
Dieser Roman wühlt auf
Frank Schorneck lässt sich ein auf den neuen Roman von Liz Nugent
„Ich hoffe, die Leser werfen das Buch nicht gegen die Wand“ – wenn eine Autorin im Interview eine solche Sorge äußert, dann ist ihr klar, dass ihr Buch kontrovers aufgenommen wird. Liz Nugent sticht mit ihrem Roman „Die Wahrheit über Sally Cooper“ bewusst in ein Wespennest, denn ihre Ich-Erzählerin erfindet als Jugendliche eine Vergewaltigung und bringt einen unschuldigen jungen Mann aus niedersten Motiven ins Gefängnis. Vorgetäuschte Vergewaltigungen sind eine extreme Seltenheit und Nugent begibt sich in Gefahr, dass ihr Roman als Verharmlosung von Gewalt gegen Frauen gelesen werden könnte. Wer unvoreingenommen bis zum Ende liest, wer vor allem die weitestgehend extrem unsympathische Erzählperspektive Rubys aushält, wird erkennen, dass dies keinesfalls der Fall, dass der Roman weitaus vielschichtiger ist.
Ruby wächst in Boston wohlbehütet auf. Ihr Vater ist Gründer und Oberhaupt einer Freikirche sowie Börsenmakler – eine Kombination, die zu einem streng gottesfürchtigen Lebensstil, aber auch beachtlichem Vermögen führt. Die aus Irland stammende Mutter pflegt engen Kontakt mit der Heimat und wünscht sich nichts mehr, als eines Tages mit der Familie wieder nach Irland zu ziehen. Zumindest den Geschäftszweig der Freikirche sieht der Vater im streng katholischen Irland aber gefährdet. Ruby steht im Schatten ihrer großen Schwester Erin, die schöner und klüger ist und ihr daher stets als Vorbild vor die Nase gesetzt wird. So ist es kaum mehr als purer Neid, der Ruby veranlasst, Erins Freund Milo verführen zu wollen – und als dieser sie erschüttert von sich stößt, reift in ihr der Plan, das Szenario einer Vergewaltigung zu kreieren. Dass sich im Papierkorb des schwesterlichen Zimmers Papiertücher mit Milos Sperma befinden, verschafft Ruby die Möglichkeit, DNA-Spuren zu platzieren, die sich niemand erklären kann. Wer an dieser Stelle eine logische Unstimmigkeit wittert, findet in den Danksagungen den Hinweis, dass Nugent zu Beweglichkeit und Lebensdauer von Sperma außerhalb des Körpers medizinische Beratung in Anspruch genommen hat.
Als es zum Prozess kommt und Ruby realisiert, dass Milo eine langjährige Haftstrafe droht, vertraut sie sich schließlich der Mutter an, die aber bei aller Bestürzung vor allem den Ruf der Familie und das Geschäft des Vaters wahren will. Statt reinen Tisch zu machen, drängt sie Ruby, bei ihrer Aussage zu bleiben und beschließt, mit der nun gesellschaftlich gebrandmarkten Tochter zu Grandma nach Irland zu ziehen. So entspinnt sich mehr und mehr ein Geflecht aus Lügen und Schuldgefühlen und treibt einen tiefen Riss durch die Familie. Ruby beginnt ein Schauspielstudium in Dublin, gibt sich Alkohol und Drogen hin, geriert sich im Entzug als Vergewaltigungsopfer, was für die Therapeuten als traumatische Ursache für das Suchtverhalten gesehen wird. Als Ruby ungewollt schwanger wird und die Möglichkeit einer Abtreibung verstreichen lässt, tritt mit ihrer Tochter Lucy plötzlich etwas in ihr Leben, für das es sich lohnt, nüchtern zu bleiben.
Nein, Liz Nugent erzählt alles andere als eine klassische Suchtgeschichte mit Läuterungsmoment. „Die Wahrheit über Ruby Cooper“ ist weitaus tiefgründiger. Indem Liz Nugent nicht nur Ruby erzählen lässt, sondern im Wechsel auch aus der Perspektive Erins (und später Lucys) erzählt, zeigen sich die Konsequenzen, die Rubys Handeln auch auf ihre Mitmenschen hat, umso drastischer: Erin kann, nachdem der herzensgute Milo der Vergewaltigung ihrer Schwester „überführt“ wurde und dennoch standhaft seine Unschuld beteuert, keinem Mann mehr vertrauen. Hinzu kommen bedrohliche anonyme Anrufe, Briefe und Mails, die Erin Milos Schwester anlastet. Hier kratzt der Roman ein wenig das herkömmliche Krimi-Genre an, doch er geht darüber hinaus; viel mehr ist er ein äußerst komplexes Psychogramm einer Person, die aus einer Kränkung heraus wortwörtlich über Leichen geht, um zu ihren Zielen zu gelangen.
Sobald man als Leser auch nur ansatzweise Mitleid oder gar Mitgefühl mit Lucy empfindet, wenn man sich zu freuen beginnt, dass sie einen schwierigen Schritt gemeistert hat, trifft sie wieder eine impulsive, im Kern boshafte Entscheidung. Man kann diese Hauptfigur einfach nicht mögen. Die Kontrastierung mit Erins Schicksal verstärkt diese Fallhöhe sogar noch. Als ihre Tochter Lucy als junge Erwachsene tatsächlich Opfer einer Vergewaltigung wird, ist Ruby nicht für sie da und unterstellt ihr sogar, ebenfalls zu lügen. Spätestens hier ist die Lektüre kaum noch auszuhalten. Liz Nugents Roman wühlt auf, spielt mit den Emotionen der Leserschaft und hallt lange nach. Ein bis zum letzten Absatz böses Meisterwerk.
Übrigens: Nachdem der Göttinger Steidl-Verlag in arge Schieflage geraten ist, sind einige seiner herausragenden Autor*innen in anderen Häusern zu finden. So hat Liz Nugent im noch recht jungen Gutkind Verlag ein Zuhause gefunden, das die bislang bei Steidl erschienenen Titel in liebevoller Ausstattung neu auf den Markt bringt und weitere Werke der Irin in Aussicht stellt.
Liz Nugent: Die Wahrheit über Ruby Cooper. Deutsch von Astrid Gravert. Gutkind Verlag, 400 Seiten, 24 Euro.




















