Ein solches befindet sich seit kurzem neben der Haustür. Ein Schloss in der Wand, darauf kann man sich im ersten Moment keinen Reim machen. Vielleicht handelt es sich um eine Art Notfallschloss, falls mal wieder das Schloss der Haustür defekt ist. Das passiert öfter, weil die Hausverwaltung immer Billigschlösser mit Billigschlössern auswechselt und der Schlosser deshalb dreimal im Jahr vor der Tür steht. Wenn das Schloss also in Zukunft kaputtgeht, dann stecken wir den Schlüssel in die Hauswand und irgendeine Hydraulik sprengt die Flügel der Haustür ab. Wie praktisch. Aber
Read More Kein Roman à la mode – etwas Eigenes Manchester, 1867. Die „Troubles“ in Irland sind in Terror und Gegenterror verfangen, der Viktorianismus, eine ziemlich widerwärtige Epoche des UK, zeigt seine hässlichste imperiale und koloniale Fratze. Der irische Polizist James O’Connor ist aus Dublin nach Manchester, dem symbolträchtigen Ort des gleichnamigen Kapitalismus, versetzt worden. Nach dem Tod seiner Frau wurde er erst zum untragbaren Alkoholiker, dann zum „Abstinent“. Aus der heimischen Schusslinie genommen, soll er die nordenglische Polizei bei ihrem Kampf gegen die „Fenians“, die irischen Aufständischen unterstützen, die sich überall
Read More Von Moskau aus mit der Transsibirischen Eisenbahn durch die endlosen Weiten Russlands fahren – für viele eine traumhafte Vorstellung. Nicht ganz trifft das auf die Reise in dem dystopischen Shooter Metro Exodus zu. Hier geht es mit einer Dampflock durch ein von einem Atomkrieg verwüstetes und verstrahltes Russland. Das ukrainische Studio 4A Games hat zusammen mit dem russischen Autor Dmitry Glukhovsky mittlerweile drei Metro-Spiele entwickelt, die auf der gleichnamigen Science-Fiction Romanreihe basieren. Die ersten beiden Teile spielen noch fast vollständig unterirdisch im großzügig gestalteten Moskauer U-Bahn-System. Hier hat sich nach einem Weltkrieg ein kleiner
Read More Verlage sind Kernzellen erneuerbarer Energie in Kultur und Gesellschaft Warum die Hintergründe für die Schließung der Publikumsverlage von Orell Füssli, dem zweitältesten Verlag im deutschen Sprachraum, ein Menetekel für die deutsche Buchbranche bedeuten – und insbesondere unsere Buchhändler betreffen. So offen wie im Fall Orell Füssli liegen die Karten selten auf dem Tisch: Konzernmanager haben sich in ihrem Umgang mit dem Verlag unter ihrem Dach so nackt und bloß gezeigt, dass es hätte Entsetzen hervorrufen müssen. Aber hat jemand Zeter und Mordio gerufen? Keiner. Nirgends. Für die Buchbranche sollte dies die erste schmerzhaft harte Lektion sein:
Read More Todesmutige Scharlatanerie Ein zwiegesichtiger Gunter Gerlach blickt uns auf dem Cover entgegen. Eine draculahafte Gestalt der Nacht auf der einen Seite, ein liebenswürdiger Schalk auf der anderen Seite. Dem Verleger Lou Probstayn ist es zu verdanken, dass Gerlachs beste Kurzgeschichten nun im Literatur Quickie Verlag erscheinen. Mit diesem Band hat er dem Freund und Weggesellen auch einen Freundschaftsdienst erwiesen. Gerlach, Friedrich-Glauser-Preisträger, Autor zahlreicher Hörspiele und der Krimireihe „Kortison“, leidet an Demenz. „Ein falsches Wort und du bist tot“ spielt schwarzhumorig auf diese Erkrankung an. Das mag makaber klingen, ist aber
Read More Borges-k und anti-modern Eine Erkundung von Thomas Wörtche Der Argentinier Guillermo Martínez ist vermutlich (neben Pablo de Santis) der Autor, der den Geist von Jorge Luis Borges am Deutlichsten in die kriminalliterarische Jetztzeit überführt hat: Kriminalliteratur als streng intellektuelles Spiel, als großes, abstraktes Feld, auf dem sich „Realität“ und Fiktionen in verblüffenden, mysteriösen Konstellationen neu sortieren. Wobei „Realität“ deutlich keine sozialen und politischen Realitäten meint, sondern mathematische (Martínez ist Mathematiker) und philosophische Theoreme, die schon so avanciert sind, dass sie ihrerseits Züge des Fiktionalen tragen. „Die Pythagoras-Morde“, sein bisher größer Erfolg
Read More „So weit bin ich vorher noch nicht gegangen“ „Factory Town“ von Jon Bassoff ist vermutlich das wildeste Buch, das je im nicht gerade braven Polar Verlag erschienen ist. Ein Buch, in dem sich immer wieder mitten im Satz die Erzählperspektive verbiegt und die Ebenen wechseln. Von der Kritik wurde der Band bisher wenig beachtet. 2016 erschien im gleichen Verlag „Zerrüttung“, damals für den Grand Prix de Littérature Policière nominiert, Frankreichs bedeutendster Auszeichnung für Kriminalromane. Marcus Müntefering hat den Autor interviewt. Jon Bassoff: Factory Town (2020). Übersetzt von Sven Koch. Mit einem
Read More „Der Rhythmus der Welt“ „Im Moment stehen für Valentine Imhofs Buch „Aus lauter Zorn“ noch keine Rezensionen zur Verfügung. Schauen Sie zu einem späteren Zeitpunkt einfach wieder vorbei.“ So heißt es auf der vorbildlich informativen Internetseite des Polar Verlags zu Valentine Imhof – jedes in diesem Verlag erscheinende Buch hat hier ein Nachwort und ein Interview, einen Podcast und Links auf erschienene Besprechungen. Imhofs Roman erschien im November 2020, er ging unverdient unter. Wir präsentieren Ihnen das Nachwort von Ute Cohen und ihr Interview. Valentine Imhoff: Aus lauter Zorn (Par
Read More Kein überflüssiges Wort „Weglassen ist eine schöne Übung“, meinte Wolfgang Kohlhaase in einem Gespräch. Darin hat er es zur Meisterschaft gebracht, wie wir aus seinen berühmten Drehbüchern wissen und nun in diesem hübschen Band nachlesen können. Dreizehn Erzählungen, und bei jeder habe ich bedauert, wenn sie zu Ende war. Die verdichteten Texte enthalten kein überflüssiges Wort, dafür schwingen jede Menge Obertöne mit, und der Leser kann für sich all die vom Autor verschwiegenen Sätze ergänzen. So sitzt man dann noch eine Weile da, hält das Buch in Händen und blickt
Read More Ein erzählender General Die hübschesten Kleinode finde ich nur selten beim Durchpflügen von Verlagsvorschauen oder Rezensionen, im breiten Fluss der Bücherproduktion übersieht man sie leicht. Zuverlässiger sind die Empfehlungen von lesenden Freunden. Die nur 77 Seiten dünne Erzählung von Alberto Vigevani beginnt harmlos mit der Wiederentdeckung eines monströsen Überseekoffers, der den Autor an seine Hochzeitsreise erinnert, an all die Hindernisse, die das Trumm überwinden musste, als sie ihn auf Fuhrwerken, in der Bahn, auf ungeebneten Wegen mitnahmen. Das Paar war noch jung und übermütig und wollte sich von dem unbequemen
Read More Mit einem Wort: großartig „Ich fahre nach Moers“, das hieß in den frühen 1970ern nicht, dass man die Verwandtschaft am Niederrhein besucht, sondern gemeint war das „Internationale New Jazz Festival Moers“, das nun 50 Jahre alt wird. Ein halbes Jahrhundert, mon dieu. Von 1972 bis 1976 oder 1977 oder 1978 bin ich jedes Jahr nach Moers gefahren, gepennt wurde im Auto oder im Schlafsack auf der Wiese oder eher gar nicht. Die Dope-Schwaden waren so dicht, dass man fast keinen eigenen Stoff braucht, die Bongos tuckerten ohne Unterlass durch die
Read More Eine Rezension zu: Paul Duncan: Das Star Wars Archiv. Episoden I-III. 1999-2005, übers. v. A. Kasprzak, Köln 2021 (TASCHEN GmbH) Ein Buch von den Ausmaßen eines Supersternenzerstörers, deinen Schreibtisch zu okkupieren, und der Einband rot leuchtend wie ein Doppelklingenlaserschwert (… es gebe kein Entkommen, raunt eine dunkle Stimme. Röchel …). Und ich kann Alf Mayer nur beipflichten, dass dieser voluminöse Band einen Oscar verdient hätte. Weil er im Grunde dies ermöglicht: nachzuschauen, sich Zeit zu lassen und richtig zu schwelgen. Denn George Lucas ist mehr Inszenator denn Geschichtenerzähler. „Lucas charakterisiert
Read More Das Fenster zur Straßenseite Joe Wright hat A.J. Finns Bestseller verfilmt. Eine Kritik von Sonja Hartl Was ihre Nachbarn denn derzeit so treiben, fragt der Psychologie (Tracy Letts) seine Patientin Anna Fox (Amy Adams), als er sie zur wöchentlichen Therapiesitzung in ihrem Haus aufsucht. Sichtlich irritiert versucht sie, seine Frage einzuordnen. Aber er steht stoisch weiterhin am Fenster und beobachtet seinerseits die Nachbarn. Anna wittert einen Test, ein Ablenkungsmanöver, will nicht antworten. Tatsächlich beobachtet Anna ihre Nachbarn durch ihr Fenster, es sind ihre wenigen „Kontakte“ zur Außenwelt, seit sie ihr
Read More Jenseits der Instagram-Idylle Der „Dark Tourism“ als dissonanter Mix aus Erinnerungskultur, Voyeurismus und Informationsbedürfnis In seiner umfassenden „Dark Tourism“-Studie geht der Tourismus-Forscher Albrecht Steinecke auf das breite Spektrum ein, das vom Genozid-, Schlachtfeld-und KZ-Tourismus bis zur Slum-, Friedhofs- und Gefängnis-Exkursion reicht. Neben den ökonomischen Auswirkungen der Besichtigung von Besuchermagneten wie dem September-11-Memorial in New York, der KZ-Gedenkstätte Auschwitz oder dem Peace Memorial in Hiroshima geht die Studie auch den Motiven der „Dark Tourists“ nach, die Karl Kraus in seiner berühmten „Fackel“-Polemik von 1921 ja als Dumpfbacken-Voyeure beschimpfte, die ihren Schlachtfeld-Voyeurismus nach dem 1. Weltkrieg
Read More Gerd Koenen, Georg Seeßlen, Reto Weber und Alf Mayer über: Ingrid Mylo: Überall, wo wir Schatten warfen. Gedichte. edition AZUR, Volland & Quist, Berlin 2021. Klappenbroschur, 80 Seiten, 18 Euro. Reto Weber: Es passt Die Gedichte von Ingrid Mylo bewegen mich seit geraumer Zeit. Für mich als Musiker sind sie musikalische Essenzen und ich freue mich mit ihr ab 2022 auf der Bühne zu stehen und Töne hinzuzufügen. Es passt… Seine Internetpräsenz hier. Alf Mayer: Was richtet die Helligkeit an? Fern jeder Erzählung heißt die vorletzte Zeile in Ingrid Mylos
Read More From our editor’s desk: This is year five for this prize. Our readers are invited to recommend books that touch upon human rights themes. The Foundation would then contact the publisher and as them to submit the title for consideration. The Christopher G. Moore Foundation is pleased to announce their fifth annual literary prize honouring books that feature human rights themes. The Prize has been established to provide funds to authors who, through their work, contribute to the understanding and universality of human rights. This unique initiative will be awarded
Read More Riders on the Storm von John Densmore, Robby Krieger, Ray Manzarek und Jim Morrison – und man vergißt immer wieder, dass sich der Song auf Serialkiller Billy Cook bezieht… Riders on the stormRiders on the stormInto this house we’re bornInto this world we’re thrown Like a dog without a boneAn actor out aloneRiders on the stormThere’s a killer on the roadHis brain is squirmin‘ like a toadTake a long holidayLet your children playIf ya give this man a rideSweet family will die Killer on the road, yeahGirl, ya gotta love
Read More Kosmische Ausgrabungen 1 bild / 100 worte Die Raubgräber Westphal und Renner buddelten vor 22 Jahren eine Himmelsscheibe aus einem sächsischen Berglein unweit von Nebra. Seit Tausenden von Jahren lag dieselbe schon da! und nun fällt Licht und Dunkel des Universums wieder auf ihren goldenen Scheibenglanz. Wird damit auch der SCHLÜSSEL ZU ALLEM in die Hände der Menschheit gelangen? – KLARO, wäre das Leben ein geometrisch-vernarrtes „Monument Valley“-Spiel, und wir verwirrte Prinzessinnen. – Aktualiter ist die Scheibe in Halle zu besichtigen. Dort forscht die Forschung zu ihr und streitet sich
Read More Posted On Mai 17, 2021By Tina ManskeIn Musikmag
Zwei Beispiele – „We Are Who We Are“ und „Yasuke“ Wir müssen reden – über sehr gute Soundtracks von mal mehr, mal weniger guten Serien. In diesem Fall sogar einer, die ich gar nicht anschaue, mir aber trotzdem ihren Soundtrack anhöre. Doch beginnen wir mit der anderen, der sehr guten: Auf Starzplay, einem Streaming-Anbieter, den man über Amazon Prime ansteuern kann, läuft seit einigen Monaten die Miniserie „We Are Who We Are“ von Regisseur Luca Guadagnino. Zu seinen bekannteren Werken gehören die superben Remakes von „Suspiria“ und „La Piscine“ („A
Read More Geschlossene Türen im Exilland und fremd im eigenen Land: wie man als Exilant:in Wolfgang Borchert, der am 20. Mai einhundert Jahre alt geworden wäre, heute liest. (Mit diesem Thema beschäftigt sich auch eine Veranstaltung mit Exilautorinnen und Autoren im Rahmen des Festivals „Hamburg liest Borchert“ im Literaturhaus Hamburg) Von Omid Rezaee An einem regnerischen Augusttag erwartete ein schwarzes, altes Buch von mir, vor dem Regen gerettet zu werden. Ich kann mich auch nach fünf Jahren noch ganz genau an jenen Tag erinnern als ich das Buch, während ich mit einem
Read More Herzlich willkommen! 38 Beiträge haben wir für Sie im Köcher. Zum ersten Mal seit mehr als sechs Jahren ist unser USA-Korrespondent Thomas Adcock verhindert, (s)einen monatlichen Essay abzuliefern. Eine schnöde Computerpanne hält ihn auf, Viet Thanh Nguyen aber springt für ihn ein, beschäftigt sich mit „The Post-Trump Future of Literature“. Viets zweiter Roman „Die Idealisten“, die Fortsetzung seines mit dem Pulitzer ausgezeichneten Debüts „Die Sympathisanten“, erscheint Ende Mai bei Blessing. Der britische Autor Robert Wilson bespricht das Buch bereits für uns, englischer Titel: „The Committed“. Die große Sara Paretsky schreibt
Read More The apolitical times are over now What will writers do when the outrage is over? Will they go back to writing about flowers and moons? Donald Trump was an anti-literary president. It’s clear that the man doesn’t read, outside of highly diluted briefings and tweets. He’s missing a core element needed for literature: empathy. The election of Joe Biden and Kamala Harris signals a return to empathy in 2021. But empathy’s only an emotion, and we should never mistake it for action. Barack Obama’s warmth didn’t reorient the world toward
Read More Race and religion, as if it were today Her „Dead Land“ just out in Germany (as „Landnahme“, see our „Bloody Chops“ in this issue) here we have Sara Paretsky’s introduction to Dorothy B. Hughes‘ classic, „Ride the Pink Horse“ from 1947, just republished by Otto Penzler’s American Mystery Classics. With friendly permission by Sara Paretsky and Otto Penzler. “He hadn’t wanted to come here. He’d wanted it less and less as the bus traveled further across the wasteland; miles of nothing, just land, empty land. Land that didn’t get anywhere
Read More Vom Umgang mit der Ungewissheit Der Ein-Meter-Neunzig-Mann, der Minuten zuvor auf Geheiss der Meisterin vor den brennenden Teelichtern auf die Knie gesunken ist, bricht jetzt in Tränen aus. Das Mozart-Requiem, das aus dem hastig in die Mitte des Stuhlkreises gezerrten Ghettoblasters dröhnt, hat ihm den Rest gegeben, den Damm zum Brechen gebracht. Noch vor einer halben Stunde war er einfach nur ein Mann Ende fünfzig, der keine Erklärung dafür fand, warum es ihm schwer fällt, Emotionen zu zeigen. Ein paar suggestive Fragen und angezündete Teelichter später weiß er jetzt: Sein
Read More Lust und Über-Ich und ein Advokat der Freiheit Der Buchtitel deutet es bereits an „Sex and Crime – Über Intimität, Moral und Strafe“ Thomas Fischer, ehemaliger Bundesrichter, Anwalt und Kolumnist, bewegt sich zwischen zwei Welten, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Sex and Crime bringt unser Blut in Wallung, jagt uns Adrenalin durch die Adern und lässt diese seltsam schöne Lust auf Grenzüberschreitung aufbranden. Der Untertitel aber appelliert an unser Über-Ich, an diese Gebots- und Verbotsinstanz, die nach Freud im Widerstreit steht mit dem Es. Triebhaftigkeit und Moral, Verbrechen und Strafe, nicht fern
Read More Horror als Handwerk Später – das gilt in der lakonischen Sprache von Jugendlichen als vollständige Grußformel. Es klingt nach einem Versprechen. Oder wie eine Drohung. Warte nur! Nicht so schnell! In dem Parlando-Ton eines geschwätzigen Heranwachsenden ködert uns Stephen King und gewährt einen Einblick in das Betriebssystem der Schreckensproduktion. Kings Werk verdankt sich einem besonderen Sinn: dem Unwahrscheinlichkeitssinn, das ist die nach der Geburt ins Heim weggegebene finstere Zwillingsschwester des Möglichkeitssinns. Denk dir etwas so völlig Unwahrscheinliches aus wie die Gabe eines kleinen Jungen, frisch verstorbene Menschen zu sehen und
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