
Schwierige Beziehungen
Frank Rumpel zur Wiederentdeckung der Autorin Caroline Blackwood
Rowan Anderson gibt sich Mühe. Mehr schafft er nicht. Regelmäßig besucht er Frau und Tochter, die er in einem Bilderbuchstädtchen („jeder Pflasterstein wirkte wie von Hand poliert“) und dort in einem Cottage geparkt hat, während er selbst mit seiner Freundin in London lebt und als Historiker sein Geld verdient. Den Ort findet er im Sommer erdrückend „und im Winter sogar noch deprimierender“. Das Haus seiner Frau Cressida wirkt auf ihn beklemmend und ihr höflicher Umgang miteinander befremdet ihn noch mehr. Zu seiner Tochter Mary Rose („ein begriffsstutziges, schüchternes Kind“) hat er keinen Draht. Wenn er zu Besuch ist, flüchtet er in den Pub, wo er sich ausgiebig den Whiskyvorräten widmet.
Das ist der Ausgangspunkt von Caroline Blackwoods im Original 1981 erschienenem Roman „Das Schicksal von Mary Rose“, der nun erstmals auf Deutsch zu lesen ist. Die 1931 in London geborene und 1996 in New York gestorbene Blackwood entstammte einer Adels- und Unternehmerfamilie, erbte einen Teil des Guinness-Vermögens, setzte sich aber früh von ihrer Familie ab. Blackwood hatte ein bewegtes Leben, war mit dem Maler Lucian Freud (der sie unter anderem 1953 als „Girl in Bed“ porträtierte), dem Komponisten Israel Citkowitz und dem Dichter und zweimaligen Pulitzer-Preisträger Robert Lowell verheiratet. Sie arbeitete als Journalistin, veröffentlichte später zehn Bücher. Ein Band mit Erzählungen erschien nach ihrem Tod. In deutscher Übersetzung waren bisher nur zwei ihrer Romane zugänglich, der letzte kam 2008 heraus, was auch schon wieder ein paar Jahre her ist.
Nun hat der Insel-Verlag einen neuen Anlauf unternommen und bringt einen in einer Zeitkapsel gut konservierten, 45 Jahre alten Roman auf den Markt, ein konzentriertes, lohnendes Stück Literatur um eine toxische Mutter-Kind-Beziehung. Denn als in dem Ort, in dem Cressida und Mary Rose leben, ein Mädchen verschwindet und später tot gefunden wird, kippt bei Cressida etwas. Sie nimmt ihre sechsjährige Tochter von der Schule, schirmt sie immer mehr ab und driftet dabei rasant in eine psychotische Parallelwelt. Rowan dringt nicht mehr zu ihr durch und schätzt die Lage völlig falsch ein. Auch im Dorf schlägt die Stimmung um. Ein Täter ist noch nicht gefasst, weshalb jeder jedem misstraut und Rowan misstraut gar sich selbst.
Blackwood inszeniert das alles nicht als Kriminalroman. Die Suche nach dem verschwundenen Mädchen und die anschließenden Ermittlungen bilden nur den Hintergrund, den Rahmen für die eigentliche Geschichte. Und die ist ein düsteres Kammerspiel um einen Mann, der eine Frau missbrauchte und sie abschob, und ebenjene Frau, die sich wahnhaft in ihre Mutterrolle bohrt, alles für ihre Tochter tun will und sie darüber verliert. Die Tochter selbst bleibt dabei konturlos und schemenhaft.
Blackwood schildert das alles streng aus der Sicht von Rowan, der keinen Blick hat für die Bedürfnisse anderer. Frau und Tochter sind ihm nur Last, der er sich so oft es geht, entzieht. Die gesellschaftlichen Konventionen der Zeit kommen ihm da entgegen. „Es war eine Qual für mich, einfach nur herumzusitzen und fernzusehen, während Cressida bis spät in die Nacht Hausarbeit erledigte.“ Durch Rowans Brille ist alles trostlos, von Melancholie und Selbstmitleid ummantelt. Ohnehin sind bei Blackwood alle Figuren versehrt, kein Deut Glück, nirgends. Erzählt aber ist das kühl und präzise, mit überaus wachem Blick für die bizarren Details. Bleibt zu hoffen, dass von dieser Autorin bald mehr übersetzt wird.
Caroline Blackwood: Das Schicksal von Mary Rose (The Fate of Mary Rose, 1981). Aus dem Englischen von Claudia Voit. Insel-Verlag, 285 Seiten, 24 Euro.




















