Geschrieben am 1. September 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag September 2026

Mondlicht-Serenade: »Fullmoon« von Darren Almond

Alchemie des Blicks

Alf Mayer über den Fotoband »Fullmoon« von Darren Almond

Darren Almond: Fullmoon. Fotoband. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. Verlag Taschen, Köln 2026. Hardcover, Format 30 x 30 cm, Gewicht 3.73 kg. 564 Seiten, 100 Euro. Verlagsinformationen: www.taschen.com, zum Buch hier.

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Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt .
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(Mondnacht, Joseph von Eichendorff, 1835)

Dieses Buch wirkt auch noch in seiner Abwesenheit, wenn man es schon lange zugeklappt hat. In ihm sind Bilder zu sehen, die es nicht gibt, die unser Auge aber dennoch weiß. Bilder, so alt wie die Nacht. Und so klar.

Der Brite Darren Almond fotografiert nur bei Vollmond. Die auf vielen Reisen entstanden Fotos aus seiner Serie »Fullmoon« sind nun als voluminöses Buch und in bester Druck- und Bindequalität im Verlag Taschen erschienen. Es ist ein Fotoband wie nicht ganz von dieser Welt: 370 Landschaftsfotografien, in langen Belichtungen bei Vollmond aufgenommen. »Fullmoon« von Darren Almond macht die Nacht zum Tage.

Ein Band, mit dem – und von dem – man lange träumen kann. Mit ihm taucht man ein in eine andere Dimension der Wahrnehmung, sieht die Welt, wie man sie noch nicht gesehen hat. Und doch kennt, irgendwie. Als gingen wir beständig nachts über Wiesen spazieren, durch Wälder, an Strände und auf Berge. In diesem Buch träumt es sich mit offenen Augen.

Mir hat dieses Buch danach dann keine Ruhe gelassen, so elektrisiert hatte es mich, bis ich selbst einen Text übers »Mondlicht« schrieb, er scheint demnächst bei Claudia Gehrke im Konkursbuch »Natur«.

Darren Almond begann seine Vollmond-Serie als Spurensuche für die Licht-Inspirationen des Malers Joseph Mallord William Turner (1775 – 1851). Turner verstand das Licht als Essenz des Lebens. Auf seinen Reisen fertigte er Tausende von Zeichnungen. 1802 etwa war er quer durch die Schweizer Alpen gewandert und geklettert, hatte zahlreiche Skizzen fabriziert, die er später im Atelier in spektakuläre Aquarelle umsetzte. Darren Almond besuchte fast genau zwei Jahrhunderte später einige der Orte, an denen Turner mit seinem Zeichenblock gesessen hatte und fotografierte dieselben Ausblicke – mit langer Belichtungszeit, in Vollmondnächten, und immer ohne eine Wolke am Himmel. Es war der Auftakt, in den Fußstapfen von Meistern wie Turner, John Constable, Caspar David Friedrich und Paul Cézanne an Orte zu reisen, die als Motive berühmter Landschaftsbilder gedient hatten. Almond machte dabei seine Kamera sozusagen zu einem Wahrnehmungsinstrument der Landschaftsmalerei.

Die hat ihre Tradition und Ausdruckssuche in den Jahrhunderten und über die Kulturen und Kontinente. Das Landschaftslicht, das wir auf Gemälden und Zeichnungen im Lauf unseres Lebens sehen, ist ebenso Teil unseres Bildgedächtnisses wie der gespeicherte eigene Augen-Blick, oft sogar das »bessere« und bleibendere Kondensat. Die Essenz. Man kann durchaus sagen, dass Almond mit seinen Vollmond-Fotografien »malt«, dass er dem technischen Medium Fotografie eine Textur und Poesie abringt, für die es eigentlich das Pinselgenie eines Turner, Friedrich, Constable, Cézanne braucht.

Jeder Abzug seiner Nachtfotografie enthüllt Szenen, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben. Nur das weit geöffnete Kameraobjektiv ist empfindlich genug, um dem Schimmer der Mondnacht ein Abbild in fremdartigen Schattierungen abzugewinnen. Wie seine malenden Vorläufer steht Almond ganz im Bann der Natur und der Sprache des Lichts. Sein Schaffen kann als zeitgenössische Fortsetzung einer Landschaftstradition verstanden werden, die unverkennbar romantische Züge trägt.

All photos: © Taschen/ Darren Almond

„Reit immerzu über Mondberge du
hinab ins Tal des Schattens.
Reit fort und fort “ –
War Schattens Wort –
„Dort findest du El Dorado.“

(Edgar Allan Poe)

Almond folgte dem Vollmond auf historischen Routen in viele Winkel der Welt: in die Antarktis mit dem britischen Polarforscher Robert Falcon Scott; zum Polarkreis nahe Archangelsk, wo der zu Zwangsarbeit verurteilte russische Dichter Joseph Brodsky schuftete; in die Provence, wo der Astrologe Nostradamus im 16. Jahrhundert prophetische Vierzeiler verfasste; ins Yosemite Valley, wo der schottische Geologe und Naturschützer John Muir lange Zeit lebte; zum Ursprung des Nils in Uganda, nach dem zahlreiche britische Forscher des 19. Jahrhunderts suchten; nach Hawaii, wo Captain Cook den Tod fand; oder nach Kap Verde, dessen schroffes, schwarzes Lavagestein Charles Darwin während seiner berühmten Fahrt auf der HMS Beagle im Jahr 1832 als geologische Fundgrube diente.

Manche der Maler, Forscher, Dichter und Entdecker, denen Almond folgte, waren Vorreiter des modernen Umweltbewusstseins. Auf ihren Reisen setzten sie sich mit der Frage auseinander, inwieweit die Landstriche, in denen sie sich wiederfanden, zum Selbstverständnis des Menschen in seiner Welt elementar sein könnten. Manche seiner Fotos vermitteln das Gefühl, wie es gewesen sein muss, als einer der ersten Entdecker das Auge über eine Landschaft schweifen zu lassen. Die lange Belichtungsdauer wird zur Metapher der Zeit, die seit jenem ersten Augenblick verstrichen ist.

Eine Ahnung davon transportiert jedes seiner Bilder.

Seine Arbeit, jetzt in diesem Buch versammelt, lässt auch so etwas wie eine Typologie diverser geografischer Formationen buchstäblich zu Tage treten: Küsten, Wiesen, Felder, Wasserfälle, Berge – viele Kilometer voneinander entfernt – weisen Unterschiede auf, aber auch auffallende Ähnlichkeiten. Als gäbe es tiefe prähistorische, ja mythische Verbindungen. Etwas ganz Altes, Archaisches, tief in uns Geschriebenes liegt in diesen Fotografien – wie altes Wissen, für das es keine Sprache gibt. Und keine braucht. Almond fotografiert mit Belichtungszeiten von bis zu einer Viertelstunde. »Bei Langzeitbelichtungen kann man nie sehen, was man fotografiert«, sagt er, »aber man gibt der Landschaft mehr Zeit, sich auszudrücken.«

Der nature writer Robert Macfarlane weiß: »Wir neigen zur Annahme, dass Landschaften am stärksten auf uns wirken, während wir uns in oder auf ihnen bewegen, wenn sie sich primär durch Berührung und Anblick unseren Sinne darbieten. Es gibt aber auch abwesende  Landschaften, die wir in uns tragen, Orte, die noch lange in der Erinnerung leben, obwohl sie längst aus unserer Realität verschwunden sind. Solche Orte – in die wir uns umso öfter zurückziehen, je weiter entfernt sie liegen – gehören zu den wichtigsten Landschaften, die wir besitzen … Vielleicht sind es tatsächlich diese Landschaften, in denen wir uns am längsten aufhalten, obwohl die Zeit sie so verzerrt und die Entfernung sie verschliffen hat.«

Alf Mayer

P.S.: Und nebenbei, mit seinen klugen Begleittexten, den manchmal sehr poetischen Bildinformationen und all dem Hintergrund ist dies auch eine fulminante Kulturgeschichte der Nacht und des Nachtlichts.

Aus dem Inhaltsverzeichnis: Holland 42 Springs, Spencertown 50 Giverny 54 Savoie 58 British Isles 72 Antarctic 92 Arctic 98 Isle of Rügen, Hiddensee 116 Yosemite, Pacific Coast, Topaz Lake 124 Provence 142 Ireland, Northern Ireland 148 Japan 162 Iceland 192 Tibet 200 Scotland, Northern England 204 China 232 Uganda 250 Eifel 260 Oregon, Louisiana, Northern California 268 Iguazú Falls 294 Engadine 306 Hawaii 312 Horseshoe Bend, Zion, Deep Creek 326 Te Ika-a-Maui 336 Tasmania 350 Cape Verde 364 Patagonia 374 Ireland 398 Hebrides 404 England 418 Islay, Ireland 426 Italy 432 Switzerland 436 Rügen, Darß 448 Saxony 476 Samburu County 480 Porquerolles 500 Colorado, New Mexico, Arizona 520 Cornwall, Wales 532 Bermuda 538 Norfolk 55

All photos © Taschen/ Darren Almond

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