Geschrieben am 1. März 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag März 2026

Alf Mayer: Perspektive auf Ai Weiwei »Updated Edition«

Perspektivverschiebung mit dem Mittelfinger: Alle Bilder sind gleich aufgebaut, die Kamera in der Rechten, fotografiert Ai Weiwei seinen ausgestreckten linken Arm mit erhobenen Mittelfinger, der verschiedene Hintergründe anpeilt. Das erste dieser Fotos entstand 1995 auf dem Tian’anmen-Platz in Peking; bis 2010 kamen viele andere Bauwerke dazu, wie das Weiße Haus oder der Reichstag in Berlin, aber auch Landschaften. Titel der Reihe: Study of Perspective.

»Kunst ist ein ganz und gar urtümlicher menschlicher Ausdruck«

Alf Mayer über die monumentale Monographie über Ai Weiwei

Ai Weiwei hätte ein Maler wie sein älterer Halbbruder Ai Xuan werden können. Dessen bevorzugte Sujets sind Nomaden und ihre Kinder in tibetanischer Winterlandschaft, sein Stil ist dem chinesischen Neo-Realismus zugeordnet und auf dem Kunstmarkt sehr erfolgreich. Ein Blick auf diese Bilder – und es ist klar, dass Ai Weiwei ein völlig anderes Verständnis von der Welt und vor allem von der Kunst entwickelt hat und praktiziert.

Ja, er ist umstritten. Ja, ein chinesischer Dissident zu sein, hat klar seinen Marktwert gesteigert. Ja, er hat keine Furcht vor Größe, manches an ihm ist der pure Wahn. Sinn aber macht es. Ai Weiwei ist einer der größten zeitgenössischen bildenden Künstler unserer Gegenwart. Er hat über unsere Zeit etwas zu sagen. Die gerade erschienene Monografie »Ai Weiwei. Updated Edition«, 736 Seiten und über 1000 Abbildungen stark, mehr als vier Kilo schwer, lässt uns daran nun im Detail teilhaben.

Wieder ist es der Verlag Taschen aus Köln, der ein solch hochwertiges Produkt zu einem geradezu volksdemokratischen Preis stemmt. 2015 erschien eine damals auf tausend Exemplare begrenzte »Art Edition« dieser in jeder Hinsicht gigantischen Monografie. Sie ist längst ausverkauft, wird mit 3.500 Euro gehandelt. Auf gar 20.000 Euro beläuft sich der Marktwert für eines der damals 100 Exemplare der »Limited Art Edition«. Jedes von ihnen wurde mit einer eigens entworfenen, im Atelier des Künstlers hergestellten Skulptur ausgeliefert: einem Buchständer aus chinesischem Fangshan-Marmor; das Buch eingeschlagen in ein Tuch aus Habotai-Seide. Die streng limitiert Auflage wurde durch Auktionshäuser wie Christie’s gehandelt. Jetzt hat das Autorenteam dieser Erstausgabe sich wieder zusammengefunden, das Ergebnis ist eine »Updated Edition« – für 100 Euro.

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Ai Weiwei. Updated Edition. Herausgegeben von Hans Werner Holzwarth, Essays von Uli Sigg, Roger M. Buergel und Alfred Weidinger. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. Verlag Taschen, Köln 2026. Hardcover, Format 25 x 33.4 cm, Gewicht 4.29 kg. 736 Seiten, über 1000 Abbildungen, 100 Euro. – Informationen zum Buch und zum Verlag: www.taschen.com

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Die umfassende Aktualisierung der Ai-Weiwei-Monografie legt den Fokus auf die jüngste Dekade von Ai Weiweis Kunst und Aktivismus. Das Buch selbst ist ein historisches Dokument: Es wurde als die erste ausführliche Monografie zu einer Zeit konzipiert, als Ai Weiwei noch in China festgehalten wurde und entstand in direktem Austausch mit ihm. Der Bogen spannt sich über nunmehr 40 Jahre Kunstschaffen und reicht vom New Yorker Exil in den 1980er-Jahren über Skulpturen aus der Zeit der Rückkehr nach China, die auf traditionellen Handwerkstechniken beruhten, bis zu den jüngsten, meist in Europa konzipierten Werken: Mosaiken aus Spielzeugsteinen, gewaltige Flaggen aus aufgenähten Knöpfen, mehr als zwei Dutzend Filme und eindringliche bis provokante Installationen für die Menschenrechte.

Zahlreiche Abbildungen aus dem Archiv des Künstlers zeigen den Atelieralltag, die Produktion der Werke und die oft damit verbundene Handwerksarbeit sowie die politischen Aktionen. Sie werden von Ai Weiweis exklusiv für diese Ausgabe gemachten Statements begleitet und von drei großen Essays zu Werk und Leben des Künstlers. Ihre Autoren sind der freie Kurator Roger M. Buergel, der Kunsthistoriker Alfred Weidinger sowie der langjährige Freund, Sammler und Unternehmer Uli Sigg, ehemals Schweizer Botschafter in der Volksrepublik China, mit einem persönlichen Porträt des Künstlers aus zwei zeitlichen Perspektiven.

Buergel und Weidinger haben beide mit dem Künstler an großen Ausstellungen gearbeitet: Roger M. Buergel kuratierte 2007 die documenta 12 und ermöglichte dort die Arbeit Fairytale, für die 1001 chinesische Bürger aller Klassen und Provinzen nach Kassel eingeladen wurden. Der Kunsthistoriker Alfred Weidinger war federführend bei großen Ausstellungen im österreichischen Bad Ischl, wo Ai Weiwei Kaiserpark, Marmorschlössel und Stallungen der Kaiservilla bespielte. Die Schau  »translocation – transformation« setzte Vertreibung, Migration und gewollten Ortswechsel auf spektakuläre Weise künstlerisch um, etwa mit der Installation »F Lotus« bestehend aus rund 1.000 Schwimmwesten im Wasserreservoir des Belvedere-Gartens, die Bezug auf die Flüchtlingskrise im Mittelmeer nahm und deren Fotos um die Welt gingen. Sie wurde eingerahmt von monumentalen Bronzen, den »Circle of Animals/ Zodiac Heads«, zwölf überlebensgroße Köpfe, die den chinesischen Tierkreis abbilden und an die Zerstörung der Brunnenanlage des Pekinger Sommerpalastes durch französische und britische Truppen 1860 erinnern.

Herausgeber Hans Werner Holzwarth schließlich ist Buchdesigner mit zahlreichen Veröffentlichungen vor allem im Bereich der zeitgenössischen Kunst und Fotografie. Für Taschen hat er bereits eine Reihe monografischer »Collector’s Editions« herausgegeben, darunter Jeff Koons, Christopher Wool und Albert Oehlen, den David-Hockney-SUMO A Bigger Book und den XXL-Band Jean-Michel Basquiat.

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»1000 Jahre Freud und Leid« – nach einer Gedichtzeile seines Vaters – nannte Ai Weiwei seine 2021 erschienenen Memoiren. Fast die ganze erste Hälfte der Autobiografie ist seinem Vater Ai Qing gewidmet, einem großen Dichter, von Majakovskij ebenso beeinflusst wie von Walt Whitman und von einem Aufenthalt im Paris der 1930er-Jahre mitgeprägt. Während Maos Kulturrevolution fiel er in Ungnade und wurde samt Familie ins tiefe Hinterland, nach »Klein-Sibirien« verbannt. Für Ais Maler-Bruder ist das heute noch bildgebendes Thema (siehe den Anfang dieses Textes). Der Vater wurde 1979 rehabilitiert, doch gut 30 Jahre später geriet sein Sohn Ai Weiwei in die gleiche Zwangslage. Wie zuvor sein Vater wurde er wegen »Anstiftung zum Umsturz der Staatsgewalt« angeklagt, 2011 verhaftet und 81 Tage an einem geheimen Ort festgesetzt.

Die Autobiografie, ein Manifest über Kunst, Erinnerung und Widerstand, beschreibt die Kindheit im Exil, die Rückkehr nach China nach den Jahren in New York, den künstlerischen Aufstieg, die Repression durch den Staat, aber auch die tiefe Prägung durch das Erbe des Vaters. »Der Text ist durchzogen von Reflexionen über Freiheit, Sprache und die Verantwortung des Künstlers gegenüber der Gesellschaft. In der Verschränkung beider Lebensläufe wird deutlich, wie eng persönliche Geschichte und politische Erfahrung miteinander verwoben sind – und wie die Stimme eines Einzelnen über Generationen hinweg zum Resonanzraum kollektiver Erinnerung werden kann«, hieß es in einer Besprechung des Deutschlandfunks. »Ai Weiwei begreift sein Leben nicht als Ausnahme, sondern als Exempel: für die Bedingtheit von Autonomie, die Fragilität von Freiheit und die Kraft künstlerischen Ausdrucks.« Der Name Wei 未, vom Vater angeblich beim blinden Deuten auf eine Stelle im Wörterbuch gefunden, bedeutet »Zukunft« oder »noch nicht«. Was die Doppelung meint, ist unklar.

Er ist ein Flüchtling, ein Exilant. Früh schon erfasste ihn »eine seltsame Kraft, eine Verpflichtung zur Vernunft, zu einem Sinn für Schönheit – diese Dinge sind unbeugsam, kompromisslos und jeder Versuch, sie zu unterdrücken, muss zwangsläufig Widerstand hervorrufen«. Aber es bleibt die schwierige Frage der Identität: »Ja, ich bin länger der chinesischen Kultur ausgesetzt gewesen als jeder anderen, obwohl ich während der Kulturrevolution erzogen wurde, wo die Maxime lautete, dass man die Vergangenheit zerstören müsse. Dennoch hat sie mich auf so vielfältige Weise geprägt.«

Seinen chinesischen Pass hat er behalten, obwohl er bei mancher Reise ein Hindernis darstellt, präsentiert ihn ganz vorne im Buch, gleich als zweites Bild. Ai könnte »einfach« eine neue Nationalität annehmen. Warum also der chinesische Pass? Ai argumentiert: »Er wurde mir gegeben. Er ist mir gegeben. Er ist mein Dao, mein Weg, eine Art von Schicksal, trotz der gelegentlichen Nachteile. Er bestimmt viele meiner Entscheidungen und Handlungen … außerdem liebe ich Probleme, und ich bin ziemlich stur.«

Bis zum heutigen Tag beziehen viele seiner Werke ihre Kraft aus chinesischen Traditionen, aus chinesischem Handwerk. Er sammelt antike Jade, lange vor der Bronzezeit geschaffen. Er besitzt mehr als tausend Exponate, eine der größten Sammlungen der Welt, die er über 30 Jahre zusammengetragen hat. Dafür gibt er das Geld aus seinen Kunstverkäufen aus – er hegt eine tiefe Bewunderung für die Handwerker, die vielleicht ihr ganzes Leben darauf verwendeten, eine einzige perfekte Form dem härtesten aller Steine abzuringen. Geheimnisvolle Gegenstände, vielleicht um Rituale auszuführen, sich mit höheren Mächten zu verbinden. In diesen Artefakten findet Ai viele Parallelen zu dem, was heute als abstrakte Kunst gilt, die sich der Westen seiner Meinung nach während der Moderne zu Unrecht als eigene Erfindung zugerechnet hat.

Kunst ist für ihn ein ganz alter, ganz und gar urtümlicher menschlicher Ausdruck. Eine Notwendigkeit.

Alf Mayer

Mit freundlicher Erlaubnis des Verlags Taschen hier etliche Seiten aus der Monographie, alle Abbildungen: © Verlag Taschen/ Ai Weiwei

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