Geschrieben am 1. November 2026 von für Crimemag, CrimeMag November 2026

Thomas Wörtche über die neue Langsamkeit

Die Falle

Die Welt dreht sich schnell und schneller. Eine Krise jagt die andere, die KI rast voran, es hagelt minütlich Information und Desinformation, die permanente Erreichbarkeit (vor allem wenn man mit unterschiedlichen Zeitzonen zu tun hat) stresst. Das kollektive Gedächtnis wird immer bröseliger. Die mediale Vielfalt ist erschlagend, der Buchmarkt – the world in a nutshell – dreht immer schneller. Longseller sind selten geworden, was nicht sofort zündet, fliegt in der nächsten Runde raus, auch wenn diese nächste Runde nur einen Monat später beginnt. Zeit ist also ein entscheidender Faktor, eine knappe Ressource allemal. Insofern mutet Sten Nadolnys „Die Entdeckung der Langsamkeit“ aus dem Jahr 1983 (!) schon fast visionär an. Es sollte also nicht verwundern, wenn sich zu dieser Situation eine Gegenströmung bilden würde. Es verwundert aber und ist bemerkenswert, dass man ausgerechnet in der aktuellen Kriminalliteratur eine solche Entschleunigung feststellen kann. Ausgerechnet Kriminalliteratur, die sich, historisch gesehen, in großen Teilen als Umsetzung von gesellschaftlichen Problemlagen in Action begreift, soweit sie moderne Kriminalliteratur war – von Chester Himes bis James Ellroy, um´s pointiert zu sagen. Ich greife mal wahllos aus den Bestseller-Erfolgen der letzten Zeit Tana Frenchs „Wie ein Fluss in der Nacht“ heraus, hätte aber auch Liz Moores „Der Gott des Waldes“ oder andere einschlägige Romane nehmen können.

Also Tana Frenchs neuestes Buch – „Wie ein Fluss in der Nacht“. 556 Seiten, auf denen relativ wenig passiert. Szenisch gesehen. Eine junge Frau mit reichlich Bleichmittel im Körper treibt im Fluss, Unfall, Selbstmord oder Mord? Eine andere Figur wird von einem umgekippten Traktor erschlagen, Manipulation oder Unfall? Dann gibt es noch eine lustige   Kneipenschlägerei und ein nächtlicher Marsch aufgebrachter Leute zur Villa des örtlichen Tyrannen. Das ist jetzt nicht gerade viel Aufregung für diesen Umfang, von action, suspense und thrill keine Spur. Aber die innere Spannung, höre ich jetzt. Naja, die Figuren diskutieren viel, sie denken sich auch viel. Erzählt wird auch viel: Vom Dorfleben irgendwo an der irischen Westküste, von damals und heute, vom Einbruch der „Moderne“, von der Widerständigkeit alter Strukturen, von den Zumutungen des Turbokapitalismus, von Glauben und Aberglauben, vom Saufen, vom Leben und Sterben, von der Beziehung der Geschlechter, von Außenseitern und gewachsenen Beziehungen, von Klassenkonflikten, Ausbeutung und Korruption. Es wird abgewogen, hin und her gegrübelt, widersprochen, gelogen, geprahlt und reflektiert ohne Ende. Auch das Erzählen ist kleinteilig, alltägliche Verrichtungen werden penibel registriert. Ich gehe zwar nicht davon aus, dass Tana French diese Tradition kennt – aber „Wie ein Fluss in der Nacht“ erinnert stark an eine realistische Dorfgeschichte des 19. Jahrhunderts – und bitte an dieser Stelle: Ja nichts gegen Gottfried Keller!

Jetzt kann man natürlich überlegen: Erweitert Tana French (et al.) mit diesem literarischen Verfahren die berühmten „Grenzen des Genres“, indem sie sich mehr und mehr dem allgemeinen Gesellschaftsroman cum Leiche annähert oder revidiert sie die Entwicklungen und Dynamiken des Kriminalromans der letzten fünfzig, sechzig Jahre? Unübersehbar aber scheint mir, dass das Zurückfahren typischer Genreelemente eine Art Seriositätsschub zur Folge hat, der beim Lesepublikum sehr beliebt zu sein scheint. Die Langsamkeit des Erzählens insinuiert eine höhere Literarizität, auch wenn die Parameter dann in der Vormoderne siedelten.

Das passt zu einer neuen Kategorie, die im literarischen Rechtehandel kursiert: „Accessible Literary“. Will heißen: Sieht literarisch aus, soll aber keine Probleme bei der Rezeption machen, also leicht zugänglich sein. Und Lesebedürfnisse mit Niveauversprechen befriedigen. Entschleunigung wäre da der ideale Ansatzpunkt, Langsamkeit eine Tugend, nicht Anlass zur Langeweile.  Und nicht zu vergessen: Mit der gleichen Genauigkeit schildert French die raue, irische Natur, in der selbst Tieren Charaktereigenschaften zugeschrieben werden. Das ist, auch wenn das Wetter noch so scheußlich ist, letzten Endes reichlich bukolisch. Und passt sich dem Trend zu Geschichten aus der Countryside an, die auch voll im Trend liegen. Von Country Noir ist dann kaum mehr zu reden, wenn auch das Landleben seine Macken, Tücken und Fiesheiten hat. Was allerdings der Sehnsucht nach Übersichtlichkeit keinen Abbruch tut, vor allem, wenn sie gemütlich langsam daherkommt.

Aber diese neue Entdeckung der Langsamkeit schließt sich prächtig an einen anderen Trend an. Jüngst beklagte Simone Buchholz in der ZEIT die „neuerliche Verrohung in der Kriminalliteratur“, allerdings ohne Namen zu nennen. Ich vermute aber, dass sie Blutsudler à la Veit Etzold & Co meint, deren Orgien von autotelischer Gewalt in der Tat schwer erträglich und ausgesprochen abstoßend sind – und schon immer waren, denn Schlachteplatten sind seit den 1980er stets beliebt und dauerpräsent. Sie meint allerdings, dass dieses Phänomen seit den 2010er Jahren deutlich zurückgegangen sei und jetzt wieder fröhliche Urständ feiert, weil „der Spätkapitalismus „Rücksicht, Solidarität und Mitgefühlt nicht gebrauchen kann“.

Eine neue Übersichtlichkeit in der Kriminalliteratur, die formkonservativer Gemütlichkeit einhergeht…

Letzteres ist zweifelsohne richtig, dennoch erscheint mir dieser Befund aus einer literarischen Parallelwelt zu stammen. Die großen Erfolge der letzten Jahre, wenn wir mal die inhaltsleeren und auch nicht besonders blutigen Taschenspielertricks eine Freida McFadden ausnehmen, sind weit entfernt von „Verrohung“. Im Gegenteil: Richard Osman mit seinen Neo-Cozies (und seine Klone) oder, aktuell, Peter Grainger mit seiner programmatischen Betulichkeit, die an Colin-Dexter-Romane aus den 1970/80/90s angelehnt sind, stehen für eine neue Übersichtlichkeit in der Kriminalliteratur, die eben mit einer formkonservativen Gemütlichkeit einhergeht, die nicht 1:1 den neoliberalen Spätkapitalismus und seine bizarre Wertewelt bedient, sondern so tut, als gäbe es diese Konstellation gar nicht. Daraus rührt die große Beliebtheit solcher Texte beim breiten Lesepublikum und Teilen der Kritik, die, inmitten einer zunehmend unbehaglichen Welt, literarischen Trost und Zuflucht suchen.

Das ist zutiefst verständlich und gleichzeitig eine Falle. Giancarlo de Cataldos störendes Diktum, es sei Aufgabe der Kriminalliteratur, die „unangenehmen Fragen“ zu stellen, wird damit aus dem Spiel genommen. Dass „der Markt“ darauf freudig reagiert und das Muster, das er generiert hat, fröhlich ausschlachtet, ist nun mal sein Beruf. Die Falle aber, die sich auftut, entspricht ziemlich genau der Maßgaben, die Simon Strick in seinem Buch „Faschisierung. Fluchtlinie des Digitalen“ beschreibt. Er beschreibt eine „Maschine der automatisierten Verkürzung“:

„Es entstehen Wellen und Zonen des Gleichklangs, der Konsonanz und Vermischung. Alles hört sich gleich an, etwas anderes wird nur mit Anstrengung hörbar. Das Gleiche tritt in endloser Variation auf und überfordert die unterscheidende Beobachtung.“

Jetzt müssen wir im Kontext von Kriminalliteratur natürlich nicht von „Faschisierung“ reden (Strick braucht den Begriff für andere Zwecke), aber Muster lassen sich leider nicht übersehen, auch wenn wir sie in aller Unschuld nicht wahrnehmen wollen. Strick redet in diesem Zusammenhang von einer „Maschine“ (er meint die ubiquitäre Digitalisierung, die in unserem Fall in den analogen Buchmarkt hineinreicht), die solche Muster generiert, und zwar auf dem Weg „der automatisierten Verkürzung“. Das heißt: Diese Maschine vernichtet Komplexität, und generiert die oben beschriebenen Muster des Gleichklangs, „eine Ausrichtung und Dynamik, an die man sich anschließt, um das zu bekommen, was man will, zum Beispiel Resonanz und damit Selbstvergewisserung“.

Möglicherweise ist das jetzt ein zu elaboriertes Besteck, um einen Trend im Rezeptionsverhalten des kriminalliterarischen Lesepublikums zu beschreiben. Aber Kriminalliteratur ist nie harmlos, weil sie immer einen Realitätsbezug hat, und sei er noch so vermittelt. Deswegen ist Skepsis und Misstrauen grundsätzlich angebracht, gerade dann, wenn sie sich als harmlose Unterhaltung ausgibt. So gesehen passen die neue Langsamkeit als Quasi-Literarizität und der Retro-Hype bestens zusammen. Und literaturpolitisch betrachtet, begibt die Kriminalliteratur sich genau dahin, wo man sie schon immer gerne hätte: Auf den Platz einer putzigen, wenn auch sehr populären Marginalie, die man nicht weiter ernst nehmen muss. Komplettieren Sie die Implikationen bitte selbst.

© 11/2026 Thomas Wörtche

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