Geschrieben am 1. Februar 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag Februar 2026

Gerd Conradt besucht »The Clock« von Christian Marclay

Alle Fotos: © Christian Marclay. Photo

ABER – die zeitlose Zeit der Filmgeschichte

Das Werk „The Clock“ des Videokünstlers Christian Marclay in Berlin

Mit dem Slogan „arm aber sexy“, geprägt vor 20 Jahren, versucht Berlin, sich  ein attraktives, weltoffenes Image zu geben. Aktuell heißt es „hart aber herzlich“. In beiden Sätzen stört mich das Wörtchen „aber“.

Fakt ist, fast 20% der Berlinerinnen und Berliner leben an der Armutsgrenze.    Auf Berlin lastet ein riesiger Schuldenberg von 75 Milliarden €.   Jährlich werden  Zinsen auf dieses Schuldgeld  gezahlt, ein gutes Geschäft für die Leihgeber. Das besondere Übel am Kapitalismus ist, dass mit Geld Geld verdient wird. Das erkannte bereits Jesus, als die Händler und Pfandleiher aus dem „Haus seines Vaters“ eine „Räuberhöhle“ gemacht hatten. Das „Rote Rathaus“ , Sitz des Senats von Berlin, eine Räuberhöhle?

Wenn die Sonne scheint, etwas Geld auf dem Konto ist, ich gesund bin, meine Frau liebe, Tochter und Enkel zu Besuch kommen, Freundinnen, Freunde da sind, wenn leichter Schnee liegt und im Tiergarten Skilanglauf betrieben wird, sich auf dem zugefrorenen Schlachtensee „Kind und Kegel“ gleitend bewegen, Glühwein von fliegenden Händlern auf Schlitten angeboten wird – dann ist Berlin mein Paradies. So wie heute, dem Tag, an dem ich diesen Text beginne.

1945 war Berlin eine zerstörte Stadt. Schwarze Ruinenwände ragten in den Himmel und die Bäume in den weiten Parkanlagen wurden in den folgenden kalten Wintern als Brennholz verheizt.  Es begann der Wiederaufbau. Im Osten entstanden Gebäude im sowjetischen Zuckerbäckerstil oder als Plattenbauten, Straßenzüge, Stadtteile. Im Westen wagten einige Visionäres für die Stadt. Die Kongresshalle mit geschwungenem Dach, die Philharmonie in goldgelb schimmernder Metallverkleidung und die Neue Nationalgalerie, ein quadratischer Glaskasten, der wie ein Aquarium anmutet, sind Beispiele für eine Blüte in der Berliner Stadtgeschichte, die bis heute nicht wieder erreicht worden ist.

Heute, an diesem Paradiestag, steuere ich mit meiner Frau einen schwarzen Würfel an, der in der Mitte dieses gläsernen Prachtbaus steht – dem „Mies-Tempel“. Im Würfel befindet ist ein Kino (80 Sitzplätze), in dem „THE CLOCK“ von Christian Marclay gezeigt wird. Ein 24-stündiges Videokunstwerk, ein Supercut aus Film- und Fernsehsequenzen mit Uhren, das in Echtzeit vor unseren Augen abläuft.

Wir kamen um 11.30 Uhr,  um High Noon zu erleben. Und es wurde spannend. Im Sekundentakt erlebten wir Szenen, die wir teilweise im Laufe unseres Filmlebens gesehen hatten. Western spielten eine große Rolle, doch 12 Uhr mittags wurde nicht geschossen.

Auf Dreiersofas sitzend, atmend, meinen Herzschlag spürend, wusste ich nicht mehr, in welcher Realität ich war. Ich – im Sofa neben meiner Frau  oder in einem Zeitpartikel auf der Leinwand. Da Film- und Lebenszeit synchron abliefen, erfuhr ich stets, wie spät es war, wieviel Zeit an mir vorbeizog. „The Clock“ ist das Werk eines Meisters, der etwas wahrhaft Neues geschaffen hat, dessen Beutung für die Kunstwelt noch nicht abzusehen ist, der die innere und reale Zeit verwebt, ineinader fließen lässt, einen Zeitraum schafft, dessen Magie sich niemand entziehen kann. Das Erleben:  eine Meditation, eine Entspannung, ein Vergnügen, ein Wunder. Wir blieben fast drei Stunden.

Nur an wenigen Terminen wurde das Werk über 24 Stunden gezeigt. Einige Tage vor unserem Besuch wollten wir 0.00 erleben, doch etwa fünftausend andere hatten dieselbe Idee. Um nicht fünf Stunden auf den Einlass zu warten, kehrten wir um, es schneite, die Stadt schlummerte.

 „THE CLOCK“ hatte bereits 2010 in London Premiere und war 2011 mit dem Goldenen Löwen auf der 54. Biennale von Venedig ausgezeichnet worden.

Im Anschluss an unseren Ausflug zu High Noon  gingen wir in die nahegelegene „Joseph-Roth-Diele“ , um eine Kleinigkeit zu essen, das Erlebte nachklingen zu lassen. – Mit deren Besitzern bin ich befreundet, Grit und Dieter Funk. Dieter studierte so wie ich an der dffb Film (Jahrgang 1979). Nach einigen erfolgreichen Dokumentarfilmen, deren Realisierung mit großen Anstrengungen verbunden waren, wurde ihm bewusst, dass er sich sein Leben anders vorgestellt hatte. Als katholischer Schwabe eröffnete er „AVEMARIA“, einen Devotionalienladen in Schöneberg, in dem er Rosenkränze, Madonnenfiguren, Krippen, riesige Altarkerzen, christliche Literatur und rund vierzig Sorten Weihrauch verkaufte. Nicht nur Katholiken machte er mit seinem Angebot glücklich.

Um die Ecke, in der Potsdamer Straße 73, lebte von 1921 bis 1933 der Schriftsteller Joseph Roth.

Als 2002 in Nebenhaus, Potsdamer 75, ein Feinkostladen schloss, verliebten sich Dieter und Grit in das Ambiente dieser alten Räume, besonders in den Kachelfußboden, und beschlossen, dort ein Gasthaus im Geiste von Joseph Roth zu eröffnen – mit schwäbischer Küche. Fotografien, Handschriften, Zeitungsausschnitte, eine kleine Bibliothek zieren die Wände der gemütlichen Gaststube (30 Plätze) und Roths neu aufgelegten Bücher werden zum Kauf angeboten. Ein Kultort, in dem das Werk und Leben des Journalisten, Reiseschriftstellers, Romanciers, Dichters, der jährlich Joseph- Roth- Fans aus der ganzen Welt anzieht, gelebt wird. Die Fülle der dort gezeigten Abbildungen stammt aus der Sammlung des Kunsthistorikerpaares  Heinz Lunzern und Victoria Lunzern-Talos, die im Buch „Joseph Roth, Leben und Werk in Bilder“ publiziert sind.*

Roth, der auch unter dem Pseudonym „der rote Joseph“ geschrieben hat, verstand sich als erzählender Beobachter, als Sachverständiger, dessen Werk sich niemals von der Realität löste, doch: „Es kommt nicht auf die Wirklichkeit an, sondern auf die innere Wahrheit.“

1939 starb er als jüdischer Emigrant mit nur 44 Jahren, alkoholsüchtig und verarmt, in Paris. Den zentralen Werten der jüdischen Kultur von Wahrheit und Gerechtigkeit fühlte er sich zeitlebens verbunden.

Auch am 6. April 1967 schien die Sonne in Berlin, 15 Grad, für April zu warm. In der Stadt stand ein spektakuläres Ereignis an, das viele Berlinerinnen und Berliner anlockte, ich war einer von ihnen. An diesem Tag sollte das am Boden montierte Dach, 1260 Tonnen schwer,  auf die stützungsfreie Stahlkonstruktion des neuen Gebäudes gesetzt werden. Solch einen Vorgang hatte es in der Architekturgeschichte noch nicht gegeben. Um den Zweiflern entgegenzutreten, war der „Architekt der klassischen Moderne“ , Mies van der Rohe, aus seiner amerikanischen Heimat Chicago angereist. Nachdem das Dach einige Meter gehoben war (1 Meter pro Stunde), setzte sich der Konstrukteur dieses „Universalsaals“ mit einer Zigarre in einen Sessel in die Mitte, um im Fall eines Einsturzes einen „Heldentod“ zu sterben.

Daran denke ich jedesmal, wenn ich –  voller Ehrfurcht-  Mies van der Rohes Architekturikone besuche.

Gerd Conradt

Informationen zur Ausstellung hier: Neue Nationalgalerie, 29.11.2025 to 25.01.2026

* „Joseph Roth, Leben und Werk in Bilder“,  Heinz Lunzer und Viktoria Lunzer-Talos, 2009, Verlag Kiepenheuer&Witsch.

Joseph-Roth-Diele, Hauptstrasse 75, 10785 Berlin.

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