Geschrieben am 1. Oktober 2026 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2026

Roland Keller über »Ein Lied für den Weg« von Iva Procházková

Prag ohne Golem, rasenden Reporter und Touristenklischees

Iva Procházkovás Polizeikrimi „Ein Lied für den Weg“ passt gut zum diesjährigen Gastland Tschechien der Frankfurter Buchmesse. Sie zeigt ein nüchternes Prag jenseits des glatten Tourismus, vor dem auch ihr Kommissar Holina und sein Team in ihrem neunten Fall fliehen. Sie kennen die letzten Zufluchtsorte, wo man ohne den üblichen Rummel ein Bier trinken kann und das Essen noch bezahlbar ist. Doch ganz so bodenständig geht es nicht zu in einem Prag, in dem sich nach der Wende die Kluft zwischen oben und unten wieder vertieft hat.

Schauplatz des Mordes an einer jungen Klarinettistin ist die Tschechische Philharmonie. Die Tatwaffe ist rasch identifiziert: eine Klarinette, die das Opfer an diesem Abend spielte. Der Täter hat das Instrument mit einem Gift präpariert, das die Atemwege lähmt und zu einem qualvollen Tod führt. Anfangs glaubt Holina noch an eine Bluttat, denn das Opfer hat sich im verzweifelten Kampf um Luft selbst schwere Wunden zugefügt, als wollte es seine Atemwege gewaltsam öffnen, um nicht zu ersticken.

So bizarr der Mord, so komplex gestaltet sich die Suche nach dem Täter im Umfeld der Philharmonie. Holina taucht tief in das Beziehungsgeflecht des Orchesters ein, das geprägt ist von Rivalitäten, Kränkungen und heimlichen, auch toxischen Liebschaften, in die das Opfer verstrickt war. Parallel dazu dringt Procházková tief in den Kosmos ihres Kommissars und seiner Kollegen ein, die bei ihren Ermittlungen zwar auf etliche Motive stoßen, aber dennoch nicht weiterkommen. Erst als die Autorin behutsam in die Perspektive des Täters wechselt, ahnt der Leser, dass die Wurzeln dieses Verbrechens viel tiefer in der Vergangenheit liegen.

Beeindruckend, wie sie die Schicksale der Beteiligten entwirft, in sie eindringt, miteinander verwebt und eine starke Atmosphäre schafft. Schuld und Unschuld kommen sich dabei oft nahe, zu nahe. Der Aufbau des Orchesterkosmos kostet zu Beginn etwas Tempo. Auch ist es nicht ganz einfach, die zahlreichen Personen mit ihren ungewohnten Nachnamen auseinanderzuhalten, die sich nicht so leicht einprägen wie Maier, Müller oder Schmidt.
Die Auflösung verblüfft. Sie ist weniger ein plötzlicher Überraschungseffekt als vielmehr eine Erlösung für die Ermittler, die sich in den vielen möglichen Motiven der Verdächtigen zu verirren drohen, bis ein Zufall ihnen die entscheidende Spur liefert.

Erfreulich an diesem Prager Polizeikrimi ist, dass die Autorin auf dramaturgische Klitterung und künstlich aufgeblasene Spannung verzichtet. Keine Passage ist überflüssig, nirgends werden Seiten mit billigen Adjektiven gefüllt. Dafür gibt es umso mehr interessante, spannende Wendungen.

Man könnte bei ihr auch von nachhaltigem Schreiben sprechen: Lange nachdem ich das Buch weggelegt habe, sehe ich noch einzelne Momente und Figuren vor mir.

Wohltuend ist, wie eingangs erwähnt, der Verzicht auf die üblichen Prag-Kulissen, die zuletzt Dan Brown in „The Secret of Secrets“ ausgeschlachtet hat. Dem rasenden Reporter Egon Erwin Kisch, der in einem ganz anderen Prag über Kriminalfälle für die Zeitung schrieb, dürfte „Ein Lied für den Weg“ gefallen.

Iva Procházková wurde 1953 in der Tschechoslowakei geboren, emigrierte in den 1980er-Jahren zunächst nach Österreich und lebte von 1984 bis 1995 in Deutschland.

Iva Procházková: Ein Lied für den Weg (Doteky zabitých, 2021). Übersetzung Mirko Kraetsch, Braumüller Verlag, Wien 2026. 432 Seiten, Broschur, 22 Euro.

Roland Keller

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