
Uta-Maria-Heim: Region mit Tiefgang
Beim Thema qualitativ anspruchsvoller Regionalkrimi führt seit längerem an Uta-Maria Heim kein Weg vorbei. Für die schwäbische Autorin schwärmte einst Jochen Vogt, der sich nie zu schade war, für Heim Partei zu ergreifen. Im letzten Jahr hat mich Vogt wenige Wochen vor seinem Tod erneut auf sie aufmerksam gemacht. Wieso? Zu Recht, denn Heim genießt in dem deutschen Regiokrimizirkus eine Sonderstellung, was sie mit ihrem neuesten Roman „Wer zuletzt stirbt, lügt am längsten“ (Gmeiner) einmalmehr unter Beweis stellt.
Für Heim erfand Thomas Kniesche, einer der bekanntesten und wichtigsten Krimiexperten in Akademikerkreisen, den schönen Begriff „kritischer Regionalkrimi“, mit dem er das literarische Konzept Heims auf den Punkt bringt. In ihrem umfangreichen Krimiwerk geht es nämlich keinesfalls um eine kitschige Verbreitung und Vermittlung pulpiger Heimatbilder, die in ihrem konservierten auf Vergangenheit getrimmten Darstellungsmodus die Region als touristische Attraktion vermarkten, stattdessen um eine kritische Auseinandersetzung mit der Region als Identifikationsraum und mit der Region als Produkt kommerzieller Populärgenres, darunter auch der Kriminalliteratur.
Auch in Heims „Wer zuletzt stirbt, lügt am längsten“ spielt Regionalität – vor allem Stuttgart, Schwaben – eine gewichtige Rolle, die sich als plotkonstituierend mit Blick auf das Setting und die zeitgeschichtliche Komponente erweist. Heim weiß die regional-lokalen Aspekte mit der Krimipoetik so gekonnt zu verschränken, ohne das eine noch das andere ins Lächerliche zu ziehen, dass aus dieser narrativen Verbindung eine Großerzählung entsteht, die ohne die regionalen Bezüge kaum denkbar wäre. „Wer zuletzt stirbt, lügt am längsten“ kann als positives Paradesbeispiel für solch eine Verflechtung genannt werden. Obwohl im Untertitel der Verlag – vermutlich aus Marketinggründen – das Etikett „Stuttgart-Krimi“ anführt, handelt es sich um keinen (Groß)Stadtkrimi im klassischen Sinne, der wie die mit Stadtkarten und Kochrezepten garnierten Regiokrimis mit dem Ungüte-Siegel auf Altbekanntes ausweicht und darauf abzielt, Region ausschließlich als nettes Gimmick zu benutzen. Heims angeblicher Stuttgart-Krimi ist in Wirklichkeit ein Raum-Krimi ähnlich schon wie ihr letzter Kriminalroman „Tanz oder stirb“, in dem u.a. die RAF zum Vorschein kam, die ja doch in der Erinnerungslandschaft von Baden-Württemberg verankert ist.
Um die RAF spinnt Heim ihre Geschichte in „Wer zuletzt stirbt, lügt am längsten“. Als handlungszentrierende Figur dient die Ex-Polizeikommissarin „Cindy“ Lopez, die nach einem Leichenfund auf dem Stuttgarter Schlossplatz auf eigene Faust ermittelt und dabei auf die Spur einer Journalistin gelangt, die kurz davor steht, eine mediale Bombe platzen zu lassen. Eine der Terroristen der dritten RAF-Generation lebt, obwohl steckbrieflich gesucht, irgendwo in Stuttgart. Im Zuge ihrer Untersuchung gerät Lopez ins Visier dera Geheimdienste, anderer obskurer Persönlichkeiten und in ein Lügengemisch, in dem Fake von Real Hand in Hand gehen.
Die Spannungsdramatik speist sich bei Heim nicht aus aktionsreichen Szenen und Storyelementen mit vielen Wendepunkten, sondern vielmehr aus ihrer Erzählart. Multiperspektivität wird bei Heim großgeschrieben. Jedes Kapitel wird aus der Sicht eines anderen Protagonisten erzählt – entweder in der Ich- oder Wir-Form bzw. es meldet sich ein Er-Erzähler zu Wort. Das Besondere an solcher heterogenen Darstellungstechnik: auch ohne die Kapitelüberschriften, die auf den sprechenden oder fokussierten Protagonisten hinweisen wie Jan, Mustafa oder Cindy, hat man als Leser eigentlich gar keine Probleme, die Personen voneinander zu halten. Denn all die Henriettes oder Heinrichs oder wie sie alle heißen verfügen über ihr eigens Sprachvokabular, über das sie sich mehr oder weniger definieren. Die einordnende Er-Stimme wirkt in diesem akustischen Gewirr als narrativer Balsam und Orientierungspunkt. Echt gut gemacht.
Kurz gesagt: mit Heims „Wer zuletzt stirbt, lügt am längsten“ liegt ein außerordentlich gutstrukturierter Kriminalroman vor mit einer starken weiblichen Ermittlerin a.D., der regionale Gegenwart mit regionaler Vergangenheit paart und eine Region jenseits von schmalzigen Zuschreibungen aus dem Verhältnis der Figuren mit all ihrem Erfahrungsrücksack zu ihrem heimatlichen Lebensraum zusammenbraut. Ohne Wischiwaschi.
Uta-Maria Heim: Wer zuletzt stirbt, lügt am längsten. Gmeiner Verlag, Messkirch 2026. 368 Seiten, 16 Euro.
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Wolfgang Brylla brüstet sich damit, mit acht Jahren „Winnetou“ gelesen zu haben. Was für ein Teufelskerl. Zwinkersmiley. Von Thomas Mann hält er wenig, von Krimis aber viel. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer polnischen Universität verpfändet er derzeit Forschungsgelder für den Einkauf von Kriminalromanen. Sternzeichen: Skorpion. – Seine Texte bei uns hier.
2022 erschien von ihm, zusammen mit Maike Schmidt herausgegeben, „Der Regionalkrimi. Ausdifferenzierungen und Entwicklungstendenzen“ (Vandenhoek & Ruprecht). 2025 erschien von ihm und Oliver Ruf herausgegeben, im gleichen Verlag: „TV populär. Zur Wissensgeschichte einer Fernsehform“. Sowie „Der polnische und deutschsprachige Retro-Krimi. ‹Detektivische› Fallstudien (Brill/ V & R unipress) – Textauszug bei uns hier.
Im Februar 2026 erschienen: Ästhetiken des Grauens. Kriminalität in Literatur, Film und Wirklichkeit (Vandenhoek & Ruprecht).












