit der Kriegs-, Liebes- und Spionagegeschichte. Historische und technische Details fügt er organisch in die Handlung ein. Besonders die nächtlichen Einsätze der Kampfschwimmer lässt er atmosphärisch dicht miterleben.
Der Roman überzeugt zugleich durch die sorgfältige Recherche über die italienische Kampfschwimmereinheit ebenso wie durch die Darstellung der britischen Verteidigung Gibraltars, ihrer Spionageabwehr und ihres Auftretens im nahen Spanien. Die Briten geben sich dabei bisweilen wie die Herren der Welt, die von ihrem Felsen mit Überheblichkeit auf die Spanier herabschauen.
Pérez-Reverte streift auch den Spanischen Bürgerkrieg, in dessen Wirren Elenas Familie in Gibraltar Schutz vor Francos Anhängern fand. Der beeindruckende historische Reichtum bremst in seiner Fülle hin und wieder den Fortgang des Zusammenfindens der beiden Protagonisten, was freilich auch für zusätzliche Spannung sorgt. Doch der Gewinn überwiegt. Immer wieder stellt der Autor die Frage nach Humanität – im Krieg wie im Leben – und zeigt, dass sie, ebenso wie die Liebe, selbst unter den extremsten Bedingungen bestehen kann. Omnia vincit amor – die Liebe besiegt alles. Aber vielleicht gilt für seine Protagonisten auch die Fortsetzung des Spruchs: et nos cedamus amori – auch wir wollen uns der Liebe beugen.
Roland Keller
Arturo Pérez-Reverte: Der Italiener (El Italiano, 2021). Deutsch von Carsten Regling. Folio Verlag, Wien/ Bozen 2025. 395 Seiten, 28 Euro. – Als „Bloody Chop“ bei uns auch von Thomas Wörtche besprochen, d. Red.












