Geschrieben am 1. Mai 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag Mai 2026

Frank Schorneck freut »Der letzte Leuchtturm«

Sprachliches Leuchtfeuer

Muckle Flugga – eine auf den ersten Blick unwirtlich erscheinende Insel am allernördlichsten Zipfel Schottlands. Hier, wo die Shetland Inseln als „das Festland“ gelten, lebt ein bärbeißiger Leuchtturmwärter allein mit seinem jugendlichen Sohn. Früher gab es mehr Leben auf der Insel, mehrere Leuchtturmwärter und ihre Familien lebten hier. Nun hält allein noch das ungleiche Vater-Sohn-Gespann die Stellung. Aus Geldnot heraus vermietet der Leuchtturmwärter bisweilen widerwillig an zahlende Hausgäste, Vogelbeobachter und andere Einsamkeitssucher. Als der lebensmüde Dichter Firth sich hier einquartiert, hat dies unerwartete Auswirkungen auf das fragile emotionale Gefüge zwischen Vater und Sohn.

In welchem Jahr genau die Handlung des Debütromans von Michael Pedersen angesiedelt ist, wird nicht explizit genannt, doch es gibt Anhaltspunkte: Schließlich existieren Insel und Leuchtturm tatsächlich, und wie man auf der Website des „Northern Lighthouse Board“ nachlesen kann, wurde der Leuchtturm im März 1995 automatisiert. Seitdem wird Muckle Flugga nicht mehr als nördlichste bewohnte Insel des  Königreiches gehandelt. Somit lässt sich die Geschichte in den frühen 1990er Jahren verorten. Doch was sich auf der Insel abspielt, scheint seltsam der Zeit entrückt. Hier spielt das Weltgeschehen keine Rolle, hier sind die drei handelnden Personen komplett auf sich gestellt, den Naturgewalten und den eigenen Abgründen nahezu schutzlos ausgeliefert. So verwundert es nicht, dass Ouse, der Leuchtturmwärtersohn, mit einem imaginären Freund Zwiegespräche führt, der niemand geringerer ist als der Schriftsteller Robert Louis Stevenson.

Keine willkürliche Wahl, schließlich entstammte der Verfasser der „Schatzinsel“ oder „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ einer Familien von Ingenieuren und Leuchtturmbauern – und sein Vater Thomas und sein Onkel David Stevenson waren die Ingenieure des Leuchtturms von Muckle  Flugga. “RLS“, wie seine Freunde und somit auch Ouse in seinen imaginierten Zwiegesprächen Stevenson nennen, ist leidenschaftlich Reisender und redet dem unsicheren und vom Vater eingeschüchterten Jungen zu, den Schritt hinaus in die Welt zu wagen: „Geduld, mein werter Freibeuter, vor dir liegt noch eine Fülle an Erkundungsfahrten. (…) Aber sei nicht zu geduldig – die Zeit ist nicht auf der Seite derer, die Wasser treten.“

Der Vater jedoch hat andere Pläne für seinen Sohn: Mit eiserner Disziplin und Härte will er Ouse zu seinem Nachfolger ausbilden. Seit die Mutter bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen ist, verschließt sich der Vater jeglicher Gefühlsregung. Er  regiert über sein kleines Reich mit nur einem „Untergebenen“ mit lauter Stimme und harter Hand. Allem, was von außen kommt, begegnet er mit Misstrauen und Feindseligkeit – außer Figgie, einer attraktiven Frau, die regelmäßig mit dem Versorgungsboot die Insel ansteuert und mit Vorräten und Treibstoff beliefert. Sein ganzer Hass jedoch gilt der Maritimen Union schottischer Leuchtturmwärter (in der deutschen Abkürzung etwas irritierend lautmalerisch MUschL ), die die Automatisierung der Anlagen vorantreiben und seinen Berufsstand im Allgemeinen und ihn im Besonderen bedrohen.

Die engl. Ausgabe

Firth, der vorübergehende Hausgast auf Muckle Flugga, steht zu Beginn des Romans noch auf einer Eisenbahnbrücke hoch über dem Meeresarm vor Edinburgh, dem „Firth of Forth“,  und will mit seinem Leben abschließen. Doch der Ruf eines Basstölpels erinnert ihn an ein altes Versprechen, das er einst seinem Großvater gegeben hat – also beschließt er, vor dem selbstmitleidigen Abgang aus dem Leben den Lieblingsvogel des Großvaters ausfindig zu machen und zu malen. Die besten Orte für dessen Sichtung sollen die abgelegenen Inseln Muckle Flugga und Out Stack sein.

Aus dieser Grundkonstellation heraus entwickelt Pedersen ein sprachgewaltiges und beklemmendes Drama, in dessen bisweilen gewaltigen Wortkaskaden fein humorige Gespinste eingewoben sind. Es ist die vor Bildern überquellende Prosa, die „Der letzte Leuchtturm“ zu einem Leseerlebnis macht. Es lässt sich nicht verleugnen, dass Pedersen Lyriker und Spoken Word Performer ist. Hier hat jemand Freude daran, die Sprache zu drechseln, zu feilen, immer wieder gegen das Licht zu halten und sich dabei gleichzeitig nicht zu ernst zu nehmen. Wenn ein Satz ins Manierierte abdriftet, geschieht dies mit schelmischem Augenzwinkern. Und der Klang jedes einzelnen Wortes, die Melodie jedes einzelnen Satzes ist mit Bedacht gewählt. Zwischenmenschliche Missgeschicke, Unsicherheiten bis hin zu slapstickartigen Situationen fügen sich in den Sprachfluss ein.

Man würde gerne das Original in die Hand nehmen, um zu sehen, wie nah Übersetzer Stephan Kleiner Pedersens Stil ins Deutsche übertragen hat. Denn es gibt in der deutschen Fassung tatsächlich eine Schwachstelle: Den vermutlich selbst innerhalb des schottischen Akzents heftigen Zungenschlag der Shetlands hat Kleiner in der wörtlichen Rede in einen norddeutschen Schnack übertragen. Das mag dem Deutschen Ohr angemessen maritim klingen, ruft aber andererseits eher Assoziationen  an NDR-Werbespots „Das Beste im Norden“ hervor  als Schottlandfeeling.  Der Fairness halber sei gesagt, dass man bei der Übertragung von Dialekt eigentlich selten etwas „richtig“ machen kann.

Zwischen Firth und Ouse – deren Namen sicherlich nicht ohne Grund gleichfalls die Namen eines Meeresarms und eines Flusses sind – knistert es wortwörtlich, zufällige Berührungen bringen kleine elektrische Entladungen mit sich. Beide entdecken im jeweils anderen einen Ausweg aus der eigenen Situation. Firth ist in Edinburgh als Scout für seine ehemalige Universität tätig, „wo er vor allem damit beschäftigt ist, jungen Leuten aus reichem Elternhaus weiszumachen, sie hätten das Zeug, mit ihrer Kunst die Welt zu verändern“. Er erkennt Ouses künstlerisches Talent, das er im Entwerfen und Stricken künstlerisch extravaganter Pullover sowie in anderen Textilarbeiten an den Tag legt. Ouse wiederum, der von der verstorbenen Mutter die Liebe zu Büchern und Literatur übernommen und eine kleine geheime Bibliothek vor der blinden Wut des Vaters gerettet hat, bewundert Firths Zugehörigkeit zur Literaturszene. Er weiß, dass er Muckle Flugga hinter sich lassen muss, um auch nur eine Chance auf Glück zu haben, doch trotz dessen Gewalttätigkeit will er seinen Vater nicht im Stich lassen.  So reift in Firth ein drastischer Plan.

„Der letzte Leuchtturm“ bietet lebhafte und detailverliebte Schilderungen der nahezu unberührten Flora und Fauna der Inselwelt. So, wie das aufmerksame Auge zwischen den schroffen Klippen die faszinierende Welt angepasster Lebensformen ausmachen kann, findet Pedersen auch hinter der wortkargen und Whiskyvernebelten Grobheit des Vaters eine tiefe Trauer, Angst und, ja, Liebe.  Zugleich liefern die Abschnitte, in denen Firth sein Bohème-Leben in der schottischen Hauptstadt rekapituliert, eine bitterböse Satire über die Oberflächlichkeit der dortigen Kulturszene. Firth unterstützt mit Leidenschaft andere Künstler – so lange sie sich nicht als Konkurrenz entpuppen. Bei Ouse soll das anders sein. Auch wenn bei den gemeinsamen Ausflügen, den Blicken, den zufälligen Berührungen, den Andeutungen unter den Gesprächen eine zarte homoerotische Note mitschwingt, hat die Beziehung eine unschuldige, platonische Ebene tiefer Seelenverwandtschaft und gegenseitiger Neugierde.

„Der letzte Leuchtturm“ ist ein schier unerschöpflicher Fischgrund für Sprachliebhaber, unberechenbar und trügerisch wie das Meer, voller Untiefen und tückischer Strömungen und geheimnisvoller Anziehungskraft.

Frank Schorneck

Michael Pedersen: Der letzte Leuchtturm (Muckle Flugga, 2025). Deutsch von Stephan Kleiner. Verlag Dumont, Köln 2026. 384 Seiten, 25 Euro.

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