Geschrieben am 1. April 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag April 2026

Norman Foster, Monografie in zwei Bänden

Klarheit des Ausdrucks

Eine Besprechung der zweibändigen Monografie, 1080 Seiten Norman Foster, von Alf Mayer

Norman Foster. Networks. Introdution Philip Jodidio, Essay by Norman Foster. English edition. Verlag Taschen, Köln 2026. Hardcover, Format 22.8 x 28.9 cm, Gewicht 2,1 kg, 368 Seiten 80 Euro. – Beide Bände (Works + Networks) zusammen über 3.000 Abbildungen.

Norman Foster. Works. Edited by Philip Jodidio. English edition. Verlag Taschen, Köln 2026. Hardcover, Format 22.8 x 28.9 cm, Gewicht, 3,2 kg, 712 Seiten, 80 Euro. – Verlagsinformationen zum Buch: taschen.com

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Wüsste ich sonst nichts über den Architekten Norman Foster, würde mich seine Freundschaft mit Otl Aicher sofort neugierig machen. Die beiden hatten größte Sympathie füreinander, es verband sie ein unterirdischer Strom – gemeinsame Werte. »Ich fühlte mich sofort zu ihm hingezogen«, bekannt Foster in dem schönen Interview von Jasmin Jouhar, das auf der Internetseite otl aicher 100 veröffentlicht zu finden ist. Ein Porträt dieses Jahrhundert-Mannes bei uns hier: Denker am Objekt.

Sie lernten sich dienstlich kennen, für Otl spät in seinem Leben. Otl Jahrgang 1922, Norman Foster 1935, ihr erstes Treffen 1987. Es funkte sofort. Sie wurden Freunde. Für Norman Foster war der im Allgäu lebende asketische Otl Aicher schlicht »Der beste Designer der Welt«. Foster half mit, dass es eine englischsprachige Ausgabe der Essays von Otl Aicher gab, erschienen im Januar 1994 unter dem Titel »The World as Design« (Originaltitel: Die Welt als Entwurf); das offizielle Veröffentlichungsdatum wird oft als 1. Juli 1994 gelistet. Das war dann schon posthum. Otl andererseits hatte den ersten monographischen Bänden über Norman Foster das gestalterische Gesicht gegeben.

Ich weiß noch, wie ich im Herbst 1991 verwundert war, bei Otls Beerdigung im Allgäu einen hochgewachsenen Mann zu sehen, den ich nur aus den Medien kannte: Sir Norman Foster, 1990 mit Ian McKellen und Maggie Smith von Queen Elizabeth in den Adelsstand erhoben. Beim Leichenschmaus – Otl war in meinen jungen Journalistenjahren ein Mentor gewesen – erfuhr ich dann, dass Norman Foster mit seiner Propellermaschine selbst von London nach Leutkirch geflogen war, »The least I could do for my dear friend«. (Ein schöner Nachruf von ihm findet sich in archplus, Link hier.)

Ein von Otl Aicher gekritzeltes Bleistiftsporträt Fosters auf dem Vorsatzblatt, eine Vignette – minimalistisch, wie von diesem Zen-Meister des Designs nicht anders zu erwarten – leitet den 712 Seiten starken Band »Norman Foster Works« ein. Der Band II dieser Monografie, «Networks« betitelt, hat 368 Seiten Umfang. Zusammen sind das 1080 Seiten Norman Foster – mit mehr als 3.000 Fotos und Skizzen aus den Archiven, und nach der limitierten Auflage vor drei Jahren nun im bewährten »top-down«-Publishing des Verlags Taschen jetzt zu einem volksdemokratischen Preis erhältlich. So viel Norman Foster war noch nie.

Lord Foster of Thames Bank, wie er seit dem Ritterschlag durch die Queen offiziell heißt, hat jede Seite der zwei Bände mitgestaltet und mitbestimmt. Er hat jede Doppelseite skizziert und mehrfach gezeichnet, die Abbildungs-Proportionen festgelegt, zusammen mit dem Graphic Designer Fernando Gutiérrez den Rhythmus der Buchseiten bestimmt.  Drei Jahre Arbeit stecken in dem Werk. Es ist weit mehr als ein Architekturbuch. Es ist eine visuelle Erkundungsreise. Ein Gesamtkunstwerk, üppig illustriert mit Fotos und Skizzen aus den eigenen Archiven.

Norman Foster legt darin seine Inspirationsquellen offen und den Kontext, in dem seine jeweiligen Werke entstanden sind.  Band I „Works“ ist sozusagen sein Werkverzeichnis, opulent und informativ, übersichtlich präsentiert. Band II „Networks“ enthält acht seiner Essays, betitelt mit: Roots/ Flight/ Alpine/ Nature/ Art/ Making/ Place/ Cities. Man muss hier erwähnen, dass es sich um eine rein englische Ausgabe handelt.

Die zweibändige Monografie präsentiert sein gesamtes Werk – von den frühen Kooperationen mit Richard Rogers und Richard Buckminster Fuller bis hin zu den globalen Superprojekten, die seinen Starstatus ab den 1980er Jahren begründeten. Zudem bietet sie seltenen Einblick in die sich wandelnden Arbeitsumgebungen von Foster + Partners, von einer bescheidenen Wohnung in Hampstead in den 1960er Jahren bis hin zum heutigen weitläufigen, lichtdurchfluteten Studio mit Blick auf die Themse.

Fosters Architektur zeichnet sich durch konstant innovative Modernität aus und ein bereits frühes Engagement für Nachhaltigkeit. Er hat einige der bekanntesten Gebäude der Welt entworfen und die Skyline großer Städte geprägt: zum Beispiel mit dem Reichstag in Berlin, mit dem »Gherkin« in London (30 St. Mary Axe, für Swiss Re), der Commerzbank in Frankfurt, dem höchsten Gebäude Deutschlands, oder dem Apple Park in Cupertino, dem Great Court des British Museum in London und der Millenium Bridge, dem Zayed National Museum in Abu Dhabi oder dem Millau-Viadukt für die A 75 in Südfrankreich, der längsten Schrägseilbrücke der Welt – mit einer maximalen Pfeilerhöhe von 343 Metern der höchste Bau in Frankreich.

Erstmals offenbart Foster in einer umfassenden Gesamtschau seltene Einblicke in seinen kreativen Schaffensprozess. Mitdabie auch Entwürfe für Möbel- und Einrichtungsgegenstände, bis hin zur Türklinke. Der vielseitig interessierte Architekt schildert seine Arbeitsweise und schlägt den Bogen sowohl von der Kunst zur Architektur als auch von seinen Leidenschaften – beispielsweise für das Fliegen – zu seiner Arbeit. Leitmotive sind ihm stets die Reduktion von Gewicht, das Streben nach Klarheit – Prinzipien der Aeronautik. Das ähnelt dem Credo von Otl Aicher, der für die Olympiade 1972 in München die Piktogramme erfand.

As part of its summer celebrations, Foster addresses the practice in the Riverside main studio in 2016 © Nigel Young / Foster + Partners/ Taschen

Es gibt ein Youtube-Video, in dem der im industriellen Manchester aufgewachsene Foster sich mit Herausgeber Philip Jodidio über das Buchprojekt unterhält, ein Breitwandbild der von ihm gestalteten Berliner Reichstagskuppel hinter seinem Schreibtisch. Für das Buch war es für ihn selbst interessant und überraschend, so sagt er, die Verbindungslinien von Projekten in verschiedenen Stadien, Zeichnungen und Ideen zu entdecken. Seine Karriere erstreckt sich bereits über sechs Jahrzehnte und über alle Kontinente. Immer wieder merkt er an, dass seine Arbeit Teamwork ist und seine Erfolge sich keineswegs ihm alleine verdanken.

Seine sicher politischste Aufgabe war der Umbau des Reichstags in Berlin zum Parlament des wiedervereinigten Deutschlands. Er fand dafür eine ebenso geniale wie schöne Lösung. »Es war ein internationaler Wettbewerb, den wir 1992 gewonnen haben. Denken Sie an die Kuppel, die einen verspiegelten Kegel umschließt, dessen Oberseite eine öffentliche Aussichtsplattform bildet. Unser Ehrgeiz war es, einen demokratischen Raum zu schaffen, der die Öffentlichkeit symbolisch über die Politiker stellt, die ihr gegenüber verantwortlich sind«, sagt Foster.

Die Glaskuppel des Berliner Reichstagsgebäudes wurde am 19. April 1999 offiziell eingeweiht und eröffnet. Schnell wurde sie zu einem Sightseeing-Magneten, von dem aus man das Panorama Berlins genießen kann. Mit mehr als drei Millionen Besuchern jährlich gilt der Reichstag als eines der meistbesuchten Parlamentsgebäude der Welt.

Alf Mayer

P.S. Die Frage nach dem Gewicht ist zudem eine berühmte Anekdote in Fosters Karriere. Sie geht auf seinen Mentor Buckminster Fuller zurück, der ihn einmal fragte: „How much does your building weigh, Mr. Foster?“ Diese Frage wurde zum Titel des gleichnamigen Dokumentarfilms von Norberto López Amado und Carlos Carcas (2010):

Norman Foster, Skizze von Otl Aicher

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