Geschrieben am 1. November 2026 von für Crimemag, CrimeMag November 2026

TW: Lars Becker »Es wird Steine regnen«

Alles, nur nicht langweilig oder dumm

Thomas Wörtche über den wilden Near-Future Roman des Filmregisseurs Lars Becker

2035. Der Globus ist zwiegespalten. Oben geht das Leben unter erheblichen Umweltbelastungen weiter; die andere Hälfte der Menschheit wohnt in ein paar tausend Kilometer Tiefe im Erdinneren, in Terrapolis. Um dort unten leben zu können, muss man allerdings oben gestorben sein.

Warum das so ist, und wie das geht, das erklärt Lars Becker in seinem Roman „Es wird Steine regnen“ glücklicherweise nicht. Und vermeidet damit das größte Problem von Near-Future-Dystopien, die immer umständlich erläutern müssen, wie die dystopische Welt entstanden ist, wie sie funktioniert und so weiter. Das ist meistens zäh und auch langweilig (Ausnahmen bestätigen die Regel). Lars Becker belässt es einfach so – es ist, wie es ist.

Unten herrscht eine gnadenlose, gewaltgestützte Klassenherrschaft, multi-kulti zwar, aber das Los Angeles von „Blade Runner“ ist eine Idylle dagegen. Entkommen nach oben, wenn man das will und einen zweiten Tod riskieren möchte, ist extrem schwierig, außerdem überleben die Terrapolis-Bewohner die Oberfläche nicht, weil ihr Metabolismus vor der Luft dort kapituliert. Es gibt zwar ein Serum gegen diese Krankheit, aber die hält auch nur ein paar Tage. Zwei Figuren aus der topographischen Unterwelt gelingt es dennoch nach oben zu kommen, wo sie dort mit der kriminellen Unterwelt in einem Berlin konfrontiert sind, das – bis auf den Dauerregen – gar nicht so weit entfernt von unserem Berlin von heute ist. Außerdem schickt Terrapolis ein Killerkommando hinter den beiden her, weil nicht sein darf, was nicht sein soll.

Lars Becker, einer der wenigen Leute, die in Deutschland satisfaktionsfähige Kriminalfilme drehen können (kleiner Überblick bei Letterboxd), lässt es hier mit einer Unbekümmertheit krachen, die große Freude bereitet. Das ist rau und ruppig, brutal gar, aber auch sehr lustig und egreift jede Gelegenheit, auf aktuelle Zustände anzuspielen, zu spotten und zu ätzen. Nebenbei entsteht so auch ein sehr schöner Berlin-Roman, der nur ein ganz klein wenig extrapolieren muss, um unsere dysfunktionale Hauptstadt völlig glaubwürdig und wiedererkennbar rüberkommen zu lassen. Und dann kann man fröhlich überlegen, was schlimmer ist: Die unterirdische Hölle oder die auf Erden. Die heimliche Heldin des Romans, mit dem schönen Namen Shitgun Xin, gestorben auf den Tian’anmen-Platz 1989, findet es, letztendlich, doch unten besser. Auch ein Kommentar zu oben.

Was mir besonders gefällt, ist die freidrehende Hemmungslosigkeit, mit der Lars Becker sämtliche Speicher aus Politik, Gesellschaft und (Pop-)Kultur plündert (der Oberschurke heißt z.B. Düül – schlagen Sie selbst nach) und durch den Mixer jagt, was nicht schnell genug auf die Bäume kommt. Keine Ahnung, wie man so einen Text nennen soll: Neo-Noir-Cop-Story, politische Dystopie, boshaftes Zeitporträt (weil Near-Future-Romane auch immer Romane über das Hier und Heute sind). Egal, „Es wird Steine regnen“ macht ungeheuren Spaß, sehr intelligent und out of the box.

Lars Becker: Es wird Steine regnen. Rowohlt Berlin, Berlin 2026. Hardcover, 348 Seiten, 25 Euro.

© 11/2026 Thomas Wörtche

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