
„PIGS“ – Charles Manson reloaded und die Stadt der Engel
In Jens Feuerriegel ersten Roman „PIGS“ sind die schockierenden Morde der Charles-Manson-Sekte Ausgangspunkt, um im düsteren Sound der späten 1960er Jahre tiefe Blutspuren durch ein vom Rassenhass gezeichnetes Los Angeles zu ziehen.
Bevor Sie „Pigs“ lesen, sollten sie Roman Polanskis Meisterwerk „Tanz der Vampire“ anschauen, das in der Vorweihnachtszeit 1967 zum Blockbuster wurde. Um so mehr lässt sich der Schock nachvollziehen, den die tödliche Schändung der Hauptdarstellerin Sharon Tate gute eineinhalb Jahre später auslöste. Gleich zu Beginn schildert der Roman in schmerzender Direktheit das Gemetzel, das all ihre Schönheit und Sinnlichkeit zerstört, mit der sie auf der Leinwand faszinierte. Für Spätgeborene, denen der Name Sharon Tate nichts sagt: Die 26-jährige Frau von Regisseur Roman Polanski wurde durch ihren Auftritt in seiner Vampir-Persiflage für viele Kinogänger der späten 60er Jahre zu einer Ikone. Nicht nur Glamourblätter lobten sie als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit.
Inszeniert wurde das blutige Schachtfest in den Canyons von Los Angeles an der im neunten Monat schwangeren Tate, ihren Freunden und Partygästen von Charles Manson und seiner Hippie-Truppe. Ziel war es, auf möglichst blutrünstige Angst und Schrecken zu verbreiten und die durch Rassenunruhen aufgeheizte Stimmung zur Zerstörung der amerikanischen Gesellschaft zum Höhepunkt zu treiben. Bei der Manson-Family handelte es sich natürlich nicht um Hippies im Flower-Power-Sinn. Eher um eine Sekte des Todes, die ihrem Anführer hörig war, der sich gleichermaßen als Jesus und Satan in einer Person sah – und sehr frei interpretierte, was er unter freier Liebe verstand.
Jetzt, nach über 50 Jahren, die Erinnerungen an all die schockierenden Grausamkeiten scheinen längst verblasst, knüpft Feuerriegel in seiner episodisch angelegten Fiktion an die realen Ereignisse an und führt sie konsequent weiter. Der Titel „PIGS“ ist hierbei Programm.
In Großbuchstaben steht das Wort an den Wänden der Tatorte, geschrieben mit dem Blut der verstümmelten Opfer. PIGS? Werden wir nicht so aus dem Black Panther Milieu beschimpft, fragt sich die Führung der Polizei. Damit ist klargestellt, wo die bestialischen Killer zu suchen sind. Ein schwarzer Ermittler soll das Problem lösen. Dabei kommt ihm ein privates Problem in die Quere: Seine Besessenheit den Tod seines Bruders aufzuklären, der durch Polizeigewalt gestorben ist. Dass der Schuldige im gleichen Haus sitzt, das vom Corpsgeist und Rassismus der weißen Kollegen durchtränkt ist, wirkt sich nicht gerade als lebensschützende Maßnahme aus. All das vor dem Hintergrund schwelender Rassenkonflikte und -unruhen der späten 60er Jahre.
Bald stellt sich heraus, die üblichen Verdächtigten, also die Black Panther, haben mit den Morden nichts zu tun, was wir Leser von Anfang an wissen. Denn das Abschlachten erleben wir live. Leiden mit, wenn im Drogenwahn noch lebenden Opfer die Haut abgezogen wird oder genüsslich die Augen mit Löffeln ausgestochen und Extremitäten abgeschnitten werden, während sie um den Tod betteln, um von ihrem Leiden erlöst zu werden.
Einige der weiblichen Mitglieder der Sekte genießen ihre Grausamkeiten, andere gegen sich dem Blutrausch hin, um ihrem Führer gefügig zu sein. Denn Manson verlang größtmögliche, abstoßende Grausamkeit, um mit dieser spektakulären Mordserie die Rassenkämpfe weiter anheizen. Er plant nichts Geringeres, als die USA in einen apokalyptischen Abgrund zu stürzen, wobei er auch auf die Black Panther hofft. Danach will er den unfähigen Schwarzen die Herrschaft abnehmen. Seine Anhängerschaft besteht hauptsächlich aus jungen Frauen, die
oft von ihrem schäbigen oder einengenden Elternhaus geflüchtet sind, und sich seiner abhängig machenden Pseudophilosophie unterwerfen. Das Höchste ist für sie, wenn er ihnen die Ehre gibt, mit ihm zu schlafen. Wie ein Zuhälter macht er seine Anhängerinnen für die regelmäßigen Sexorgien einer Motorradgang gefügig, um die Kasse der Kommune aufzubessern.
Manson mehrfach vorgestraft, ist zwar immer wieder auf dem Radar der Polizei, doch angesichts der Vorgab schwarze Täter, geht man keinerlei Spuren nach, die zu seiner Hippie-Kommune führen könnten. Angesichts seiner schmächtigen Gestalt ist man auch weit davon entfernt, in ihm ein Monster zu sehen, dem man solche Taten zutraut.
Schließlich setzt sich der schwarze Ermittler über Vorgaben und Vorurteile hinweg, folgt den Hinweisen und hebt die Killertruppe aus. Bis zu diesem Finale – der Roman lässt dabei die Realität hinter sich – wird grausam weiter gemordet und kein gerichtsmedizinisches Detail ausgelassen. Gerne hätte ich auf wiederholte minutiöse Schilderungen des Abschlachten der Opfer verzichtet. Grauen lässt sich in der Fantasie der Leser auch mit reduzierteren Beschreibungen erzeugen, was einen ebenso dramatischen Effekt erreicht. Schade, denn dem Autor gelingt die Atmosphäre der Zeit einzufangen und den Leser in den dunklen Sound von Los Angeles der späten 60er Jahre zu reißen. Sound darf man gerne wörtlich nehmen. Denn Blutspuren führen in auch ins Musik-Milieu. Kenntnisreich verwebt Feuerriegel auch die großen Pop- und Rock-Momente der Zeit. „Helter Skelter“ von den Beatles darf dabei nicht fehlen. Schließlich befeuerte dieser Song wie kein anderer Mansons Wahnfantasien. Die Beatles waren für ihn die Wiederkehr der apokalyptischen Reiter.
Feuerriegel, der über 30 Jahre als Journalist tätig ist, gelang mit seinem Erstling ein solides und packendes Stück Hard Boiled Crime. Angekündigt werden vom Verlag „Höllentripps in die schwarze Seele eines amerikanischen Albtraums“, was durchaus eingelöst wird, wobei ich gerne auf einige sich wiederholende Splatter-Elemente verzichtet hätte. 1961 geboren, hat der Autor die Zeit des Romans nur als Kind erlebt, musste also enorm recherchieren, um seine Fiktion überzeugend und mitreißend darzustellen. Besser hätte es auch ein US-Autor nicht hinbekommen.

Weil die Todesstrafe kurz nach dem Urteil in Kalifornien als verfassungswidrig erklärt wurde, verbrachte Manson den Rest seines Lebens im Gefängnis, wo er 2017 mit 83 Jahren starb. Mehr über dessen frühe Zeit hinter Gittern erfahren möchte, findet in dem Roman „Das Scherbengericht“ des Holländers Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden eine packende Fortsetzung der Story (erschienen 2010 bei Suhrkamp).
Der fiktive und prominente Ehemann eines Mordopfers, verurteilt wegen Verführung einer Minderjährigen, muss nach einem Deal mit der Justiz nur noch für drei Monate in Haft. In der Figur lässt sich leicht Roman Polanski erkennen. Um ihn vor Übergriffen anderer Häftlinge zu schützen, wird er unter fremden Namen und zusätzlich mit einem Vollbart getarnt, eingeliefert. Dort putzt er mit einem anderen Gefangenen, dessen Identität ebenfalls geändert wurde, die Gefängnisgänge. Die Story entwickelt sich zu einem raffinierten und bedrohlicherem Katz- und Mausspiel zwischen dem Mörder und dem Ehemann des Opfers – beide gefangen zwischen Mauern und Gittern, ohne Chance sich der Konfrontation entziehen zu können. Obwohl vor rund fünfzehn Jahren gelesen, sind die dramatischen Momente des Buches mit seinen satten 1167 Seiten noch immer im Kopf, was für „Das Scherbengericht“ spricht, das leider nur noch antiquarisch zu finden ist.
Roland Keller
Jens Feuerriegel: Pigs. Golkonda Verlag, München 2025. 320 Seiten, 22 Euro.












