
Der Markt, der Preis und die Literatur
Jedes Jahr im August wird die Vorauswahl – neudeutsch: Longlist – der Jury für den Deutschen Buchpreis veröffentlicht. Der Preis soll den ›besten deutschsprachigen Roman‹ eines Jahres auszeichnen, ist mit 25.000,– Euro dotiert und stellt für die Verlage eine einzigartige Chance dar, mit einer hohen Auflage des schließlich gekürten Buchs in der Sparte ›Qualitätsliteratur‹ auch einmal einen ordentlichen Gewinn einzufahren. Für kleinere Verlage kann der Schub bei den Verkaufszahlen das Überleben sichern. Zu einem solchen Effekt kommt es aber ziemlich selten, sprich: Es zeichnet sich eine deutliche Tendenz ab, dass eher Bücher der großen oder zu Konzernen gehörenden Verlage ausgewählt und prämiiert werden und dass Erzeugnisse einer thematisch und ästhetisch ›gängigen‹, schreibstrategisch risikolosen Erzählliteratur den Vorzug erhalten.
In diesem Jahr, so die Kommentare in verschiedenen Medien zu der am 11. August veröffentlichten Liste der Jury (fünf Frauen, zwei Männer), schlägt diese Tendenz besonders stark durch. »Die Verlage der zwanzig nominierten Titel zeigen keine Verschiebung zugunsten kleinerer Häuser.« (Literaturcafé.de, 11.8.2026) Die Auswahl erscheint als »weiblich, jung, multikulturell« (Alf Mentzer, hr, ebd.). Ausgewählt wurden die Romane von 13 Frauen, 6 Männern und 1 non-binären Person. Das entspricht ziemlich genau dem Gesamtbefund beim Roman-Angebot der letzten Jahre: Mindestens zwei Drittel der einschlägigen Bücher bei den halbwegs ambitionierten Verlagen stammen von Autorinnen, von denen ein großer Teil sehr jung ist. Und es »hat die deutschsprachige Literatur in den vergangenen zwanzig Jahren nichts so sehr geprägt (und vitalisiert) wie migrantisches und postmigrantisches Erzählen.« (Tagesschau 11. 8. 2026).
Diese Trends kann man ja durchaus erfreulich finden – wären da nicht die Fragen, was eine ziemlich umstandslose Bestätigung solchen ›Mainstreams‹ bei der Preisvergabe für die Entwicklung der deutschen Literatur bedeutet. Auf drei Wörter zugespitzt: nichts sonderlich Gutes. Denn was mit der sog. Longlist als multikulturelle, vielstimmige und konzeptionell reichhaltige Auswahl gepriesen wird, erweist sich bei näherem Hinschauen als ziemlich enge, gleichgerichtete und literarästhetisch wenig inspirierende Vorschau auf die Shortlist und die eigentliche Preisverleihung im Herbst.
Julia Hubernagel stellt in der taz fest, dass von den 20 Romanen der Liste allenfalls drei nicht biografisch bzw. autobiografisch oder autofiktional angelegt seien. Das bestätigt die Sprecherin der Jury, Cornelia Geißler, selbst: »Wir sind sehr angetan davon, wie markant und erhellend biografische Mehrsprachigkeit in literarischen Reichtum mündet.« Hubernagel: »Der Trend geht in Richtung Familiengeschichte, in Richtung Stammbaumerkundung.« Muss das Trendige noch auf die für den Buchmarkt bedeutsame Longlist durchschlagen? Und was ›literarischer Reichtum‹ konkret bedeutet, darf man sich fragen, wo doch in den letzten zehn, fünfzehn Jahren selbst ehrwürdige Literaturverlage wie etwa rowohlt oder Kiepenheuer & Witsch oder nun auch S. Fischer auf eine deutliche Nivellierung der Schreibweisen eingeschwenkt sind – es herrscht erzählerisch ein eingängiger, ›lesefreundlicher‹ Mittlerer Realismus vor, mit einer überbordenden Fülle eben von Familiengeschichten, Coming of Age-Bekenntnissen, Identitätskrisen-Berichten, Liebesromanen, ›migrantischen und postmigrantischen‹ Narrationen.
Fazit: »Der Deutsche Buchpreis war stets ein Marketinginstrument. Doch so konsequent wie in 2026 ist noch keine Jury den Trends der sozialen Medien und den Begehrlichkeiten der Instagram-Gemeinde gefolgt.« (SWR, 11.8.2026) Zum Fazit gehört aber auch für die lange wie dann die kurze Liste: »Ärger, Empörung und Polemik lösen sie … regelmäßig und zuverlässig aus – und erfüllen damit zielgenau den Zweck des Deutschen Buchpreises. Denn Streit schafft Aufmerksamkeit…« (Tagesschau, 11.8.2026).
Aber »für sehr viel sehr gute Literatur gibt es schlichtweg wenig andere Möglichkeiten, stark ins Gerede zu kommen, als diese Longlist.« (Florian Kessler, zit. in Tagesschau, 11. 8. 2026). Nur hilft es gegen die etablierte Marktmacht des Preises wenig, die nicht Nominierten aufzuführen, die höchst beachtenswerten Bücher der arrivierten und vielfach prämiierten Autorinnen und Autoren , in diesem Jahr etwa die Romane von Birgit Birnbacher, Norbert Gstrein, Tamara Stajner, Mirko Bonné, Helene Bukowski, Helmut Krausser oder Christoph Peters. Oder gar komplette ›Gegenlisten‹ zusammenzustellen (z. b. NDR Literaturredaktion, 11.8.2026). Solche Alternativen sind im Zweifelsfall genauso anfechtbar wie Titelauswahl der Jury.
Was man aber unbedingt tun sollte: die verborgenen, geschliffenen Kristalle, die übersehenen oder negierten Wunderdinge im Wust des diesjährigen Literaturangebots ans Licht zu holen. Deshalb muss jetzt hier die Rede sein von Julia Kolls Roman ›Das Buch Mechthild‹, einem der erstaunlichsten, innovativsten und souveränsten Bücher der Saison (Matthes & Seitz Berlin).
Julia Koll ist Theologin, Direktorin der Evangelischen Akademie Loccum, Professorin an der Universität Göttingen. Sie hat als Pastorin in verschiedenen norddeutschen Gemeinden Dienst getan und gehört mehreren Gremien und Ausschüssen der Evangelischen Kirche Deutschlands an. 2022 bis 2024 hat sie den Masterstudiengang Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim absolviert – eine gelehrte Frau also, eine erfahrene Seelsorgerin, aber auch ein kunstsinniger Mensch: Habilitiert hat sie sich mit einem Buch über Zusammenhänge von Religion und Musik. Ob das Projekt, sich als belletristische Autorin zu erproben, schon mit dem Plan, ein Buch über Mechtild von Magdeburg zu schreiben, verbunden war, kann hier dahingestellt bleiben.
Nun ist dieses Buch erschienen, und es wurde ein großer Wurf. Es trägt zwar den Untertitel ›Roman‹, lässt aber fast alle Konventionen des Genres beiseite: keine kontinuierlich fließende Prosa, keine übliche Chronologie einer erzählten Handlung, keine deskriptiv ausstaffierten Figuren, keine Dramaturgie eines ›spannenden‹ Geschehens. Der Text ist zusammengesetzt aus vielen kleinen und kleinsten, deutlich getrennten Elementen – manchmal nur ein einziger Satz oder ein Ausruf, manchmal mehrseitige narrative Passagen, und immer wieder eingeschoben die verschiedensten Zitate, vom kurzen Interview-Protokoll bis zum Block aus der Forschung. Eine Art lockeres Gerüst bilden die oft zwischengeschnittenen, knappen Auszüge aus Mechthilds seinerzeit berühmtem Buch ›Das fließende Licht der Gottheit‹, einem der Schlüsseltexte der mittelalterlichen Mystik. Denn Mechthild von Magdeburg gehörte, etwa 100 Jahre nach Hildegard von Bingen, zu den bedeutendsten Gestalten der Frauenmystik im 13. Jahrhundert. Nur: Über ihre Herkunft, ihre Lebensumstände und -orte, ihre Tätigkeiten als Begine und später als Nonne gibt es kaum gesicherte Nachrichten und Dokumente. Nur über ihre allerletzten Monate im Kloster Helfta hat ihre Schülerin Gertrud von Helfta Aufzeichnungen hinterlassen.
Wie kann man über eine offenbar mutige, eigenwillige, in ihrer Zeit krass ›emanzipierte‹ Frau schreiben, von der man so gut wie nichts Unbezweifelbares weiß? Indem man, so führt es Julia Koll meisterhaft vor, das Wahrscheinliche zu erzählen wagt und dabei immer wieder deutlich macht, dass es ein ›So war es!‹ nicht geben kann. Der gesamte Text ist durchzogen von den Überlegungen der ständig präsenten Autorin zur Wahrscheinlichkeit der erzählten Episoden und Szenen, zu den verfügbaren und den fehlenden Informationen, zu dem Recht der ›Fantasiearbeit‹ und dem Verzicht auf die historische Wahrheit. Das heißt für den Bau, die subtile Konstruktion des Romans auch: Indem die Autorin über die Möglichkeit, von Mechthild zu erzählen, immer neu nachdenkt, erzählt sie zugleich vom Zustandekommen des Buchs: von dem Umgang mit Quellenmaterial, von den Fahrten zu (wahrscheinlichen!) historischen Schauplätzen, von Gesprächen mit den Fachleuten, von den Antrieben zu diesem literarischen Experiment und von der Einsicht in die Grenzen des erzählerischen Entwurfs. All diese Erwägungen, Reflexionen, Zweifel und Motivationen sind mit so leichter Hand, manchmal mit einer Prise Sarkasmus und Ironie, und zugleich mit einem so tiefen Ernst in das Erzählte verwoben, dass der Text nie ›schwer‹ oder gar überladen wirkt, nie steif und ungelenk, nie bemüht und angestrengt, aber auch nie luschig oder oberflächlich.
Julia Koll kann lebendig und einfühlsam erzählen, genau und nuancenreich, man folgt ihr gern in das oft Befremdliche der vergegenwärtigten Szenerien und Begebenheiten. Aber der enorme geschichtliche Abstand – rund eintausend Jahre – wird nicht überspielt. Bei aller emotionalen Nähe, die diese Erzählkunst zu den Figuren und zu den Geschehnissen herstellt, wird doch ständig an die Fremdheit des historisch so weit Entfernten erinnert, mit winzigen stilistischen Kniffen, beispielsweise mit überraschenden Verknappungen, Sprüngen und ›Leerstellen‹ der Narration. Das Fragmentarische der gesamten Komposition hat eben auch mit der Unmöglichkeit zu tun, eine geschlossene historische Darstellung literarisch zu erfinden – wenn man nicht die erzählerischen Illusionen der üblichen historischen Romane verantworten will.
Dass sie dies nicht will und kann, macht die Autorin gerade darin einsichtig und nachvollziehbar, dass sie um ihre ›Beziehung‹ zu der Figur Mechthild ringt. Die mittelalterliche Mystik, insbesondere die Frauenmystik suchte eine unmittelbare persönliche Glaubenserfahrung, eine direkte, sogar körperlich erlebte ›Nähe zu Gott‹, die in Heimsuchungen (bei Mechthild einem inneren ›Beben‹), Visionen, Eingebungen, sogar in Verschmelzungsfantasien – ›Braut Jesu‹ oder Verschwisterung mit der Muttergottes – erlebt wurde. In Mechthilds umfänglichen Buch wird immer wieder die elementare Verbindung mit Gott beschworen. Julia Koll sieht in dieser Unbedingtheit der religiösen Erfahrung eine Form der Frömmigkeit, die weit entfernt ist von der dogmatischen kirchlichen Glaubenslehre und die letztlich in die menschliche Körperlichkeit hineinreicht. Ihr Interesse an der berühmten Mystikerin verweist zurück auf die Dissertation von 2007, deren Titel lautete ›Körper beten. Religiöse Praxis und Körpererleben‹.
Die Autorin macht im Text keinen Hehl daraus, dass sie in dem Roman über eine entfernte historische Person mehr sucht als eine plausible, von großem Wissen und großer Klugheit getragene literarische Fantasie von einer faszinierenden, fernen Gestalt. Sie will, forschend, vermutend, wagemutig fabulierend, in eine ›Nähe‹ zu der nur schwer fassbaren Frau kommen, eine Nähe, die den Kern der mystischen Frömmigkeit zu fassen erlaubt: eine nicht zuletzt körperlich erlebte Glaubenserfahrung. Am Anfang dieser Erfahrung – und des Buchs – steht eine fundamentale Erschütterung, ein überwältigendes ›Beben‹, dass die jugendliche Mechthild ergreift und sie aus allen vorgesehenen Lebensbahnen einer vermutlich gut situierten mittelalterlichen Frau wirft. Die Folgen – radikaler Ausstieg aus der Familie, Armut, ungesicherte Existenz, Barmherzigkeit, lebenslanges Ringen um die ›rechte Erkenntnis Gottes‹ – malt Julia Koll in vielen einzelnen Szenen lebendig aus, bis hin zu den »Männergeschichten« und dem entkräftenden Prozess des Alterns. Auf der Suche nach dem Wahrscheinlichen, mit dem von diesem krass unangepassten Lebenslauf erzählt werden kann, verbinden sich im Text an einigen Stellen Autorin und vergegenwärtigte Figur so weit, dass unklar ist, wen das Wort ›sie‹ genau meint. Dieses riskante Spiel mit der literarischen Erfindung wird aber sofort wieder zurückgenommen, das ›Begehren‹ bleibt reflexiv gebrochen und durchgearbeitet. Es macht aber erkennbar, worum es bei dieser freien Fantasie eines historischen Romans eigentlich geht: um ein schonungsloses Nah-Bild einer Frömmigkeit, die noch das »Körpererleben« erfasst.
Damit scheint das Buchprojekt beinahe völlig aus der Zeit gefallen zu sein. Nicht nur die erzählte Verlebendigung einer historischen Epoche, von der heute kaum noch jemand einen Schimmer hat, kann befremden. Auch das Thema einer religiösen ›Inbrunst‹ wie bei den mittelalterlichen Mystikerinnen wirkt in unserer Gegenwart zunächst geradezu abwegig. Aber der Prozess des Suchens und des Schreibens, der in dem Buch immer miterzählt wird, verweist auf eine fundamentale Aktualität dieses unkonventionellen historischen Romans: auf die Frage nach dem Schicksal der unlöslichen Verbindung von Geist und Körper in Zeiten einer sogenannten KI, die das Denken als eine körperlose digitale Maschinerie behandelt. Wir sind Zeugen einer umwälzenden Gegenbewegung, die unerwartet die Verschränkungen unseres Denkens, unseres Bewusstseins, unserer Selbst- und Fremdwahrnehmung mit unserer Körperlichkeit durch neuartige Einsichten wissenschaftlich erschließt. Dass ein kluger, kühner, innovativer Roman über die Lebensgeschichte einer mittelalterlichen Mystikerin an diese Grundfragen unseres westlichen Verständnisses vom Menschsein, vom Erleben unserer selbst rührt, nicht zuletzt diese ›Tiefenschicht‹ macht das Buch zu einem Ereignis. Dass dieses Debüt einer 51jährigen Theologin nicht auf die sog. Longlist gelangt ist, kann man bedauern. Es gibt aber noch andere hochgeachtete Auszeichnungen im Literaturbetrieb als den Deutschen Buchpreis.
Julia Koll: Das Buch Mechthild. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2025. 230 Seiten, gebunden, 22 Euro.
Ludwig Fischer, 1939 in Leipzig geboren, war Professor für Neuere deutsche Literatur und Medienkultur an der Universität Hamburg. Er ist Landschafts- und Naturtheoretiker, Schriftsteller, Gärtner, Kräuterexperte. Er ist der Autor von „Naturallianz. Perspektiven für ein verändertes Naturverhältnis“ (2024), „Natur im Sinn. Naturwahrnehmung und Literatur“ (2019), der Thomas Müntzer-Ausgabe „Die Gewaltigen vom Stuhl stoßen. Schriften und Briefe“ (2025, in dieser Ausgabe bei uns in „non fiction, kurz“ besprochen“ und des „Naturkunden“-Titels „Brennesseln“ (2017)
Siehe bei uns auch von ihm:
Philippika gegen die Maschine(n) als Rettung. Der Ingenieur als Verkünder des Weltgeistes
Moorkunde. Die Entdeckung des Moors für Literatur und Kunst
Draußen schreiben. Dichtung im Freien
sowie:
Alf Mayer über Ludwig Fischers „Natur im Sinn“: Der Kundschafter











