Geschrieben am 1. Juni 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2026

Roland Keller zu »Mord in Genua – Ein Fall für Petra Delicato«

Die einsame Skeptikerin – oder: Der eigentliche Fall bist du selbst

Roland Keller zur Serie „Mord in Genua – Ein Fall für Petra Delicato“ (Originaltitel: „Petra“)

Sucht man im Internet nach deutschen und italienischen Kritiken zur Serienverfilmung von Alicia Giménez Bartletts Romanreihe „Petra Delicado“, die hierzulande bei Sky und im ZDF unter dem Titel „Mord in Genua – Ein Fall für Petra Delicato“ lief, könnte man glauben, nichts versäumt zu haben. Da wird die böse Frage gestellt, ob man Zuschauern anderthalb Stunden lang einen solch schwierigen Charakter wie diese Ex-Anwältin Petra zumuten dürfe. Besser wäre es offenbar gewesen, Petra im Archiv der Polizei von Genua zu belassen, von wo aus sie eher zufällig zur Mordkommission kam.

Ja, Petra Delicato (Paola Cortellesi) ist mindestens ebenso sperrig wie ihr Kollege Rocco Schiavone, der aus Rom ins Aostatal strafversetzt wurde und seine eigene Moral über Staat und Gesetz stellt, weil ihm – Lieblingsspruch – vieles schlicht „auf den Sack geht“. Dafür hat ihn die ARD mit dem Heimatfilm-Titel „Der Kommissar und die Alpen“ (Original: „Rocco Schiavone“) samt unattraktiver Sendezeit bestraft. Weder Petra noch Rocco passen so richtig zum Wesen des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Ob französischer Atlantik, Barcelona, Istanbul oder Venedig – überall spielen brave deutsche Schauspieler nativ getrimmte Ermittler, und die Klischees husten dazu. Quasi Würstel con Krauti, Jägerschnitzel und Schweinsbraten für deutsche TV-Mägen. Fremde Gesichter, wie sie bei europäischen Koproduktionen früher selbstverständlich waren, gelten offenbar als Risiko.

Das ist allerdings eine andere Geschichte. Die sollte die Überschrift tragen, wie das Fernsehen entgegen jedem Europa-Gedanken nicht nur europäische Stars abgeschafft, sondern auch länderübergreifend keinen Ersatz geschaffen hat. Wenig verbindet den Kontinent medial noch – abgesehen vom Eurovision Song Contest.

Doch zurück zu Petra Delicato. Liest man weiter in den Kritiken, wird häufig bemängelt, die Fälle seien – wie die ganze Sky-Italia-Produktion – eher durchschnittlich. Hat das ZDF also alles richtig gemacht, die beiden Staffeln mit jeweils vier Folgen zwischen 2020 und 2023 spätabends zu versenden?

In der ZDF-Mediathek sind die acht Folgen inzwischen verschwunden. Auch über die ersten Episoden der dritten Staffel, die 2025 produziert wurden – die erste lief bereits im ORF –, findet sich kaum etwas. Ob das ZDF die Serie überhaupt weiter zeigt, scheint offen. Erst nach längerer Suche wird man bei Apple TV und diversen Streaming-Plattformen mit kostenpflichtigen Abrufen fündig.

Immerhin erging es der von der römischen Edelschmiede Cattleya („Gomorrha“, „Suburræterna“) produzierten Serie besser als der ersten spanischen Verfilmung von Bartletts Romanreihe. Die 13-teilige Produktion „Petra Delicado“ von 1999 schaffte es gar nicht erst nach Deutschland. Auch die Buchreihe selbst fristet hierzulande ein Schattendasein: Nur wenige Titel sind erhältlich, elektronische Ausgaben sind nicht zu finden. Offenbar verspürte im Zuge der Serie kein deutscher Verlag das Bedürfnis, Petra Delicado neu aufzulegen.

Dank dem Produzenten Cattleya und Sky Italia gelang es dem Autorenteam um Furio Andreotti, Giulia Calenda, Ilaria Macchia, Enrico Audenino und – ab Staffel zwei – auch Paola Cortellesi als Ko-Autorin, die spanische Krimireihe überzeugend nach Italien zu übertragen. Alicia Giménez Bartlett, die sich gegenüber Verfilmungen ihrer Stoffe eher skeptisch äußert, zeigte sich zumindest mit dem Schauplatz Genua zufrieden, der der Reihe etwas mehr nordisches Noir verleiht als das südlichere Barcelona.

Die Ex-Anwältin Petra (Paola Cortellesi) fällt bereits in der ersten Folge durch ihre mangelnde soziale Kompetenz auf, hinter der sich jedoch eher Einsamkeit, Sehnsucht und Verletzlichkeit verbergen. Zwei gescheiterte Ehen, wenig Lust auf soziale Kontakte und eine deutliche Fremdheit gegenüber den Routinen des normalen Lebens scheinen das zu bestätigen. Erster Eindruck: eine inkompatible Frau, was ja durchaus auch positiv verstanden werden kann.

Besonders deutlich wird ihre Haltung, wenn sie mit ihrem Kollegen Antonio Monte (Andrea Pennacchi) ermittelt: ein freundlicher, verbindlicher, beinahe stoisch geduldiger Mensch. Monte erträgt ihre sozialen Defizite nahezu klaglos und bringt Verständnis für ihren komplexen Charakter auf, der in der Serie eine zentrale Rolle spielt. Das wird vom deutschen Titel „Mord in Genua“ nahezu vollständig verdeckt. Die einfallslose Titelei reduziert die Reihe auf konventionelle Krimikost, lenkt vom eigentlichen Thema ab, als würde man den Zuschauer dafür nicht mündig halten. Was nicht ins Programmschema passt, wird einfach passend gemacht, weg- und glattgebügelt.
Denn der italienische Originaltitel „Petra“ macht klar, worum es wirklich geht: um diese eigenwillige Frau, die Regisseurin Maria Sole Tognazzi gemeinsam mit Paola Cortellesi faszinierend auf den Bildschirm bringt.

Paola Cortellesi als Petra

Petra ist widersprüchlich, spröde, verletzlich, voller Zweifel, manchmal abweisend. Irgendwo muss sich tief in ihrem Inneren ein Schmerz, ein Trauma verkapselt haben, das ihr Leben, Handeln und Verhalten mitbestimmt. Keine klassische Sympathieträgerin – und gerade deshalb eine Figur, über die man sofort mehr erfahren möchte. Ein Unikat innerhalb des heutigen Serienfernsehens.

Was verweigert sie uns? Warum zieht sie sich immer wieder zurück?

Petra wirkt wie eine Verletzte, die sich beruflich ständig mit den Verletzten und jenen, die sie verletzen, auseinandersetzen muss. Sie scheint kurze Beziehungen, One-Night-Stands nur einzugehen, um sofort wieder daraus zu flüchten. Trost scheint sie nur bei ihrer Vogelspinne im Terrarium ihrer Wohnung zu finden – und in den weißen Kartons, in die sie ritualhaft einen Gegenstand aus einem gerade abgeschlossenen Fall legt.

Kritiker mögen recht haben, wenn sie bemängeln, dass nicht in jeder Episode der Mordfall im Mittelpunkt steht (wie schon gesagt lockt der deutsche Titel „Mord in Genua“ den Zuschauer mit einem falschen Versprechen). Der eigentliche Fall ist die Figur selbst. Ihr Vorname Petra lässt sich als Fels (pietra) oder die Verhärtete interpretieren, der Nachname Delicato als zart, empfindlich, also die Empfindsame übersetzen – zwei Eigenschaften, die auf paradoxe Weise durchaus auf diese Frau zutreffen, die sich gegen die Welt abzuschotten versucht und oft nicht weiß, wie sie anderen Menschen begegnen soll.

Da ist der Verdächtige, dem sie nicht glaubt und der sich schließlich real vor ihr nackt machen muss, um ihm seine Sicherheit zu nehmen – was manche Kritiken vorschnell als Sadismus anprangern. Da gibt es profan wirkende Ermittlungen um illegalen Hundehandel, die weit tiefer reichen, als zunächst sichtbar wird. Spektakulärer erscheinen der Fall eines abgetrennten Penis oder jener eines Mordopfers, mit dem Petra kurz zuvor noch einen One-Night-Stand hatte. In der neunten Folge untersucht sie einen Mord in einer Krypta und gerät in ein Geflecht aus Affären, Erpressung und tödlichen Geheimnissen rund um ein Kloster (nach der Vorlage „Die stumme Braut“, Piper). In der zehnten Episode muss sie einer Mafia-Spur nach Palermo folgen. Das Spektrum der Fälle ist durchaus breit, sorgt für Spannung – und bietet Paola Cortellesi reichlich Raum, sämtliche Facetten dieser Figur auszureizen.

Neben ihrer Schauspielarbeit wirkte Cortellesi auch an den Drehbüchern der zweiten Staffel mit. 2023 feierte sie zudem mit ihrer Regiearbeit „C’è ancora domani“ („Morgen ist auch noch ein Tag“) einen enormen Kinoerfolg in Italien – eine Tragikomödie über die Unterdrückung von Frauen im Italien der Nachkriegszeit, in der sie auch die Hauptrolle spielt.

Sie beschreibt Petra als „rau und ironisch, fähig, Kollegen und Verdächtige gleichermaßen zu überraschen“. Gerade in ihrer „hartnäckigen Zerbrechlichkeit“ liege ihre Stärke. Die Figur würde sich auch nicht im traditionellen Sinne feministisch sehen: „Petra ist zehn Schritte voraus. Sie ist ein Vorbild für viele Frauen, weil sie sich nicht um das Urteil anderer schert. Und in diesen so wertenden Zeiten ist das umso aktueller.“

Man könnte einwenden, dass sich das Faszinierende dieser Figur nicht sofort erschließt. Dass Petra es dem Zuschauer nicht leicht macht. Nach jeder Folge bleibt etwas Rätselhaftes zurück. Der Fall ist gelöst – die eigentliche Spannung aber bleibt bestehen: Wer ist diese Frau wirklich? Was ist ihr Geheimnis?

Von Episode zu Episode glaubt man, ihr näherzukommen, nur damit sie sich erneut entzieht. Genau darin liegt die Intelligenz der Serie, gerade weil das Autorenteam und die Regisseurin das nicht auflösen. Immer wenn man meint, Petra habe endlich einen Zugang zu sich selbst gefunden, zieht sie sich wieder zurück – zu ihrer Vogelspinne, zu ihren Kartons voller Erinnerungen an alte Fälle.

Im braven deutschen Fernsehkrimi würde man solche Bilder meist endlos erklären, bis auch der Letzte verstanden hat, worum es geht. Da möchte man manchmal laut „Schnitt!“ in den Fernseher rufen, wenn Regie und Redaktion sich zu verliebt an einem Bild festklammern und man sich fragt, ob sie die Vorlesung über Billy Wilder und andere Publikumsbezauberer geschwänzt haben, in der analysiert wird, dass Spannung oft genau dann entsteht, wenn man dort schneidet, wo der Zuschauer mehr sehen möchte, statt ihn davor gähnen zu lassen.

Aber zurück zu Petra. Sie wirkt fast wie ein weiblicher „Lonesome Cowboy“, auf italienische Art. Sie reitet nicht in den Sonnenuntergang, sondern kehrt immer wieder zu sich selbst zurück. Allein. Sie versucht auszubrechen, weil es schwer ist, mit sich selbst auszuhalten – und zugleich schwer mit anderen. Trotzdem bleibt in ihr eine Sehnsucht bestehen, obwohl sie längst ahnt, dass jede Beziehung wahrscheinlich scheitern wird. Ja, scheitern muss, weil sie es nicht schafft, den Kreis zu durchbrechen. Obwohl der Zuschauer das natürlich für sie hofft.

Ihre Verlassenheit erinnert manchmal an „Warten auf Godot“. Nur dass Petra längst begriffen hat, dass niemand kommen wird. Sie muss ihren eigenen Godot in sich selbst finden, wecken.

Angelegt ist diese moderne Frauenfigur bereits in den Romanen von Alicia Giménez Bartlett: eine moderne Frau in einem männlich geprägten Polizei-Apparat, die versucht, Beruf, Beziehungen und Selbstbehauptung miteinander zu vereinbaren. Zum Schluss landet sie entgegen allen Erwartungen gar in einer Ehe und wird Stiefmutter von drei Kindern – eine besondere Herausforderung und nicht weniger spannend als ihre Fälle.

Wichtig sind dabei die Momente, in denen sie über ihr Leben reflektiert. In der italienischen Serie wird das weniger über Dialoge als über Blicke, Gesten und Verhalten erzählt. Freilich auch durch das Verhältnis zu ihrem Kollegen Antonio Monte thematisiert, in dessen kräftiger Erscheinung ein erstaunlich unsicherer, liebevoller Mann steckt – ein Gegenentwurf zu Petra, die wie eine ewige Zweiflerin durch ihr Leben geht und sich der klassischen Heldinnenreise verweigert.

Vielleicht wird es weitere Folgen geben, in denen wir erfahren, wonach sie eigentlich sucht und was Glück für sie bedeuten könnte. Bis dahin bleiben ihr Rückzug und ihre kurzen Ausbruchsversuche ihre kleinen Formen von Glück.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Stärke dieser Serie: dass sie ihre Zuschauer nicht beruhigt entlässt, sondern ratlos zurücklässt – im besten Sinn.

Nicht das Schlechteste, wo wir doch so oft mit Süßstoff zum Finale ruhiggestellt werden, statt über das Ende eines Films hinauszudenken. Auch wenn die Fälle in dieser Serie gelöst werden, bleibt vieles offen. So wie im wirklichen Leben.

Roland Keller

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