
Nachrichten aus der Welt der Untoten
Warum streben Menschen danach, unsterblich zu sein?
Vielleicht ist die einfachste Antwort, dass bisher niemand verlässlich weiß, was nach dem Tod passiert.
Himmel?
Hölle?
Oder einfach nichts?
Wer es sich leisten kann, wie einst die Pharaonen, lässt Monumente errichten, die zumindest nach menschlichen Vorstellungen ewig an sie erinnern. Auch große künstlerische Werke schaffen es in die Unsterblichkeit, zumindest je nach Lage des Zeitgeistes, des Feuilletons und ihrer Apologeten, die sich auf Zweitverwertung spezialisiert haben.
Andere haben das Pech, zu früh zu sterben, und das zweifelhafte Glück, als Mythos weiterzuleben, denken wir an James Dean (24) oder Che (39). Und wieder Anderen gelingt es geschickt, den Tod zu überwinden, also zu erfahren, was danach kommt – und dennoch als Mythos weiterzuleben.
Dieses Kunststück gelingt Feuerriegel mit „Monkey“ – seinem Trip zurück in die 70er Jahre der USA.
Der Schriftsteller Milton Grower hat in Flagstaff/ Arizona einen Rückzugsort gefunden, um an seinem zweiten Roman zu arbeiten und Lectures an der Uni zu geben. Rasch findet er Kontakt zu den beiden Bewohnern des herrschaftlichen Nachbaranwesens. Bald ist er überzeugt, dass die attraktive Melody, gepflegte Anfang 40, und Carl, gut erhaltener 50er, ein völlig anderes Vorleben haben als es scheint.
Grower fragt sich, warum immer wieder schwarze Limousinen mit steifen Anzugträgern auftauchen, die nach FBI riechen. Warum verirren sich Straßenkreuzer hierher wie sie Mafiosi fahren? Die Indizien, dass Melody in Wirklichkeit Marilyn Monroe und Carl in Wirklichkeit John F. Kennedy ist, verdichten sich, auch nach einem gemeinsamen Ausflug nach Los Angeles.
Mehr noch, Grower wird überwacht, bedroht. Manuskripte werden gestohlen. Die Studentin, die sich in ihn verknallt hat, ist plötzlich weg, ohne Spur. Wer ist, war sie?
Trotz all der Vorkommnisse und der Gefahr setzt er auf den großen Scoop, will von dem Buch nicht lassen. Er hat keine Zweifel mehr, dass Monroes Tod am 5. August 1962 nur inszeniert war. Ebenso wie der Anschlag in Dallas auf Kennedy am 22. November 1963.
Alles ein geschickt inszenierter Exit, Einstieg in ein neues Leben? Wollten beide mehr als nur die kurze Affäre, die in der Presse angedeutet wurde? Oder den Bedrohungen entkommen, die von Mafiabossen wie Sam Giancana, dem Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa und gar der CIA ausgegangen sein sollen?

Oder einfach weg von lästigen Pflichten und Konventionen? Ihre Liebe leben?
Feuerriegel fügt den zahlreichen Verschwörungstheorien um Monroes und Kennedys Tod eine völlig neue hinzu und lädt zu einem mitreißenden Trip quer durch den heißen Südwesten der USA in den frühen 70er Jahren ein – ohne nostalgisch zu werden.
„Monkey“ ist sein zweiter USA-Thriller. In „Pigs“ (hier bei uns besprochen) folgte er den Blutspuren, die Charles Manson und seine Bande nach ihren bestialischen Morden hinterlassen haben. 1969 war ihr prominentestes Opfer Roman Polanskis schwangere Frau Sharon Tate.
Man darf gespannt sein, welches Thema Feuerriegel, lange Jahre als Journalist tätig, als Nächstes in den USA aufspürt und mit sauberem Thrill serviert.
Wenn seine Verschwörungstheorie auch etwas steil und der Realität entrückt scheint, liegt gerade darin der Reiz.
Das großartige Spiel mit der Realität ist großer Lesegenuss. Gönnen wir doch den beiden leicht in die Jahre gekommenen Ikonen, befreit von der schweren Last ihres Mythos, ihr Leben als Liebespaar zu genießen. Entkommen, befreit von allen Zwängen der lästigen Berühmtheit. Happy End statt Leichenschauhaus und Friedhof.
Wie heißen die schönen Schlusssätze in den Märchen? „Es war einmal …“ und „Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…“
Bewahren wir uns die Monroe in wunderbaren Szenen aus „Manche mögen’s heiß“ oder „Das verflixte 7. Jahr“ zu ihrem hundertsten Geburtstag. Eine Frage aber bleibt dennoch: Würde Kennedy heute noch den Polit-Marketing-Spruch „Isch bin ein Berliner“ über die Lippen bringen?
Roland Keller
Jens Feuerriegel: Monkey. Golkonda Verlag, München 2026. 238 Seiten, Klappenbroschur, 22 Euro.












