»Bei meiner Schule in Gando gibt es keine Klimaanlage. Das Dach hebt sich leicht, so entsteht Kühlung durch Luftzirkulation. Das reicht. Oft sind es kleine Dinge. Wenn alle so bauen würden wie der Westen, wäre die Erde morgen kaputt.« (Francis Kéré)
Natürlich sind auch Termiten gute Baumeister. Die Natur sowieso. Nachhaltiges Bauen, das führt heute jedes Projektbüro im Munde, wenn es um Aufträge geht. Die tatsächliche Architekturpraxis aber kann in dieser Hinsicht noch jede Menge Verstärkung und Ermunterung brauchen. Im Verlag Taschen, der eine formidable Bibliothek von Architekten-Monografien im Portfolio hat – in jüngerer Zeit siehe Norman Forster, Shigeru Ban, Tadao Ando, Calatrava und andere mehr – wächst dazu eine beeindruckende Reihe sozusagen »alternativer« Bau-Literatur. Sogar das Design und die Ausstattung dieser Bücher ist wegweisend anders. Jedes dieser Bücher taugt als eigenes Vademecum. Der schöne Begriff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet »Geh mit mir« (vade mecum), ein Hinweis, dass solch ein Werk als ständiger Begleiter konzipiert ist, um in bestimmten Lebenslagen oder bei der Arbeit Informationen oder Anregung zu liefern. Vier dieser Vademecums seien hier besprochen:
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Francis Kéré. Building Stories. Ausgabe: Englisch. Verlag Taschen, Köln 2026. Softcover, Format 19 x 25.5 cm, Gewicht 1.17 kg. 444 Seiten, durchgängig farbig illustriert, 75 Euro. – Website von Kéré Architektur. Zum Buch, zum Verlag: www.taschen.com
Am Dienstag, 9. Juni, um 18 Uhr wird dieses Buch exklusiv mit Francis Kéré im Berliner Taschen-Store (Schlüterstraße 39, 10629 Berlin) gemeinsam mit einem hochkarätigen Überraschungsgast präsentiert. RSVP-Link und Anmeldung hier.
Julia Watson. Lo—TEK. Water. A Field Guide for TEKnology. Ausgabe: Englisch. Verlag Taschen, Köln 2025. Hardcover, Swiss binding with open spine, fünf Ausklappseiten. Format 17 x 24.4 cm, Gewicht 1.30 kg. 558 Seiten, 50 Euro. – Zum Buch, zum Verlag: www.taschen.vom
Julia Watson. Lo—TEK. Design by Radical Indigenism. Ausgabe: Englisch. Verlag Taschen, Köln 2019. Hardcover, Swiss binding with open spine. Format 17 x 24.4 cm, Gewicht 1.07 kg. 420 Seiten, 50 Euro. – Zum Buch, zum Verlag: www.taschen.com
Philip Jodido: Homes for Our Time. Sustainable Living. Mehrsprachige Ausgabe: Englisch, Deutsch, Französisch. Verlag Taschen, Köln 2025. Hardcover, Format 24.6 x 37.2 cm, Gewicht 4.09 kg. 496 Seiten, 75 Euro. – Zum Buch, zum Verlag: www.taschen.com
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Francis Kéré – Ein Werkstattbuch der besonderen Art
»The easiest way to pass on knowledge is people to participate in the process« steht in seiner Handschrift auf dem Umschlag von »Francis Kéré. Building Stories« – Wissen weiterzugeben geht am einfachsten, wenn man die Menschen in den Prozess einbindet. Die darin erzählte Geschichte vom »Village Opéra« mitten in der afrikanischen Savanne, eine Stunde außerhalb von Ougadougou, ist dafür mustergültig, aber nur eine von zwei Dutzend im Buch ausführlich dargestellten und von Francis Kéré selbst erzählen »Building Stories«. Kéré ist der erste afrikanische Archtitekt, der mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet worden ist, der bedeutendsten Auszeichnung der Branche, so hoch angesehen wie der Nobelpreis unter Wissenschaftlern, der Pulitzer-Preis bei Journalisten oder der Oscar in der Filmwelt.
Der Film- und Theaterregisseur Christoph Schlingensief nannte ihn seine »Lebensversicherung« – ohne den Architekten Diébédo Francis Kéré hätte der Theaterregisseur sein als Vermächtnis gedachtes Projekt Projekt »Festspielhaus in Afrika« nicht beginnen und nicht verwirklichen können. Es ist daraus ein ganzes »Operndorf« in Kérés Heimatland Burkina Faso geworden. Schlingensief starb im August 2010, sein Traum lebt weiter. Der Dokumentarfilm »Knistern der Zeit« (Regie Sibylle Dahrendorf, 2012) dokumentiert das Vorhaben. Über 16 Gebäude sind bis dato errichtet, das Projekt fungiert als kulturelle Begegnungsstätte, die künstlerische Bildung fördert; eine Schule, eine Kantine und eine Krankenstation gehören auch dazu. Die Projektleitung liegt bei Aino Laberenz, Schlingensiefs Witwe. (Siehe www.operndorf-afrika.com)


Christoph Schlingensief und Francis Kéré
Francis Kéré wurde 1965 in Burkina Faso geboren, einem der ärmsten Länder der Welt, wo auch Bildung prekär ist. In seinem Dorf Gando gab es weder sauberes Trinkwasser noch Strom oder Infrastruktur. Als Schuljunge saß er in seiner heißen, stickigen Dorfschule und träumte davon, Schreiner zu werden. Er wollte eines Tages bessere und kühlere Gebäude bauen. 1985 erhielt er ein Berufsstipendium für das Zimmererhandwerk – in Berlin. Tagsüber lernte er dort, wie man Dächer und Möbel baut. Abends machte er die Realschule. 1995 erlaubte ihm ein Stipendium ein Architekturstudium an der Technischen Universität Berlin, 2004 schloss er es mit einem Diplom ab. Im Jahr darauf gründete er sein Büro Kéré Architecture in Berlin. Und war und ist sehr sehr oft in Burkina Faso, wird diese Wurzeln nie aufgeben.
Sein erstes Bauwerk entwarf und plante er 2001 schon während seines Studiums in Berlin. Es war eine Schule in seinem Heimatdorf, in der die große Hitze erträglich ist. Kéré sammelte dafür 50.000 Dollar, baute mit Hilfe von Gemeindemitgliedern. Hauptsächlich mit Ziegeln, gepresst aus regionalem rotem Lehm und vor Ort gefertigt. Die Ziegelstruktur hält die kühle Luft im Inneren, die Hitze entweicht durch die Ziegeldecke. So entsteht ein komfortabler Innenraum, es braucht keine importierte Klimaanlage. Aus dem übrig gebliebenen Baumaterial entstanden Möbel für die Inneneinrichtung.
Das Bauwerk trug dazu bei, die Zahl der Schüler vor Ort von 120 auf 700 zu erhöhen. Für das Projekt erhielt Kéré 2004 den Aga Khan Award für Architektur. Das gab den Anstoß für weitere Bauten, darunter Unterkünfte für Lehrer und eine Bibliothek. Kérés Bauprojekte sind seitdem von nachhaltigen Strukturen geprägt, die vor Ort entstehen und die Gemeinden stärken.
Und die Termiten als Baumeister gibt es bei ihm auch. Für den rötlichbraunen Gebäudekomplex namens »Startup Lions Campus« am Turkana-See in Nordwest-Kenia, aus aus lokalem Bruchstein errichtet, ließ sich das Architekten-Team von Termitenhügeln inspirieren. Drei kompakte Türme dienen der natürlichen Belüftung des Gebäudekomplexes, wie beim Vorbild aus der Tierwelt. Der Campus folgt gestaffelt dem abfallenden Gelände und öffnet sich in Richtung des Sees. Eine Terrasse mit Kiosk und fantastischem Ausblick bildet schließlich den Abschluss der Anlage.
Franics Kéré baute weitere Schulen, medizinische Einrichtungen und Gemeinschaftsräume in Burkina Faso, Kenia, Mosambik und Uganda. Seine Einrichtungen bieten Kindern eine akademische Ausbildung, Erwachsenen medizinische Behandlung oder eine Berufsausbildung und tragen damit zur Stärkung der Gemeinschaften bei. »Das gesamte Werk von Francis Kéré zeigt uns die Kraft der Materialität, die im Ort verwurzelt ist«, so die Jury des Pritzker-Preises in ihrer Begründung. „Seine Projekte sind mit dem Boden, auf dem sie stehen, und mit den Menschen, die in ihnen leben, verbunden. Sie haben eine Präsenz, die sich nicht verstellt, und eine anmutende Wirkung.«
26 ihm wichtige Projekte stellt Franics Kéré nun in seinem Buch aus erster Hand persönlich vor. Direkt aus der Praxis offenbart und illustriert er die Ideen und Werte, die ihn und sein sozial engagiertes Architekturbüro antreiben. Der beeindruckend schöne, unglamouröse Band wurde vom Amsterdamer Grafikdesignstudio Irma Boom gestaltet, enthält viele bisher unveröffentlichte Skizzen, Fotos und Zeichnungen. Ein Werkstattbuch der besonderen Art.
Zu den vorgestellten Werken gehören der Serpentine Pavilion, die Gando-Schulprojekte, Entwürfe für die Nationalversammlungen von Burkina Faso und Benin, das Thomas-Sankara-Denkmal, das Las Vegas Museum of Art oder das Museum Ehrhardt in Plüschow in Mecklenburg-Vorpommern. Kérés Sprache – Hinweis: das Buch ist durchgehend in Englisch – bewegt sich zwischen Poesie und Pragmatismus. Ob es um technische Details wie des Ziegelschneiden vor Ort geht oder um die politischen und ökologischen Kräfte, die seine Entwürfe prägen: Seine Begeisterung gilt sowohl dem Handwerk als auch groß angelegten Ideen. Dieser Architekt ist schönsten Sinne geerdet.
In der Begründung der Pritzker-Preis Jury heißt es unter anderem: „Kéré weiß aus seinem Innersten, dass es in der Architektur nicht um das Objekt, sondern um das Ziel geht. Nicht um das Produkt, sondern um den Prozess. Das Gesamtwerk von Francis Kéré zeigt uns die Kraft im Ort verwurzelter Materialität. Seine Gebäude für und mit Gemeinschaften kommen direkt von diesen selbst – in Fertigung, Material, Programmen und ihrem einzigartigen Charakter.“
»Architektur ist ein kollektives Unterfangen, eine gemeinsame Aufgabe. Ohne die Ideen, Anstrengung, Willenskraft, Neugier, Freundlichkeit und Großzügigkeit und das Wissen all der Beteiligten wären meine Projekte nur Zeichnungen auf Papier«, betont Kéré im Nachwort. Die »Project-Details« der vorgestellten Projekte nennen die Mitarbeiter und Beteiligten.
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Lo—TEK – mit der Natur arbeiten
«Dieses Buch ist den nächsten sieben Generationen gewidmet«, steht vorn in dem 2019 bei Taschen erschienenen »Lo—TEK. Design by Radical Indigenism« von Julia Watson. Ein Buch wie von einem anderen Planeten, und doch von diesem einen. Jetzt im Oktober 2025 ist ein Folgeband erschienen: »Lo—TEK. Water. A Field Guide for TEKnology«. Es geht darin um indigene Wassertechnologien für eine klimafreundliche Zukunft und zeigt, wie indigene Innovationen – zum Beispiel schwimmende Farmen, Fischfang mit den Gezeiten und Grundwasseranreicherung – Zivilisationen seit Jahrtausenden geprägt und erhalten haben. Dies, indem sie mit der Natur arbeiten und nicht gegen sie. Diese Systeme sind keineswegs Relikte, sondern bieten dynamische, anpassungsfähige Lösungen für die Klimakrise.
Lo—TEK ist eine Designbewegung, die auf indigener Philosophie und traditioneller Infrastruktur aufbaut, Know-how, Praktiken und Wissen vieler Generationen und unterschiedlichen Kulturen sammelt, um nachhaltige, widerstandsfähige und naturnahe Technologien zu entwickeln. Gemeinsam mit indigenen Co-Autoren beschreibt Julia Watson in ihren beiden Büchern, wie sich mit Traditional Ecological Knowledge (TEK) widerstandsfähige Städte und Landschaften der Zukunft gestalten lassen. Das »Water«-Buch beschreibt und illustriert traditionelle hydrologische Technologien in verschiedenen Ökosystemen, von salzigen Küstenriffen bis zu Süßwasserfeuchtgebieten, Kreislaufsysteme wie die Chinampas in Mexiko und die Sangjiyutang-Fischteiche in China, die schwimmenden Farmen in Bangladesch und natürliche Fischfangsysteme in Mikronesien. 22 zeitgenössische TEK-Projekte werden bildhaft vorgestellt, darunter mit Schilf isolierte Häuser in Peru, terrassenförmig angelegte Dachgärten in Thailand und Schwammstädte in China. Die im Buch beschriebene TEKnologische Renaissance definiert Wasser neu als intelligente Kraft, die widerstandsfähige Städte und Landschaften gestalten kann. Die blaue Infrastruktur wird neu definiert – von ausbeuterisch und industriell zu regenerativ und anpassungsfähig – und darauf ausgelegt, das Leben für Generationen zu erhalten. Das Buch ist sowohl Leitfaden als auch Manifest: ein Aufruf an Architekten, Planer und Gemeinden, mit der elementaren Intelligenz des Wassers zu gestalten und Zukunftswelten zu erschaffen, die auf Resilienz basieren.
In »Lo—TEK. Design by Radical Indigenism« versammelt Julia Watson Beispiele aus 18 Ländern. Mit einem Vorwort des Anthropologen Wade Davis besucht das Buch in den vier Kapiteln »Gebirge«, »Wälder«, »Wüsten« und »Wasser« lebende Brücken im nordindischen Hochland, Terrassenfelder auf den Philippinen, jahrtausendealte Wasserleitungen im Iran oder schwimmende Dörfer in Peru.
Beide Bücher von Julia Watson machen schon im Design unmissverständlich deutlich, dass sie aus einer anderen, nachhaltigeren Welt stammen. Das Cover ist massiver, wiederaufbereiteter Karton. Aufgeklappt legt die kunstvolle Schweizer Bindung den ganzen Buchrücken offen, so wie die Bücher selbst jahrtausendealtes Wissen offenbaren. Gestaltet haben Piera Wolf und Stephanie Specht, illustriert Lina Müller und, im ersten Buch, Berke Yazıcıoğlu.
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Die Zukunft des Wohnens
Verschnittmaterial von Holzböden, sogenannte »Scraps«, waren die Idee für ein ganzes Haus in Grimstadt, Norwegen. Es gehört zu den über 30 Wohnhäusern, die im großformatigen Band »Homes for Our Time. Sustainable Living« vorgestellt werden. Der Band ist gewichtig, vier Kilo schwer und fast 500 Seiten stark. Autor Philip Jodidio, Jahrgang 1954, ist einer der erfahrensten Architekturkritiker unserer Zeit, für den Verlag Taschen veröffentlicht er die Reihe Homes for Our Time und hat Monografien über zahlreiche bedeutende Architekten herausgebracht, darunter Norman Foster, Tadao Ando, Renzo Piano, Jean Nouvel und Zaha Hadid.
Jedes Gebäude hat ein eigenes Porträt, wird in seinen Besonderheiten und mit den Architekten vorgestellt. Das Verzeichnis am Ende des Buches nennt auch ihre Internetseiten und Kontaktdaten. Hier geht es um Wissen und Haltung, die weiter getragen werden soll. Vorgestellt werdenWohnhäuser, die darauf ausgerichtet sind, über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg den geringstmöglichen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen: von der Gewinnung der Materialien bis zu ihrer Rückführung in natürliche Kreisläufe. Energieeffiziente Gebäudehüllen, ressourcenschonende Konstruktionen, recycelte und biologisch abbaubare Materialien sowie Entwürfe, die auf Sonne, Wind und Regen reagieren, stehen dabei im Mittelpunkt. Jedes Projekt bildet ein eigenständiges Kapitel in der fortlaufenden Entwicklung einer Architektur, die den Anspruch verfolgt, keinen Schaden zu verursachen. Die teil herzerwäremend schönen Häuser stehen in Dänemark, Kolumbien, Neuseeland, Indien, Ecuador, Japan, Italien, Australien, Bolivien, China, Mexiko, Norwegen, den Niederlanden, Vietnam, Schweden, auf den Äußeren Hebriden, in Großbritannien und den USA. »Recyelbare Materialien strahlen selten Glanz aus, haben etwas Gewöhnliches«, weiß Philip Jodido. – Wenn es das nur wäre: Gewohnheit.
Alf Mayer















































