
„Darf ich in dein Herz?“, fragt die Schreckgestalt
Eine Rezension von Frank Schorneck
„Nur wenige Bücher haben mir so viel Angst gemacht wie dieses!“ – Ein solches Statement von Stephen King auf dem Umschlag eines neuen Horror-Romans macht neugierig, auch wenn man weiß, dass der King durchaus inflationär mit Kollegenlob umgeht. Es prangt auf dem Cover von „Other Mommy“, dem neuen Roman von Josh Malerman. Sei Debüt „Bird Box“ wurde 2014 als eine Genre-Sensation gefeiert und erhielt auch in der Verfilmung mit Sandra Bullock überwiegend positive Kritiken. In „Bird Box“ droht der Untergang der Zivilisation durch eine rätselhafte Macht, die Menschen in den Suizid treibt und der man sich nur entziehen kann, wenn man die Augen geschlossen hält.
„Other Mommy“ greift durchaus ähnliche Motive auf, lässt jedoch die postapokalyptische Ebene hinter sich und konzentriert sich fast ausschließlich auf die kleinste verletzliche Einheit unserer Zivilisation: einer Familie aus Vater, Mutter, Kind. Malerman macht das Kind, die achtjährige Bela, zur Ich-Erzählerin der Geschichte. Diese Perspektive erlaubt es ihm, in kurzen und einfachen Sätzen eine Unmittelbarkeit zu erzeugen, in der Hintergründe und Zusammenhänge nicht explizit genannt werden, sondern in der sich die Leser zwischen den Zeilen einiges zusammenreimen müssen, das sich der kindlichen Erzählerin nicht erschließt. So fällt schon in einer kleinen Szene ganz zu Beginn des Buches auf, dass Belas Mutter zu ihrer Tochter ein angespanntes Verhältnis hat: „Sag, ich hab dich auch lieb, sagt Mommy. Zwing mich nicht, dich darum zu bitten, okay?“ Da verwundert es nicht, dass „die andere Mommy“, die aus dem Schrank kommt, wenn die echte sich mit einem Gute-Nacht-Kuss verabschiedet hat, Bela zunächst keine Angst macht. Die „andere Mommy“ wird „genauso ungeduldig wie Mommy“. Und die Frage, die sie Bela Abend für Abend stellt, ähnelt der Bitte um ein Liebesbekenntnis sehr: „Darf ich in dein Herz?“

Als Rezipient von Horror-Literatur und Filmen weiß man natürlich, dass hinter dieser Frage nichts Harmloses steht, und auch Bela zögert mit einer Antwort. Doch die Welt der Erwachsenen um sie herum mit all ihren Rätseln ist so brüchig, so widersprüchlich in ihren Signalen, dass Bela sich trotz ihrer Angst auch nach der Zuneigung der anderen Mommy sehnt. Wovon Bela nämlich erzählt, ohne es wirklich zu verstehen, ist von einer Ehe auf der Kippe. Es gibt mehr als deutliche Zeichen dafür, dass Belas Mutter fremdgeht und dies mehr oder weniger vor den Augen ihres Ehemannes. Das Mädchen hat ein gutes Gespür für die Misstöne zwischen den Eltern, kann sie auf der anderen Seite aber auch nicht konkret einordnen. Auch ohne die „andere Mommy“ herrscht hier keinesfalls heile Welt. Vielleicht hätten sich Mommy und Daddo wieder lieb, wenn Bela auf den „Herzenswunsch“ der Gestalt aus ihrem Schrank eingeht?
Soweit man dies vom Trailer sowie einer Inhaltsangabe im Netz her einschätzen kann, weicht die Verfilmung durch Rob Savage (Kinostart in der Woche dieser Rezension) stark von der Romanvorlage ab: Der Film gibt Jessica Chastain eine Doppelrolle, spielt mit dem unheimlichen Doppelgängermotiv einer vertraut wirkenden Person, die sich als böse herausstellt. In Malermans Roman hat die „andere Mommy“ in ihrer hauptsächlichen Inkarnation keinerlei Ähnlichkeiten mit der Mutter. Sie ist eine verwachsene, mit den Schatten im Raum verwobene, hexenähnliche Kreatur, deren Anatomie und Mimik jeglicher Natur widerspricht. Zudem wird ihr Erscheinen von üblem Gestank begleitet, den sogar der Vater wahrnimmt. Bela meint, dass die „andere Mommy“ ihr von der Kanalisation erzählt habe. Die kleine Referenz an Kings Pennywise entpuppt sich als kindliches Missverständnis: Das Wort, das Bela nicht kennt, lautet Reinkarnation. Trotz aller Furch begegnet Bela dieser Gestalt zunächst mit naiver Neugier. Erst nach und nach verleiht das Wesen seinem „Herzenswunsch“ mehr und mehr Nachdruck, wird die Bitte zur Drohung. Und auch dann erst schlüpft sie in diabolischer Mimikri in die Rollen von anderen, vertrauten Personen.
Auch Belas Eltern manifestiert sich das Wesen, wodurch sich dem Roman eine neue Ebene öffnet. Malerman zeigt anschaulich und erdrückend, wie schnell soziale Gefüge und sogar Freundschaften zerfallen können, wenn das geregelte Leben aus den Fugen gerät: Die Familie flieht aus dem Haus zunächst zu Freunden, doch sie trägt ihre Angst mit sich. Die Bereitschaft, die Flüchtigen aufzunehmen, schwindet, als klar wird, dass die Bedrohung nicht lokal begrenzt ist wie in einem Spukhaus, sondern Bela folgt.
Malermans Roman ist großartig an den Stellen, an denen er die Brüchigkeit des zivilisierten Zusammenlebens aufzeigt, ähnlich wie schon „Bird Box“. Geradezu genial ist der satirische Seitenhieb auf einen selbsternannten Exorzisten, ein brillantes Spiel mit den Leseerwartungen.
Leider ist die kindliche Perspektive, die durch die kurzen Sätze Tempo bringt, auch die große Schwachstelle des Romans: Beide Elternteile haben die Angewohnheit, am Bett des Kindes, wenn sie Bela schlafend wähnen, in langen Monologen von ihren Sorgen, Sehnsüchten und Schuldgefühlen zu reden. Das mag bei einer Person, zumal im angetrunkenen Zustand, noch einigermaßen glaubwürdig sein, schießt aber hier weit übers Ziel hinaus. Offenbar hat der Autor nicht seiner Fähigkeit getraut, die Geschichte zwischen den Zeilen wirklich aus Belas Sicht erzählen zu können. Alles in allem aber ein sehr solider Horrorroman, der jetzt in der dunklen Jahreszeit für gruselige Lektüre sorgen kann – Stephen King scheint als Leser doch ein ziemlicher Angsthase zu sein.
Josh Malerman: Other Mommy. Deutsch von Urban Hofstetter. Verlag Dtv, München 2026. 432 Seiten, 18 Euro.
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Frank Schorneck – gab zusammen mit Petra Vesper von 1998 bis 2011 das Literaturmagazin Macondo („Die Lust am Lesen“) heraus, zusätzlich gab es ab 2000 ein jährliches Literaturfestival. Seine Besprechungen bei uns hier.
















