Was bleibt, ist ein Scherbenhaufen, der Wiener Blues Zum neuen Buch von Johann Allacher – und der Tonspur mit dazu Lesen ist die einzige Möglichkeit, ausbrechen zu können, ohne dabei den Raum zu verlassen. Gerade in Zeiten von Corona braucht es die Auseinandersetzung mit Geschriebenem abseits der allgegenwärtigen Krisen-Berichterstattung. Sei es als emotionaler Ausgleich zum Gefangensein in den eigenen vier Wänden, als Ablenkung vom schwer greifbaren Bedrohungsszenario durch das Virus, oder für einen Ausflug in die Welt der Fantasie. Die ungewollte Renaissance der Biedermeier-Epoche eignet sich bestens dazu, alternative Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Bilder von Gesichtern
Read More Auf Erden ein Elysium Hans-Jürgen Döpp zum Tod eines Freundes – und ungewöhnlichen Bordellbesitzers. Er war ein dionysischer Mensch von rheinischer Fröhlichkeit, der zu genießen verstand. Liebe und Wein: das waren seine Lebens-Motti, umwölkt vom Rauch einer edlen Cohiba. Ein lockender Topos des sinnlichen Lebens war ihm der Orient, und viele Gedichte von Hafis konnte er im Alter noch auswendig rezitieren. Goethes „West-östlicher Divan“ war sein Vademecum: Um die kleine Erstausgabe aus dem Jahre 1819 herum, die in einer Vitrine zu sehen ist, errichtete er in den letzten Jahren in
Read More Wie die Darstellung von Polizeiarbeit in der Gegenwart ankam Der Fotograf David Kregenow über die wegweisende Fotoreportage von Gordon Parks, die es jetzt als Buch gibt Die Wahrnehmung von Polizeiarbeit war schon immer geprägt von einem Wechselspiel zwischen Fotografie und Film. In den späten 1930ern waren es die von starkem Blitzlicht und tiefen Schlagschatten geprägten Aufnahmen Weegees, die ein paar Jahre darauf ihren Widerhall in der Ästhetik des Film Noir fanden. Fortan bestimmten Zweireiher, Schlapphüte und kantige Gesichter ebenso das Bild wie lässig den Schlagstock schwingende Cops, die offensichtlich sämtlich
Read More Im Bodensatz von App-Chats eine neue Identität gefunden Ilja hat sieben Jahre im russischen Straflager abgesessen und steht vor einem Neuanfang. Doch der Tod der Mutter und die Aversion seiner damaligen Freundin werfen ihn völlig aus der Bahn: Er lässt sich im Affekt zum Mord seines skrupellosen Peinigers Petja („Das Schwein“) hinreißen und fischt in den Chats auf dessen Smartphone nach Informationen, die ihn über Wasser halten können. Der brillante russische Autor Dmitry Glukhovsky entwickelt in Text einen faszinierenden Hybrid aus Entwicklungs-Roman und Thriller. – Von Peter Münder PS: Der Kritiker begeht mit
Read More Sessel und Pantoffeln verderben den Mann! Wolfgang Franßen über „M“ von Antonio Scurati Im post-ideologischen 21. Jahrhundert kommen einem die politischen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten, Sozialisten, Bürgerlichen und Faschisten im Italien nach dem Ersten Weltkrieg wie der Besuch in einem Museum vor. In Zeiten globalen Denkens haben Ideologien als Zukunftsvisionen ausgedient. Es gibt Reizthemen wie das Klima, aktuell die Gesundheit, soziale Bewegungen, die Gelbwesten in Frankreich, die Regenschirme in Hongkong, die als TV-Erlebnis ausgeschlachtet werden, bis jeder Platz in einer Talk-Show mindestens viermal von derselben Person besetzt wurde. „Der Sohn des
Read More How Crime Writing Is Like Music I kill people for a living these days, but my first career was as a classical clarinet player. Clarinet was a bit of an odd choice for a child whose school didn’t run to a music program, but I threw myself into learning it with the determination only a moody teenager can muster, and eventually ended up playing in everything from operas and musicals, to an engagement party that ended in a brawl. If my life were a movie, that part would be Flash Dance meets Fame.
Read More Die Flucht gelingt, die Angst bleibt Eine Filmempfehlung von Dominique Ott Mitten in der Nacht öffnet Cecilia (Elisabeth Moss) die Augen und befreit sich behutsam aus der Umarmung ihres schlafenden Freunds Adrian (Oliver Jackson-Cohen). Sie hat ihm Schlaftabletten verabreicht, um einen minutiös geplanten Fluchtversuch in die Tat umzusetzen. Wir begleiten sie, wie sie aus dem Bett schleicht, eine Sporttasche aus einem Versteck kramt, das heimische Sicherheitssystem deaktiviert und sich anzieht. Es folgt ein langsamer Kameraschwenk weg von Cecilia, hin zu einem langen, leeren Flur. Die pulsierende Musik greift das unerbittliche
Read More Neues von Lucky Kid Rezension von Markus Pohlmeyer „Volle Fahrt voraus“[1], das bedeutet neue Abenteuer von Lucky Kid, dem jungen (späteren) Lucky Luke. So träumt der kleine Supercowboy in einer Episode davon, wie er durch Sturm und Regen reitet, wie er einen Pfeilhagel von Indianern besteht, wie er einen Bären besiegt und einen Revolverhelden und wie er kämpfen will „[…] gegen die größten Diebe der Vereinigten Staaten … der gesamten westlichen Welt!“[2] Auf dem Bild zu sehen: ein gefesselter Schurke, um ihn herum Dollarscheine. Es könnte vielleicht und möglicherweise und eventuell sein, dass
Read More The Pandemic is a trial run. Climate change lockdowns: sooner than you think. Our New Ecology The scientific community is doing an incredible job covering the technical side of the COVID-19 virus. We also have many reports from doctors, nurses, and patients from around the world relating their experiences of working conditions, protective equipment shortages, and treatment regimes. We are becoming familiar with terms like exponential growth, inflexion points, viral peak readings, viral shedding, and drug trial protocols. What is missing is some idea of what our world will look
Read More Herzlich willkommen! Covid-19 hat auch uns im Griff. Wir sind alle gesund, glücklicherweise, arbeiten überwiegend ohnehin im Home Office – bis auf Alf Mayer, der hängt in Neuseeland fest und schickt uns eine Dosis Resilienz -, aber wir blicken mit Sorge in die Welt und die Buchbranche. Ute Cohen, Felicitas Korn und Matthias Wittekindt schreiben darüber, wie sie als AutorInnen, die im März ein Buch herausgebracht haben, diese Wochen erleben. Katja Cassing, Katharina Florian und Ludwig Paulmichl erzählen, wie Verlage mit der aktuellen Situation umgehen. Von Trauer um einen, der
Read More NEW YORK CITY, near America Fundamental to the citizens of Trumpistan is cultish deference to Dear Leader’s every vile tweet, every ludicrous lie, every malignant boast, every odious blast of oral flatulence from Dear Leader’s kewpie doll lips—the more racist the blast the better. In this time of global pandemic, in which the United States has surpassed the health and economic devastations of China and Italy, more and more Americans are homebound, voluntarily or by legal order. We flip on our television sets each day in search of governmental and
Read More Auf Umwegen die Richtung finden Die surrealen Verhältnisse affizieren mein Zeitgefühl. Tagtäglich schwanke ich zwischen Hoffnung und Besorgnis. Lucien Sève, der Philosoph, der eine Wissenschaft der Biografie erdachte (Die Welt ändern – das Leben ändern), ist tot: Corona. Sie hatten für den 94-Jährigen kein Beatmungsgerät. Optimismus des Willens und Pessimismus des Verstandes, heißt es bei Gramsci. Meinem Bauchgefühl nach ist das wichtigste im Alltag gerade Freundlichkeit und Solidarität, beide blühen zart in den Ritzen zwischen den Pflastersteinen des Unvertrauten. Nicht drauftreten. Nicht wegbrüllen, auch wenn die Lunte kurz ist. Lieber
Read More „Vielleicht ist die Scham, die ich empfinde, eine Stellvertreter-Scham, von der ich meine, irgendwer müsse sie doch schließlich empfinden.“ Über Verbrechen schreiben Im Jahr 1969 wurde Jane Mixer im Alter von 23 Jahren ermordet. Offiziell galt der Fall als ungelöst, allerdings wurde vermutet, dass sie Opfer des sogenannten Michigan Murderer John Norman Chapman geworden ist. Sie ist die Tante der Autorin Maggie Nelson, die Anfang 2000 angefangen hat, zu diesem Fall zu recherchieren und den Gedichtband „Jane: A Murder“ geschrieben, der 2005 veröffentlicht wurde. Anfang November 2004 rief ein Detective
Read More Manchmal packt mich die Lust, die Kiezgeschichten in den Boulevardblättern zu lesen. Da findet sich so einiges, was ich in meinem tristen Alltag nie erleben werde. Sei es der Betrunkene in Marzahn, der, bewaffnet mit einem Messer, einen Dönerladen betrat und siebzig Döner zum Mitnehmen forderte. Der Besitzer verjagte den „Kunden“ mit einem Dönerspieß. Warum wollte der Dönerwirt den Mann nicht als Kundschaft? Vielleicht überstieg die Bestellung die vom Dönerladen üblich angesetzte Abgabe in haushaltsüblichen Mengen? Oder war er überzeugt, der Betrunkene könne die etwa 210 € nicht bezahlen? Da
Read More BLEIB! Gespeicherte Nachrichten. 2015. Kurzatmig klingt er. Die Koronargefäße sind entzündet, der Herzmuskel nur mehr ein Lappen, ausgelaugt vom Kampf. Gereiztheit und Dringlichkeit seiner Stimme ermatten. Ein melancholischer Unterton schleicht sich in jeden einzelnen Satz. Klick. Wenige Tage später ist er tot. Es sind die Töne des Todes, die mich martern. Corona. Ein Porträt über einen Comiczeichner, eine Rezension, zwei Artikel, ein Auftrag, der mit all dem nichts zu tun hat. Ich blicke hinüber zu den Nachbarn. Ein enormer Kran ragt aus einer Baugrube heraus. Arbeiter rufen einander Befehle zu.
Read More Eine Dosis Resilienz aus Neuseeland Von Alf Mayer Unsere erste ernsthafte Berührung mit Covid-19 – und wir sind seit Ende Januar 2020 in Tasmanien und Neuseeland unterwegs – haben wir am Tag 55 unserer Reise: in einem kleinen Kaff an der einsamen Westküste der Südinsel. An der Eingangstür unseres Restaurants hängt ein Plakat der Regierung, dass die Zahl der Gäste nicht mehr als 99 betragen soll. So groß ist die Lokalität gar nicht, aber die Tische sind weiter auseinander gerückt als gestern Abend, alle Gäste müssen sich mit ihren Kontaktdaten
Read More Das Buch ist in den 1920er Jahren in Paris geschrieben worden und handelt von … nein, es handelt nicht und erzählt nicht, sondern malt ein Bild der russischen Emigranten. Auf dem Titel steht keine Genrebezeichnung, im Nachwort wird es als Roman bezeichnet. Das erste Kapitel beschreibt Regen: „Es schien auf der ganzen Welt zu regnen, alle Straßen, alle Passanten schienen verbunden in diesem grauen, leicht salzigen Gewebe. […] Die grobe Schönheit des Weltalls schien sich im Regen aufzulösen und zu schmelzen wie in der Zeit.“ Aufgelöst und zerschmolzen ist auch
Read More Über Kate Alice Marshall Ich lebe noch und Marlen Haushofer Die Wand Berichte aus der größtmöglichen social distance Ich bin allein. Ich habe nicht viel zu essen. Die Temperatur fällt. Niemand kommt mich holen. Bald wird es Winter und hier draußen kann man auf so viele Arten sterben. Wenn mich nicht die Kälte erledigt, dann der Hunger. (…) Aber ich bin noch nicht tot und das sollte jemand erfahren. Irgendjemand sollte erfahren, was passiert ist. Deshalb schreibe ich es auf, so gut ich kann. In Bruchstücken, denn auch in meinem
Read More „Rost in Peace“ nannte der Photograph Heribert Niehues seinen ersten Bildband, in dem er die ästhetisch faszinierende Symbiose von Lost Places und derangierten Autos in Bildern von betörender Intensität festhielt. In diesem zweiten Bildband „Poesie der Vergänglichkeit“ zelebriert Niehues diese Dekadenz eingebettet in Kulissen verlassener Tankstellen, Diner, Motels und Farmhäuser, wobei der Bezug zu schrottigen Autos einen spezifisch morbiden Charme entwickelt. Von Peter Münder Für europäische Besucher amerikanischer Ghost Towns ist es ebenso faszinierend wie irritierend, beim Betrachten all der verlassenen Goldgräber-Siedlungen und der zurückgelassenen Habe der Goldsucher auch
Read More Ich wurde in letzter Zeit immer mal wieder gefragt, ob es nicht sehr frustrierend ist, dass mein neues Buch nun ausgerechnet während einer beginnenden Epidemie herauskam. Ja, natürlich ist das ärgerlich. Ich schätze, viele Autoren haben, wenn ihre Bücher dieser Tage veröffentlicht wurden, Bedenken. Das Werk, an dem so lange gearbeitet wurde, wird vermutlich nur begrenzt wahrgenommen, in einer Zeit, in der Menschen ganz andere Sorgen haben und lieber Blogs zur neuesten Entwicklung der Epidemie studieren, als sich auf einen längeren Lesevorgang einzulassen. Einen Satz muss ich nun vorausschicken, sonst
Read More Das Ende (des Kinos) – mal wieder. Eine Art Lagebericht Eigentlich sollte man es langsam schon gewohnt sein, das ständige Gerede vom Ende des Kinos, das den Siegeszug des Mediums in sadistischer Regelmäßigkeit begleitet und das offenbar zu den Selbstgeißelungsmechanismen einer ganzen Branche gehört – und das betrifft nicht nur Deutschland, sondern die Filmindustrie und Kinobranche weltweit. Denn in Wahrheit gehören das Jammern und das Klagen sowie die Schwanengesänge über den Tod des Kinos zu dessen ureigenster Geschichte. Schon der Vater der Brüder Lumière, gemeinhin als Miterfinder des Kinos bekannt,
Read More Trauma und so Was Corona für die Autorin und Regisseurin Felicitas Korn und ihren Debutroman DREI LEBEN LANG bedeutet „Der Mund des fremden Mannes öffnet und schließt sich wie eine freundliche Auster. Michi folgt jeder seiner Lippenbewegungen, versucht, seine Codes zu entschlüsseln, aber was herauskommt, macht keinen Sinn.“ So beginnt das erste Kapitel meines ersten Romans DREI LEBEN LANG, der seit Ende Februar im Handel ist. Am 28.2. habe ich zum ersten Mal aus meinem Buch gelesen. Die Lesung war glücklicherweise voll. Obwohl es bereits da zahlreiche Absagen geregnet hat,
Read More Life and Fate by Vasily Grossman The title of this book almost reads like a mathematical equation that hasn’t quite found it’s ultimate expression. With a few more elements mysteriously conjoined it might give us the result that every human being desires: (Life x Fate)+will+morality+love – the State = freedom. To emphasize this essential longing in every human it can be no accident that in the opening scene we find ourselves approaching a monstrous prison camp. Then the fence of the camp appeared out of the mist: endless lines of
Read More Von J.C. Schmidt Im März des vergangenen Jahres berichtete ein Kollege, dass der amerikanische Kriminalschriftsteller Walter Satterthwait an schweren gesundheitlichen Problemen leide und über eine Fundraise-Plattform im Internet Geld sammle, um ein – wohl letztes – Buchprojekt zu finanzieren. Ein knappes Jahr später nun erreichte uns die traurige Nachricht, dass Walter Satterthwait gestorben ist. Walter Satterthwait war – als Mensch wie als Schriftsteller – ein Wanderer zwischen den Welten, der vielleicht nirgends richtig heimisch wurde. Geboren am 23. März 1946 in Philadelphia, lebte er u.a. in New York, Oregon, New
Read More Let’s do with them the „Walk-in-Our-Moccasins“ program Hello from Colorado, We’re under a stay-at-home-order, which means that, among other things, we can’t go to work unless our workplace is considered essential. I’m lucky, in that my workplace is considered essential, and I can work from home. Which means I still get to pay rent, buy groceries and get my kids medical care if they need it, all without leaving the house. But I know a lot of people who aren’t lucky. Don’t get me wrong, I agree with social distancing.
Read More Von Katja Bohnet Quoten-Weiße. Noch nie davon gehört? Gibt’s jetzt im Film. Ein Film, der von afroamerikanischen Menschen erzählt. Von ihrem Leben. Ein Leben, das ohne Benachteiligung nicht zu denken ist. Die Regisseurin dieses Films heißt Melina Matsoukas. Der Film heißt „Queen und Slim“. Die amerikanische Regisseurin mit kubanischen Wurzeln, die vorher durch außergewöhnliche Musikvideos auffiel, die sie für Stars wie Beyoncé und Lady Gaga drehte. Manche Menschen sind schwarz, andere Menschen sind schwarz und Frau. Vielleicht ist es deshalb schwer, über „Queen und Slim“ zu schreiben, ohne Themen wie
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